Mittwoch, 28. Oktober 2015

Der Schupan


Der alte Törki watschelte hinter Arpad her, vom Bernauer-Hof über den Feldweg bis zum Spörk, einem Hügel, von dem der Gutsverwalter die beste Aussicht hatte. Wenn sie jemand aus der Ferne beobachtet hätte, so wie sie sich am Rande der Kuppe gegen den Horizont abzeichneten, würden sie, wenn sie mehr gewesen wären, ausgesehen haben wie ein General, der seiner Armee die Parade abnimmt. Sie stellten sich in Reih und Glied auf und nahmen den Hof ins Visier.
Arpad, von Wuchs ein Riese mit Beinen wie Herkules-Säulen, hatte die Arme vor seinem mächtigen Brustkorb verschränkt, als müsste er einen Angriff abwehren, wobei er selbst nicht wusste, von wem und wo eine Gefahr für ihn ausgehen könnte. Seine Puzsta-Peitsche hatte er immer dabei. Anstatt zu sprechen, schlug er damit von Zeit zu Zeit an seine ledernen Reiterstiefel. Er trug khakifarbene Knickerbocker, straff in die Stiefel gesteckt, das hielt er für Respekt einflößend. Auf dem runden Kopf trug er eine schwarze Baseballkappe mit den Buchstaben NYPD, New York Police Departement. Sie drückte auf seine rosigen Ohren, sodass diese senkrecht abstanden wie kleine Blechfahnen. Wenn er die Kappe abgenommen hätte, würde man eine Glatze gesehen haben, glänzend wie ein feuchter Seehundrücken. Das Arpad- Gesicht war rot, blatternnarbig und mit misstrauisch spähenden Vogelaugen ausgestattet, im Nacken perlten Schweißtropfen aus den Fettwülsten, auf dem rechten Oberarm prangte eine tätowierte Stephanskrone in Blau, links am Handgelenk ein Armband aus Stephanskreuzen, und aus dem Hemdausschnitt drängte ein graues Bärenfell hervor, das einmal blond gewesen sein dürfte. Arpad sprach so wenig, dass niemand seine Stimme kannte, meist brüllte er nur seine Befehle in Splittern von Ungarisch, Deutsch und einigem Balkan-Sprachen-Mix, der klang, als hätte er Stroh in der Kehle. Am ehesten könnte der Truthahn Törki seine Stimme gekannt haben, weil Arpad die Gewohnheit hatte, laut vor sich hin zu fluchen und und dabei die Wörter zusammen mit dem Grashalm im Mundwinkel zu zerquetschen.
„Teufel, das war`s dann, ich hab`s gewusst, es musste so kommen“, er schlug dabei mit der Peitsche gegen seinen rechten Lederstiefel, dass es nur so schnalzte. Er zog tief auf, spuckte nach links und starrte seinem kupfermünzenfarbigen Auswurf nach, als hätte er gerade etwas Bedeutendes gesagt und erwartete eine Antwort. Törki, der getreue Gefährte des Gutsverwalters, nahm den Schlatz mit der ihn umgebenden Grasnarbe begierig auf, als hätte er eine Belobigung bekommen, wich aber schnell wieder drei Truthahnschritte zurück, um dem Peitschen-Stakkato zu entgehen.

Der Spörk, das war Arpads Turm, sein Ausguck über den ganzen Bernauer-Hof in Roschitz - Ortsteil Burg, zwischen Mühlbach und Kirschwald, Bezirk Oberwart, Burgenland. Weiter im Osten lag der Kreuzstadl, die Ruine der ehemaligen Schloss- Meierei, fast unsichtbar im Säulenwald des Windparks Ost, zwischen den verfallenden Silos der alten Bernauer-Mühlen und dem neuen Lagerhaus mit dem Logo der gekreuzten Pferdeköpfe. Gegen Südwesten stand in der weißlichen Nachmittagssonne die ausgefranste Hügelkette des Leitha-Gebirges wie eine umgedrehte Krummsäge in den Himmel. Die sanften Abhänge hielten ihre Füße im blauen Dunst verborgen und verliefen sich im großen Steppensee; im Gegensatz zu den Menschen schert der sich nicht um Länder, Staaten, Grenzen und Nationen, und das schon seit dem Pliozän.
Arpad hasste dieses reiche, fruchtbare, satte, Land, diesen Ort, seine Menschen, und sogar die Sonne mit ihrem verschwenderisch gleißenden Licht; sogar die Wolken, die sich über den Hügelzügen ballten, schienen ihm unangemessen selbstsicher. Genauso wie das dichte Efeugestrüpp an den Mauern des Bernauerhofes, das sich mit Weinreben verwoben hatten, er empfand die gestutzten, um Fenster und Türen fein säuberlich ausgeschnittenen hell- und dunkelgrünen Ranken als arrogant und feindselig.
Auch all die Hollunder- und Maulbeerbüsche, die Oleanderstauden und Blautannen, die mickrigen Palmen in ihren bereiften Holzkübeln, der schneeweiße Kies und das granitgraue, in der Juni-Sonne glitzernde Katzenkopfpflaster schienen ihn so zu verhöhnen wie die darunter lagernden Tschuschen, der Mirko, Milo, Osso und der neue Adi.

Nichts davon gefiel ihm, weil ihm grundsätzlich nichts gefiel, was nicht in Ordnung war, und hier war vieles nicht in Ordnung, überhaupt nix in Ordnung.
Sie wollte ihn loswerden wie einen räudigen Hund, ausspucken wie eine unverdaute Blutwurst und vernichten wie eine Krebszelle. Aber er würde es nicht zulassen, das kann sie mit ihm nicht machen, nicht mit ihm, einem Arpad, er würde sich wehren und am Ende als Sieger dastehen wie sein magyarischer Namensgeber.

Während Arpad mit solchen Gedanken die Vogelaugen langsam über sein Reich gleiten ließ, nahm Törki in einer seichten Grube des Lehmweges ein Sandbad, schlug mit den Stummelflügeln um sich und wirbelte gelbliche Wolken auf. Der rote Hautlappen baumelte dabei zwischen Augen und Schnabel, den nackten, blauroten Faltenhals hielt er gegen seinen Herrn gereckt und nickte dabei beständig wie eine chinesische Katze. Mehr Liebe konnte Törki nicht zeigen, denn er war im Alter stumm geworden.
Arpad verachtete Truthähne und fand sie in jeder Hinsicht abstoßend. Ihre Hässlichkeit, ihre Tolpatschigkeit, den Lärm, den sie Tag und Nacht ohne Sinn machten, ihre Flugunfähigkeit, pah, das wollen Vögel sein? Sie sehen lebend schon aus wie Gedärme, wie ein ausgenommener Magen. Typisch amerikanisch. Sogar die dumme Anhänglichkeit des Törki musste er sich notgedrungen gefallen lassen. Zu seinem Glück war Törki schon so alt, dass er nicht mehr blöd herumkollern konnte. Nicht einmal ihr Fleisch mochte Arpad, es ekelte ihn davor. Ihm waren die ungarischen Gänse lieber, er hielt nicht wenige davon in seinem Garten bei Sopron und machte zwischen Martini und Weihnachten manch gute Geschäfte.
Er lieferte direkt in Restaurants, immer frisch. Von denen konnte man alles verwerten, Fleisch, Daunen, Darm und Haut. Dazu fand er, dass die weißen, glatten Gänse schöne und kluge, wenn auch bösartige Tiere waren.

Er war froh, dass die Chefin das Geschäft mit den Truthähnen und allen anderen Vögeln aufgegeben und war stolz, dass er dazu nicht unerheblich beigetragen hatte. Törki war der letzte seiner Art, er genoss ein Gnadenbrot und wurde geduldet als Erinnerung an den alten Dr. Bernauer, den verstorbenen Ehemann der Gutsbesitzerin. Wäre diese sentimentale Alte nicht seine Chefin, hätte er Törki schon längst den blauroten Schrumpelhals umgedreht. Seit Bernauers Tod hatte das Gut auf Obst umgestellt, vor allem Kirschen, Weichseln, Marillen, Zwetschken, Mandeln, Hasel- und Steinnüsse waren im Angebot, dazu noch viele Felder mit Erdbeeren, Himbeeren, Ribisl, Gladiolen und Dahlien zur Selbsternte, man war hier schließlich im „Beeren und Blumenparadies“ der Ostregion. Große Tafeln an den Straßen priesen es von weitem an. Burgenländische Herzkirschen, die frühen und extragroß, und die ersten Erdbeeren waren die Spezialität des Bernauer-Hofes, BOB – Bernauer-Obst-Burgenland hatten die Arbeiter auf ihren grünen Latzhosen aufgedruckt so wie die Banderolen auf den Obststeigen und Körbchen. Sie hatten seit kurzem ein Landesqualitätssiegel bekommen und belieferten große Ketten. Auch sein Verdienst, naja, nicht nur. Auch die Hasel- und Steinnüsse waren von hoher Qualität und brachten ihren Preis, weil die Bernauerin ihr Personal nach deren Genügsamkeit aussuchte und so die Arbeitskosten senkte. Und er, Arpad, war ja auch noch da, um seine Tschuschen gefügig zu halten.

Der damals schon alte Notar Dr. Eduard Bernauer hatte das späte, aber reiche Mädchen Edith Daubrawa-Pick geheiratet, weil ihm gerade seine Haushälterin gestorben war. Warum die alten Daubrawa-Picks ihr einziges Kind Edith nicht früher mit einer passenderen Partie versorgt hatten, wusste Arpad nicht. Sie hatten sie vom Dorf und der Welt abgeschottet wie ein rohes Ei, sie waren einmal nach den Batthyanys die Reichsten in der Gegend gewesen. Vielleicht weil sie so großen Respekt vor dem Dr. jur. vor dem Namen hatten. Auch wieder kein Funken Verstand, reine Sentimentalität.Wie sich schnell herausstellte, hatte der Jurist nichts übrig für das Mühlengeschäft und die Landwirtschaft, überhaupt für irgendein Geschäft, er lebte nur für seine Kanzlei und widmete sich nebenbei seinem Spleen, Truthähne, Enten und Strauße aufzuziehen. Aber das war vor Arpads Zeit gewesen. Arpad interessierte sich mehr für die Gegenwart und die Zukunft als für die Vergangenheit, die nicht die seine war. Das Geschäft mit dem Vogelvieh lief nie, hat er sich sagen lassen. Es war niemand da, der sich damit richtig auskannte, mit Zucht, Vermarktung und Ähnlichem.
Ediths Familie, den Daubrawa-Picks, gehörten einmal fünf der zwölf Mühlen in Roschitz, die anderen den Batthyanys, die bis zur verhängnisvollen Nacht zum Palmsonntag im April 1945 im „Öden Schloss“ gewohnt hatten. Zehn Tage später kam die Rote Armee. Die Batthyanys waren irgendwo im Ausland untergetaucht, die konnten sich alles richten, war doch die letzte Gräfin eine von Thyssen-Bornemisza. Im hin- und herwogenden Kampf um Roschitz zu Kriegsende wurde das Schloss schwer beschädigt, noch mehr verwüstete es die zehnjährige sowjetischen Besatzung; später wurde es ganz abgerissen. Irgendwann begann das Mühlensterben in Roschitz.
Arpad ahnte die Gründe dafür, warum die Mühlen wortwörtlich den Bach runtergegangen waren, Roschitz und Güns hätten genügend Wasser gehabt, sogar bis heute.
Der Kapitalismus, die Großen fressen die Kleinen. Das hatte er gelernt in 20 Jahren hier. Ein Naturgesetz war das.
Im Heimatmuseum von Roschitz war er nie. Er wusste nicht, dass die Römer an diesem Ort eine große Militärstadt namens Savaria gebaut und mit dem Wasser aus dem Günser Gebirge, das im Roschitzbach zusammenlief, eine 22 km lange, mit Feldsteinen ausgelegte Wasserleitung gelegt hatten, eineinhalb Meter tief unter der Erde; auch nicht, dass es in Roschitz einmal eine große und reiche jüdische Gemeinde gab, wo unter einem kaiserlichen Schutzbrief von 1682 36 jüdische Familien lebten; der Ort verzeichnete eine Judengasse, einen jüdischen Friedhof und drei Synagogen. Und weil sich damals die Mehrheit der Roschitzer zu Luther bekannte, wurden in der nachfolgenden Gegenreformation hier besonders viele Marienkirchen, Marienstatuen und Marterl aufgestellt, für die der Ort heute noch berühmt ist, also ein Marien-Wallfahrtsort wurde.
Arpad kümmerte auch nicht, dass Roschitz bei den Kroaten Rohunaz hieß, bei den Roma Rochonza, bei den Ungarn Rohoncz und bei den Slawen überall Orechovca- Nusshain heißt. Auch, dass ein mittelalterlicher Codex Rohonczi in der ungarischen Akademie der Wissenschaft liegt und bis heute noch nicht entziffert ist, weiß Arpad nicht. Die einzigen Toten während der Krise von 1956 gab es außerhalb Ungarns im Ortsgebiet von Roschitz, als zwei sowjetische Soldaten ungarische Flüchtlinge bis über die Grenze verfolgten und von der zu Hilfe gerufenen österreichischen Gendarmerie erschossen wurden. Sie wurden ausgeliefert und bekamen auf der anderen Seite des Stacheldrahtes ein ungarisch- sowjetisches Staatsbegräbnis, während das gerade ein Jahr alte österreichische Bundesheer auf dieser Seite des Todesstreifens in Alarmbereitschaft versetzt war.
Die Roschitzer sind dafür bekannt, dass sie besonders viele Ungarn-Flüchtlinge aufgenommen haben, sie waren die ersten, die die Menschen spontan begrüßten, mit Proviant und warmem Zeug an der Grenze versorgten und in ihre Häuser aufnahmen, bevor sie in staatliche und kirchliche Organisationen übergeben wurden.
Auch diese Geschichte entzieht sich Arpads Wissen, aber dass auf dem Geschriebenstein im Dreiländereck ein Arpad-Turm steht, erfüllte ihn nicht nur mit persönlichem Stolz, sondern bestätigte ihn in seiner Überzeugung, dass ohnedies die ganze Ostregion ungarisch sei und zu Ungarn gehörte, immer schon, wie halb Rumänien und die Slowakei. Für ihn war das alles einfach Westungarn, wie schon seit tausend Jahren.

Arpad arbeitete schon lange am Hof der Bernauerin, an die 30 Jahre. Anfangs kam er nur als Saisonarbeiter von jenseits des Stacheldrahtes über Sopron herein, die Schleichwege durch die Kukuruzfelder kannte er gut, und er hatte Freunde bei den Grenztruppen. Später wurde es leichter, legal im kapitalistischen Ausland zu arbeiten.. In Sopron war er Mechaniker in einem sozialistischen Zementwerk, das wenig produzierte, dafür aber alle Flüsse, Teiche Tümpel und Grundwasser in der Region verseuchte. Damals war man nicht so pingelig mit der Umwelt wie heute, es ging ja nur um Produktionszahlen und und Planerfüllung.
Nach dem plötzlichen Tod des alten Bernauer stieg die Witwe Edith auf den Obstbau um, das war praktisch, weil sie ja viel Land geerbt hatte und die Plantagen am einfachsten zu bewirtschaften waren. Arpad arbeitete sich bei der Bernauerin schnell zum Gutsverwalter hoch. Er wusste von Anfang an, dass sie ihn nicht mochte, sich sogar ein bisschen vor ihm fürchtete, sein Vorteil, denn sie brauchte ihn, den Schupan, wie einen Bissen Brot, wollte sie zumindest ihren letzten Hof erhalten und weiterführen. Als der zu prosperieren begann, war er es, der die Tschuschen, wie Arpad sich ausdrückte, einstellte, die neuen Gastarbeiter aus Jugoslawien und der Türkei. Viele kamen und gingen, die Chefin war sparsam und streng, er noch strenger.
Jetzt arbeiteten hier ständig Milan, Tvrtko und Osman, der Anatolier, von Arpad einfachheitshalber Milo, Tricki und Osso gerufen. Die beiden Bosnier waren längst schon Österreicher geworden, papirtschiki, hatten ihre Familien hier und Häuser in der Umgebung gebaut, hatten zwei Schwestern aus ihrem bosnischen Dorf geheiratet, und ihre Kinder wollten von Jugoslawien längst nichts mehr wissen. Blödes Balkan-Pack, zuerst haben sie einen gemeinsamen Staat, dann schlagen sie sich jahrelang die Köpfe ein, vertreiben einander, flüchten, nur um hier wieder zusammenzukommen und zu leben wie Brüder. Sie haben nicht einmal unterschiedliche Sprachen. Das soll einer verstehen. Er, Arpad, hatte nie um einen österreichischen Pass eingereicht. Einmal Ungar, immer Ungar, er brauchte den Fetzen nicht.

Weil eine gute Ernte in Aussicht stand, wurde vor der Hochsaison noch ein Rumäne eingestellt, hoch offiziell vermittelt vom AMS. Adrian Paulus, von Arpad sofort auf Adi gekürzt, hatte vorerst nur eine befristete Arbeitsgenehmigung. Schnell wurde klar, dass Adi bei der Arbeit der Beste von allen war, dazu immer lustig, höflich und sauber, arbeitsam und anspruchslos, nie aufmüpfig oder unwillig, auch wenn Arpad ihm die größte Drecksarbeit zuwies und diese dann noch sinnlos drei Mal wiederholen ließ. Adrian hatte immer Stöpsel in den Ohren, er lernte Deutsch. Arpad hasste den Rumänen vom ersten Augenblick an aus tiefster Seele, wenn er eine solche gehabt hätte anstatt eines kochendes Eisfachs. Er hasste ihn nicht einmal persönlich, sondern einfach deswegen, weil Adi Rumäne war, und Rumänien den Ungarn Dreiviertel ihres Landes weggenommen hatten. Dass Adrian nicht einmal ein echter Rumäne vom Stamm der Draker, der Thraker oder als Lateiner ein Abkömmling der römischen Soldaten in ihrer Schwarzmeer-Provinz war, sondern ein Nachkomme von Deutschen aus Temeswar, war Arpad gleichgültig, für solche Feinheiten hatte er nichts übrig. Der Rumäne ist dem Ungarn ein Feind, und damit basta.

Seine alten Tschuschen nannten den Gutsverwalter gospodin, gospodar oder hospodar – Herr. Dass sie es spöttisch sagten, hörte er nicht heraus, dazu war die ihnen die gemeinsame Sprache zu bruchstückhaft. Lieber war ihm die Anrede „Schupan“, der ehrwürdige Titel für die allmächtigen Gutsverwalter der ungarischen Magnaten, die damals in den Hauptstädten saßen, alles verprassten und die Schupane nach ihrem Gutdünken auf den Gütern gewähren ließen. Die Schupane waren in diesen Zeiten die wahren Herrscher über Land und Leute und brachten es, wenn sie es nur geschickt genug anstellten, oft selbst zum Magnaten, wenn auch ohne den Adelstitel. Damals war noch alles geordnet und geregelt, jeder wusste, was oben und unten ist - Peitsche und Stiefel, Stiefel und Peitsche. Er trommelte mit der Gerte so heftig gegen seinen Stiefel, dass Törki mit ein paar Torkelschritten zur Seite flüchtete.

Arpad schaute nach unten zum Bernauerhof, schnaufte tief, atmete aus und weitete seinen Brustkorb zum Anschlag wie eine Ziehharmonika. Er wusste, obwohl er sie von hier oben nicht sehen konnte, dass seine alten Tschuschen im Grasstück links vom Haupteingang lagerten und unter der Deckung von dichten Hollunder- und Maulbeerbüschen, einiger Blautannen und Oleandersträuchern die Szene im Hof beobachteten, sie waren näher als er oben am Spörk. Arpad hatte nicht völlig freie Sicht, denn im Kies der Hofmitte standen drei große Holzkübel mit Palmen, die aussahen, als würden sie auf Helgoland wachsen.
„Dieses faule Balkan-Pack, dem werde ich schon noch Beine machen, wenn dieser Pfaffen-Zirkus vorbei ist“. Ob Schupan – Gospodin das nur dachte, murmelte, knurrte oder es wirklich laut zwischen seinen Lippen hervorkam, wusste er nicht, und auch Törki nicht. Auf jeden Fall war der Fluch so furchtbar wie ein langes Donnergrollen vor dem Gewitter, dass sich Törki mit ein paar unbeholfenen Halbflügelschlägen im Kukuruzfeld in Sicherheit brachte.
Die Tschuschen unten waren nicht so wütend wie Arpad oben auf seinem Spörker Ausguck, sondern gelassen und lustig. Milo und Tricki, der Serbe und der Kroate aus Bosnien, hatten eine Flasche mit selbst gebranntem Slivovitz zwischen sich. Arpad wusste, dass sie zu Hause eine kleine Brennerei betrieben und hatte es der Chefin nie weitergesagt. Vielleicht würde die Zeit einmal dafür kommen.
Milo, der Serbe aus der Lika, war der Längstdienende unter den Tschuschen am Hof, der erste Traktorfahrer und fast schon so etwas wie der Stellvertreter des Stellvortreters. Gefährlich, dachte Arpad, aber Milo machte keine Anstalten, ihn zu bedrängen. In seinen rot geränderten Augen schwammen die Pupillen in einem gelblichen Weiß, sein linkes Augenlid hing herab, sodass er aussah, als würde er ständig zwinkern und ihm sagen: „Du weißt, Arpad, wenn ich wollte….“
Tricki aus Mostar war der Witzbold der Truppe und sah auch so aus: Unter dem ausladenden Strohhut hatte er ein rot gebranntes Gesicht, die Stupsnase glänzte wie ein lackierter Hahnenkamm, und die Sommersprossen breiteten sich wie ein Fleckerlteppich vom Kopf über den ganzen Körper aus. Seine Unterlippe glänzte ewig nass wie bei einem Elefanten und darauf klebte völlig selbständig eine Zigarette.
Zusammen mit Milo erzählten sie sich ununterbrochen alte jugoslawische Witze, erinnerten einander an jugoslawische Filme und soffen ihren Selbstgebrannten.
Osso, ein Anatolier vom Van-See, war Moslem, er trank nicht und sprach kaum, dafür rauchte er ohne Unterbrechung türkische Zigaretten der Marke Ararat und kaute an seinen herabhängenden Schnurrbartenden. Niemand wollte seinen Ararat-Tabak. Bei der Arbeit war er ausdauernd und beständig wie die Esel seiner anatolischen Bauernvorfahren. Der neue Adi war ein Poet, er klimperte selbstvergessen auf der Gitarre vor sich hin, er kannte viele Lieder in allen möglichen Sprachen, die ihm mit seiner rumänischen Muttersprache nur so zuflogen. Adi, der war Arpad nicht geheuer, es war noch weniger als eine Ahnung, mehr ein siebenter Sinn im Urin, dass der ihm einmal gefährlich werden könnte, obwohl er sich nie mit Arpad anlegte. Er war schlau, gebildet und überaus gutaussehend. Bei der weiblichen Kundschaft auf den Freilandfeldern hatte er den größten Erfolg. Er soll schon bei sich zu Hause in Temesvar einmal eine Geflügelfarm geleitet haben, allerdings nur strafhalber, als junger Schriftsteller wurde er von Ceaucescu aus einer Zeitungsredaktion aufs Land verbannt.

Bis auf den angespannten Arpad war alles so schläfrig wie am Nachmittag des Jüngsten Tages vor der Erweckung der Toten. Hier am Rande der pannonischen Tiefebene konnte es schon zu Sommerbeginn sehr heiß werden, die Hitze quetschte die Hirne zusammen, und der Himmel gegen Osten war wie aus flüssigem Blei, das trügerische, flache Grau des Ostens, der bis zum Kaukasus keine Berge kannte. Die Sonne brütete die Ernte aus, die Früchte, Beeren, Nüsse und die Blumen, aber auch allerhand trübe glühende Phantasien.

Arpad kniff jetzt die Augen zusammen und blickte schärfer hin, als ein weißer Audi langsam von der Bundesstraße S37 abbog, über den Wiesenweg schlich und in den Hof einfuhr. Das mussten die sein, die erwartet wurden. Er wusste, dass der Roschitzer Pastor so einen Wagen fuhr. Frau Bernauer trat aus dem Haupthaus heraus, wie auf Knopfdruck, als hätte sie hinter der Eingangstüre gewartet, und ging auf das Auto zu. Sie hatte sich mit ihrem Sonntagsstaat fein herausgeputzt, einem geblümten Kleid und einer Perlenkette, ein kleiner, topfartiger Filzhut saß auf dem Kopf so schief wie ihr verlegenes Lächeln im Gesicht, umrahmt von angegrauten Löckchen. Sogar die Augenbrauen hatte sie nachgezogen und einen rosigen Schimmer auf die Lippen gelegt.
Als erster stieg Pastor Thomas Stipschitz aus dem Wagen und schüttelte Frau Bernauer lange die Hand, wobei er seine andere oben drauf legte und sie tätschelte. Er war es, der vermittelt hatte, dass diese Leute von da drüben hierher kamen. Er hatte diese Lösung mit dem neuen Roschitzer Bürgermeister Franz-Jörg Podezin von den „Freiheitlichen“ ausgehandelt, dafür, dass der Ort keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen müsste. Nachdem der Pastor endlich Frau Bernauers Hände losgelassen hatte, öffnete er die hintere Türe und zwei Kinder sprangen heraus, ein etwa zehnjähriger Knabe und ein jüngeres Mädchen, danach eine Frau in schwarzem Ganzkörperschleier mit Gesichtsgitter, keine Person, keine Figur, sondern ein Sack wie eine Leerstelle in der bunt gestreiften Landschaft. Und schließlich erhob sich ein Mann vom Beifahrersitz, etwa 40 Jahre, mittelgroß, drahtig, leicht gekrümmt und mit einer randlosen Brille auf der Nase. Arpad sah sofort, das war kein Landarbeiter, nie und nimmer, das zu große, blaue Hemd bauschte sich und rutschte über die Hände, und die zu langen schwarzen Hosenränder bedeckten seine schnabeligen Schuhe fast zur Gänze, wahrscheinlich im Pfarrhof eben frisch eingekleidet wie ein Clown für die Zirkusarena.

Bis auf das schwarze Mutterzelt sahen sie eigentlich ganz manierlich aus, normal, zumindest keine Bären auf zwei Beinen mit Schellen um den Hals. Der hochaufgeschossene Junge hatte das volle, lockige Haar in einem Scheitel streng zur Seite gekämmt, dem Mädchen hing einen dicker, blauschwarzer Zopf über den Rücken fast bis zur Mitte, eine kleine Schönheit, wie Arpad neidvoll feststellte. Diese Kinder waren hübscher als seine eigenen, Geza und Ildiko, ganz zu schweigen von seiner Frau.
Die Hauptrolle da unten auf dem Gutshof schien jetzt der Zehnjährige zu spielen, er war offenbar als Übersetzer eingesetzt; zuerst sprach der Geistliche auf die Chefin ein, alt, lang und in einer schwarzen Soutane mit weißem Stehkragen um den Hals, dann der Vater, der sich wie ein Perpendikel ständig nach allen Seiten verneigte, dann der Knabe, der wandte sich an die Gastgeberin und wieder zurück zu Pastor und Vater. Er musste in der Schule da unten schon irgendetwas von einer Fremdsprache vermittelt bekommen haben.

Arpad war eingeweiht, weil es lange Verhandlungen und Vorbereitungsarbeiten gegeben hatte. Die Eltern heißen Mahmoud und Faten Chalhoub, die Kinder Kameel und Kaffa, sie kamen aus Syrien, der Vater soll in der Hauptstadt Damaskus Informatiker gewesen sein, angeblich mit eigener Firma, jetzt würden sie in Roschitz, Spörk 1, Ortsteil Burg, zwischen Mühlbach und Kirschwald, unweit des Kreuzstadls im Bezirk Oberwart, leben und arbeiten.
Mit seinen Vogelaugen erfasste Arpad das Gruppenbild aus sechs Personen wie ein Photograph, er fror es in seinem Augenhintergrund ein, bevor es sich auflöste, als Frau Bernauer alle schnell ins Haus führte, Tee für den Pastor und die Fremden. Er, Arpad, fast zwanzig Jahre am Hof, hatte noch nie Tee im Salon eingenommen, weder beim alten Bernauer noch bei der Witwe.
Welche Namen die hatten, wie für Käfer, Würmer und Vieh, dachte Arpad, Ungeziefer von den Booten, die haben schon einmal die Pest von dort mitgebracht. Bei dieser Vorstellung schlug er so heftig mit der Peitsche gegen den rechten Stiefel, dass Törki ein kleines Stück weit weg flatterte.

Während sich der Gutsverwalter jetzt mit einer heftigen Wendung von seinem Aussichtsposten losriss und, gefolgt von Törki, zum Gutshof hinunterstieg, zerteilte er mit der Peitsche die Luft um sich und zerstampfte sie unter seinen Stiefeln.

Mahmoud, Kameel, Kaffa, der Name des Zeltes tat nichts zur Sache, er fand grundsätzlich alles außer Ungarisch unanständig, unaussprechlich und nicht der Mühe wert, dass man es sich merkte. Er würde diese Heidennamen nie aussprechen und wusste schon, wie er den Neuen rufen würde: Mamu, klang richtig schön tierisch. Mamu hier, Mamu da, bzsobrzo, schnellschnell!
Diese Leute kamen einfach hier an, mit nichts, sie besaßen rein gar nichts.
Dabei mussten sie viel Geld haben, denn Schlepper und Überfahrten kosteten Tausende.
So, und jetzt sollen wir sie verköstigen und so tun, als seien sie Menschen wie wir. Alles musste von irgendwo zusammen gekratzt werden, beim Pfarrer, in der Gemeinde, auf Flohmärkten, am eigenen Hof, Möbel, Geschirr, Wäsche, Kinderkram.
Warum auch immer, Frau Bernauer wollte es sich nicht nehmen lassen, selbst Hand anzulegen, und hatte aus alten Geflügelfuttersäcken vom Lagerhaus Vorhänge genäht, immer abwechselnd grün und gelb mit den gekreuzten Pferdeköpfen als Bordüre unten. Sie hatte sie gemeinsam mit der tauben Köchin Fanni an den Fenstern im ehemaligen Geflügelhaus aufgehängt. Diese Armen, sie hätten ja gar nichts, und so viel hätten sie auf dem Weg von drüben hierher durchmachen müssen, dass sie jetzt sicher froh wären, auf einem Gut wie diesem wohnen zu dürfen. Arpad fragte sich, ob Menschen, die die Sprache nicht verstanden, überhaupt Farben unterscheiden konnten. Er hatte Milo und Tricki im Auftrag der Chefin schon vor einiger Zeit angewiesen, die leeren 50kg-Plastiksäcke, in denen der Kalk zum Weisseln der Obstbäume vom Lagerhaus angeliefert wurde, einzusammeln und zu reinigen. Die könnte man als Bodenbelag im alten Geflügelhaus verwenden, hatte die Chefin gemeint. Arpad hatte gemurrt, nicht nur weil er überhaupt nicht mit der Einquartierung der Araber einverstanden war, sondern weil er diese Plastikplanen immer zu sich nach Hause gebracht hatte, er fand sie praktisch für die Bespannung seiner Gewächshäuser in Sopron.
Frau Bernauer hatte dem Personal erklärt, dass die Neuen übers Wasser kamen, weil sie dort, wo sie geboren sind, keinen Platz mehr für sich hatten, dass sie fortgejagt wurden und sie keiner will.
„Also werden sie kommen und hier wohnen, habt ihr verstanden? Arpad, verstanden?“ Dabei sah sie ihn aus ihrem kleinen, verkniffenen Faltengesicht mit ihren stahlgrauen Augen so fest an, also wollte sie ihn durchbohren.
„Klar, hirr wonnen, shortly but lately!“ Oder so ähnlich. Er hielt das für eine Art von „Jawoll“, salutierte dazu und sagte es schnell dreimal hintereinander so laut, wie es seine knisternde Strohstimme erlaubte. Obwohl Arpad sonst kein Englisch konnte, liebte er diesen Ausdruck, den er einmal von der Innenministerin gehört hatte. Nie hat ihm eine Frau mehr imponiert und er bedauerte, dass sie dafür in Schwierigkeiten geraten war. Er wusste nicht einmal, dass Törki englisch war und kein Roschitzer Lokalausdruck für diesen Vogel.
Er wusste eine Lösung: Ab mit ihnen mit all ihrer rehäugigen Brut, hinein in die Viehwaggons und tschüss, ab durch den Zaun nach Süden, wo sie hergekommen waren. Natürlich sagte er nie ein Wort davon, Arpad war bekannt dafür, dass er schweigen konnte. Er wandte sich ab, damit die Chefin sein Gesicht mit dem kurz aufblitzenden Lächeln wie von einer Messerklinge nicht sehen konnte.
Fanni fädelte gerade den letzten gelb-grünen Vorhang am Fenster des Geflügelhauses auf und nickte. Sie zumindest war mit dem Zimmerschmuck zufrieden, hübsch, geht doch.
Syrien und alle diese Länder da unten, Arpad hatte die Bilder aus dem Fernsehen klar im Kopf, die zerstörten Städte und Dörfer, die endlosen Zeltreihen in irgendwelchen Wüsten, dazwischen die Kinder mit ihren hungrigen Gesichtern in Wind und Schneematsch, barfuß oder mit Gummilatschen an den nackten Füßen, die Flüchtlingsboote im Mittelmeer und die Fußkolonnen von da unten herauf bis nach Roschitz.
Er hatte es satt, dass sie kamen, ständig und immer mehr von denen. Sicher schleppten sie zusammen mit ihren Tiernamen auch noch Typhusflöhe mit übers Wasser, dazu eine zurückgebliebene, grausame Religion mit grausamen Sitten, dem Kopf-Abschlagen und bei lebendigem Leib- Verbrennen, ist ja wahr, sie haben es im Fernsehen gezeigt. Die haben die gleiche Religion wie vor tausend Jahren, barbarisch, nie reformiert, und immer schon schlagen sie einander die Köpfe ein und ab. Immer haben sie Streit, immer Krieg. Das ist bei denen ein Volkssport oder Folklore. Sollen sie doch einmal bei sich selbst, unter sich Ordnung und Frieden schaffen, anstatt rauf zukommen und bei uns Unruhe zu stiften. Wahrscheinlich haben sie keinen Verstand, oder gerade so viel, dass sie bei uns herum spionieren und uns in Schwierigkeiten bringen. Sie werden sich sowieso nicht wohlfühlen, weil alles so anders ist als bei ihnen, da, wo sie herkommen, hier bei uns ist alles modern und vernünftig, naja, fast alles. Sie gehören nicht hier her. Und dann ziehen sie einen auch noch mit rein. Teufel sind das, sagte sich Arpad, obwohl er weder an Teufel noch an Heilige glaubte, weil er an gar nichts glaubte, sondern sich immer nur daran hielt, was ihm nützte, was er mit seinen Augen sah, mit seinen Händen greifen und mit seiner Peitsche erreichen konnte.
Und er sah es plötzlich vor sich, dass da noch fünf, zehn oder 20 Millionen warteten und übers Meer kommen würden. Das hat ja kein Ende.
„Und was ist dann mit unseren alten Tschuschen?“
„Arbeitet gut, dann können alle dableiben. Ich hab auch nichts zu verschenken. Was die Sachen alles kosten, und erst die Steuern. Sie haben ja keine Ahnung, was ich alles zahlen muss. Und immer diese Konkurrenz!“ Arpad kannte die alte Leier seiner Chefin und verzog angewidert die Mundwinkel. Wie immer, die, die es am Dicksten haben, jammern am meisten.
Was Arpad zutiefst missfiel, war nicht der Umstand, dass jetzt Araber hier wohnen und arbeiten sollten und dass er dafür auf seine Plastiksäcke verzichten musste, sondern dass die Chefin den Neuen, den Mamu, zum Mechaniker bestimmt hatte, obwohl sie gar nicht wusste, ob der überhaupt eine Ahnung von der Technik hatte. Aber das hing wahrscheinlich mit ihrem dummen Respekt vor Akademikern zusammen. Deswegen hatte sie schon vor 20 Jahren den alten Notar Doktor Bernauer geheiratet, von dem so wenig Kinder zu erwarten waren wie Pinguine je fliegen konnten oder Törki kobbeln. Bevor Arpad zum Verwalter, zum Schupan, aufgestiegen war, hatte er die Maschinen gewartet, weil er das ja auch in seiner Zementfabrik gemacht hatte. Nachdem er zum Verwalter aufgestiegen war, hatte die Chefin immer einen Jugo dafür eingesetzt, die konnten gut an Motoren basteln, das lag denen im Blut, weil ihre Autos so schlecht waren und jeder sein eigener Majstor sein musste. Die Jugos hatte er immer unter Kontrolle gehabt, vor allem solange sie noch keinen österreichischen Pass hatten. Damit ließ sich immer alles drechseln. Schwupp, und weg waren sie. Anstellen und entlassen. Das war auch Frau Bernauers Prinzip, da verstanden sie sich. Und jetzt dieses unbekannte Tier von Mamu, nur weil der sich angeblich mit Computern auskannte. Aber was ist mit den Traktoren, Gabelstaplern, Treckern, Pflügen, Spritzen, Destillatoren, Silo- und Heupressen, Vertikulierern, Mähern, Wendern und den Minivans mit ihren komplizierten Obstbrockern oben drauf? Hatte jemand von da unten solche Maschinen überhaupt schon zu Gesicht bekommen? Und dann noch reparieren! Die kennen doch nichts anderes als Schafe, Esel und Maultiere. In Arpad kochte die Wut. Er hätte lieber einen von den alten Jugos genommen, an die hatte er sich schon gewöhnt, mit denen kannte er sich aus, wusste von ihren Schwächen, konnte sie für sich einzusetzen und ihnen Beine zu machen. Diesem Mamu geb ich drei Wochen, dann ist er weg mitsamt seiner Barbarenbrut, verschwunden in den Weiten Asiens oder Afrikas oder wo immer diese Teufel herkommen. Das hatte Orban wirklich gut gesagt, aus den Weiten Asiens und Afrikas, einmal ein klares Wort. Und Taten: Zaun, vier Meter hoch, NATO-Stacheldraht obendrauf, Viehwaggons und ab in die Weiten. Aber hier, alles die Schuld von diesem Pfaffen, der ist schließlich auch kein Hiesiger, bei dem Namen, das sagt ja schon alles – Stipschitz.

Arpad war kein religiöser Mensch, im Gegenteil, er verachtete Menschen, die eine Religion praktizierten und hielt sie für dumm oder zumindest so minderbemittelt, dass sie sich nicht auf ihren Verstand verließen, sondern glaubten, etwas „Höheres“ zu brauchen. Er hielt Religion für eine Sache für Leute, die nicht genügend Krips und Mumm hatten, auch ohne Religion dem Bösen aus dem Weg zu gehen. Das war immer schon sein Glauben gewesen, so hatte er sein Leben gestaltet. Aber nun musste er sich die Sache genauer ansehen, denn da gab es ein familiäres Problem. Sein Sohn Geza wollte sich zu einem Choralsänger ausbilden lassen. Er hatte tatsächlich eine schöne, tragende Stimme. Aber warum denn unbedingt in einer Kirche, hatte er ihm vorgehalten. Der 20-jährige Geza hat schon vieles probiert und wieder aufgegeben, von der Schule bis zur Mechanikerlehre, nirgends hat er Fuß gefasst. Er war so groß und blond wie sein Vater, aber sein Geist war leider nicht so beweglich. Er liebte Bier und Fußball, vom Rand aus. Geza war in der Clique seiner Freunde auch der beste und lauteste Schreier beim FC Sopron. Was dem Vater aber die meisten Sorgen machte, war die Tatsache, dass Geza kein Interesse an Mädchen zeigte. Noch nie hatte er eine Freundin nach Hause mitgebracht, und nicht einmal seine Kumpels stellte er den Eltern vor, sie hingen nur in Kneipen und auf dem Fußballplatz herum. Arpad hatte noch eine Hoffnung, dass es nicht bei den Chorälen bleiben würde. Geza war der frisch gegründeten „Neuen Ungarischen Kirche- NUK“ beigetreten, weil er da die Chorausbildung erhielt. Die NUK war eine Idee der Jobbik-Partei gewesen, die kennen sich aus in der Geschichte, das bewunderte Arpad. Unter den ungarischen Pfeilkreuzlern hatte es ebenso wie unter den deutschen Nazis eine Reihe von Freikirchen gegeben, wo sich die faschistischen Neuheiden sammeln konnten, ohne dabei von so einem Plunder wie Christus und Bibel und so altmodisches Zeug wie Nächstenliebe und Gewissen gestört zu werden. Und wenn Geza genug vom geselligen Choralsingen hatte, konnte er ja in der Partei eine Karriere machen, das wäre dem Vater recht, und da sang man auch viele schöne, patriotische Lieder. Dass man damit weiterkommen konnte, sah man ja im ganzen Land ohne Lupe. Dass sich der Sohn im August dieser Hitler-Pilgerfahrt anschließen wollte, ging dem Vater gegen den Strich. Diese Hitlerei von „Blut&Ehre“ war nicht sein Ding, das war nichts Ungarisches, wir brauchen das nicht, wir Ungarn haben unsere eigene Heldentradition.
Ildiko war die kleinere Sorge, obwohl auch sie nicht mehr in die Schule gehen wollte, sondern Model werden. 17 Jahr, blondes Haar, lang bis zu den Pobacken, das war wirklich schön an ihr, ein echtes Honiggelb, das Bullige von ihm hat sie nicht geerbt, eher das Dünne, Längliche von seiner Frau. Ildiko hat ein Stutengesicht und schielt so stark, dass sie die halbe Kindheit mit einem Pflaster über einem Auge verbracht hatte, ohne Erfolg. Ildiko nahm das auf die leichte Schulter und meinte, mit Photoshop kann man heutzutage schon alles machen. Seine Frau war so vernarrt in ihre Tochter, dass sie den Balaton für sie austrinken würde, um sie glücklich zu sehen. Die beiden lagen ihm seit einem halben Jahr in den Ohren, dass Ildiko heuer im August bei der Miss-Balaton-Wahl antreten dürfe. Mal sehen, Mädchen, dachte Arpad, nicht so schlimm, sie wird heiraten und schnell ein paar kleine Magyaren in die Welt setzen.

Mahmoud stellte sich in der Tat als begabter Mechaniker heraus, obwohl er das nicht gelernt hatte. Er löste zuerst immer alles im Kopf, logisch überlegte er, das müsste so sein, daher das andere so, und immer so weiter. Arpad musste ihm auch nichts anschaffen, weil Mamu von selbst sah, was notwendig war. Er war auch immer der Erste bei der Arbeit und am Abend der Letzte. Schon in aller Früh krabbelte er im Maschinenhaus herum, saß auf dem Traktor, horchte auf den Motor, stieg wieder herunter, beugte sich über die offene Motorhaube und schraubte, schmirgelte, schmierte und lötete, was das Zeug hielt. Oder er lag unter einem Trecker, einem Pflug, einer Spritze oder einer Obstpflückerkarre. In kürzester Zeit beherrschte er alle Maschinen mit einer Wendigkeit, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht als Traktoren, Gabelstapler und Obstpflücker auf Minivans zu fahren.

Den Rest der Familie C. sah man am Hof praktisch nie. Die Kinder gingen im Ort in die Schule, das schwarze Frauenzelt war sowieso unsichtbar, die Raiffeisen-Vorhänge vor dem Geflügelhaus blieben immer zugezogen. Das Haus verließen sie durch die Hintertüre, die über alte Misthaufen, Brennnesselwälder und Brombeerhecken in die Wiesen führte. Nur wer genau hingeschaut hätte, könnte das Zelt mit den zwei Kindern in der Abenddämmerung durch die Obstplantagen wandern oder auf einer Wiese sitzen gesehen haben.
Wenn schon alle anderen gegangen waren und Feierabend machten, stand Mahmoud mit seiner nicht so kräftigen Statur und seinen randlosen Brillen in der riesigen Obstlagerhalle und spritze mit einem Kärcher den Boden sauber und noch sauberer, sogar mit dem Besen ging er den Wasserschlieren noch nach und trieb sie hinaus auf den Obsthof. Er schien Vergnügen daran zu haben, diese unendliche Fülle an Wasser machte ihn glücklich und er dachte dabei vielleicht an die syrischen Wüsten. Neben dem Reparieren der Geräte war seine bevorzugte Tätigkeit, die Obststeigen fein säuberlich zu ordnen, und dazu benützte er den Gabelstapler, „Ameise“ hieß das Gefährt, wie er von den anderen Arbeitern gelernt hatte. Niemand konnte die Kisten und Körbe so akkurat schlichten wie der Syrer, er arbeitete mit der Präzision eines Computers, chirurgisch genau standen die Oststeigen in hohen Stapeln bis unter die Decke. Er bediente die Ameise so flink und wendig wie ein Lausbub sein Go-cart und hatte offensichtlich Spaß daran. Er pfiff und sang etwas in seiner Sprache vor sich hin wie ein Ziegenhirt auf der Weide, als würde er Gold dafür bekommen. Wenn man ihn so in seinem Strohhut im Overall mit dem aufgedruckten Logo BOB von Bernauer-Obst-Burgenland am Latz und den Gummistiefeln sah, konnte man ihn von einem Einheimischen nicht unterscheiden, wenn er nicht diese feine Brille auf der Nase gehabt hätte. Die würde ihn für immer zum Aussätzigen machen gegenüber dem Balkan-Volk. Was Arpad am meisten aufregte und zur Weißglut brachte, war, dass dieser Mamu die Arbeit gerne machte und das auch noch zeigte. Das hatte noch niemand aus dem ganzen Balkan-Pöbel gemacht und auch kein Mann aus Anatolien: Vergnügen an der Arbeit zu haben, so was von unerhört. Das würde die Sitten am Hof verderben, das konnte auf die anderen abfärben. Und wenn Frau Bernauer das bemerkte, würde sie verlangen, dass die Angestellten für das Vergnügen der Arbeit ihr auch noch bezahlten. So weit würde es kommen, wenn dann immer mehr von diesen zehn Millionen die Grenzen überwinden, alles aus dem Gleichgewicht bringen und alles von oben nach unten kehren würden, gute Nacht, Gospodin Schupan, gute Nacht, schöner Plan, gute Nacht, rosige Zukunft. Er musste erreichen, dass sie diesen Mamou vorher feuerte und das bald. Wenn das so weiterging und er bald besser Deutsch konnte als Arpad, dann sah er nur noch das Schwärzeste vom Schwarzen. Dass der Pastor nur noch bei Herrn Mahmoud Besuch machte, störte Arpad nicht so sehr, weil er`s sowieso nicht mit den Pfaffen hatte. Aber wenn er zusehen musste, dass die Chefin hinter Mamou herlief, ihn umflatterte wie eine aufgeregte Henne und immer wieder Monsieur Mahmoud hier, Monsieur Mahmoud dort flötete. Der letzte Rest vom Ursulinen-Internat, in das sie ihre Eltern gesteckt hatten. Sie war nicht anders als der blöde Törki in seiner Art hinter Arpad her war. Seine Seele füllte sich mit solchem Grimm, dass er schnaubte wie das wildestes Pferd, das je ein Bein auf die geheiligte Puszta gesetzt hatte.
Die syrischen Kinder redeten schon recht munter mit ihren Schulkameraden, im Dorf und im Schulbus. Einmal waren sie sogar von Schulkameraden auf ein Eis eingeladen worden.
Das Zelt blieb weiter unsichtbar hinter den Gardinen. Arpad hatte im Lagerhaus zufällig mitbekommen, dass sich Mamu nach einem Grundstück erkundigt hatte, draußen neben der Bahn, da war das Land billiger. Aha, ein Haus will sich Monsieur also bauen, so ein Schlauer, und noch eins und dann alles hier übernehmen gleich die ganze Bude mit ihren Großfamilien aus den Weiten Asiens und Afrikas. Genau daran arbeitete Arpad schon 20 Jahre lang, sicher auf kleinerer Basis, aber das sollte dem Wilden nicht gelingen, da würde er ihm schon vorher einen Strich durch die Rechnung machen, bevor der auch nur einen einzigen Quadratmeter gekauft hatte. Plan A ging ungefähr so, ihn zu denunzieren, dass er absichtlich etwas kaputt gemacht oder gestohlen habe. Fraglich, ob das funktionieren würde, denn der machte nichts kaputt und stahl auch nichts, absichtlich. Außerdem ließ sich eine so misstrauische Chefin wie die Bernauerin nicht so leicht hinters Licht führen. Anstellen und feuern, ihre Devise, immer hatte sie ihren Vorteil abgewogen. Das wusste er nur zu gut nach den 30 Jahren auf dem Bernauer-Hof. Es musste ein Plan B her, den hatte er aber noch nicht ausgegoren, aber es gab da eine Idee im Hinterkopf, fast schon ein Plan. An den wagte er sich kaum zu denken und war froh, dass er nicht dazu neigte, im Schlaf zu sprechen. Auf Törki spuckte er, wenn der etwas verraten sollte. Aber Törki schwieg. Plan B bestand darin, dass er einfach passieren musste, einfach so, wenn die Gelegenheit dazu da und die Zeit dafür reif war. Geduld, Arpad, Geduld, das wurde sein Morgen- Mittag- und Abendgebet, so innig, dass Törki, wenn er kein stummer Truthahn, sondern ein Papagei gewesen wäre, es ihm sicher nachgeplappert hätte, Geduld, Geduld.

Eines Abends am Ende der Saison war Edith Bernauer, wie so oft, hinter ihrem Liebling Mamu her in die Lagerhalle gestiefelt. Unter irgendeinem Vorwand wollte sie ein paar französische Brocken an in richten, an ihren Monsieur Mamou. Ab sie fand ihn nicht, sie sah nur, wie die Beine im blauen Overall unter der Ameise hervorragten, grotesk verdreht wie bei einer achtlos hingeworfenen Stoffpuppe, daneben der Sonnenhut und etwas weiter weg ein paar zerquetschte Silberbügel mit Glassplittern. Adrian war es, der es bemerkte, aber für sich behielt, dass die Bremsen der Ameise nicht angezogen waren.

Am 30. Oktober war unter Vermischtes im Roschitzer Boten eine Notiz zu lesen:
Am Bernauer Obst-Hof, Spörk 1, hat sich ein tragischer Arbeitsunfall ereignet. Der aus Syrien stammende Landarbeiter Mahmoud C. geriet unter einen Gabelstapler und wurde von der Maschine erdrückt. Im Krankenhaus Eisenstadt kämpfte ein Ärzteteam vergeblich um sein Leben. Er hinterlässt eine Frau und zwei minderjährige Kinder.


Edith Bernauer ging nach dem Vorfall kaum noch aus dem Haus, sie soll ständig gezittert und mit sich selbst gesprochen haben; schließlich kam ein weißer Kastenwagen mit einem roten Kreuz, und sie verschwand in der BLaNG, der Burgenländischen Landes- Nervenheilanstalt Geschriebenstein. Arpad machte sich mit seinem schwarzen Mercedes rüber nach Ungarn, und der Rest der Familie C. fuhr in einem weißen Audi in unbekannter Richtung davon. Törki hatte sich kurz nach diesem Ereignis in den Truthahnhimmel verabschiedet.

Veronika Seyr
20.8.15





Sonntag, 11. Januar 2015

Kaviar im Pelz

Die Abenteuer einer Kakerlake im Kreml

Ob es das Etui war oder die Brille, weiß ich nicht mehr so genau. Beide lagen auf dem Nachttischchen der Juri-Andropov-Suite des Hotels „Präsident“ und gehörten Hofrat Professor Doktor B.S., einem der Preisträger des „Ordens für verdiente Kulturarbeit“.

Ich erinnere mich nur noch daran, dass mich die verschmierten, kunstledernen Wischtücher ebenso anzogen wie die verführerisch nach Ohrenschmalz duftenden  Brillenbügel, sodass mir die Wahl schwer fiel, worauf ich mich zuerst stürzen sollte. „Das Präsident“ - wie sein Bewohner nicht ohne Stolz sagen,  ist  erst seit wenigen Generationen meine Heimstatt und trotz meiner Anwesenheit eine der nobelsten Adressen in der Hauptstadt. Vorher war  ich im Hotel Lux, im Metropol und im National abgestiegen. Das Präsident  ist ein  protziger Ziegelbau zwischen dem Lenin-Prospekt und der Steinernen Brücke über die Moskwa  und wurde im poststalinistischen Stil mit byzantinischen Elementen als ZK-Hotel der KPdSU erbaut.  Nach einer moderaten Modernisierung durch den 1. demokratisch gewählten Präsidenten Russlands ist es in „Das Präsident“ umbenannt worden. Alle 579 Zimmer tragen die Namen unbestrittener Persönlichkeiten des sowjetischen Lebens, angefangen bei  Michail Kalinin bis, auch wenn nicht alle wirkliche Präsidenten waren,  sondern anderweitig verdiente Persönlichkeiten wie die Schriftsteller Maxim Gorki,  Pasternak und Scholochov, die Generäle Schukow, Suslow und Frunze, die  ZK-Vorsitzenden Chruschtschov und  Breschnew, Kosmonaut Jurij Gagarin und Raketenbauer Koroljov oder mein derzeitiger Gastgeber Jurij Andropov, der KGB-Chef und nachher der letzte Gensek vor Gorbatschov. Viele wirklich wichtige Namen der letzten 80 Jahre sind natürlich nicht vertreten, weil sich das demokratische Russland noch nicht – oder nicht mehr -  über ihre ewige Bedeutsamkeit für die Weltgeschichte einigen konnte. So werden Besucher vergeblich nach einer Josef-Stalin-Suite, einer Trozky-,  Kirov-  Bucharin-, Kamenov-, Berija- oder Ordschonikidse-Suite suchen, auch wenn viele gerne  einmal eine romantische Nacht unter dem Namen  Molotov verbracht hätten, dessen Cocktails früher zur Berühmtheit gelangt waren. .  

Die Armeen der staatlich beeideten Kammerjäger , hier Sanitätsbrigaden genannt, hat versucht, mich und meine Sippschaft auszurotten und  aus  dem Präsident zu vertreiben. Aber wir sind so alt und widerstandsfähig, dass uns die chemischen Keulen nichts anhaben können,  weder das sowjetische Gegenstück zu DDT, noch das neueste japanische  Modell der euphemistisch genannten „Cockroach-Motels“. Die KGB-geschulten Schädlingsbekämpfungsmeister haben schon längst die chemischen Keulen und den nach Lotosblüten und Mandelholz duftenden Mikrofilm in diesen bunten Papphäuschen gegen in Wodka getränktes Rattengift ausgetauscht – das bewährte Hausmittel, mit dem sie sich gegenseitig umzubringen versuchen -, das uns Ureinwohnern dieses Landes aber gar nicht so unangenehm war. Schließlich erzählt man sich in unserer Verwandtschaft, dass unsere Familienmitglieder sogar die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll heil überstanden haben sollen.

Als der zukünftige Ordensträger  B.S. im Andropov-Badezimmer - übrigens kaum kleiner als ein Pferdestall-  das Licht andrehte, verzog ich mich schnell unter das Vileda-Wischtuch und konnte gerade noch an seiner Unterseite den grünen Aufdruck „Melitta-Kleemann-Optik-Wien“ – MKOW-  erkennen. Licht an, das bedeutete Alarmstufe rot für unsereins, auch wenn Badezimmer und Toiletten nie zu meinen Lieblingsrevieren gehört hatten. Ich machte mir einfach nichts aus Nivea, Pitralon, Axe oder Schwarzkopf-Produkten der Ausländer, schon gar nicht aus Vim, Chloral, Mister Proper und Danchlor, die jetzt die neurussischen Sanitätsbeamten vermehrt gegen uns einsetzten.  All das befand sich  in gefährlicher Nähe zu unserem einzigen wirklichen Feind, dem fließenden Wasser von Dusche und Wasserklosett. Ich wollte zwischen MKOW und Ohrenschmalzbügeln abwarten, bis der Zimmerkellner das zweite Frühstück servierte und mir einige Brösel eines französischen Croissants oder eines  altrussischen Pirogen einverleiben, auch wenn mir, ehrlich gestanden, die harte Kruste eines ordinären Schwarzbrotes immer noch  am besten schmeckten. Ich bin in meinem Geschmack sehr konservativ und bodenständig.  Bei den vielen Neumodischkeiten bin ich manchmal zutiefst überzeugt, dass meine Stammesgenossen und ich die letzten Hüter der wahren russischen Tradition innerhalb und außerhalb des Präsident sind. Ihnen darf ich es ja gestehen, dass mir die direkten Abfälle, die menschlichen, noch immer am liebsten sind: Schnipseln von Nagelbetten, Fußsohlenharthaut, Schuppen, Nasenpopel oder Fingernägel zum Beispiel. Da weiß ich, dass wir unverbrüchlich zusammen gehören: die Menschen und die Kakerlaken.   Zu meinem Leidwesen werden sie aber immer seltener, da die neueste Generation von wasserdamfbetriebenen Klopfstaubsaugern  sehr leistungsstark sind und kaum mehr etwas von diesen Köstlichkeiten übrig lassen.
Dove-Duschgel-, Gilette-Rasierschaum, -  und Axe-Behandlung waren vollbracht, da zog der feine Duft von Colgate-Zahnpasta durch meine Nüstern. Die liebe ich von allen Rückständen am meisten und hoffte, dass ich davon einiges wieder finden würde. Der Juri-Andropov-Suite-Bewohner,  der zukünftige Preisträger des allrussischen Ordens für verdiente Kulturarbeiter,  Hofrat Professor. Dr. Sigmund Berger,   warf in die Schale eines guten schwarzen Smokings (Bekleidungsvorschrift der Einladung in den Kreml)  und verabredete sich telefonisch mit seinem Kollegen L. H., der einen Korridor-Kilometer weiter in der Tschernenko-Suite residierte. Sie beschlossen,  den Weg zum Kreml zu Fuß zurückzulegen, obwohl das Ordenskomitee eine nostalgische Flotte von schwarzen Zil- und Tschaika-Limusinen bereit gestellt hatte.

 Die Professoren S.B.  und L.H. gehörten zur unverbesserlichen Sorte von Russland-Romantikern, die auch noch im 7. Jahr des 21. Jahrhunderts nichts von ihrer seligen Studentenzeit der 60er Jahre aufgeben wollten, als sie uns  Tag und Nacht  in ihren Zimmerlöchern der MGU  jagten, ihre respektablen,  mit  österreichischem  Semperitgummi besohlten Hausschlapfen, ihre Oljoschin-, Kaverin- oder Majakovskij-Bücher nach uns schleuderten oder trotz eigener Gefährdung DDT- und Strychnin-Pulverstraßen in die Zimmerecken und um die Bettenfüße streuten. Wenn sie nur gewusst hätten, welche köstlichen Nachspeisen sie uns damit bereiteten, hätten sie nicht all die Schmuggelmühen auf sich genommen, denn der illegale Import  dieser westlich-imperialistischen Chemikalien in die Sowjetunion war strengstens verboten.  Aber noch viel mehr lachten wir über die Castro- und Ho-Chi-Minh-Sandalen oder gar die Tito- Opanken aus Stroh, mit denen die jeweiligen Austauschstudenten uns zu jagen versuchten. Meistens fraßen wir diese Naturprodukte zur Gänze auf, Zuckerrohr, -Bananen, – Reis- oder Haferstroh, wir fraßen uns bis ins Delirium. Herz, wenn wir eines hätten,  was willst du mehr! 

Ich erinnere mich noch gut an die  Dissertation von. S.B. – im Jahre 1967 residierte ich noch an der MGU – in dem ich immer wieder etwas Frugales für mich fand. Zwischen den geistreichen Ausführungen zu  Kaverins  „Nord-Ost-Passage“ fand ich Krümel von österreichischem Kletzenbrot und Milka-Schokolade.  In   L.H.`s   Dissertation über den  literarischen Vergleich  der  „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ mit dem „Nachtasyl“ Gorkis ergötzte ich mich an seinen großzügigen Nasenpopeln und Haarschuppen. Übrigens war das Kellerloch  mein absoluter Lieblingstext  von F.M. Dostojevskij, das bei unseren Historikern als die  biologische und geistige Urheimat bezeichnet wird. Es  war das ein Roman über uns, die uralten, autochthonen Bewohner des Landes, ungeliebt, verfolgt, gejagt, verbannt, und doch unausrottbar wie die Altgläubigen. Die beiden Studenten plagten sich mit verschiedenen  Deutungen zwischen bürgerlicher und sozialistischer Literatur, aber auf die naheliegendste kamen sie nicht, weil sie uns nicht zuhörten, sondern mit ihren Schlapfen nach uns warfen, wo immer wir auftauchten.  Unbelehrbar, wie alle liebenden Russlandreisenden. Dabei ist alles  auf der Hand gelegen, um nicht zu sagen auf den Fühlern.

Eine besonders unangenehme Erinnerung habe ich an Sigmund Bergers damalige Freundin Traude, die schöne Tochter eines Weinbauern. Sie  hielt nichts  von DDT, Strychnin oder anderen Hausmitteln, sondern setzte einen Weinviertler Flaschenwaschel als Hauptwaffe gegen uns ins Gefecht. Noch die Spitzen des Weinreisigs waren so sauer, dass ich persönlich eine Chlor-Spülung vorgezogen hätte. Offiziell beschäftigte sich die Traude mit ihrer Dissertation über einen Vergleich der Lyrik von  Anna Achmatowa und Marina Zvetajeva. Sie blieb leider unvollendet, sie hat sich mehr der Ausrottung meiner Sippe  gewidmet als ihrer Dissertation.  Ich muss zugeben, dass Traudes Wirken in der MGU meine Familie fast zum Umziehen bewogen hätte.  Aber ich bin immer noch da,  und  sie heiratete kurz danach einen lokalen  ÖVP-Funktionär, gebar ihm 4 Kinder, wurde eine  perfekte Mutterhausfrau  und hat ihr ausgezeichnetes Russisch nie wieder angewendet. Sicher hat sie ihren Weinflaschen-Waschel gegen ihres- und meinesgleichen auch bei sich zu Hause angewendet, wenn es da meinesgleichen gibt.
  
Jetzt wanderten die  zukünftigen Preisträger  des Kreml-Ordens für verdiente Kulturarbeiter – beide in  ihren frischen  Sechzigern -  über den Kamennij Most dem Kreml zu und schwelgten in Jugend- Erinnerungen an der MGU, mit Kaverin, mit Oleschin, mit Majakovskij und dem guten, alten  Dostojevskij.  Die Erinnerungen an die schöne Weinbauerstocher Traude und ihren Weinflaschenwaschel  bekamen einen besonderen Platz in der Mitte der Brücke,  als die Freunde  gleichzeitig zwei 5-Kopekenmünze in die Moskva fallen ließen, eigentlich nur auf das Eis, denn die Moskva ist jetzt zugefroren . Das  alles sehe ich durch die Ritze des Brillenfutterals in der äußeren Manteltasche meines persönlichen  Preisträgers, gut gebettet in die fetten Tüchlein der WKOWW. Es stiegen noch die kleine, süße Natascha und die rassige Tanja aus der Geschichte heraus und belebten Geist, Herz und Glieder. Ach, wie schön war es doch in der Jugendzeit mit den Russinnen! Unkompliziert, skrupellos und  wie sie waren,  kamen sie immer schnell zur Sache und trieben es sehr wild mit den kleinbürgerlichen Söhnen des kapitalistischen Westens. Nie stellten die Nataschas und Tanjas Fragen, waren anspruchslos und dankbar. So glauben es die beiden bis heute. Nur ich weiß, dass sie KGB-Spitzel waren und alles feinsäuberlich  der Abteilung 9  ihren Arbeitgebern  in dieser ehrenwerten Organisation berichteten.     
Wir drei  waren auf dem Weg in den Kreml.

Rechts das Baltschuk- Kempinski-Hotel, links die halbabgerissene Ruine des Hotels Moskva. Ich zitterte, wenn er jetzt das Etui herausgenommen hätte, um die neue Baustelle näher zu betrachten, wäre ich auf die Eisschollen gefallen und hätte mich um eine neue Heimstatt kümmern müssen: Gottlob erwärmten meinem Preisträger  die Studentenzeitreminiszenten so sehr das Herz, dass mir in meinem Futteral in der linken Brusttasche fast heiß wurde. Fast am Alexander- Garten angekommen, braust an uns der Präsidentenkonvoi vorbei und durch die 9 Meter dicken Tormauern in den Kreml hinein. 

An der Ecke des Manege-Platzes könnten wir durch das Troizkij-Tor in den Kreml einbiegen. Aber meine Preisträger entscheiden sich für einen Spaziergang die Tverskaja hoch bis zum Puschkin-Platz, wo  schräg gegenüber seiner Statue mit dem geneigten Kopf der  1. MacDonalds-Palast  Moskaus sehr viel mehr thront als der verehrte Dichterfürst. 

Wohl eingedenk der Banketts, die Kaiser Franz Josef I. in der Hofburg abhielt, bei denen  fast alle Gäste hungrig weggingen, füllten sie sich die Mägen mit einem Doppeldecker Hamburger und Pommes. Da es ja ihre erste Einladung in den Kreml war, konnten sie nicht wissen, dass der Präsident die gegenteilige Taktik verfolgte: seine Gäste mit einem Überangebot einzuschüchtern und mundtot zu machen. Zurück zum Manegen-Platz, zum Denkmal der Heroenstädte mit Wachwechsel, ewiger Flamme und fotografierenden Hochzeitspaaren erreichen sie, vorbeihastend am Leninmausoleum  das Spasski-Tor. Hier, bei der ersten Wachta innerhalb der Kreml-Mauern, wurde es für mich zum ersten Mal wirklich kritisch. Die Professoren mussten den diensthabenden Soldaten die Einladung vorweisen, sich mit ihren Pässen identifizieren und alle Taschen leeren. Mein Preisträger legte sein Brillenfutteral auf den Tisch, ein Soldat öffnete so rasch,  dass  mich der kalte Windhaus glatt heraus geweht hätte, wäre ich nicht tief in einer Falte des Wischtuches gelegen. Nur ein paar Meter weiter im Kontrollraum der Kreml-Miliz die gleiche Prozedur, nur dass die Preisträger hier auch noch ihre Mobil-Telefone abgeben mussten, was mir jetzt  schon gleichgültig war. Einen Schock erlebte ich noch, als an der dritten Kontrollstelle, die von FSB-Beamten in Zivil gehalten wurde, stellte sich mein Professor – wahrscheinlich war er schon leicht genervt von den vielen Kontrollen – so ungeschickt an, dass er zusammen mit der Einladung auch das Brillenetui auf den Boden fallen ließ.  Er hob es schnell wieder auf, weil die Geheimdienstler die Gästelisten durchsahen und den S.B. nicht sofort finden konnten, meinte er, ihnen behilflich sein zu müssen und setzte dazu seine Brille auf.  Zu meinem Glück, ohne sie zu putzen oder einen Blick ins Innere zu werfen. Nun,  diese Hürden überwunden waren, fragte ich mich, ob mein Wirt die Brillen in der Garderobe lassen oder in den Bankett-Saal mitnehmen würde. 

Meine Vorfahren lebten seit Tschingis Khans Zeiten in den Kellern, Küchen und Garderoben des Kremls, aber unsere Familienchronik berichtet nichts darüber, dass es je ein Kakerlak in den Katherinen-Saal geschafft hatte. Viele glaubten noch immer das Ammenmärchen, dass Erdöl, Gas, Diamanten und Gold  der Untergrundmotor der russischen Kultur seien. Sie leugneten beharrlich, dass mein Geschlecht es war und ist, das den Boden immer wieder neu aufbereitet.  Mit mir und meinesgleichen  stand das Reich an einer Zeitenwende, vergleichbar nur mit Jurij Gagarins Eroberung des Weltalls. Wir sind so unausrottbar und widerständig, dass uns die Goldene Horde, die Opritschniks, die Ochrana,   die alten ZK-Vorsitzenden und die  neuen Präsidenten sowenig ausmachen konnten wie die Atombombenversuche auf den Bikini-Atolls. Im Hotel Präsident hatte ich zuletzt 5 Frauen, jede von ihnen bringt mindestens 200 Kinder auf die Welt, und wenn sie nicht erjagt, vergast, verklopfstaubsaugert oder unter Absätzen zertreten werden, habe ich allein  pro Jahr 1000 Nachkommen. Bei einer durchschnittlichen  Lebenserwartung von 200 Jahren zählt allein meine Nachkommenschaft – hochgerechnet wohlgemerkt -  20 000 Mitglieder. Und jetzt stand ich am Sprung in eine neue Dimension – ich würde der erste meiner Sippe sein, der einem regierenden Präsidenten in seine grünen Augen blicken würde. Das Glück dieses Tages verließ mich nicht: mein Preisträger entnahm seiner Mantelbrusttasche das Etui und steckte es- nein, nicht nach innen, sondern in das seines Smokings, sodass ich durch den Spalt an der Rückkante eine gute Sicht auf die neue Umgebung hatte. Die internationalen Kulturarbeiter – überblicksmäßig etwa 500 – wurden nun von einer Schar goldbetresster,  himmelblauer Uniformträger in eine lange Wandelhalle gewiesen, die Fensterfront mit  dicken Wolkenstors verhangen, von der Decke  alle 10 Meter ein Luster,  die Wände mit Fresken, Goldgirlanden und Stuck dekoriert. Während des Wartens  sehe ich halbnackte Göttinnen, Nymphen und Musen, die sich an Bächlein, in Hainen und Tempeln tummeln. Aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt in Endlosschleife  die Freude, schöner Götterfunken, bis ein voller Gong ertönt, so tief, als würde Gott zur Erschaffung der Welt gerufen. Es war nicht Gottvater, sah ich, als die Flügeltüren aufgingen und den Blick auf den Katharinen-Saal freigaben. Was heißt hier blick: die frische Goldpracht blendete derart meine lichtempfindlichen Augen, dass ich sie erst einmal wieder schließen musste. Den meisten Preisträgern erging es genau so. Wie Hampelmänner rissen sie ihre Arme hoch und bedeckten ihre Augen. Wegen der kollektiven Blendung kam es zu einem Gedränge vor den Saaltüren, das aufzulösen den Kremllakaien durch geschicktes Manövrieren schnell gelang. Meine Artgenossen und ich sind von alter und Kontinuität her die wahren Stadthistoriker und natürlich auch mit der Kreml-Geschichte bestens vertraut. Der Katharinen-Saal ist ein klassizistisches Gesamtkunstwerk in Blattgold, Schwanenweiß und Lindgrün. Das  Riesen-Oval mit seiner  hohen Kuppel atmet die Weite des Imperiums und die Nähe der alten und neuen Zaren. Vor den haushohen Spiegelwänden stehen mit Edelsteinintarsien verzierte Tische, darauf goldene Kandelaber und Standuhren.

Wenn ich nicht der lebende Gegenbeweis wäre, würde ich behaupten, dass sich in eine solche Pracht noch nie ein Kakerlak verirrt hatte. Geschichte schrieben hier andere. Molotov lud am 14. April 1955 zum großen Bankett und teilte der österreichischen Staatsvertrags-Delegation mit, was als „April-Wunder“ erinnert wird und das Glück auf den Gesichtern von Schärf, Raab, Figl und Kreisky für immer in die Spiegel eingekerbt hat. Als hier im August 1990 der deutsch-sowjetische Vertrag unterzeichnet wurde, meinte Willi Brandt sogar, den „Mantelsaum Gottes“ durch den Saal rauschen zu hören; und Helmut Schmidt  war und blieb der einzige Mensch, der es je wagte , eine Zigarette anzuzünden. Gorbatschow gab an dieser Stelle den Weg zur deutschen Einheit frei und Kohl dankte für das „Wunder von Moskau.“

Lenin, Stalin und alles Nachfolger machten sich wenig aus den Prunksälen im Kreml, bis Jelzin sie aus dem Dornröschenschlaf weckte. Er vergab  an die Schweizer Firma MABETEX Millionen-Aufträge für die Restaurierung und blieb mit dem Schwarzgeld, das dabei für ihn selbst und seine Familie geflossen sein soll, jahrelang in den Schlagzeilen.

Unter den Lustern mit den ausmaßen von Weltumrundungsballons standen in langen Reihen gedeckte Tische, nummeriert von 1 – 50, an der Stirnseite ein Tisch mit der Nummer  0  war mit der russischen Fahne geschmückt – das war der Präsidententisch. Die blaulivrierten und goldbetressten Lakaien wiesen die Preisträger ihren Tischen zu, meiner bekam einen Platz an der Nummer 1, ist Postweite des Präsidentensessels. Wieder ertönte der strenge Gong mit dem Nachhall wie aus den Tiefen des Universums. Aber nur unsereins weiß noch, dass er den Geheimnissen der altmongolischen Metalllegierungen entspringt. Jetzt betritt mit raschen und federnden Schritten der Präsident den Katharinen-Saal und nickt zur Begrüßung ernst-huldvoll nach allen Seiten. Tosender Applaus steigt auf, endet aber abrupt, als sich Vladimir Vladimirowitsch auf seinem Platz niederläßt,  seine Sitznachbarn sind der amtierende Kulturminister, der Erziehungs- , Atom- und der Außenhandelsminister, ein greiser Raketenkonstrukteur, ein noch älterer tschuktschischer Volksschriftsteller und die drei jungendlichen Gewinner der Russisch-Olympiade. Ich kann mich glücklich schätzen, meine Sicht auf den Präsidententisch ist nicht schlechter als aus der Zarenloge im Bolshoj. Da im Ordenszuerkennungsdokument alle Verdienste der Geehrten aufgezählt werden, hält sich der Präsident bei keinem einzeln auf. Alle 500 haben sich die Verbreitung der russischen Kultur im In- und Ausland verdient gemacht, sodass sie ab jetzt den Titel  „verdienter Kulturarbeiter“ tragen dürfen. Die meisten sind Lehrer, Professoren, Übersetzer, Wissenschafter, Chorleiter, Organisatoren, Museumsdirektoren,  Verleger, Schriftsteller, aber auch  Sportler, Schilehrer und Fitnesstrainer. Eingedenk der Vorgeschichte des Präsidenten als Geheimdienstoffizier haben sich seine Redenschreiber an das schöne Wort von Stalin über die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ (1935) erinnert und ihm für die ausgezeichneten die „Ingenieure der Sprache“ ins Redemanuskript geschrieben. Es geht nichts über eine ungebrochene Tradition, das kann ich am besten verstehen und goutieren. Gleich folgt noch eine Adelung: „Mensch – das klingt stolz“ sagte Gorki 1929 über den neuen Sowjetmenschen. Nicht ganz nachvollziehbar ist der unvermittelte Sprung zu Blaise Pascal (1655), der den Menschen als „ein denkendes Schilfrohr“ bezeichnete. Dieses Zitat sollte wohl des Präsidenten kritische und aufgeklärte Gesinnung zum Ausdruck bringen.

Mein Professor wurde ausgezeichnet für seine Bemühungen um die Ausbildung der österreichischen Hotellerie und Gastronomie im Sinne des umfassenden Wohlbefindens der russischen Touristen. Er verfasste Russisch-Lehrgänge für Kellner und Stubenmädchen, für Köche und Speisekartenverfasser, für Schilehrer, Chauffeure, Reisebüroangestellte und Verkäuferinnen, für Bürgermeister und Polizisten. Und umgekehrt bekamen die russischen Gäste in ihren Unterkünften einen „Kurzen Lehrgang der österreichischen Gastlichkeit“, ein „Kleines Russisch-Tirolerisches Wörterbuch“ und einen Führer „Alles zwischen Bar und Piste“, die „Kleine Geschichte des Wilden Kaisers“, „Kultur in Kitzbühl“, um nur einige zu nennen. Die Titel waren so zahlreich, dass sie die des seit 1950 schreibenden tschuktschischen Schriftstellers bei weitem überflügelten. Ich persönlich hielt den Chirurgen Gawril Ilisarov für die interessanteste Persönlichkeit an unserm Tisch. Er hieß auch der „Knochenbrecher von Kurgan“ .Der kleine, weißhaarige Greis wurde von seinem unscheinbaren, bürokratischen Assistenten Andrej Popkov begleitet. Professor Ilisarov war während des Afghanistan-Krieges zu Berühmtheit gelangt, als er durch ein von ihm entwickeltes Verfahren zerbrochene und zersplitterte Knochen wieder einrichtete und damit Amputationen vermeiden konnte. Nach dem sehr langwierigen und schmerzhaften Heilungsprozess stellte sich heraus, dass seine Patienten gewachsen waren. Internationalen Ruhm gewann er, als er einem kleinwüchsigen arabischen Offizier, der sich kränkte, bei Paraden immer in den hinteren Reihen stehen zu müssen, mit einer Operation zu 10 Zentimeter längeren Beinen verhalf. Seither sind die „Beine von Kurgan“ der heißeste Schrei unter jungen Frauen, die sich durch  Beinverlängerungen einen Traumjob als Model oder bessere Heiratschancen erwarten. 

Wie ein Klappmesser im dunkelblauen Armani-Anzug, knapp wie ein Hakenknallen, setzt sich der Präsident nach seiner Ansprach auf den für ihn bereitgestellten eine wenig nur höheren und ein bisschen reicher verzierten Stuhl (nein, nicht Thron!), worauf die 500 Preisträger auf ihren Plätzen einknicken. Vor ihnen steht eine Reihe von 6 angefüllten Gläsern, von rechts außen an Wodka, Wasser, Sekt, Saft, Weißwein und Rotwein, nach links je ein leeres für Bier, Whisky und Kognak. Jeden schirmt eine solche Gläserbarrikade vom Nachbarn und Gegenüber  ab, dazwischen auf goldglänzenden Untersätzen eine Pyramide von Tellern und Schüsseln, deren weißes Porzellan mit lindgrünen Bordüren die Farben des Katharinen-Saales wieder aufnahmen. Mit einer gänzlich unprofessoralen Geste riss  nun mein Preisträger das Wischtuch aus dem Etui und fuhr sich damit über die Augen. Nur mit der in Jahrhunderten antrainierter Akrobatik konnte ich mich gerade noch in der Ritze zwischen Metall und Velour-Füllung halten. Wenn so etwas wie ein Herz in mir gewesen wäre, hätte es jetzt einen Stillstand erlitten. Die Kreml-Gäste ging es nicht viel anders: sie  waren von der Gegenwart des Präsidenten so gelähmt, dass sie anfangs zu nichts anderem imstande waren, als zwischen ihren Fingern Brotstücke hin- und herzuwälzen, wobei auch einige Krümel in mein Versteck fielen. Jetzt begannen die Lakaien in endlosen Reihen die Gerichte aufzutragen: Die Speisefolge war so lang wie die Liste der Verdienste.

Goldfarbene Pirogen gefüllt mit Pilzen, Kraut und Fleisch, Schinken- und Käsetörtchen standen schon auf dem Tisch, von den  6 Schinken- und Wurstsorten, den 5  Salaten, den  4 Suppen (Gurken, Löwenzahn, Brennnessel und Farn) ging es weiter zu den Rindfleisch- und Heringssülzchen, Pilzgelee, Entenleber, Fluss- und Meereskrebs, Fische geräuchert, gesalzen, luftgetrocknet und roh unter Bergen von Gemüse und Kräutern, Muscheln, Räucherlachs, roter Kaviar,  Riesengarneelen von den Kurilen. Ich habe bekanntlich ein schlechtes Verhältnis zum Wasser und war daher an der Fischfolge nicht interessiert. Aber eine Speie erregte doch meine Aufmerksamkeit: der „Kaviar im Pelz“, eine neue Kreation der Kreml-Köche. In eisgekühlten, von Kälte beschlagenen Kristallschalen liegen Berge von glänzendem Kaviar, dekoriert mit Strömen goldgelber Souce hollandaise und mit roten Paprikaschoten, grünen Gurkenscheiben, orangen Karotten und gelben Zitronen dekoriert und mit einem Ring aus Hühnereihälften gekrönt. Jede Schüssel ein Meiserwerk in perfekter Proportion, Form- und Farbgestaltung. Das schwarze Gold stammt von 3 Fischarten: vom Beluga, Ossjotr und Sevruga- besseres hat Russland nicht zu bieten. Wenn die Preisträger in der Gegenwart des Präsidenten  gewagt hätten auszuatmen, wäre jetzt ein Stöhnen und Raunen durch den Katharinen-Saal gegangen, auch eine Art „Mantelsaum Gottes.“ 

Der Kaviar im Pelz wurde gerahmt von Fischen aus allen Teilen Russlands, aus Flüssen, Seen und Meeren: Forelle, Thun, Hecht, Karpfen, Zander, Wels, Lachs, Hering, Stör, gebraten, gebacken, in Buttersauce, unter Mandeln oder  in Aspik. Mir war gerade ein großer Brocken von russischem Schwarzbrot in die Ritze gefallen, über die ich mich sofort hermachte, als ich meinen Professor etwas sagen hörte. Ohne Anflug von Schüchternheit und gesund respektlos, wie mir scheint,  grüßt er zum Präsidenten hinüber, gratuliert ihm zu den eben gewonnenen Parlamentswahlen und wünscht ihm und seiner Familie Gesundheit. Dieser nickt zurück, klappt die grünen Schildkröten- Augen auf und zu  und antwortet laut und deutlich: „Danke, das gleiche Ihnen!“ Die 9 Tischnachbarn des Präsidenten und die 9 meines Professors erstarren,  fallen vor Schreck fast in Ohnmacht und lassen ihr Essbesteck zwischen Teller und Mund stehen. Das scheint meinen Ordensträger noch mehr anzufeuern, dass er sich an die ihm am nächsten Sitzenden  wendet:  eine alte Lehrerin, die seit 40 Jahren den Kindern der in Novaja Zemlja stationierten Militärangehörigen russische Sprache und Kultur näher bringt, ein walisischer Gelehrter, der die  2000 Seiten von Tolstojs „Krieg und Frieden“ ins seine Muttersprache übersetzte hat (4000 Seiten in 6 Bänden) und ein russischer Biochemiker, der aus den Fäkalien der Kamtschatka-Rotkragenmöven ein vom Staat anerkanntes lebensverlängerndes Elixier entwickelte. Er müsse zugeben,  dass es ihm hier im Kreml sehr viel besser schmecke als bei Macdonalds, sagt er gar nicht leise in die Runde, dass es  auch an den Nachbartischen gehört werden kann. Eine Majestätsbeleidigung, ein Sakrileg, die russischen Kulturarbeiter verfallen in Angst- und Schüttellähmung, der altehrwürdige Kamtschatka-Möwenforscher verschluckte sich und kann mit Narsan-Mineralwasser  gerade noch vor dem Erstickungstod bewahrt werden. Auch der Präsident hat den Satz aufgeschnappt, er hob sein Glas auf meinen Preisträger und sagte wohlgelaunt in seine Richtung: „Ponjal, ich habe verstanden,  danke Ihnen für das Kompliment.“ 

Nun marschierten die Kellner in langen Reihen herein und balancierten riesige Platten mit den Fleischgerichten über sich auf den Schultern: Wiener und Milaner Schnitzel, Huhn, Ente, Truthahn, Fasan, Kalbsmedaillons in weißrussischen Herrenpilzen, Rehrücken in Rotkraut mit moldawischen Edelkastanien, Rinderfilet mit geschmorten Schalotten und Kartoffelkroketten, Beef Stroganoff mit  kirgiesischem Himalaya-Reis, ukrainische Sarma unter einem Gletscher von Sauerrahm, buttertriefende Kiewer Koteletts, kaukasischer Lammrücken im Speckmantel, georgischer Schaschlik auf Knoblauchbutterbett  und sibirisches Bärentatzengulasch in Schamanensouce. Ungefähr beim 13. Gericht hörte ich mit dem Zählen auf, weil auch mein Preisträger die Annahme von weiteren Speisen verweigerte. Dabei ging es noch weiter mit den Deserts, die ich aus meinem Schlitz nicht genau ausmachen konnte: schätzungsweise 15 Eis- und Sorbet-Sorten, Fruchtsalate, Beerenmischungen aus dem ganzen großen Reich, Kuchen und Torten, deren Namen ich leider nicht alle kenne. Nur so viel konnte ich erkennen: Esterhazy- und Sachertorte, Stefanie- und Kardinalschnitten, Schokoladerehrücken, Mohnguglhupf und geeiste Kaiserschnitte, dazwischen noch sehr viele Fantasietorten mit fetten Cremen und buntem Zuckerguss  – aber leider reichten weder meine Sichtweite noch meine Küchenkenntnisse  weiter. Seien Sie versichert, es waren sehr, sehr viel mehr Desert-Kreationen, die aus den Küchenverliesen des Kreml angeschleppt wurden. Dazu natürlich  noch Kaffee, Tee, Kognak und Whisky und all das überflüssige Zeug. Über-flüssig, Sie wissen ja schon, dass ich eine tiefe Abneigung gegen alles Wasser, aus dem Wasser stammende und mit Wasser sich verbindende habe: Danchlor, Klopfdampfstaubsauger, Kaviar, Fische, Salate, Getränke und das Eis.  Die Kreml-Strategen wussten sehr gut, wie man gleicherweise Freund und Feind ausschaltete. Warum ist noch niemandem der Gedanke gekommen, diese Methode einmal gegen mich und meine Verwandtschaft einzusetzen?

Übrigens bin ich noch am selben Tag umgezogen. Nein, nicht etwa in den Kreml, wo, wie Sie ja schon wissen,  es mir nur begrenzt gefiel und ich daher nicht meine langfristige Zukunftsperspektive sehen konnte, sondern ich ergriff die erstbeste Gelegenheit zur Übersiedlung in eine andere renommierte Moskauer Lokalität.  Die kam für mich völlig unerwartet und wie ein Geschenk des Himmels: mein Trägerwirt, der frisch gebackene verdiente Volkskulturarbeiter der Russischen Föderation B.S. begab sich nach dem Bankett in die kremelnahe Starokonjuschennij-Gasse, an deren Nummer 1 sich die österreichische Botschaft befindet. Ich persönlich habe ja keinerlei Beziehung zu diesem Ort,  nicht einmal eine negative, wenn man, wie ich weiß, dass diese Gasse sich  mit der nach einer  nahen Aufbahrungshalle “Totengasse“ kreuzte und in unserer Geschichte einen prominenten literarischen Konnex hat. Graf Lev Nikolajewitsch Tolstoj siedelte an dieser Adresse das entscheidende, dramatische Ereignis in den 1200 Seiten der Liebe zwischen Natasche Rostowa und Fürst Andrej Bolkonskij an. Die  junge, schöne,  aber  sehr naive und gefühlsverwirrte  Natascha weilte gerade bei ihrer Tante ????? ……… zu Besuch, als sie plante, sich von dem betrügerischen Filou  Denissov???………… von dieser Adresse entführen  zu lassen, um ihn geheim zu heiraten.  B.S.  aber hatte über sein vielleicht vorhandenes literarisches Interesse oder sogar Wissen hinaus  eine Beziehung zur Mjortvych-Gasse. Er  wollte seiner jüngeren Schwester einen Besuch abstatten, die damals gerade das ÖKF leitete, als Kulturrätin dem „Österreichischen Kulturforum“ vorstand. Als ältester lebender Stadthistoriker wusste ich natürlich sehr gut, dass die Österreicher eine der schönsten Jugendstil-Villen der Moskauer Altstadt besaßen. Ein weitläufiges, cremfarbenes Gebäude mit einer dorischen Säulenapsis an der runden Ecke, in deren klassizistischem Kapitell neun  schöne Musen ihren leicht beschürzten Reigen tanzten, den Blicken nur einigermaßen entzogen durch eine imposante Gruppe von 7 sibirischen Blautannen, die sich entgegen die schwierigen Luft- und Bodenbedingungen in  der Moskauer Erde  so gut eingewurzelt hatten, dass sie  nun schon mit ihren Wipfeln nach dem zweiten Stockwerk griffen. Die hohen Fenster, die festen Mauern und die  schmiedeeisernen Zäune trotzten schon lange mit altmodischem Trotz den in dieses Viertel gesetzten Ziegelbauten für ZK-Mitglieder  wie eine alte hölzerne Segel-Fregatte einem Panzerkreuzer,   ein Kampfplatz, eine permanente Herausforderung  und Demütigung. Dieses und ein paar andere  Baujuwelen  sind seit den brutalen Breschnew-Jahren  eingekreist  von 8, 10 und 12 stöckigen Büro-Ziegel- und Plattentürmen, die die niedrigen Villen und Palais des 19. Jahrhunderts wie aus dem Himmel mit Krätze ersticken,  abtöten und auffressen. Die Gehsteige sind auch hier im ausgeprägtesten Botschaftsviertel krumm, mit  zahlreichen Fallen übersät wie tiefe  Löcher,  hervorragenden Regenrinnen und niedrigen Vordächern;  Und überhaupt die Stufen – das ist ein eigenes Kapitel, Ach was könnte ich alles darüber erzählen, Als Tarakane mit meinen sehr beweglichen 6 Beinen  bin ich ja nicht direkt auf gerade, regelmäßige Stufen und Treppen  ausgewiesen, aber abgesehen von unseren ewigen Konkurrenten en Menschen: sie brauchen sie viel eher al wir für die schnelle und ungehinderte Fortbewegung.  Fort   ich mir die Frage, sind die Europäer höher gewachsen oder gehen die Russen nur mit eingezogenem Kopf herum, haben die Häuserbauer hier keinen Meterstab oder sind sie beim Ausmessen immer nur besoffen? Fragen über Fragen, wer stellt sie sich schon? er mehr,  groß- und kleinweis. 

Das sage ich nur als ein alter, wissender und neutraler Stadthistoriker, meine  persönliche Passion ist eher egoistischer Natur: wo kann ich ankommen, überleben und mich fortpflanzen. 

Sehr schnell erkannte mein Blick aus dem Futteral- oder habe ich das schon frührer gewusst? – die österreichische Botschaft Ecke Starokonjuschennij – Mjortvych pereulok hatte eine in Moskau seltene Eigenheit: sie verfügte über ein tiefes Kellergeschoß. Das sah ich sofort, als wir dort ankamen.   Ob das eine Eigenheit der besonderen  russischen Kultur am Beginn des 19. Jahrhunderts war oder   der österreichischen Architektur geschuldet ist, leider, ich muss Sie enttäuschen, ich weiß es einfach  nicht. Aber der Anblick dieses tief gelegenen, mit verliesgleiche ausgestatteten Fenstern ausgestattete Untergeschoß ließ mein Herz- hätte ich eines-  höher schlagen. Die  zaussigen Fliederbüsche entlang der Längsfront des österreichischen Palais  beeindruckten mich nicht sonderlich, wirkten eher bedrückend  auf mich, weil ich doch aus Erfahrung wusste, dass Flieder unserem Geschlecht nicht gut bekommt, sie sind Gift für uns.  Flieder,  Lilac und Sirenj, Aber das weiß niemand, nur mit Flieder könnte man uns bekämpfen und ausrotten. Zum Glück, wissen sie nicht, dass Flieder für  unsereins tödliches Gift sind. Nicht DDT, nicht ihre Dampfklopfstaubsauger,  sondern einfach nur Flieder.
Mit einigem Schrecken musste ich feststellen, dass es die sieben hohen, sibirischen Blautannen vor  dem runden Salon nicht mehr gab. Einfach umgeschnitten, ratzputz weg, wie nackt und kahl glotzte jetzt das  neoklassizistische Halbrund  auf die plötzlich dumm gewordene Kreuzung von Starokonjuschennij und Mjortvych.  Geradezu obszön, abscheulich diese Halbkaryatiden unter ihren spätkorinthischen Kapitellen,  fand ich, sieht das denn niemand außer mir?  Wo haben die Menschen nur ihre Augen und Fühler? Ist alles so schnell verloren gegangen, was unsere Stadt groß und berühmt gemacht hat?  Unter uns haben wir dafür nur einen Ausdruck: nekulturno! Der neue Botschafter und seine sehr kultivierte Frau meinten, dass die sibirischen Riesen zu wenig Licht  auf ihre Empfänge fallen ließen, dafür im Garten umso mehr Mist; als ob Tannennadeln Mist sein könnten. Herrgott, woher kamen denn diese Barbaren, dass sie sibirisches Moos, Flechten und Nadeln für Unrat hielten?  Sie hatten keine Ahnung davon, dass es Jahrzehnte gedauert hatte, bevor sich diese Fremdlinge in der kargen Moskauer Erde verwurzelten und über die platten Karyatiden hinweg in die lichten Höhen des 2. Stockwerks wuchsen, wo wir unsere Freundinnen vom Übersetzerbüro beheimatet wussten. Eine große Enttäuschung, ein tiefer Schmerz, dieser Anblick. Auf die Baumstümpfe wird dieser Botschafter im nächsten Frühjahr Gipsstatuen der neun Musen (zwei Postamente werden baumstammmäßig in Beton nachgebildet)  stellen lassen, die im Sonderangebot eines ihm befreundeten Kärntner Baumarktes auf Republikskosten bezogen hat  und um ebensolche nach Moskau transportieren ließ. 

Was die Botschaft aber für mich  noch immer attraktiv machte, war die Küche im Keller, oder genauer: die Königin der  Köchinnen in der Küche im Keller. Galina hat den Ruf, dass sie uns, die Tarakany, die Kakerlaken, die Küchenschaben von Herzen  liebt, dass sie sie hielt so wie andere ihre Haustiere: Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Ratten oder Wellensittiche. Und nicht wie die übrigen Menschen es mit ihren Kühen, Schweinen, Schafen, Hasen, Gänsen und Hühnern machten: pflegen, füttern,  streicheln oder  sogar mit ihnen in ihrer Sprache sprechen. Aber wenn ihnen  die richtige Zeit gekommen zu sein scheint, wenn sie gerade rund, fett oder richtig mager sind,   dann peng, wumm, schlachten sie ihre lieben Tierchen, nehmen sie aus, zerteilen sie in alle verwertbaren Teile, füllen sie verwurstet in Gedärme, hängen sie in Räucherkammern, tieffrieren sie als Hälften, Schenkeln, Rücken oder  Steaks. Das Beste essen sie frisch, vor allem die zentralen Teile wie herz, Hirn, Nieren und Leber lieben sie aufzubrutzeln oder in rohem carne.  Galina war da ganz anders. Wo andere der Ekel packte, da schaute sie erst recht hin.  Sie hätschelte und verwöhnte uns aus vollem Herzen, stellte kleine Schüsselchen mit Brotkrumen, Milch, Käse und Honig in dunklen Winkeln auf,  versteckte und beschützte uns vor wütenden Putzfrauen, Sanitärbrigaden und primitiven Aushilfsköchinnen, die zwar nicht kochen konnten, aber so taten, als hätten sie es dafür umso mehr mit der Reinlichkeit. Mochten sie auch selbst noch so schmutzig und unordentlich sein, hielten sie uns doch für die allgegenwärtigen,  sichtbaren und unausrottbaren Ausgeburten des Schmutzes, der Unordnung, ja für das was Russland wirklich ausmachte. Ich konnte ihnen das nicht einmal übel nehmen, meine ich ja selbst, dass wir das Älteste, Tiefste und Echteste und Beständigste sind, was Russland je hervorgebracht hat. Wo sind denn die  heldenhaften Rjurikiden, die  Kiever Rus, die Romanows oder Bolschewiki? Alle versunken und verloschen im  Ozean der Geschichte, nur mein Geschlecht bleibt und  bereitet von unter immer wieder frischen Boden auf. 

Warum konnte sich Galina gegen alle anderen durchsetzen und ihrer Tatakay-Leidenschaft fröhnen?  Sie war nicht nur groß und dick und hatte einen Bartflaum auf der Oberlippe- wegen ihrer lauten,  tiefen Stimme für den Kasernenhof wurde sie von allen Generlscha genannt - sie konnte auch wirklich gut kochen, die war nicht nur firm in der russischen Küche, hatte früher bei den Deutschen und den Schweizern gearbeitet, kannte sich also auch in der französischen und italienischen Küche aus, und was die Österreicher betraf, so lernte sie sehr schnell die Schnitzel-, Gulasch-, Apfelstrudel- und Vanillekipferlrezepte, dass der Salat mit einer Brise Zucker mariniert wurde, der Liptauer nur mit mildem Paprika zubereitet werden darf, der Gugelhupf Rosinen enthalten muss, die Sachertorte nur mit hausgemachter Marillenmarmelade gefüllt wird und noch ein paar Besonderheiten, über die die Botschafter –Gattin streng wachte.  In Galinas Reich war ich gut aufgehoben, es war eine standesgemäße Bleibe für den ältesten Stadthistoriker und sicher wie Abrahams Schoß. Denn russische Köchinnen ändern ihre Leidenschaften nicht oft. Was mich am meisten für sie einnahm, war aber es bei ihr nicht nur das russische Schwarzbrot gab, sondern auch viele Arten von österreichischen Bäckereiprodukten, die einmal in der Woche frisch eingeflogen wurden. 


Ein rascher Blick durch meine Sehspalte im Brillenetui ließ mich kurz zögern: der Botschafter hatte offenbar auch den Innenwänden ein neues Aussehen verpasst, indem er sie mit einem lindgrünen – wo anders würde man es vielleicht  pistaziengrün nennen- Ölanstrich versehen ließ. Es war nicht ganz so schlimm wie das  klassische Erbsengrün der russischen Schulen,   Spitäler, Ministerien, Kasernen und  Gefängnisse, aber doch trieb mir die Erinnerung an diese Orte einen kalten Schauder über den Rücken, als mein Preisträger mit mir den Korridor zum Kulturforum in den zweiten Zwischenstock hochschritt. Es war klar wie Wodka: an diesen glatten,  kalten, ölbestrichenen Wänden würde nicht einmal ich, der beste Fassadenkletterer Moskaus, Halt finden. Ich musste auf schnellstem Wege in den Keller unter die Fittiche der Generalscha Galina gelangen. Auf dem Boden des Kulturforum nahm ich sehr schnell die Kabelkanäle für Strom, Telefon, Internet, Interkom und sonstige Elektronik wahr, durch die unsereins gefahrlos in alle Stockwerke des Gebäudes gelangen konnten. Wie sehr liebte ich doch die moderne Technik, mit der uns kein Stiefel, keine in- oder ausländische Giftkeule, kein Dampfklopfstaubauger und kein Weinviertler Flaschenwaschel etwas anhaben konnten. So sitze ich also jetzt im hintersten Winkel der  diplomatischen Speisekammer und schreibe beim dämmrigen Licht der Kühltruhenkontrolllämpchen meine Aufzeichnungen auf, meinen  glorreichen Weg vom Hotel Präsident über den Kreml ins  russische Herz Österreichs. Links von mir die Regale mit heimischem Ziegelbrot, rechts von mir österreichisches Schwarzbrot, Kanten von Kärntner Speck, Tiroler Hartwürste, Rundkanister mit Mauther-Markhof``scher Majonnaise, Waldviertler Honig und feinster Teebutter. Neben Galina ist die Botschafter-Gattin  Ursula meine zweite Göttin: ihrer Sparsamkeit ist es  gedankt, dass sie auch noch die letzten Brösel von Weihnachtsgebäck, Osterkuchen, Tortenböden, Canapees und Kaisersemmeln in Blechdosen aufbewahrt. Wäre ich gläubig, müsste ich meinen, dass es ein Himmelreich auf Erden gibt.  Aber auch  W.W. Putin muss ich hochleben lassen: hätte er nicht  in B.S. den verdienten Kulturarbeiter erkannt und ausgezeichnet, wäre ich wahrscheinlich nie ins Paradies gelangt. Jetzt muss ich nur noch eine Artgenossin finden, und Russlands Zukunft wird auf immer gesichert sein. 

Freitag, 19. Dezember 2014

Unbestimmte Liebesfülle

Zwischenruf zu Peter Handkes „Geschichte des Dragoljub Milanovic“ im Presse-Spectrum vom 5.8.2011

Da steht einer auf der Kanzel und klagt, dass er keine Kirche hat und keine Zuhörer, dass er zum Chorgestühl, den Betschemeln und dem leeren Opferstock predigen muss, vielleicht sogar nur zu sich selbst. Ich habe kein Gegenüber, greint er, niemand will meine Geschichte hören, sie ist doch so dringend, stark und wahr. Dabei ist das Gotteshaus gut gefüllt und die willig Lauschenden zu seinen Füßen wundern sich: sind wir etwa nicht die Richtigen, die gekommen sind? Und dass ausgerechnet der wahrhafteste und demütigste aller Prediger, Meister Eckhart, als Zeuge für eine solche Epistel herhalten muss, das haut dem Weihwasserfass den Boden aus.

 „Was mich zum Schreiben gezogen hat, war ein Gefühl überwältigender Liebe, wobei ich nicht wusste, was ich damit anfangen sollte. (...) Aus unbestimmter Liebesfülle hat es mich hingezogen zur Schrift. (...) Man möchte jemanden umarmen, und dieses Umarmen ist dann das Schreiben.“( Interview A. Müller, 1989) Im Spectrum hat Peter Handke,  wie immer liebend,  nicht aber wie sonst die Welt umarmt, sondern diesmal bekommt die unbestimmte Liebesfülle  ein gewisser Dragoljub Milanovic ab, derzeit einsitzend im Gefängnis von Pozarevac, Nordost-Serbien. Ein Belgrader Gericht hat den früheren Direktor des staatlichen serbischen Fernsehens RTS (in Handkes Poetologie: staatlichserbisch)  verantwortlich gemacht für den Tod von 16 Menschen und ihn zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er gegen besseres Wissen das Fernsehgebäude nicht räumen ließ und die Angestellten bei Androhung der Kündigung zur Arbeit zwang. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1999, mitten im Kosovo-Krieg,  zerstörten zwei NATO-Raketen das Belgrader Fernsehgebäude:16 Angestellte starben, 16 wurden verletzt, drei davon schwer. Was soll heißen: gegen besseres Wissen? Ganz Belgrad wusste von der Bombenwarnung gegen RTS, sie war öffentlich bekannt gemacht worden, die Bewohner der umliegenden Häuser zogen aus, CNN hatte am 21. April seine Studios verlassen. Die damaligen Mitarbeiter des ORF-Belgrad erfuhren noch am selben Abend über Reuters von der bevorstehenden Bombardierung. Sie sollten Vizeregierungschef Vuk Draskovic interviewen, der ebenfalls informiert war: „Sind Sie wahnsinnig geworden oder lebensmüde? Doch nicht im RTS!“ Um 19h montierte und überspielte der ORF-Cutter noch einen Beitrag für die Zib 2, Raimund Löw kommentierte. Um 2.06h früh stand das Gebäude nicht mehr, 16 Mitarbeiter tot, 16 verletzt, 3 davon schwer, (ich wiederhole es!), weil Direktor Milanovic die Evakuierung verweigert hatte. Er selbst war nicht anwesend in der Aberdareva-Straße im Belgrader Stadtzentrum. Seine Beweggründe hat er im Prozess nicht enthüllt. Das Gericht stellte 2002 fest, dass der TV-Direktor gemäß den Sicherheitsregeln der Regierung die Mitarbeiter nach Hause hätte schicken müssen, dies aber aus ideologischen Gründen nicht getan habe, um die Zahl der zivilen Opfer zu erhöhen und damit die NATO zu diskreditieren.

Deutlich erinnere ich mich an das Silvester-Programm von RTS rund ums Neujahr 1994/95.  Die Lage war dramatisch, da NATO-Schläge angekündigt waren,  nachdem die UNO die serbischen Belagerer von Sarajewo und sechs anderen bosnischen Städten aufgefordert hatte, die schweren Waffen aus einem Umkreis von 20 Kilometern abzuziehen. Obwohl Radovan Karadzic diese UNO-Resolutionen unterschrieben hatte,  rief er  seine Anhänger dazu auf, sich auf  Straßen und Brücken im Protest zu versammeln und den NATO- Bomben zu trotzen. Ratko Mladic steuerte das Seine dazu bei: er ließ rund 400 UNO-Soldaten entführen und kettete sie an Brückengeländer und Masten, in dem Sinne: kommt nur und bombardiert eure eigenen Leute. Bizarr? Nein, damals Alltag in RTS, rund um die Uhr und live, TV-Direktor war Dragoljub Milanovic.  Zur Schande für den später  ermordeten Zoran Djindzic, stand auch er damals  Hand in Hand mit Karadzic auf der Autobahnbrücke von Pale und betete die NATO-Bomben herbei, die  erst sechs Monate später kamen. Das scheint mir das Vorleben zu Handkes „Geschichte“ von Dragoljub Milanovic und seinen Abzugsbildern zu sein: Ich lasse meine 120 Mitarbeiter im Gebäude, dann werden „Bill und Tony“ (Clinton und Blair) nicht bombardieren, oder wenn doch, dann stehen sie als Mörder in der internationalen Öffentlichkeit am Pranger, so wie Handke vom Sieg der „Westmächte“ (ein altes Kommunisten-Wort übrigens) über das kleine, unschuldige, in der Geschichte immer richtig liegende, vom Westen mutwillig auseinander gebombte Serbien spricht. Und wieder kein Wort, kein einziges, zu den Kosovo-Albanern, wie schon damals im November 1995, als er - wohlweislich nach dem Krieg- einen halben Fuß über die Drina setzte und die bosnischen Opfer aus seiner Wahrnehmung aussparte oder verhöhnte (die “Leidensposen und Martermienen“ der bosnischen Lagerhäftlinge, Gerechtigkeit für Serbien S 41).  Noch einmal: 16 Getötete, 16 Verletzte, drei davon schwer. Schrecklich. Amnesty International stuft dieses Ereignis als „ungesühntes Kriegsverbrechen“ ein, und ich stimme zu. Es muss untersucht und vor den internationalen Gerichtshof gebracht werden, wie es zur Schreckensnacht vom 23. April 1999 kam. Das wird aber nur eine demokratische Regierung Serbiens innerhalb des europäischen Verbandes leisten können, mit Hoffnung auf beides. Handke erzählt in diesem Vorabdruck seines neuen Buches, wie er Milanovic zweimal im Gefängnis besucht, einmal mit einer internationalen Delegation und einmal allein mit seinem Übersetzer. Er geht mit all seiner dichterischen Liebe vor diesem Märtyrer in die Knie, umarmt ihn mit Worten, erfühlt seine „Kindlichkeit jenseits von Schuld und Unschuld“, legt ihm tröstend die Hand auf und tauscht Verse mit ihm aus. Gruß von Elfriede Jelinek: „Das nenne ich Dichtung! (...) Ohne sich zu zügeln, sagt einer etwas. Er wird nicht bestraft.“ (O Wildnis, o Schutz vor ihr.) Und auch an Kafka: „Schriftsteller schreiben Gestank“ (Tagebücher aus dem Jahr 1910). Wenn das nicht nach Kriegspornographie stinkt, dann nach Kriegskitsch. Wer Handke mit Fakten kommt, den verspottet er als „Realitäts-Tümler“ und „Seins-Nichtse“ (Kindergeschichte), Handke ist ja ein Dichter, die Politik ist ihm pfui, die Illusion ist ihm rein und wahr, nur die Wirklichkeit stört die Wahrheit. Darum kann er auch behaupten, Milanovic sei der einzige wegen des Kosovo-Kriegs Verurteilte. Die Generäle der JVA (Jugoslawische Volksarmee) Nebojsa Pavkovic und  Momcilo Perisic sitzen für den Massenmord an Kosovo-Albanern mit langen Haftstrafen zwar nicht „im eigenen Land“ wie Milanovic ein, sondern in Scheveningen. Wer ist Dragoljub Milanovic, für dessen Freilassung Handke seit einem Jahr eine internationale Kampagne betreibt und diesem nun ein ganzes Buch (90 Seiten) widmet? ( am 28. Aug. bei Jung&Jung) Der aus dem Kosovo stammende Milanovic studiert in Pristina südslawische Literaturen, arbeitet dann als Journalist bei TV-Pristina und Politika Ekspres in Belgrad, beide aggressive Trommler der Anti-Albaner-Politik des Slobodan Milosevic. Kurz vor seiner Auflösung wird er 1989 zum Parteisekretär des Bundes der  jugoslawischen Kommunisten gewählt (BdKJ), zu Beginn des Bosnienkriegs 1992 Chefredeakteur, 1995 TV-Direktor, eine der wichtigsten Machtpositionen im Milosevic-Regime und die flächendeckende Kriegstrommel des Landes. Milosevic brauchte kein Propaganda-Ministerium, er hatte RTS. Eine einzige richtige Aussage enthält der Handke-Text: „Der Sender war ein Symbol, stärker als Slobodan Milosevic“, weil seine nationalistischen Einpeitscher schärfer waren als der Auftragsgeber selbst. Wegen des Zusammenbruchs des Zeitungsmarktes und der Knebelung der Oppositionsmedien war RTS mehr als ein Jahrzehnt die einzige „Informationsquelle“ für 99% der Bevölkerung und neben Polizei und Geheimdiensten die mächtigste Stütze für Milosevics Machterhalt. Den unabhängigen Sender B-92 konnten gerade mal 300 000 Belgrader sehen, die  oppositionelle Tageszeitung „Nasa borba“ (Unser Kampf) und das Wochenmagazin „Vreme“ (Die Zeit) hatten zusammen eine Auflage von maximal 130 000. RTS instrumentierte nicht nur die nationalistische Hetze gegen andere Ethnien, es organisierte auch immer diensteifrig Milosevics Wahlbetrügereien, Bankenabzocke und Hyperinflation. Dagegen nie gezeigt hat RTS Bilder von der Zerstörung Vukovars, der Einnahme von Knin, der ethnischen Säuberungen in der Krajina, Ostslawonien und Bosnien, von der 1250 Tage dauernden Belagerung Sarajewos mit 11 000 Toten, von den Flüchtlingsströmen der Krajina-Serben, die nicht nach Belgrad gelassen, sondern in den Kosovo abgeschoben wurden, von der Ermordung der 8000 Bosniaken aus Srebrenica, von der hungernden und frierenden Bevölkerung in Serbien während der Stromabschaltungen in den kalten Wintern 1993 und 94, von den Streiks der zwangsbeurlaubten Arbeiter von Kragujevac, von den Blockadebauern der Wojwodina, von den rund 300 000 jungen Serben, die lieber  überallhin in die Welt emigrierten, als sich in den Krieg schicken zu lassen, meistens die Elite, von den Mafiastrukturen der Geldwechsler und Nachtclubbesitzer, der Benzin-, Zigaretten- und Autoschmuggler, von den Zehntausenden traumatisierten Kriegsteilnehmern und Invaliden, die der Staat in ihrem Elend allein ließ, von den trauernden Eltern, deren Söhne in den Kriegen verheizt wurden - kein Bild, kein Wort. Wenn das Elend der eigenen Bevölkerung vorkam, dann wurden die UNO-Sanktionen, die „Westmächte“ die NATO,  die BRD („das 4. Reich“ in der Propagandasprache von RTS), der Vatikan, die kroatischen Ustaschen, die deutschen und österreichischen Außenminister Genscher und Mock,  die „Mudschaheddin“  vulgo die „Türken“ (in der Hasssprache von RTS für Bosniaken, die Handke „Muselmanen“ nennt) dafür verantwortlich gemacht, selbstredend nie das Regime. Vuk Draskovic prägte – nach seiner reuigen Abkehr vom Nationalismus - den Begriff vom „TV-Bastille“ für das staatliche Fernsehen. In seltener Einigkeit rannte die Opposition mit zahllosen Demonstrationen und Belagerungen erfolglos gegen TV-Bastille an als die Speerspitze des künstlich erzeugten Nationalitätenhasses und der Volksverdummung. Die nicht-nationalistischen Milosevic-Gegner forderten schon lange vor Gründung des Haager Tribunals Gerichtsprozesse gegen die Schar der Schreibtischtäter und Kriegsprofiteure vom Schlage des Herrn Milanovic. So stellte etwa die Dramaturgin Borka Pavicevic ihren Theaterbetrieb aus Protest gegen Milosevic ein und gründete in einem Belgrader Hinterhof das „Zentrum für kulturelle Dekontamination“ oder demonstrierten die „Frauen in schwarz gegen den Krieg“ jeden Mittwoch um 15h am Platz der Republik in Belgrads Zentrum, wo sie von Leuten wie Milanovic beschimpft und angespuckt wurden. 

Jeder Leser des Handke-Pamphlets – so auch ich- möchte den Schriftsteller fragen, was ihn schon so lange Jahre fasziniert  an diesem verbrecherischen Regime, warum er freundschaftliche Kontakte zu dessen abscheulichsten Vertretern hegt und pflegt. Was ist es, das Sie nicht los lässt, Herr Handke? Warum fühlen Sie sich so angezogen von dem jetzt zum Glück der Vergangenheit angehörenden Unrechtsregime und seinen Handlangern? Warum gelten Ihr Mitleid und Ihr Gerechtigkeitssinn immer den falschen Leuten? Und wenn einmal die Zeit kommt- hoffentlich bald-, in der auch die letzten Milosevic-Schergen, die Karadzic- und Mladic- und Hadzic-Verstecker, die Djindzic-Mörder und Draskovic-Attentäter, die Journalisten-Entführer und -Verprügler, die orthodoxen Waffen-Segner und die Jungen-Männer-an-die-Front-Verschlepper entlarvt sein werden oder ihnen das Geld ausgeht, dann werden auch diese Frage geklärt sein.

 Könnten Sie Ihrer Kollegin Herta Müller in die Augen schauen und ihr die Hand geben (was sie wahrscheinlich nicht tun würde), wenn sie sich öffentlich entsetzt, trauert und ihren Schmerz zeigt über den Verrat von Oskar Pastior? Oder gar die Vorstellung, Herta Müller spazierte mit den Schergen des Ceaucescu-Regimes durchs schöne, arme Rumänien und schriebe ein Buch nach dem anderen darüber? Aber halt, Herta Müller ist ja ein Opfer, Handke ist ein Nutznießer. Serbien sells. Wie verräterisch Sprache doch ist!  Genau wie RTS apostrophiert Handke in seiner Milanovic-Verteidigung Blair und Clinton mehrmals als „Tony und Bill“: die Ansprache mit den Vornamen gibt eine Vertrautheit mit den Personen vor, die man dann getrost als persönliche Feinde hassen darf; gleichzeitig werden sie wegen ihrer vermeintlichen Banalität herabgewürdigt und des politischen Gewichts beraubt  - eines der typischen Kennzeichen für die menschenverachtende Sprache der Kriegsmedien, so wie der bosniakische Präsident Izetbegovic vom RTS als „Alija“- ein eindeutig moslemischer Name -  immer nur die tiefste Verachtung abbekam.

 Der serbische Schriftsteller Aleksandar Tisma hat auf meine Frage über Peter Handkes erstes
Serbien-Buch „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, Suhrkamp 1996)  weise lächelnd geantwortet: „Über Narren spricht man nicht.“ Und nachdem Handke Jahre später darauf aufmerksam gemacht worden war, dass er neben dem nationalistischen Schriftsteller Milorad Pavic, mit dem er 1995 eine Reise ins südserbische Kloster Studenica (ebd. S 76ff) unternahm, vielleicht sich auch mit dem international angesehenen Tisma sehen lassen sollte, drängte er sich bei ihm ins Haus. Tisma darüber resigniert: „Was sollte ich machen? Man hat ihn mir gebracht. Es war ein Überfall.“ Und warum hat Tisma in seinem Roman „Der Gebrauch des Menschen“  dem schrecklichsten KZ-Wärter der gesamten Literatur den Namen Handke gegeben, fragte ich ihn: „Das müssen Sie schon selbst heraus finden.“

Vielleicht wird Aleksandar Tisma auch nicht mehr umarmt. Vielleicht wurde ihm die „unbestimmte Liebesfülle“ entzogen, ist er ein „Unnützer“ geworden, so wie Thomas Bernhard in der Kleinen Zeitung am 14.8.2011 von Handke hingerichtet wird: „Thomas Bernhard ist Sand. Mit Thomas Bernhard kann man nichts bauen. Der ist Sand. Unnützer. Treibsand.“  Ein Seins-Nichts. Ein Unnützer muss beseitigt werden. Treibsand ist tödlich. So funktioniert Hass-Sprache.





Conny Hannes Meyer


Conny Hannes Meyer

abseits der wunder
Ein Gedicht
Verlag Bibliothek der Provinz

Artikel für website von Conny Hannes Meyer

Es muss etwas passiert sein, etwas Schreckliches, eine Katastrophe.  Die Welt ist zerstört und unbehaust, ein Schlachthof, die Menschen sind unmenschlich, ein Abschaum wie aus Rattenlöchern,  die Sonne ist  gefesselt, der Himmel vergittert und flirrend  von Fleischfliegen. Ein Mensch wandert durch diesen Trümmerhaufen und schleudert seinen stummen Hass gegen die verschlossenen Türen. Das hohle Tock-Tock des Einbeinsoldaten mit Krückstock schallt durch die versifften Hinterhöfe. Da kehrt einer zurück aus der Apokalypse in eine unerträgliche Gegenwart. Das große Morden ist gerade erst vorüber.  Er ist jung und voll Hass auf alles Althergebrachte. Dieses Ich ist aber keineswegs stumm, wie es von sich behauptet, sondern wortgewaltig, wortgewalttätig.

„Friedlich hinter bunten butzenscheiben
niedlichen wachsfigurengrippen
bauernkrügen steinmadonnen elfenbeinkönigen
eisernen streitkolben leiderpeitschen reiterpistolen
krummschwertern brustpanzern kettenringhemden dolchen (...)
grünspanige totschlägerorden metzgermedaillen
mordauszeichnungen mit staatswappen
die deckt kein seidenfächer zu
keine gesangsvereinsfahne
zinnerne würfelbecher damenkämme aus japan und zigeunerketten (...)
auf grünem biedermeierstuhl steht steif
die abschiedsbriefkassette
im sanften holztruhmoder weihrauchruch verrostet
und das habt ihr uns hinterlassen
zinnsoldaten und massenmord
negerpuppen und rassenhass (.)“

So sieht die Welt des Heimkehrers aus. Aber anders als der Borchardt`sche Beckmann
hadert er nicht mit der Welt und mit Gott, sondern nennt die Schuldigen beim Namen, nennt die, die in die Katastrophe geführt haben und danach nichts davon wissen wollen, nichts einsehen und nicht bereuen,  weitermachen und sondern so tun, als wäre nichts geschehen.  

Anders als Beckmann, den sogar das Wasser, in das er geht, wieder ausspuckt  (Gott will seinen Selbstmord nicht annehmen), den seine frühere Geliebte vor die Tür setzt (ein Einbeiniger ist kein Mann), wehleidig und jammernd nicht in die Gesellschaft zurück findet,  will der Rückkehrer des Gedichts einen Neuanfang mit Kehraus, setzt seine Jugend, seine Kraft und seinen Erkenntniswillen gegen die ressentimentgeladene und weinselige Nachkriegsbarbarei. Er will sein Leben in die Hand nehmen; Lehrlingsausbildung und Studium sind dem elternlosen Nobody verschlossen, er versucht sich als Bauhilfsarbeiter, Textilvertreter, Konsumneuling, Politadepte, Armeerekrut. Wegzugehen aus diesem Land, weit weg, irgendwohin auch nur eine Flucht, erkennt er trotz aller Versuchungen,  feig wie die der Alten. Er durchschaut die Scheinwelten- und Alternativen und rettet sein kleines Leben in die Phantasie, ins Kino, ins Tanz- und Rausch- und Sportvergnügen. Es wird ihm klar, dass er da überall fehl am Platz ist. 

„bleibe allein
alle lachen ich lache mit
aber ich bin nicht froh
alle singen ich singe mit
aber es klingt nicht richtig (...)
gummiwülste auf der zunge
so geh ich zurück
weiß
jetzt habe ich mich entschieden
entschieden
statt zu jammern zu handeln (...)
ab heute will ich misstrauisch sein
fragen und lernen wie nie (.)

Der Heimkehrer ist noch nicht angekommen, aber er hat ein Ziel gefunden
„eine Zeit kommt
mit kammerkonzerten wilden fragen und gebeugtsein über bücher
voll wissenwollen bildgalerien
taumelnde farben formen ernste gespräche
und das irdische paradies findet noch nicht statt (...)
und keine fahne wird aufgezogen
keine jubelhymne angestimmt aber
die dummheit wird zum todfeind erklärt und
die unwissenheit zur schande (...)
dass die asche der ermodeten verbrannten nicht schreit
und die gekreuzigten nicht immer wieder
immer wieder an das kreuz geschlagen werden
der bombenangstflut wird ein damm gesetzt
und dem schicksal ein denkmal:
hier ruht es
denn wir
wir sind an seine stelle getreten (.)

Das 57 Seiten-Gedicht ist ein langer, großer, wilder Aufschrei, Trommelwirbel, Marschgedröhn mit der tock-tock-Untermalung des Einbeinigen und der kratzenden Geige des ausgehungerten Hinterhofsängers, sich überstürzende Wort- und Bildexplosionen, eine Symphonie von Feuerwerksraketen,  Kaskaden von verräterischen Kleinbürgeraccessoirs in tollkühner Zusammenstellung – das Heinkehrer-Ich registriert alles und zertrümmert alles, voll Hass und Abscheu,  aber ohne jemals des Wunsch nach einer anderen Welt aus den Augen zu verlieren mit einem angemessenen Platz darin für sich selbst, bis er ihn gefunden glaubt – im Lernen, Kennenlernen und Nichtvergessen. Dieser Platz wird für den Rest des Lebens das Theater sein. Das ist der Ort, „wo er mitlacht und singt und alles richtig klingen wird.“

Der Entwicklungsroman ist schon lange als Genre eingeführt, ein Entwicklungsgedicht, der Werdegang eines Ich in Gedichtform ein modernes Wagnis, das C.H. Meyer gelungen ist, mit schonungsloser Offenlegung der Nachkriegs- und Wiederaufbaugesellschaft. Übertragbar aber auf jede Epoche, in der die nachstürmende Jugend etwas Neues will, ihren Platz sucht und den alten Moder zerreißt.

Wien, März 2011





Mittwoch, 16. Juni 2010

Russen im Wald

Obwohl es keinen zwingenden Zusammenhang gibt, muss ich doch vom letzten Muttertag reden, um meine Geschichte los zu werden.
Dieser 9. Mai war einer der wenigen Sonnentage im kalt-verregneten Horrormonat des Jahres
2010, der mich schon so lange und schmerzhaft von der Gartenarbeit angehalten hatte. Von den ersten Sonnenstrahlen an grub ich die feuchte Erde um, jätete Unkraut, setzte Samen und Pflanzen, hantierte mit Spaten, Rechen, Kralle und Setzholz, und gönnte mir nur kurze Pausen. Einmal richtete ich mich auf, um die sich in den Bäumen jagenden Eichkatzerl zu beobachten, ein andermal, um den hysterischen Eichelhähern in den Erlenwipfeln nach zu blicken, und am Teichrand sah ich eine Taube Wasser trinken. Auf meinem einsam gelegenen, rund herum vollkommen zugewachsenen Waldgrundstück ist kaum jemals ein menschlicher Laut zu hören, ausgenommen vielleicht samstags die Geräusche eines nervtötenden Rasenmäherterroristen, eines kreischendes Mopeds oder eines notorischen Kläffers von unten aus der Hinterbrühl herauf. Tief in meine Gärtnerarbeit versunken, das irische Volkslied „Down by the Sally gardens“ aus der letzten Chorprobe als Ohrwurm im Kopf – 3 Strophen sollen wir auswendig können für unser 1. Konzert –dringen da am frühen Nachmittag Frauenstimmen in mein Bewusstsein, so laut und so nahe, als würden sie sich in meinem Garten befinden, ich bin irritiert, das hat es noch nie gegeben, so eine eklatante Ruhestörung. Erst versuchte ich sie zu ignorieren. Aber allmählich schwoll der Redestrom jenseits des Waldes so an, dass ich aus meiner „Sally-gardens“-Meditation… „my love and I did meet“ aufgeschreckt wurde. Das machte mich neugierig auf die Stimmenquelle. Ich ging näher an den Zaun heran, hinter dessen Grünstreifen eine Wiese liegt, eigentlich nur eine verwilderte Weinriede mit einer Bank am oberen Rand, wie ich von meinen Spaziergängen wusste, eine Wienerwald-Idylle.
Da der Frühling in diesem Jahr spät gekommen war, hatten Bäume und Unterholz erst spärliche Blätter angesetzt. Das durchsichtige Grün der Ahorne, Akazien und Goldregenbüsche erlaubte mir eine gute Aussicht auf die Wiesenbank. Keine 10 Meter von mir entfernt entdeckte ich zwei Frauen: die alte in einem geblümten Kleid saß still auf der Bank, die andere, vielleicht 40jährige, sehr dicke in prallem T-Shirt und Leggings, lief aufgeregt vor ihr auf und ab und redete dabei auf die Sitzende ein. Was sage ich, sie schrie in Überlautstärke, sodass ich deutlich verstehen konnte, dass sie sich auf Russisch unterhielten. Was heißt unterhielten! Ein handfester Streit zwischen Mutter und Tochter, brach die Junge doch mit jedem Atemzug in ein „Maam“ aus, sie schrie es, kreischte, drohte, bellte und flüsterte dieses „Maam“ in ihre Sätze hinein und drosch damit auf ihre Mutter ein wie auf einen punching ball. Ich kauerte in den Büschen auf meiner Seite des Wäldchens und hatte Gänsehaut am warmen Nachmittag. Ging es doch um nicht mehr oder weniger als um Sein oder nicht –Sein, wer sein, wo sein, was sein, um Hierbleiben oder Auswandern, um Leben und Überleben. Es war eindeutig, die beiden Frauen sprachen russisch, waren Russinnen, Moskauerinnen, jüdische Russinnen, offenbar seit einiger Zeit Asylwerberinnen in Österreich; die Mutter wollte weiter nach Israel auswandern, die Tochter in Österreich bleiben und um ihr Asyl kämpfen. Aber welche Geschütze wurden da aufgefahren, welches Ringen! Die ganze Palette des jüdisch-sowjetisch-russischen Diskurses rollten sie vor mir auf, durch den Wald und durch die Büsche, als Speerspitze immer das gleiche trompetenartige „Maam“ und in Variationen das leisere, flehende „Zhenja-Zhenka-Liebling-Täubchen-Töchterchen“ von der Bank her.


Maam, um Gottes Willen, was willst du in Israel? Was sollen wir dort?
Zhenja-Täubchen, da leben wir unter unseren Vorfahren, wir kommen in unsere Heimat zurück.
Maam, was hast du denn mit denn immer mit den Vorfahren? Deine Vorfahren sind aus Weisrussland, aus dem Städtl, und die von Pap aus Odessa. Und kommen tun die überhaupt nicht mehr von irgendwo, weil sie in Auschwitz und Treblinka geblieben sind. Maam, und du, du und deine Familie überhaupt, ihr seid aus Taschkent, Maam, ihr habt wahrscheinlich mehr usbekisches als jüdisches Blut in euch!
Die Mutter sackt wortlos in sich zusammen, als hätte sie einen Stoß vor die Brust bekommen. Ich habe Mitleid mit der alten Frau, die sich jetzt ihr zerknülltes Taschentuch an die Augen drückt. Ich verstehe, dass die Eltern im Krieg mit ihren Betrieben in diese zentralasiatische Republik evakuiert worden waren und erst nach der Wende nach Moskau zurückkehren konnten. Die Tochter, unbeeindruckt vom Zustand der Mutter, setzt ihre Argumentation fürs Hierbleiben unvermindert fort. Im Gegenteil, sie wird noch lauter, heftiger, wütender, je mehr sich die Mutter unter ihren Worten windet. Obwohl ich mit allen Pros und Contras in der russischen Debatte übers Auswandern oder Dableiben seit langem vertraut bin, ist mir meine Position als Horcher – nicht am Schlüsselloch, nicht an der Wand, sondern im Wald furchtbar peinlich. Aber sie sind so laut, dass ich mich ohnedies nirgendwohin retten könnte. So breiten sie- vermeintlich allein - immer mehr Intimitäten vor mir aus. Haben sie sich doch sicher auf dieses einsame Waldplätzchen zurückgezogen, um sich endlich einmal und vielleicht endgültig aussprechen zu können, was ihnen auf dem Herzen lastet und in der Seele brennt.
Zhenka-Liebling, du bist so hart, ich vertrag das nicht. Sei nicht so streng mit mir, ich bitte dich, das geht an mein Herz.
Maam, ausgerechnet du willst nach Israel, Maam, das ist lächerlich. Du hast dir nie etwas aus dem Judentum gemacht, du weißt nicht einmal viel darüber, und das Wenige hast du immer abgelehnt, wie die Feiertage oder die Essensgebote. Du wolltest immer nur eine gute, unauffällige Sowjetbürgerin sein. Maam, du und Pap habt mich auch so erzogen. Ich habe keine Lust auf dieses komische Land, das ist dort der reinste Orient und noch dazu dauernd im Krieg. Ich will in Europa bleiben. Wenn wir irgendetwas sind, dann sind wir Russen und somit Europäer. Ich will frei reisen können und nur normal leben wie jeder andere Europäer auch. Ich habe diese ewige Sonderstellung so satt, immer das Anderssein, das Ausgeschlossensein, das wer Besonderer sein, so oder so, besser oder schlechter, von der einen oder der anderen Seite aussortiert zu werden. Maam, du kennst das ja auch, hast du es vergessen? Maam, ich flehe dich an, hör auf mit diesem Unsinn von Israel zu träumen, das ist dumm, kindisch, du hast deine fünf Sinne nicht mehr zusammen, Maam, Maam, hör auf mich!

Das kam jetzt mehr wie ein Schnauben denn als eine familiäre Anrede. Und obwohl sich Zhenka wie ein Berg vor ihrer Mutter aufbaute und auf die kleine, gekrümmte Gestalt herunterredete, machte diese doch immer wieder einen tapferen Versuch, ihre Tochter zu überzeugen. Sicher hatten sie seit Jahren schon alle Für und Wider durchgekaut, aber jetzt stand vielleicht eine Entscheidung an, war meine Vermutung. Vielleicht ist wieder ein negativer Asylbescheid herein geflattert und es musste ein Beschluss gefasst werden. Ich wollte doch langsam auf meine unsichtbare Zeugenschaft aufmerksam machen und räusperte mich, damit sie mit ihren Geheimnissen etwas vorsichtiger umgingen. Aber die beiden Frauen waren zu sehr mit sich beschäftigt, die Tochter so laut und wütend, die Mutter so sorgenvoll und verzweifelt, dass sie meine Anwesenheit im Waldstreifen nicht bemerkten. Außerdem wähnten sie sich offensichtlich an diesem Ort in der Waldeinsamkeit absolut sicher, darum hätten sie ihn ja wohl aufgesucht, dachte ich hier auf meiner Seite des Zaunes. Von ihrer Seite sah der Wald ja nur wie eine grüne Wand aus, Garten, Teich, Hütte, Mensch blieben für sie unsichtbar.
Maam, trompetete jetzt wieder Zhenja, hör auf Maam, Maam, du willst noch immer nicht die Augen aufmachen und die Ohren. Schau dich um, wo du bist, Maam! Hast du vergessen, was uns Tanja und Anatolij geschrieben haben, wie es ihnen ergangen ist nach ihrer Ausreise nach Israel, in ihr Traumland? Zuerst Lager, Lager, nichts als Lager in der Wüste, dann eine Schuhschachtelwohnung an der Mauer, wo die Palästinenser jeden Tag Raketen herüber schießen, wie verloren sie sich fühlen und Heimweh nach Russland haben, wie schwer es ihnen fällt, hebräisch zu lernen in ihrem Alter, von einer winzigen Staatshilfe leben, ein Gnadenbrot für die armen Einwanderer, und mit rassistischen Russen müssen sie zusammen leben, auf der Straße fürchten sie sich, im Bus haben sie Todesangst und in die Geschäfte trauen sie sich kaum, für Restaurants haben sie eh kein Geld. So sieht der Albtraum vom gelobten Land aus, so und nicht anders, Maam. Willst du das auch, Maam, ja willst du das? Ich nicht, ich gehe dort nicht hin, um keinen Preis der Welt.
Zhenka, Töchterchen, ich weiß, ich weiß, aber hier sind wir im Land von Hitler und der Massenmörder, im Land der Täter, und da sind noch immer alle Nazi, da sind der Gajdar und der Schtrachow –
Maam, du bringst alles durcheinander, wie oft habe ich dir schon gesagt, du bist jetzt in Avstrija, das sind andere hier, der Gajdar war Jelzins erster Ministerpräsident, selbst ein Jude, und er hats nicht einmal gewusst, bis ihn unsere guten Russen liquidiert haben mit ihren antisemitischen Argumenten.
Zhenja-Täubchen, versteh mich, das hört doch nie auf hier.
Maam, du hast eine Paranoia, immer schon gehabt, genauso wie Paap. Immer waren überall die Verräter, die Feinde, die Gegner hören immer mit, ihr habt mir damit das Leben vergällt und vergiftet, halb irre gemacht. Ich will endlich normal leben, leben ohne Feinde, verstehst du das?
Zhenja, du wirst hier immer Feinde haben.
Maam, warum soll ich Feinde haben, Maam, ich brauche keine Feinde, hier brauchen wir keine Feinde, weil sie wir nicht brauchen, verstehst du? Ich halte das nicht mehr aus, ihr mit eurer Paranoia habt mir mein ganzen Leben verdorben, immer schon, früher in der Sowjetunion waren es die Verräter und Volksfeinde, dann die Kapitalisten und Demokraten, jetzt sind es die Antisemiten aller Länder.
Zhenjenka, hast du vergessen, dass du als Jüdin nicht dein Wunschstudium wählen durftest, du wärst doch so gerne Philologin geworden…
Ja, Maam, du hast recht, sie haben mich zum Chemiestudium gezwungen, aber damit bin ich letzten Endes gut gefahren, habe ein Job, bin nicht brotlos geblieben wie du und Paap, ich habe damit die ganze Familie ernährt und werde auch hier eine Arbeit finden.
Liebchen, aber du wirst hier immer die Ausländerin und Jüdin bleiben, in Israel wären wir unter uns…
Eine Explosion aus breiter Brust und tiefem Bauch erfüllt den Frühlingswald und die Wiese:
Maam! Unter uns?! Was hast du gemeinsam mit den Juden, nie hattest du etwas damit auf dem Hut, du hast mich nicht so erzogen, du hast dich nie an irgendwelche jüdische Regeln
und Gesetze gehalten, du warst nie eine Jüdin, du hast mir nichts davon erzählt, ihr wart nur brave Sowjetbürger, Maam, pass auf, was du sagst, das ist so dumm. Deine Schwestern sind Mascha und Galina, dein Bruder ist Mischa und mein Vater ist Ivan, wir haben kein einziges Salomonowitsch der Avramowitsch im Vatersnamen.
Zehnka, schau dir doch die Situation realistisch an, man will uns hier nicht, wir werden nie ein Asyl bekommen, sie haben uns doch schon dreimal geschrieben, dass es für uns hier keinen Asylgrund gibt, weil wir in Russland nicht verfolgt werden, sie werden uns sicher bald abschieben, wenn wir nicht schnell nach Israel gehen, freiwillig.
Maam, wer unrealistisch ist, das bist du! Dass ich nicht lache, die wollen uns in Israel? Der Rassist Libermann will uns als Stimmvieh, ja der will uns, aber sonst niemand, und die
Armee will die Jungen, ja die auch, als Kanonenfutter und damit sie noch mehr Araber umbringen können….
Zhenka-Täubchen, du versündigst dich, flehte die Mutter, du wirst dort eine gute Arbeit bekommen, in einem modernen Labor arbeiten, du bist gut ausgebildet, Experten können sie immer brauchen, wir werden einen Pass bekommen und reisen können, die Welt anschauen, nach Russland auf Besuch fahren, in die USA…
Maam, hör zu, unterbrach sie die Tochter, ich brauche keine USA und auch kein Moskau mehr, ich will in Europa bleiben, das ist unsere Kultur, überall sonst sind wir fremd, punktum. Ich will nicht nach Asien, in den Orient, wir gehören dort nicht hin und wenn wir zehnmal Juden sind. Du hattest schon einmal einen jüdischen Pass, den roten sowjetischen mit dem Jot in der 5. Zeile (Jewrej = russ. Jude in der Zeile für Nationalität, V.S.) Hast du das vergessen? Irgendwann werden wir einen europäischen Pass haben und wie normale Menschen leben. Unser Platz ist hier, hier, hier!
Und dabei stampfte sie mit dem Fuß so fest auf die Erde, dass die Mutter auf der Bank ängstlich ihre Arme vor der Brust verschränkte, als fürchte sie Schläge.
Maam, die Leute von der Gemeinde werden uns helfen mit den Österreichern, sie werden einen Weg finden, dass wir dableiben können. Es sind nicht alle für die Ausreise nach Israel, du wirst schon sehen, vertrau mir, ich mache alles, aber du musst es auch wollen, wir müssen an einem Strang ziehen, sonst sitzen wir bald in der Wüste Negev oder im Bunker unter palästinensischen Raketen. Da hätten wir ja gleich nach Grosny gehen können.

Das Streitgespräch dauerte nun schon an die zwei Stunden, es drehte sich immer schneller im Kreis, ich glaubte, genügend gehört zu haben, um die Lage zu durchschauen; jetzt war wieder die Sicherheit dran, und die Mutter verbiss sich wieder in ihre Nazi-Angst vor den Österreichern, ihren Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit.
Steht ja alles in den Zeitungen, Zhenka, das kann man doch jeden Tag lesen hier.
Alles schmetterte die Tochter jedoch ab mit dem Kriegszustand im Nahen Osten.
Maam, in Israel kommst du nicht einmal aus dem Bus lebendig heraus, ist dir das lieber als ein paar dumme Bemerkungen oder schiefe Blicke, ja, ist dir das lieber, Maam?
Die Mutter hatte keine Chance gegen die Übermacht der Tochter, nicht nur argumentativ, sie war jung, kräftig, gebildet, kämpferisch und willensstark, sie würde sich und ihre Pläne durchsetzen, vermutete ich. Außerdem sollte ich wieder an meine Arbeit gehen, Wolken waren inzwischen aufgezogen, bald würde es wieder Regen geben in diesem schrecklichen Mai, und ich hatte doch noch so viele Pflanzen zu versorgen. Da mein Räuspern und Husten nichts gefruchtet hatten, verfiel ich auf den Gedanken, mich mit einem russischen Kinderreim bemerkbar zu machen. Mit diesem lernen Russisch-Anfänger in der1. Lektion das schwierige harte y und das stimmlose sch auszusprechen.
TYSCHE MYSCHE, KOT NA KRYSCHE! (Stille Mäuschen, die Katze ist auf dem Dach!)
Ohne viel nachzudenken fand ich das eine unschuldige und sogar recht witzige Idee. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und legte sie in die Stimme, als ich hoch aufgerichtet und lautstrak in den Wald jenseits des Zaunes hinein rief: Tysche mysche, kot na krysche!
Da geschah etwas völlig Unerwartetes: Wie vom Blitz getroffen, sackte die alte Frau auf der Bank in sich zusammen und kippte zur Seite. Ich glaubte sogar, einen Seufzer gehört zu haben. Dieses Unglück, hatte sie doch mit ihrer Sowjetparanoia recht behalten haben?
Die Tochter sprang wie ein wildes Tier links und rechts von der Bank hin und her, schaute unter und hinter sie, riss ihren Kopf zum oberen und seitlichen Waldrand (meinen, aus dem die Stimme gekommen war) hin und drehte sich dann wieder ins Tal, zur Wiese, die völlig frei und offen vor ihr lag, keine Menschenseele weit und breit, nur die sonnige Frühlingswiese und seitlich die hellgrünen Weinrieden, die die ersten Triebe angesetzt hatten, ganz durchsichtig lagen sie da in ihren schönen Reihen den Hügel hinunter. Jetzt zerrte sie ihre Mutter von der Bank hoch, nahm sie am Arm und zerrte sie den leichten Abhang hinunter, sich immer wieder nach allen Seiten umwendend und wie rasend den Kopf schüttelnd. Sie verstand die Welt nicht mehr. Sollte die Mutter wirklich das bessere Gefühl haben für dieses Land, in dem sogar noch im unschuldigsten Frühlingswald und zwischen den jungen Weinstöcken russische Spione sitzen, die sie, die Auswanderer, belauschten? Großer Gott, welche schreckliche Welt!
Jetzt verschwanden die beiden Frauen, den Hang hinunter stolpernd, aus meinem Blick, Zhenja zog die ihre Mutter mehr hinter sich her, wie diese sich kaum auf den Beinen halten konnte. Und ich stand da zwischen meinen Salatpflanzen, Bohnenstangen und Rosenbüschen mit rasendem Herz, es sprang mir fast aus der Brust und mir wurde heiß. Erst im Schock über die Reaktion der Frauen schoss mir die zweite Bedeutung des Kindersprüchleins für gelernte Sowjetbürger in den Sinn, dass mit diesem „Tysche mysche“- den Finger am Mund – eine wichtige Warnung gemeint war, in der Stalinzeit und auch noch später, dass man nicht sprechen dürfe, weil jemand mithören könnte, in der Wohnung, am Korridor, in der Metro, überall. Welche Panik muss ich bei diesen Frauen ausgelöst haben, dachte ich reuevoll und beschämt, und: wie mag wohl ihre Entscheidung ausgefallen sein? Diese Frage beschäftigte mich nun mehr als die weiteren Textzeilen der Sally gardens.



Wien bei Gießhübl, 9. Mai 2010