Mittwoch, 28. Oktober 2015

Das Pack


Kurt konnte nur am Sonntag schreiben. Die anderen sechs Tage der Woche arbeitete er im Herrenmoden-Geschäft seines verstorbenen Onkels. Allzu ernst nahm er sein Schreiben nicht; es war im Grunde nicht mehr als eine Beschäftigungstherapie, die ihm der Arzt wegen seiner angeschlagenen Nerven empfohlen hatte. Er litt an Schlafstörungen, weigerte sich aber, Medikamente zu nehmen. Das Schreiben lag ihm noch am ehesten, im Gegensatz zu Zeichnen, Porzellanmalerei, Origami oder Ikebana, was der Doktor auch noch vorgeschlagen hatte. Immerhin hatte Kurt bis zum Antritt der Onkel-Erbschaft in einem Sachverlag für Ornithologie gearbeitet, wenn auch nur als Buchhalter.

Der Sonntag Mitte Juli war ein heißer Tag. Kurt saß im Unterhemd an seinem Schreibtisch, die Fenster waren geschlossen, die Jalousien halb heruntergelassen. Vor ihm lagen mehrere Schulhefte, die zwanzig Bleistifte parallel ausgerichtet, Radiergummis in verschiedenen Größen und Farben, Spitzer, Büroklammern, Klebstoff und ein Stoß mit einzelnen A4- Blättern, haargenau gestapelt an der rechten, oberen Ecke des Tisches. Er hatte immer schon die Gewohnheit, auch im Verlag, alles vorzuschreiben. Erst wenn er zufrieden war, übertrug er das Geschriebene in ein Heft. Die verworfenen Zettel verbrannte er sofort im Waschbecken der Küche, damit er es sich nicht anders überlegte und zu tüfteln anfing. Dieses an Sonntagen wiederkehrende Vorgehen beruhigte ihn und gab ihm eine gewisse Sicherheit, dass er mit seiner Schreibtherapie Fortschritte machte. Es war seine Form der Kontingenz, mit der Welt in Verbindung zu stehen. Zwei Vogel-Geschichten hatte ihm sein alter Verlag schon abgenommen.

Er war nun etwa dreißig Minuten an seinem Tisch vor den leeren Blättern gesessen, konzentriert und gerade lange genug, um die Ahnung einer Idee für einen Ansatz zu finden, den er heute bearbeiten wollte: „ Die Zugvögel am Schwarzenbach vor dem Aufbruch“, da hörte er die Männer kommen, vier oder fünf. Es war früher Nachmittag. Unter lautem Reden und Lachen bogen sie von der Schwarzenbachstraße mit dem Katzenkopflaster auf den kleinen, asphaltierten Platz der Reihenhaussiedlung ein. Wie das klang, mussten zwei von ihnen genagelte Schuhe anhaben.

Hei Börni, heute bist du dran.
Los, Walter, immer drauf.
Nein, ich will heute nicht ins Tor, soll doch der Karli.
Oida, kannst dich gleich wieder schleichen, wenn du nicht, du A….
Ok, geh ich halt ins Tor.
Maarioo, hier rüber, mach schon, du oida Beidl!

Wumm, plopp, wumm, plopp - schon krachten die Schüsse in unregelmäßigem Stakkato an des metallene Garagentor, das die Männer als Goal benutzen. Der ganze Platz hallte wider, die in einem Halbrund stehenden, zweigeschoßigen Häuser warfen die Geräusche einander zu und vervielfältigen den Lärm zu Dauerexplosionen. Tore schießen, das machten sie die ersten 30 Minuten immer als Aufwärmübung. Vergeblich hoffte Kurt, dass es nachlassen würde. Er kaute hinten an seinem Faber&Faber- Bleistift Nr. 5, extra hart, und nahm sich zusammen, nicht aufzustehen und beim Fenster hinauszuschauen. Das Gebrüll ging weiter, aber er musste das Treiben auf dem Vorplatz nicht mit eigenen Augen sehen, er hörte alles und hätte ihr Spiel so gut kommentieren können wie der legendäre blinde Sportreporter Stanley Howell von den Chicago Dodgers.
Die Schlacht tobte keine 20 Meter von seinen Fenstern entfernt. Sie schrien, grölten, beschimpften und beleidigten einander auf das Unflätigste, wie es echte Sportsfreunde nie gemacht hätten. Aber das war nur Kurts Vermutung, da er seit dem Zwang in der Schule nie freiwillig Sport betrieben hatte.

Wumm, wumm, plopp, plopp, die Treffer knallten ans Garagentor, das auch noch dumpf nachhallte wie eine schlecht gestimmte Glocke. Sie lachten und grölten und feuerten einander an. Sie sprangen herum wie Ziegenböcke ohne Ziel und Spielregeln, sie achteten absichtlich nicht aufeinander, sie tobten mit angezogenen Knien und ruderten mit den Armen in der Luft. Kurt hatte den Eindruck, dass sie gar nicht zusammenspielen wollten, sondern nur Krach schlagen, andere Leute ärgern und Spaß daran haben.
Er meinte, trotz der geschlossenen Fenster, die Schallwellen in seinem Zimmer zu spüren, wenn das Metalltor unter den Balltreffern in Schwingung kam. Aber er hatte ja angeschlagene Nerven, sagte sein Arzt, und sollte sie mit dem Schreiben beruhigen.

„Verdammt, diese blöden Blumen stören mächtig. Ich hab keinen guten Blick aufs Goal. Reiß sie aus.“ Kurt fuhr zusammen, als hätten die Worte ihm gegolten. Erst vor wenigen Wochen hatte er links und rechts von der Garage einige Reihen mit Stiefmütterchen, Lobelien und Hortensien gepflanzt. Eigentlich nur verpflanzt. Denn eines Sonntags an seinem Schreibtisch am Fenster war ihm aufgefallen, dass sie im Schatten der Garage, zwischen den Colonia-Kübeln nicht die geringste Chance zum Überleben hatten. Da kam kein Sonnenstrahl hin, zu keiner Zeit des Tages. Der Hausmeister war ein Faulpelz und Säufer, der nur im Schwarzenbachstüberl herumhing und sich um nichts kümmerte. Außerdem hoffte Kurt, dass durch die höheren Hortensien das fleckige Rosttor bald nicht mehr zu sehen sein würde. Pflanzen, das war eigentlich gar nicht sein Gebiet, wenn überhaupt Natur, dann waren es bei ihm die Vögel. Sie sind unter allen Tieren die unschuldigsten, harmlosesten, die, die keinen Schaden anrichteten, fand er. Auch ihr Fliegen und Flöten gefiel ihm, und am Steyrer Schwarzenbach gab es viele Arten. Aber seit er diesen Schritt gemacht hatte, waren die mickrigen Blümchen und Büsche die Seinen, er pflegte sie und schaute von seinem Fenster mit Wohlgefallen auf sie hinüber, wie sie sich an der sonnigen Vorderseite der Garage zu erholen begannen.

Torwart Börni, der mit den zu langen Sporthosen und dem zu großem Bauch darüber, war im Blumenbeet gestolpert, hatte ein Tor abgekriegt und viele Hohnworte von seinen Kumpels geerntet. Er bekam einen Wutanfall, begann in den Pflanzen zu wühlen und nach ihnen zu treten; er riss die kaum angewachsenen Blumen aus der Erde und schleuderte sie nach allen Seiten.
„Verdammte Scheißblumen, blöde.“
„Gib a Ruh, Börni, reg dich nicht auf, wir machen Pause, ich hol uns was zum Trinken.“
Kurt riss sich, ohne an seinen Vorsatz zu denken, von seinen weißen Blättern los, machte das Fenster auf und rief mit ungeübter, brüchiger Stimme hinunter:
„He, Sie da, lassen Sie meine Blumen in Ruhe!“
Viel zu leise, viel zu höflich, Kurt wusste sofort, dass ihn diese Barbaren überrennen würden.
„Geh Oida, was willst du? Gehört der Platz vielleicht dir? Bist du der Hausmeister oder der Gärtner?“
Die anderen Spieler bogen sich von Lachen, johlten, schlugen sich auf die Schenkel oder einander auf den Rücken und kickten die Blumenstöcke über das Spielfeld. Wenn sie ihnen zwischen die Füße kamen, trampelten sie darauf herum wie kleine Kinder im Schlamm.
„Soll ich dir vielleicht ein Fenster einschlagen, du A…magst du das, ja?“
Mit dieser lustigen Idee erntete er wieder beifälliges Gejohle.
Der große Börni mit dem fetten, mit Sommersprossen gesprenkelten, schweißgebadeten Körper lachte grob und warf ein Stiefmütterchen die Richtung seines Fensters.

Das war ihm gegen jede Gewohnheit entfahren, weil er so zurückgezogen lebte und sich nie um anderer Leute Sachen kümmerte. Zusätzlich zum Herrenmoden-Geschäft im Zentrum der Kleinstadt Steyr hatte Kurt auch noch diese zweigeschossige Haushälfte in der Genossenschafts-Siedlung am Schwarzenbach geerbt. Er lebte darin allein im Oberstock, das Erdgeschoß hatte er bei der Gemeinde zur Vermietung an Flüchtlinge angemeldet.
Eigentlich sollten sie schon da sein, sie waren ihm für Anfang des Monats angekündigt worden, ein Mann von der Gemeinde und eine Sozialarbeiterin hatten die Zimmer besichtigt und waren zufrieden. Auch der Hobbykeller, den sie benützen durften, hatte ihr Gefallen gefunden. Fünf junge Burschen aus Eritrea und Somalia sollten hier wohnen, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, muF hieß das auf der Gemeinde. Kurt wusste nicht, warum sich ihre Ankunft verzögerte. Er wusste auch nicht so genau, ob er sich auf sie freute. Aber weil er sein Geschäft bald verkaufen und sich ganz zurückziehen wollte, hatte er sich nach etwas Neuem umgesehen. Ob das gutgehen würde? Wichtiger war ihm, dass bei ihm, je älter er wurde, das Bedürfnis wuchs, seinem Vater und Rudi etwas von ihren ungelebten Jahren zurückzugeben. Als könnten sie dann weniger tot sein. Seine Mutter hatte zwar überlebt, konnte aber diese Austreibung nie verwinden. Kurt war sich bewusst, dass das ein Teil seiner Todesfresser-Religion war, die er für sich erfunden hatte und allen anderen Religionen mit ihren Paradiesen, Seelenwanderungen und Jüngsten Tagen vorzog.

Kurt hatte sein Testament- und er hatte kein unbeträchtliches Vermögen - so geändert und beim Notar Dr. M. hinterlegt, dass alles eine Stiftung bekommen soll, die unbegleitete Flüchtlinge, junge Steyrer Arbeitslose, oder Drogenabhängige Schulabbrecher fördern würde. Da hatte er der Gemeinde ein schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Kurt kicherte vergnügt in sich hinein, wenn er an die betretenen Gesichter der Stadträte bei der Testamentseröffnung dachte, ein Mordsspaß ist das.

Er selbst hatte zu viel Glück gehabt, meinte er, nach diesem schrecklichen Anfang, nach dem Anfang mit Schrecken, und deswegen hat er sich immer geduckt, damit ihn das Leben in Ruhe ließ. Er wollte dem Leben keine Gelegenheit geben, sich an ihm zu rächen für sein Überleben. Dass er als Dreijähriger ganz oben auf den Koffern und Binkeln in dem kleinen Leiterwagen saß, an das erinnerte er sich, wie ein König zog er durch die Landschaften der Märchenbücher. Seine Mutter ging vor ihm und zog den Wagen mit der Hand, auf ihrem gebeugten Rücken trug sie noch einen Rucksack, viele andere Leute waren da, lange Reihen ohne Ende, das sah er noch ganz genau. Er fand das lustig, schrie hü-hott und fuchtelte mit einem Weidenzweig herum. Die Mutter sang immer Hopphopphopp, Pferdchen lauf gallopp, und: Hoch auf dem gelben Waahaagen, sitz ich beim Schwager vorn, Schlaf, Kurti, schlaf, was das abgebrannte Pommerland mit dem Vater zu tun hatte, hatte er nicht verstanden. Weiter, immer weiter: Aus grauer Städte Mauauern, zieh`n wir durch Wald und Feld. Gleich sind wir da, wir machen einen Ausflug zum Onkel, Vater ist auch bald wieder bei uns. Dass sie dabei weinte, konnte er nicht sehen. Mehr eigene Bilder hatte er nicht, die anderen kamen wahrscheinlich von den Erzählungen der Mutter und des Onkels, vom Todesmarsch aus Brünn nach Steyr. Angeblich hatte er einen kleinen Bruder, den Rudi, der die Austreibung aus dem Sudetenland nicht überlebte. Der Vater-Soldat die Ostfront auch nicht. Als das nach dem Krieg feststand, hatte ihn Onkel Heinrich, der reich gewordene Bruder, adoptiert. Er bekam von ihm und seiner Frau, der Tante Vroni, auch den schönen deutschen Namen Nemetz.

Die Männer da draussen waren zwischen Dreißig und Vierzig, zwei waren wirklich sehr groß und sehr dick, der rote Börni und der dunkle Walter, der jetzt , die Arme voller Bierdosen, von der Tankstelle zurückkam. Alle hatten da und dort Tätowierungen, aber Walters Körper hatte keinen Fleck ohne Bilder oder Schriften. Sogar die Glatze war bedeckt von Girlanden mit Stacheldraht, Totenköpfen und runenartigen altdeutschen Buchstaben.
Dieses Pack, der Lärm am Sonntag und nun gegen die Blumen. Seine? Ja, es waren schon seine geworden, irgendwie. Wahrscheinlich wussten sie, dass er sie gepflanzt hatte. Kurt schloss das Fenster, ließ die Jalousien ganz herunter und ging in die Küche, um sich das Gesicht kalt abzuwaschen. Dann setzte sich sich wieder an seinen Schreibtisch am Fenster, mit schwachen Knien und rasendem Herzen und steckte Hände auf den Knien aus, sie zitterten. Der Bleistift rollte kraftlos aus den Fingern und fiel zu Boden. Er hob ihn nicht auf, es war sehr heiß im Zimmer. Wenn ich ein Gewehr hätte, würde ich jetzt schießen, zog es Kurt durch den Kopf, obwohl er noch nie ein Gewehr in Händen gehalten hatte.
Jetzt hörte er, wie im Nachbarhaus ein Fenster geöffnet wurde. Kurt spannte den Rücken, das ist gut, Herr Leitner öffnete sein Fenster, er würde auf seiner Seite sein.
„Hallo, Sie da, wissen Sie nicht, dass man hier nicht Ballspielen darf? In der Einfahrt ist ein Verbotsschild, da steht es drauf. Hier leben arbeitende Menschen, die Menschen wollen schlafen! Ich hol die Polizei, gehen Sie weg.“
Herr Leitner war Nachtportier in der Lokomotiv-Fabrik und wollte am Sonntag ausschlafen.
„Na und, dann schlaf halt, marsch, ins Bett, Opa, und hol ruhig die Polizei!“
Sie kreischten und heulten und hatten einen Mordsspaß miteinander. Walter zielte mit seiner Bierdose auf Leitners Fenster, Kurt spürte, wie sie knapp an ihm vorbeiflog, einen Augenblick in der Luft hängenblieb und dann an der Mauer abprallte. Walter nahm sich eine neue Dose und spuckte zwischen seine gespreizten Beinen auf den Boden. Der rote Börni rief etwas Obszönes, wackelte mit dem Becken und griff sich zwischen die fetten Beine. Herr Leitner schüttelte den Kopf , als wollte er sagen: Na so was, und das bei uns. Das gibt’s nicht. Dann schloss er laut krachend die beiden Flügel seines Fensters zusammen und zog die Vorhänge vor die Fenster.


Kurt wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Polizei zu rufen. Er war schon auf dem Posten gewesen und hatte von der Belästigung an den Sonntagnachmittagen berichtet. Der Beamte lächelte nur süffisant und meinte: „Naja, wenn die Leute Sport betreiben wollen, soll man sie nicht aufhalten. Ist doch gesund, oder?“ Die anderen Beschwerden hatte er dem Polizisten gar nicht mehr vorgetragen, auch nicht, dass die Genossenschaft eine Verbotstafel aufgestellt hatte. Er wusste, dass der zur selben Sorte Unmensch gehörte wie die Ballspieler, nur dass er eine Uniform trug.
Das Geschrei der Fünf da unten nahm an Lautstärke zu, das Bier befeuerte offenbar ihre Stimmung. Sie saßen im Blumenbeet vor der Garage, die Beine weit ausgestreckt und prosteten sich mit den Dosen zu, legten den Kopf weit in den Nacken und tranken in vollen Zügen.

Kurt hielt es nicht mehr aus in seinem Zimmer, das Schreiben konnte er für heute vergessen. Die Bilder von den Zugvögeln, die sich auf den Telegrafendrähten zum Abflug sammelten, waren zerronnen wie Öl in einer Wasserlacke. Er zog sich ein Hemd an, schlich auf den Korridor und durch das Treppenhaus zur Hintertüre hinaus.
Dort lag ein alter Kaiserziegel, den er zum Offenhalten benützte, wenn er den Müll hinaustrug. Normalerweise schob er ihn nur mit dem Fuß hin und her, jetzt nahm er ihn auf und wog ihn in der Hand, vier, fünf Kilo wird der schon haben. Ohne ein Geräusch zu machen, gelangte er unbemerkt durch den kleinen Hinterhof, vorbei an der metallenen Wäschespinne an die Rückseite der Garage. Vorsichtig kletterte er über die Mistkübel auf das nach hinten abgeflachte Dach, legte sich auf den Bauch und atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Dann schob er sich vorsichtig an den Rand des Garagendaches, geräuschlos und millimeterweise, bis er kippte. Er hörte einen dumpfen, ordinären Aufprall und einen hässlichen Fluch.
„Verdammt, was war das? Das war sicher der Kerl da oben.“
Das war Börnis Stimme, die jaulte wie ein getretener Hund.
„Einen Arzt her“, schrie Walter und riss sein Handy aus der Hosentasche.
Auch Karli begann wie wild zu telefonieren, Mario und der fünfte Kerl kümmerten sich um die Wunde. Sie wickelten dem verletzten Börni ein T-Shirt um den Kopf, halfen ihm auf die Beine und schleppten ihn fluchend und Fäuste schüttelnd über den Platz auf die Schwarzenbachstraße. Der letzte nahm noch einen Stein vom Straßenrand und schleuderte ihn auf Kurts Haus. Er krachte gegen die geschlossene Jalousie und fiel polternd zu Boden.

Mit pochendem Herzen lag er ganz flach auf dem Garagendach und lauschte in die Stille. Gleich würden sie kommen, nichts da, sie kehrten nicht zurück. Aus der anderen Haushälfte sah er später die alte Frau Huber herauskommen, die am Abend immer ihren Hund ausführte.
Als sie verschwunden war, kroch Kurt vom Dach und schlich zurück in seine Wohnung. Minutenlang saß er reglos am Küchentisch, hörte dem Pochen des Blutes in seinen Ohren zu, bis sich seine Nerven soweit beruhigt hatten, dass er aufstehen und zum Waschbecken gehen konnte. Er spritze sich Wasser ins Gesicht, goss sich dreimal Wasser ins Glas und trank es in kleinen Schlucken. Langsam beruhigte sich auch sein Atem. Er horchte in das Treppenhaus hinaus und zum Telefon hinüber. Jetzt wird die Polizei kommen, dachte er, in fünf Minuten sind sie da, in zehn. Nichts kam. Es war lange Zeit vollkommen still, bis er die alte Frau Huber zu Herrn Leitner vor der Haustür sagen hörte: „Na, heute haben Sie die Banditen aber schön verjagt.“ Der verschlafene Leitner brummte etwas Unverständliches, und Frau Huber meinte noch, dass es am nächsten Sonntag sicher regnen würde. Ihr alter Spaniel kläffte ein paar Mal zu Herrn Leitner hinauf, der im offenen Fenster lehnte.

Immer noch hörte Kurt den dumpfen, hässlichen Aufprall des Ziegels und malte sich aus, wie er Börnis Schädeldach eingeschlagen und sein Gehirn zerquetscht hat.
Noch einmal vergingen zehn Minuten, 20, 30, das Pack kam nicht zurück, keine Polizei war zu sehen, und auch das Telefon klingelte nicht.
Die Furcht kroch in ihm hoch. Ob sie unten auf ihn warteten? Sicher war Börni schon im Spital, schwerverletzt, oder war er gar schon gestorben? Man bringt doch keinen Menschen um, nur weil er am Sonntag unter dem Fenster Fußball spielt, auch wenn einem danach zumute wäre. Kurt hielt wieder den Kopf unter das kalte Wasser und wollte sich Kaffee machen, stellte aber fest, dass er gestern vergessen hatte, welchen einzukaufen, weder Kaffee noch Milch waren im Haus. Kurt nahm eine kalte Dusche, zog sich frische Sachen an und wartete bis zum Einbruch der Dunkelheit, dann schlich er über Umwege zur Tankstelle und besorgte Milch und Kaffee. Auf dem Rückweg begegnete er der Frau Leitner, die ein paar Stunden in der Fabrikskantine putzte.
“Grässlich war das heute wieder. Mein Mann muss einmal aufbleiben und sich das anhören, er soll die Polizei holen, damit der Wirbel ein Ende hat. Der Hausmeister ist auch nie da, wenn man ihn bräuchte. Aber wir müssen ihn bezahlen, und zu Weihnachten kriegt er auch noch Mordstrinkgelder.“
„Ja, Sie haben Recht“, antwortete Kurt einsilbig; sie verabschiedeten sich vor dem Haus, und ein jeder ging in seine Hälfte.
Als er sich mit dem frischen Kaffee ins Zimmer setzen wollte, sah er, dass alle Fenster eingeschlagen waren, der Teppich mit Glasscherben übersät war und von den fünf Steinen einer in seinem Bett lag. Dieser war mit einem Stück Papier umwickelt, auf dem Kurt lesen konnte: Kein NEGERPACK in unserem Viertel! DU BIST DER NÄCHSTE! WIR KRIEGEN DICH!
Die Jalousien hingen zerfetzt in den leeren Fensterhöhlen. Kurt holte Besen und Schaufel und machte sich ans Aufräumen. Dann schaltete er das Licht aus, setzte sich im Unterhemd an den Tisch und schaute im Finstern aus dem Fenster. Deutlich konnte er die fünf Gestalten sehen, die unter der Laterne auf der Schwarzenbachstraße an der Einfahrt zum Parkplatz standen und zu seinem Haus herüber sahen.
Was wollten sie noch? Glas zum Zerschlagen gab es keines mehr. Feuer legen? Brandbomben werfen? Ihren Kumpan rächen?
Kurt war schwindelig, und er setzte sich auf das Bett: Ratlos, verwirrt und plötzlich sehr, sehr müde. Sie waren zu fünft da draußen, das hieß, dass der rote Börni nicht tot war.
Langsam stiegen Freude und Erleichterung in ihm hoch, breiteten sich bis in den Kopf aus und füllten seine Augen mit Tränen. Morgen wollte er die Blumen wieder einpflanzen.

Veronika Seyr
27.10.15



Mag. Veronika Seyr
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Zwei Fremde im Weinviertel - Bus



Am 27. August 2015 stieg der Mann in den weißen Bus mit drei grünen Rebstöcken an der Seite, bezahlte beim Fahrer 15€: „Laa- an- der- Thaya, please“, ging die Reihen entlang und wählte einen der hinteren Plätze. Den kleinen Koffer legte er ins Gepäckfach, auf den leeren Sitz neben sich stellte er die Papiertasche mit den goldenen Bögen einer großen Kette. Hinter ihm lagen viele große und kleine Städte, und seine Reise aus dem Osten in den Norden dauerte nun schon mehr als zwei Jahre. Er war an vielen Orten gestrandet, länger oder kürzer. Von Aleppo weg ein Jahr in Beirut und Istanbul, dann eine griechische Insel, in Athen ein ganzes Jahr Tellerwäscher bei Nikolas, dem Tavernenwirt, der wollte wirklich helfen, obwohl es ihm selbst gar nicht gut ging. Später kurz Skopje, Belgrad und Budapest, die ganze schreckliche Balkanroute samt ungarischem Mörderdraht, schließlich Hauptbahnhof Wien. Die Hauptstadt von Austria ist etwas größer als Aleppo einmal war. Vienna war ihm in der alten Heimat schon ein Begriff gewesen, weil er etwas von Sigmund Freud gelesen hatte. Laaanderthaya kannte er natürlich nicht, und er wiederholte dieses schwierige Wort immer wieder – sollte das vielleicht einmal seine neue Heimat werden? Er versuchte, Assoziationen zu seiner Muttersprache zu finden: La-andertaya. Er drehte das Wort um: Al-redna Ayat, das klang ja fast Arabisch, freute sich der Mann und lächelte auf den Notizzettel im Schoß hinunter: Wien-Hauptbahnhof- U1 bis Stephansplatz- U3- Landstraße-Weinviertel- Bus Laa- an- der- Thaya- Kirche- Pfarrhof-Seniorenheim-Caritas. Hau -ptb- ahnhof, das ging gar nicht – ptb, das war unmöglich auszusprechen, genauso wie das -ldv- und das -pf-, für ihn waren das keine erkennbaren Laute und seine Sprechwerkzeuge sträubten sich dagegen wie gegen eine tote Maus. Am Hauptbahnhof hatte eine junge Frau mit Kopftuch, eine „helping hand“- so stand es in mehreren Sprachen auf dem Klebeschild ihrer grünen Weste - schon ein bisschen mit ihm geübt. Die offizielle Zuweisung der Caritas an das „Seniorenheim“ trug er tief in der linken Innentasche des neuen Sakkos, dort, wo er auch das Foto seiner Frau und der zwei Töchter aufbewahrte. Kein aktuelles Foto, weil seine ältere Tochter schon früher aus Aleppo weggegangen war.

Der Syrer, ein Mann von etwa 50 Jahren, mittelgroß und hager, mit Hornbrille, blauen Augen und Halbglatze, ist auf seinen vielen Stationen seit Aleppo ein geduldiger Reisender geworden. Es war überhaupt seine erste Reise außerhalb Syriens, sogar in der Hauptstadt Damaskus ist er nur einmal gewesen. Und auch diese Reise hätte er nicht angetreten, wenn ihn der Krieg nicht dazu gezwungen hätte. Davor war es ihm und seiner Familie gut gegangen in Aleppo, seiner Frau Rikhiel und den beiden Töchtern Daliah und Myrnah. Schweiß trat auf seine Stirn, als ihn die Erinnerungen ohne Schutz überfielen. Er stöhnte lautlos, senkte den Kopf tief über die Knie und rieb sich die Schläfen, um die Bilder zu vertreiben. Es war nicht heiß im Bus, aber er zog das Jackett aus und hängte es über die Rückenlehne. Die schwarze Hose war ihm viel zu weit und zu lang, er zupfte immer wieder vorsorglich die scharfe Bügelfalte hoch, wenn er seine Beinstellung änderte. Es war ein feiner, glatter, angenehm kühler Stoff. Mit einem weißen, zusammengefalteten Stofftaschentuch wischte er über die Oberschenkel, als ob er unsichtbare Tabakkrümel, Asche oder Staub beseitigen wollte. Er nestelte mit leichten Gesten an der Hemdbrust und klopfte mit so beweglichen Fingern auf den Knien herum, als hätte er sein Leben am Klavier verbracht. Aber er war kein Pianist, sondern nur Masseur, ein Handaufleger und Wunderheiler. In Aleppo hatte er einen gutenten Ruf genossen, er galt als ein Meister, als Künstler, manche sagten sogar Magier, seine Praxis war überlaufen, sogar Ausländer kamen zu ihm und die Herren und Damen des innersten Machtzirkels der Stadt durfte er von ihren Leiden erlösen.
Er saß allein in seiner Reihe mit den blau-rot-gemusterten Sitzen, mit einer Fußstütze, einem aufklappbaren Tischchen und einem Netz an der Rückseite des vorderen Sitzes, ein Luxus, wie er ihn noch in keinem Bus erlebt hatte. Die ehemaligen Aschenbecher in den Stuhllehnen waren verklebt. Aha, es hatte auch hier andere Zeiten für Raucher gegeben. Aus den Lautsprechern drang leise Musik, vielleicht klang so Wiener Walzer. Ihm gefiel es, und es überkam ihn kurz ein behagliches Gefühl. So ging also Reisen, so sollte es immer sein.

Die Kleidersachen hatte er heute am Morgen am Hauptbahnhof bekommen. „Train of Hope“ (ToH) nannten die Leute ihre Hilfsaktion. Er kam so früh aus der Caritas-Notunterkunft zum ToH, dass die Schlange vor dem Zelt mit Männerbekleidung noch relativ kurz war. Er staunte, so vieles war da, häufte sich in Stößen und Schachteln und quollen aus den Regalen, von allem genug und in großer Auswahl, vor allem jugendliche Sportbekleidung, Anoraks, Schuhzeug, Wäsche, Mützen, Rucksäcke und Taschen aller Art. Als erstes hatte er seinen Plastiksack von Billa-Budapest gegen einen kleinen, aber seriösen Koffer eingetauscht. Es entsprach ihm, David Al-Bahri, dem Juden aus Aleppo, dass er sich für diesen altmodischen Anzug entschied, dazu ein blass-blaugestreiftes Hemd und eine orientalisch gemusterte Seidenkrawatte. Wahrscheinlich war sie an allem Schuld, erinnerte sie ihn doch Ornamente der Umayyaden-Moschee, oder waren es die Stoffe im Basar oder ein Mosaikfries der frühbyzantinischen Helena- Kathedrale von Aleppo? In seinem Leben hatte er so etwas noch nicht getragen, aber ihm kamen diese fremden Kleidungsstücke auf geheimnisvolle Weise vertraut vor. Irgendwann, irgendwo wollte er jemanden fragen, was die in die Krägen und Stulpen eingenähten Bändchen "KNIZE" bedeuteten. Dem Anzug entsprechendes Schuhzeug hatte er im Gedränge nicht finden können. Deswegen trug er jetzt schwarz-weiße, etwas zu große Sportschuhe an den Füßen mit dem eigenartig arabisch klingenden Namen Adi-das. Er genierte sich, wenn er an seinen Beinen hinuntersah, wie sich die weiten Hosenröhren in mehreren Lagen über den Turnschuhen wölbten. Er war in löchrigen Straßenschuhen und mit abgelaufenen Badeschlapfen in Wien angekommen, lächerlich, wofür sollte er sich noch schämen.

Im spärlich besetzten Weinviertel-Bus merkt niemand, wie er zu kämpfen hat, dass er nicht rauchen darf, wie ihm der Schweiß auf dem Gesicht steht und über Hals und Nacken läuft. Er öffnet das Hemd und wischt mit dem Taschentuch über die Brust, nimmt die Seidenkrawatte ab, kaut an einem Zündholz und schiebt es mit der Zunge ständig von einem Mundwinkel in den anderen. Für einen starken Raucher wie ihn war das Rauchverbot eine Qual, noch eine zu den vielen der Flucht. Aber David Al-Bahri ist ein geduldiger Fahrgast. Und ein aufmerksamer. Als sie aus der Stadt heraus waren, stiegen immer wieder Menschen vorne ein und hinten aus, sehr diszipliniert, langsam und immer in Reih und Glied, fast alle Passagiere waren älter als er, alt oder sehr alt, aber rosig und gut gelaunt. Wo war die Jugend dieses Landes, wunderte er sich. Zwei Frauen in der Reihe vor ihm hatten bunte Taschen mit Einkäufen bei sich, redeten laut, lachten und schwatzten wie Junge, offenbar miteinander vertraut, obwohl sie an verschiedenen Stationen eingestiegen waren. Alle sprachen den Fahrer an, als wäre er ein Familienmitglied. Am rechten Vordersitz unterhielt sich ein schwerhöriger Mann lautstark und gestenreich mit sich selbst und legte immer wieder die linke Hand ans Ohr, als wollte er sich selbst zuhören. An einem Halt - er konnte die Ortstafel nicht so schnell entziffern - beobachtete er eine Szene: Der Fahrer bekam ein zwitscherndes Lautsignal, ähnlich einem Vogelruf, da er stieg aus, kam zur Mitteltür und klappte eine Plattform so exakt aus dem Boden des Busses, dass eine einzige Rollstuhlfahrerin, grotesk deformiert an Gesicht und Körper, fast ebenerdig hereinrollen konnte; sie war in Begleitung einer jungen Frau, die den Rollstuhl an dem vorgesehenen Platz in einer leeren Ecke mit einem Riemen befestigte. Gab es irgend etwas, was sie nicht vorhersahen? So viel Aufwand für eine einzige Invalide. Nach nur zwei Stationen stiegen sie genauso wieder aus.
An einem anderen Ort – Ober- oder Unter-Hollabrunn? schwang sich ein lauter Schwarm von bunten Teenagern in den Bus, Schüler und Schülerinnen mit Rucksäcken. Sie besetzten die hinterste Sitzreihe und wälzten sich so hungrig und durstig über ihre elektronischen Geräte, als seien sie gerade mit dem letzten Wasserschluck der Wüste entkommen. In einem größeren Ort mit zwei Kirchtürmen stiegen sie genauso lärmend wieder aus.
    1. Ein junger Mann, wahrscheinlich noch keine 25, mit einem nagelneuen Seesack über der Schulter an Bord stieg zu. Der schaute sich suchend um, ging in den hinteren Teil des Busses und setzte sich genau hinter David. Die lächelnden Augen in dem jungenhaften, rotbackigen Gesicht grüßten ihn bei Vorbeigehen stumm, und David nickte zurück. Als sich der junge Mann auf seinem Platz eingerichtet hatte, griff David neben sich und wandte sich mit dem geöffneten Sack nach hinten. „Please, take some“. Der junge Mann errötete tief und sagte: “Danke, thank you, very nice, sehr freundlich. My name is August.“ „David, very pleased“

Der Junge schämte sich ein bisschen dafür, dass er nichts nichts anzubieten hatte und wurde noch röter. Aber er fuhr ja nur 85 Kilometer bis nach Hause.
Am Bahnhof hatten David ein paar freundliche Jugendliche zwei gigantische, in Stanniol verpackte Veggy-Burger, zwei Apfeltaschen, zwei Bananen und zwei Wasserflaschen „Vöslauer mild“ überreicht. Sie trugen den Proviant in großen Plastikboxen durch die Menge und lächelten jeden an. Bitte, please, bitte please und das noch in Arabisch und rund 20 östlichen Sprachen, die an den Palstik-Aufklebern ihrer Westen angeschrieben waren. David kam aus dem Staunen nicht heraus. Wer waren diese Jugendlichen, warum waren sie nicht in der Schule oder in der Arbeit? Was war das hier überhaupt, wohin war er geraten?
Bahnhofshallen und ein Vorplatz, Fahnen mit OeBB, auf einem Container eine Regenbogenfahne, über anderen Containern wehte eine mit dem Roten Kreuz und „Arbeitersameriterbund“, ein schon etwas vergilbten Transparent mit der Aufschrift „Refugees WELCOME“, daneben ein großes, weißes Zelt mit aufgedruckten Äskulap-Nattern, „First Aid“ und vielen in Arabisch geschriebenen Zetteln mit hingekritzelten Notizen und Telefonnummern, davor einfache Holzbänke, alle vollbesetzt mit Wartenden. Die meisten hatten offenbar Fußprobleme, sah er in einem schnellen Blick. David war gut davongekommen, er musste damals, vor einem Jahr, nur auf seiner ersten griechischen Insel 30 Kilometer gehen, um in die Hauptstadt Mitilini zu kommen und auf eine Fähre nach Athen gebracht zu werden. Aber er war ja schon vor einem Jahr aus Aleppo aufgebrochen und hatte in Athen bei Nikolas gearbeitet, gehofft, dass er seine Familie zumindest bis Athen nachholen könnte. Die Neuankömmlinge dieses Sommers haben es viel schwerer als er.
Auf allen seinen Stationen hatte er so etwas noch nicht erlebt. An einem Stand in dieser Bahnhofhalle hing ein Plakat mit der Aufschrift LAWYER, umringt von Zetteln in arabischen und einem Dutzend anderer asiatischer Schriftzeichen. SIKH HELP AUSTRIA in knallgelben Westen fiel ihm auf, die langbärtigen, turbanbekrönten Männer in Gelb fielen ihm auf. Sie verteilten Reis und Linsensuppe aus Hundertlitertöpfen an der Essensausgabe. Andere hatten Aufkleber auf ihren roten Helferjacken, „Legal advice“ las er. Dieser Kiosk war noch dichter belagert als die Tische bei der Essensausgabe und denen mit Hygiene-Artikeln. David bekam Rasierzeug, Zahnpaste und Bürste, alles fabriksneu verpackt, ein ebensolches Paket mit
T-Shirts und Socken. Am lautesten und engsten war es bei der Handy-Ladestation in einer Ecke beim Eingang. Jeder wollte nur seine Verbindungen herstellen, dorthin wohin sie wollten und woher sie kamen. David hatte kein Handy und kein Iphone. Als er am Stand der LAWERS an die Reihe kam, stellte sich heraus, dass er eine Erstzuweisung entweder nach Traiskirchen oder nach Laa an der Thaya bekommen könnte; er entschied sich für das unaussprechliche Laaanderthaya. Im Treck von Athen nach Wien hatte er aufgeschnappt, dass in Austria Traiskirchen zu vermeiden sei, es sei ein Lager, ein Camp. Camp klang nicht gut in Davids Ohren. Dort sei es nicht gut, und von dort komme man schwer wieder weg, lautete das Gerücht. Hinter dem Tisch der laywers saß eine ältere Frau, zu der er sagte: „Please, Laanderthaya, please.“ Sie gratulierte ihm mit einer vorgestreckten Hand, die er nicht annehmen konnte, aber sie lachte und überreichte ihm ihm ein dickes, abgenutztes rotes Buch in der Größe eines Ziegels, das Cassels-Wörterbuch – Classical Oxford Dictionary/ Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch. „It could be useful to you, maybee.“ Und lächelte. David nahm den Schatz an sich, er war glücklich, wollte er doch so schnell und so gut wie möglich die Landessprache erlernen, damit er sich selbst erhalten und seine Familie nachholen konnte. Die österreichischen lawyers erklärten ihm, wie das ging, der Arabisch-Dolmetsch, ein junger Syrer, der neben Deutsch auch noch Englisch, Kurdisch und Türkisch sprach, übersetzte so, dass er meinte, alles verstanden zu haben. Er würde in einem „Seniorenheim“ der Caritas ein Zimmer bekommen, als Pfleger und vielleicht später in seinem Beruf arbeiten dürfen, aber außer einem kleinen Taschengeld noch nichts verdienen, solange er keinen positiven Asylbescheid hatte. Dass das schnell ging, darüber hatten sie ihm keine großen Hoffnungen gemacht. Warten, Monate, vielleicht Jahre, aber für einen Juden aus Syrien wahrscheinlich mit positivem Ausgang - „ eine gute Bleibeperspektive“ hatte er. Was sie ihm in der Kürze nicht vollständig erklären konnten, war der Begriff „Seniorenresidenz, Altenheim“. Bei ihm zu Hause blieben die Alten in der Familie, wurden von allen gemeinsam gepflegt bis zum Ende. Niemand wurde in ein Heim oder eine Residenz gebracht. Wohin sollte er also kommen, was sollte er dort machen, und was war eine „Caritas“? Oh Gott, wie viel hatte er noch zu lernen. Aber David dachte an seine Wunderheilerhände, breitete sie vor sich im Schoß aus und schaute zuversichtlich auf sie herab. Hatte er seine Gabe mitnehmen können in die unbekannte Zukunft?

Der junge Mann griff in den angebotenen Sack mit dem goldenen M und nahm sich von allem die Hälfte, nur die Banane ließ er liegen. Er strahlte ihn mit einem Dankedanke, thank you! an. So aßen und tranken sie schweigend, bis der Junge seine Finger an den Jeans abwischte, und der Fremde Hosenbeine, Lippen und Fingerspitzen mit dem Taschentuch abtupfte. David schaute aus dem Fenster und hätte gerne gewusst, was das für Pflanzen waren, lange Reihen von blattreichen, niedrigen Büschen mit weißen und rosa-bläulichen Blüten. Schnell blätterte er im Wörterbuch und deutete mit dem Kinn auf die Felder hinaus: „What is that?“ Der junge Mann strengte seine Augen an und verstand nicht. Was wollte der Mann, da war nichts, Felder eben. „Tobacco?“ versuchte es David, der leidenschaftliche Raucher. Jetzt fiel der Groschen, und der junge Mann lachte herzlich: “Nein, nein, Tabak wächst hier nicht, nicht bei uns! Das sind Erdäpfel, potatoes, patates, pommes.“
Der junge Mann konnte ein wenig Englisch und einige Bruchstücke von anderen Sprachen. Er hatte Kellner gelernt und war mehrere Jahre auf einem deutschen Frachtschiff als Küchengehilfe zur See gefahren. Sein Kollegen waren meist Asiaten, und ihre gemeinsame Sprache war das kitchen-english. Jetzt kehrte er nach Hause zurück, in seine Heimat Gnadendorf bei Laa an der Thaya, zu seiner schwangeren Schwester, und der Schwager konnte vielleicht Hilfe auf dem kleinen Hof gebrauchen.
Es war auch sein Heimatort gewesen, solange die Eltern gelebt hatten. Schön ist es dort, ruhig und viel Grün, es gab viele potatoes dort und trees, Bäume, viel Wald. Er würde sich im Dorf ein hübsches, tüchtiges Mädchen suchen, heiraten, eine Familie gründen und ein Haus bauen. Oder doch in umgekehrter Reihenfolge? Da musste David so herzlich lachen, dass sich sein Gesicht völlig veränderte. Der Junge lachte mit, obwohl der Spaß auf seine Kosten ging. Dann spitzte er die Lippen, als ob er pfeifen wollte, schnalzte mit der Zunge und schmatzte mit den Lippen. Sie verstanden einander und lachten gemeinsam mit zurückgeworfenen Köpfen. Dann beugte er sich zwischen den Sitzen wieder zu dem Mann vor und machte noch einen Versuch, diesmal mit tiefer, verstellter Stimme, um höflich zu wirken: „Sie sind Ausländer – Araber, Muslim?“ David zuckte zusammen. Ja und nein, wie sollte er es diesem Provinzler erklären – ein syrischer Jude aus Aleppo, das war schon in Syrien schwer zu verstehen. Und was und wer war er überhaupt, seit er ohne seine Familie auf der Flucht war? Ein Syrer, aber kein Araber, seit zwei Jahren auf einer Odyssee und nun auf dem Weg zu einem Caritas-Heim Sancta Monica in Laa an der Thaya, Waldviertel, Niederösterreich. Sicher kein Araber, aber was für ein Jude war er, der noch nie in einer Synagoge war und dessen Vorfahren aus Marrakesch stammten?
Der junge Mann seufzte, gab aber noch nicht auf, sondern versuchte eine doch ziemlich peinliche Frage zu formulieren: „Wo sind Sie daheim?“ Auch diese Frage war schwer zu beantworten. David stach mit dem Zeigefinger auf seine Brust und sagte: “I am from Syria, I am jewish, I am a masseur, now in Laa- an- der- Thaya“ - das ging ihm schon ganz gut von den Lippen. Es entstand eine längere Pause, und beide Männer wandten ihre Blicke aus dem Fenster auf die vorüberziehende Landschaft, auf saubere Dörfer, Kirchtürme, Hügel, Wälder und grüne Wiesen, soweit das Auge reichte, und die weiß-rosa-lila blühenden Stauden. Es gab auch noch andere Felder, Getreide und Pflanzen mit runden Kapselköpfen, die kannte er aus seiner Heimat, aber er wunderte sich, dass Mohn hier abwechselnd mit potatoes wuchs.
Er wird diesem freundlichen, neugierigen Provinzjungen jetzt noch nicht erklären können, was es bedeutete, kein gewöhnlicher Reisender zu sein so wie er, auf einem Handelsschiff in der Ostsee oder wie jetzt auf dem Weg zur Schwester in Langschlag.
Er war ein Flüchtling auf Reisen. Dass seine Reise nicht nach Stunden gemessen wurde, sondern nach Jahren, nicht nach Hunderten von Kilometern, sondern nach Tausenden. Die Reise des Flüchtlings glich eher einem Geisteszustand als einem Reisestadium, das sich mit Landkarten und Fahrplänen errechnen lässt. Laa an der Thaya-Caritas. Und wieder seine Marotte, die Worte umzudrehen, Satirac, um vielleicht eine Sprachverwandtschaft zu finden. „Do you have family? Where are they?“ Der Junge steckte wieder den Kopf zwischen die Sitze nach vorne. David atmete tief durch, als müsste er einen Anlauf nehmen, setzte seine Hornbrille ab und wischte mit dem Taschentuch daran herum. Er nickte: „Yes, over there, back in Turkey“ und holte das Foto aus der Tasche. Der Junge fand seine Frau und die Töchter nice, very nice. David betrachtete lange das Bild und steckte es wieder zurück. Das hätte er nicht tun sollen, sein Herz schien doppelt so schnell zu schlagen und wollte das Jackett sprengen, so sehr regte es ihn auf, direkt in ihre Gesichter zu sehen. Als sei sie ein Rettungsring, hielt er sich mit beiden Händen an der Wasserflasche fest, dass die Sehnen an den Händen hervortraten. Mehrmals schlug er die Beine in den schwarzen Knize-Hosen übereinander, zupfte die Bügelfalte sorgfältig zurecht und betrachtete seine lächerlichen schwarz-weißen Sportschuhe.
Seine Frau Rikhiel und die kleine Daliah würden früher oder später nachkommen, darüber sorgte er sich weniger. Aber seine Große, die jetzt zwanzigjährige Myrnah, war schon vor drei Jahren weggegangen, sie wollte nach Israel und Schauspielerin werden. Ich bin Jüdin, hatte sie selbstbewusst gesagt, sie müssen mich reinlassen. Ja, hübsch und klug war Myrnah auch noch, aber von allem zu viel, für diese Zeiten. Diese alten, düsteren Sorgen. Zuletzt hatte er von ihr in einem abgebrochenen Telefonat aus Kairo gehört. Später viele Anrufversuche mit Krachen und Rauschen, ohne dass eine Verbindung zustande kam. Er wollte glauben , dass diese schon aus Israel kamen. Wann und wo würden sie noch einmal zu Viert zusammenkommen? Er würde mit Rikhiel und Daliah seinen Weg machen, ob in Laa an der Thaya oder anderswo, wenn ihn seine Zauberhände nicht im Stich ließen, wenn sie auch hier ihre Kraft entfalten würden so wie in seinem früheren Leben.
Der Junge hinter ihm schien zufrieden zu sein, er hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Wenn der Bus rüttelte oder in eine Kurve ging, fiel ihm der Kopf auf die Brust. Sie hatten zusammen gegessen, getrunken, geredet und gelacht. David breitete das Taschentuch zwischen die Kopfstütze und das Fenster und spürte, wie sich zum ersten Mal seine Beine entspannten und unter dem Vordersitz ausstreckten. Als der Bus an der Endstation hielt, legte er dem schlafenden Jungen die Hand auf die Schulter, und sie stiegen gemeinsam aus.
Veronika Seyr, 6.10. 15

0676/664 16 08


Der Schupan


Der alte Törki watschelte hinter Arpad her, vom Bernauer-Hof über den Feldweg bis zum Spörk, einem Hügel, von dem der Gutsverwalter die beste Aussicht hatte. Wenn sie jemand aus der Ferne beobachtet hätte, so wie sie sich am Rande der Kuppe gegen den Horizont abzeichneten, würden sie, wenn sie mehr gewesen wären, ausgesehen haben wie ein General, der seiner Armee die Parade abnimmt. Sie stellten sich in Reih und Glied auf und nahmen den Hof ins Visier.
Arpad, von Wuchs ein Riese mit Beinen wie Herkules-Säulen, hatte die Arme vor seinem mächtigen Brustkorb verschränkt, als müsste er einen Angriff abwehren, wobei er selbst nicht wusste, von wem und wo eine Gefahr für ihn ausgehen könnte. Seine Puzsta-Peitsche hatte er immer dabei. Anstatt zu sprechen, schlug er damit von Zeit zu Zeit an seine ledernen Reiterstiefel. Er trug khakifarbene Knickerbocker, straff in die Stiefel gesteckt, das hielt er für Respekt einflößend. Auf dem runden Kopf trug er eine schwarze Baseballkappe mit den Buchstaben NYPD, New York Police Departement. Sie drückte auf seine rosigen Ohren, sodass diese senkrecht abstanden wie kleine Blechfahnen. Wenn er die Kappe abgenommen hätte, würde man eine Glatze gesehen haben, glänzend wie ein feuchter Seehundrücken. Das Arpad- Gesicht war rot, blatternnarbig und mit misstrauisch spähenden Vogelaugen ausgestattet, im Nacken perlten Schweißtropfen aus den Fettwülsten, auf dem rechten Oberarm prangte eine tätowierte Stephanskrone in Blau, links am Handgelenk ein Armband aus Stephanskreuzen, und aus dem Hemdausschnitt drängte ein graues Bärenfell hervor, das einmal blond gewesen sein dürfte. Arpad sprach so wenig, dass niemand seine Stimme kannte, meist brüllte er nur seine Befehle in Splittern von Ungarisch, Deutsch und einigem Balkan-Sprachen-Mix, der klang, als hätte er Stroh in der Kehle. Am ehesten könnte der Truthahn Törki seine Stimme gekannt haben, weil Arpad die Gewohnheit hatte, laut vor sich hin zu fluchen und und dabei die Wörter zusammen mit dem Grashalm im Mundwinkel zu zerquetschen.
„Teufel, das war`s dann, ich hab`s gewusst, es musste so kommen“, er schlug dabei mit der Peitsche gegen seinen rechten Lederstiefel, dass es nur so schnalzte. Er zog tief auf, spuckte nach links und starrte seinem kupfermünzenfarbigen Auswurf nach, als hätte er gerade etwas Bedeutendes gesagt und erwartete eine Antwort. Törki, der getreue Gefährte des Gutsverwalters, nahm den Schlatz mit der ihn umgebenden Grasnarbe begierig auf, als hätte er eine Belobigung bekommen, wich aber schnell wieder drei Truthahnschritte zurück, um dem Peitschen-Stakkato zu entgehen.

Der Spörk, das war Arpads Turm, sein Ausguck über den ganzen Bernauer-Hof in Roschitz - Ortsteil Burg, zwischen Mühlbach und Kirschwald, Bezirk Oberwart, Burgenland. Weiter im Osten lag der Kreuzstadl, die Ruine der ehemaligen Schloss- Meierei, fast unsichtbar im Säulenwald des Windparks Ost, zwischen den verfallenden Silos der alten Bernauer-Mühlen und dem neuen Lagerhaus mit dem Logo der gekreuzten Pferdeköpfe. Gegen Südwesten stand in der weißlichen Nachmittagssonne die ausgefranste Hügelkette des Leitha-Gebirges wie eine umgedrehte Krummsäge in den Himmel. Die sanften Abhänge hielten ihre Füße im blauen Dunst verborgen und verliefen sich im großen Steppensee; im Gegensatz zu den Menschen schert der sich nicht um Länder, Staaten, Grenzen und Nationen, und das schon seit dem Pliozän.
Arpad hasste dieses reiche, fruchtbare, satte, Land, diesen Ort, seine Menschen, und sogar die Sonne mit ihrem verschwenderisch gleißenden Licht; sogar die Wolken, die sich über den Hügelzügen ballten, schienen ihm unangemessen selbstsicher. Genauso wie das dichte Efeugestrüpp an den Mauern des Bernauerhofes, das sich mit Weinreben verwoben hatten, er empfand die gestutzten, um Fenster und Türen fein säuberlich ausgeschnittenen hell- und dunkelgrünen Ranken als arrogant und feindselig.
Auch all die Hollunder- und Maulbeerbüsche, die Oleanderstauden und Blautannen, die mickrigen Palmen in ihren bereiften Holzkübeln, der schneeweiße Kies und das granitgraue, in der Juni-Sonne glitzernde Katzenkopfpflaster schienen ihn so zu verhöhnen wie die darunter lagernden Tschuschen, der Mirko, Milo, Osso und der neue Adi.

Nichts davon gefiel ihm, weil ihm grundsätzlich nichts gefiel, was nicht in Ordnung war, und hier war vieles nicht in Ordnung, überhaupt nix in Ordnung.
Sie wollte ihn loswerden wie einen räudigen Hund, ausspucken wie eine unverdaute Blutwurst und vernichten wie eine Krebszelle. Aber er würde es nicht zulassen, das kann sie mit ihm nicht machen, nicht mit ihm, einem Arpad, er würde sich wehren und am Ende als Sieger dastehen wie sein magyarischer Namensgeber.

Während Arpad mit solchen Gedanken die Vogelaugen langsam über sein Reich gleiten ließ, nahm Törki in einer seichten Grube des Lehmweges ein Sandbad, schlug mit den Stummelflügeln um sich und wirbelte gelbliche Wolken auf. Der rote Hautlappen baumelte dabei zwischen Augen und Schnabel, den nackten, blauroten Faltenhals hielt er gegen seinen Herrn gereckt und nickte dabei beständig wie eine chinesische Katze. Mehr Liebe konnte Törki nicht zeigen, denn er war im Alter stumm geworden.
Arpad verachtete Truthähne und fand sie in jeder Hinsicht abstoßend. Ihre Hässlichkeit, ihre Tolpatschigkeit, den Lärm, den sie Tag und Nacht ohne Sinn machten, ihre Flugunfähigkeit, pah, das wollen Vögel sein? Sie sehen lebend schon aus wie Gedärme, wie ein ausgenommener Magen. Typisch amerikanisch. Sogar die dumme Anhänglichkeit des Törki musste er sich notgedrungen gefallen lassen. Zu seinem Glück war Törki schon so alt, dass er nicht mehr blöd herumkollern konnte. Nicht einmal ihr Fleisch mochte Arpad, es ekelte ihn davor. Ihm waren die ungarischen Gänse lieber, er hielt nicht wenige davon in seinem Garten bei Sopron und machte zwischen Martini und Weihnachten manch gute Geschäfte.
Er lieferte direkt in Restaurants, immer frisch. Von denen konnte man alles verwerten, Fleisch, Daunen, Darm und Haut. Dazu fand er, dass die weißen, glatten Gänse schöne und kluge, wenn auch bösartige Tiere waren.

Er war froh, dass die Chefin das Geschäft mit den Truthähnen und allen anderen Vögeln aufgegeben und war stolz, dass er dazu nicht unerheblich beigetragen hatte. Törki war der letzte seiner Art, er genoss ein Gnadenbrot und wurde geduldet als Erinnerung an den alten Dr. Bernauer, den verstorbenen Ehemann der Gutsbesitzerin. Wäre diese sentimentale Alte nicht seine Chefin, hätte er Törki schon längst den blauroten Schrumpelhals umgedreht. Seit Bernauers Tod hatte das Gut auf Obst umgestellt, vor allem Kirschen, Weichseln, Marillen, Zwetschken, Mandeln, Hasel- und Steinnüsse waren im Angebot, dazu noch viele Felder mit Erdbeeren, Himbeeren, Ribisl, Gladiolen und Dahlien zur Selbsternte, man war hier schließlich im „Beeren und Blumenparadies“ der Ostregion. Große Tafeln an den Straßen priesen es von weitem an. Burgenländische Herzkirschen, die frühen und extragroß, und die ersten Erdbeeren waren die Spezialität des Bernauer-Hofes, BOB – Bernauer-Obst-Burgenland hatten die Arbeiter auf ihren grünen Latzhosen aufgedruckt so wie die Banderolen auf den Obststeigen und Körbchen. Sie hatten seit kurzem ein Landesqualitätssiegel bekommen und belieferten große Ketten. Auch sein Verdienst, naja, nicht nur. Auch die Hasel- und Steinnüsse waren von hoher Qualität und brachten ihren Preis, weil die Bernauerin ihr Personal nach deren Genügsamkeit aussuchte und so die Arbeitskosten senkte. Und er, Arpad, war ja auch noch da, um seine Tschuschen gefügig zu halten.

Der damals schon alte Notar Dr. Eduard Bernauer hatte das späte, aber reiche Mädchen Edith Daubrawa-Pick geheiratet, weil ihm gerade seine Haushälterin gestorben war. Warum die alten Daubrawa-Picks ihr einziges Kind Edith nicht früher mit einer passenderen Partie versorgt hatten, wusste Arpad nicht. Sie hatten sie vom Dorf und der Welt abgeschottet wie ein rohes Ei, sie waren einmal nach den Batthyanys die Reichsten in der Gegend gewesen. Vielleicht weil sie so großen Respekt vor dem Dr. jur. vor dem Namen hatten. Auch wieder kein Funken Verstand, reine Sentimentalität.Wie sich schnell herausstellte, hatte der Jurist nichts übrig für das Mühlengeschäft und die Landwirtschaft, überhaupt für irgendein Geschäft, er lebte nur für seine Kanzlei und widmete sich nebenbei seinem Spleen, Truthähne, Enten und Strauße aufzuziehen. Aber das war vor Arpads Zeit gewesen. Arpad interessierte sich mehr für die Gegenwart und die Zukunft als für die Vergangenheit, die nicht die seine war. Das Geschäft mit dem Vogelvieh lief nie, hat er sich sagen lassen. Es war niemand da, der sich damit richtig auskannte, mit Zucht, Vermarktung und Ähnlichem.
Ediths Familie, den Daubrawa-Picks, gehörten einmal fünf der zwölf Mühlen in Roschitz, die anderen den Batthyanys, die bis zur verhängnisvollen Nacht zum Palmsonntag im April 1945 im „Öden Schloss“ gewohnt hatten. Zehn Tage später kam die Rote Armee. Die Batthyanys waren irgendwo im Ausland untergetaucht, die konnten sich alles richten, war doch die letzte Gräfin eine von Thyssen-Bornemisza. Im hin- und herwogenden Kampf um Roschitz zu Kriegsende wurde das Schloss schwer beschädigt, noch mehr verwüstete es die zehnjährige sowjetischen Besatzung; später wurde es ganz abgerissen. Irgendwann begann das Mühlensterben in Roschitz.
Arpad ahnte die Gründe dafür, warum die Mühlen wortwörtlich den Bach runtergegangen waren, Roschitz und Güns hätten genügend Wasser gehabt, sogar bis heute.
Der Kapitalismus, die Großen fressen die Kleinen. Das hatte er gelernt in 20 Jahren hier. Ein Naturgesetz war das.
Im Heimatmuseum von Roschitz war er nie. Er wusste nicht, dass die Römer an diesem Ort eine große Militärstadt namens Savaria gebaut und mit dem Wasser aus dem Günser Gebirge, das im Roschitzbach zusammenlief, eine 22 km lange, mit Feldsteinen ausgelegte Wasserleitung gelegt hatten, eineinhalb Meter tief unter der Erde; auch nicht, dass es in Roschitz einmal eine große und reiche jüdische Gemeinde gab, wo unter einem kaiserlichen Schutzbrief von 1682 36 jüdische Familien lebten; der Ort verzeichnete eine Judengasse, einen jüdischen Friedhof und drei Synagogen. Und weil sich damals die Mehrheit der Roschitzer zu Luther bekannte, wurden in der nachfolgenden Gegenreformation hier besonders viele Marienkirchen, Marienstatuen und Marterl aufgestellt, für die der Ort heute noch berühmt ist, also ein Marien-Wallfahrtsort wurde.
Arpad kümmerte auch nicht, dass Roschitz bei den Kroaten Rohunaz hieß, bei den Roma Rochonza, bei den Ungarn Rohoncz und bei den Slawen überall Orechovca- Nusshain heißt. Auch, dass ein mittelalterlicher Codex Rohonczi in der ungarischen Akademie der Wissenschaft liegt und bis heute noch nicht entziffert ist, weiß Arpad nicht. Die einzigen Toten während der Krise von 1956 gab es außerhalb Ungarns im Ortsgebiet von Roschitz, als zwei sowjetische Soldaten ungarische Flüchtlinge bis über die Grenze verfolgten und von der zu Hilfe gerufenen österreichischen Gendarmerie erschossen wurden. Sie wurden ausgeliefert und bekamen auf der anderen Seite des Stacheldrahtes ein ungarisch- sowjetisches Staatsbegräbnis, während das gerade ein Jahr alte österreichische Bundesheer auf dieser Seite des Todesstreifens in Alarmbereitschaft versetzt war.
Die Roschitzer sind dafür bekannt, dass sie besonders viele Ungarn-Flüchtlinge aufgenommen haben, sie waren die ersten, die die Menschen spontan begrüßten, mit Proviant und warmem Zeug an der Grenze versorgten und in ihre Häuser aufnahmen, bevor sie in staatliche und kirchliche Organisationen übergeben wurden.
Auch diese Geschichte entzieht sich Arpads Wissen, aber dass auf dem Geschriebenstein im Dreiländereck ein Arpad-Turm steht, erfüllte ihn nicht nur mit persönlichem Stolz, sondern bestätigte ihn in seiner Überzeugung, dass ohnedies die ganze Ostregion ungarisch sei und zu Ungarn gehörte, immer schon, wie halb Rumänien und die Slowakei. Für ihn war das alles einfach Westungarn, wie schon seit tausend Jahren.

Arpad arbeitete schon lange am Hof der Bernauerin, an die 30 Jahre. Anfangs kam er nur als Saisonarbeiter von jenseits des Stacheldrahtes über Sopron herein, die Schleichwege durch die Kukuruzfelder kannte er gut, und er hatte Freunde bei den Grenztruppen. Später wurde es leichter, legal im kapitalistischen Ausland zu arbeiten.. In Sopron war er Mechaniker in einem sozialistischen Zementwerk, das wenig produzierte, dafür aber alle Flüsse, Teiche Tümpel und Grundwasser in der Region verseuchte. Damals war man nicht so pingelig mit der Umwelt wie heute, es ging ja nur um Produktionszahlen und und Planerfüllung.
Nach dem plötzlichen Tod des alten Bernauer stieg die Witwe Edith auf den Obstbau um, das war praktisch, weil sie ja viel Land geerbt hatte und die Plantagen am einfachsten zu bewirtschaften waren. Arpad arbeitete sich bei der Bernauerin schnell zum Gutsverwalter hoch. Er wusste von Anfang an, dass sie ihn nicht mochte, sich sogar ein bisschen vor ihm fürchtete, sein Vorteil, denn sie brauchte ihn, den Schupan, wie einen Bissen Brot, wollte sie zumindest ihren letzten Hof erhalten und weiterführen. Als der zu prosperieren begann, war er es, der die Tschuschen, wie Arpad sich ausdrückte, einstellte, die neuen Gastarbeiter aus Jugoslawien und der Türkei. Viele kamen und gingen, die Chefin war sparsam und streng, er noch strenger.
Jetzt arbeiteten hier ständig Milan, Tvrtko und Osman, der Anatolier, von Arpad einfachheitshalber Milo, Tricki und Osso gerufen. Die beiden Bosnier waren längst schon Österreicher geworden, papirtschiki, hatten ihre Familien hier und Häuser in der Umgebung gebaut, hatten zwei Schwestern aus ihrem bosnischen Dorf geheiratet, und ihre Kinder wollten von Jugoslawien längst nichts mehr wissen. Blödes Balkan-Pack, zuerst haben sie einen gemeinsamen Staat, dann schlagen sie sich jahrelang die Köpfe ein, vertreiben einander, flüchten, nur um hier wieder zusammenzukommen und zu leben wie Brüder. Sie haben nicht einmal unterschiedliche Sprachen. Das soll einer verstehen. Er, Arpad, hatte nie um einen österreichischen Pass eingereicht. Einmal Ungar, immer Ungar, er brauchte den Fetzen nicht.

Weil eine gute Ernte in Aussicht stand, wurde vor der Hochsaison noch ein Rumäne eingestellt, hoch offiziell vermittelt vom AMS. Adrian Paulus, von Arpad sofort auf Adi gekürzt, hatte vorerst nur eine befristete Arbeitsgenehmigung. Schnell wurde klar, dass Adi bei der Arbeit der Beste von allen war, dazu immer lustig, höflich und sauber, arbeitsam und anspruchslos, nie aufmüpfig oder unwillig, auch wenn Arpad ihm die größte Drecksarbeit zuwies und diese dann noch sinnlos drei Mal wiederholen ließ. Adrian hatte immer Stöpsel in den Ohren, er lernte Deutsch. Arpad hasste den Rumänen vom ersten Augenblick an aus tiefster Seele, wenn er eine solche gehabt hätte anstatt eines kochendes Eisfachs. Er hasste ihn nicht einmal persönlich, sondern einfach deswegen, weil Adi Rumäne war, und Rumänien den Ungarn Dreiviertel ihres Landes weggenommen hatten. Dass Adrian nicht einmal ein echter Rumäne vom Stamm der Draker, der Thraker oder als Lateiner ein Abkömmling der römischen Soldaten in ihrer Schwarzmeer-Provinz war, sondern ein Nachkomme von Deutschen aus Temeswar, war Arpad gleichgültig, für solche Feinheiten hatte er nichts übrig. Der Rumäne ist dem Ungarn ein Feind, und damit basta.

Seine alten Tschuschen nannten den Gutsverwalter gospodin, gospodar oder hospodar – Herr. Dass sie es spöttisch sagten, hörte er nicht heraus, dazu war die ihnen die gemeinsame Sprache zu bruchstückhaft. Lieber war ihm die Anrede „Schupan“, der ehrwürdige Titel für die allmächtigen Gutsverwalter der ungarischen Magnaten, die damals in den Hauptstädten saßen, alles verprassten und die Schupane nach ihrem Gutdünken auf den Gütern gewähren ließen. Die Schupane waren in diesen Zeiten die wahren Herrscher über Land und Leute und brachten es, wenn sie es nur geschickt genug anstellten, oft selbst zum Magnaten, wenn auch ohne den Adelstitel. Damals war noch alles geordnet und geregelt, jeder wusste, was oben und unten ist - Peitsche und Stiefel, Stiefel und Peitsche. Er trommelte mit der Gerte so heftig gegen seinen Stiefel, dass Törki mit ein paar Torkelschritten zur Seite flüchtete.

Arpad schaute nach unten zum Bernauerhof, schnaufte tief, atmete aus und weitete seinen Brustkorb zum Anschlag wie eine Ziehharmonika. Er wusste, obwohl er sie von hier oben nicht sehen konnte, dass seine alten Tschuschen im Grasstück links vom Haupteingang lagerten und unter der Deckung von dichten Hollunder- und Maulbeerbüschen, einiger Blautannen und Oleandersträuchern die Szene im Hof beobachteten, sie waren näher als er oben am Spörk. Arpad hatte nicht völlig freie Sicht, denn im Kies der Hofmitte standen drei große Holzkübel mit Palmen, die aussahen, als würden sie auf Helgoland wachsen.
„Dieses faule Balkan-Pack, dem werde ich schon noch Beine machen, wenn dieser Pfaffen-Zirkus vorbei ist“. Ob Schupan – Gospodin das nur dachte, murmelte, knurrte oder es wirklich laut zwischen seinen Lippen hervorkam, wusste er nicht, und auch Törki nicht. Auf jeden Fall war der Fluch so furchtbar wie ein langes Donnergrollen vor dem Gewitter, dass sich Törki mit ein paar unbeholfenen Halbflügelschlägen im Kukuruzfeld in Sicherheit brachte.
Die Tschuschen unten waren nicht so wütend wie Arpad oben auf seinem Spörker Ausguck, sondern gelassen und lustig. Milo und Tricki, der Serbe und der Kroate aus Bosnien, hatten eine Flasche mit selbst gebranntem Slivovitz zwischen sich. Arpad wusste, dass sie zu Hause eine kleine Brennerei betrieben und hatte es der Chefin nie weitergesagt. Vielleicht würde die Zeit einmal dafür kommen.
Milo, der Serbe aus der Lika, war der Längstdienende unter den Tschuschen am Hof, der erste Traktorfahrer und fast schon so etwas wie der Stellvertreter des Stellvortreters. Gefährlich, dachte Arpad, aber Milo machte keine Anstalten, ihn zu bedrängen. In seinen rot geränderten Augen schwammen die Pupillen in einem gelblichen Weiß, sein linkes Augenlid hing herab, sodass er aussah, als würde er ständig zwinkern und ihm sagen: „Du weißt, Arpad, wenn ich wollte….“
Tricki aus Mostar war der Witzbold der Truppe und sah auch so aus: Unter dem ausladenden Strohhut hatte er ein rot gebranntes Gesicht, die Stupsnase glänzte wie ein lackierter Hahnenkamm, und die Sommersprossen breiteten sich wie ein Fleckerlteppich vom Kopf über den ganzen Körper aus. Seine Unterlippe glänzte ewig nass wie bei einem Elefanten und darauf klebte völlig selbständig eine Zigarette.
Zusammen mit Milo erzählten sie sich ununterbrochen alte jugoslawische Witze, erinnerten einander an jugoslawische Filme und soffen ihren Selbstgebrannten.
Osso, ein Anatolier vom Van-See, war Moslem, er trank nicht und sprach kaum, dafür rauchte er ohne Unterbrechung türkische Zigaretten der Marke Ararat und kaute an seinen herabhängenden Schnurrbartenden. Niemand wollte seinen Ararat-Tabak. Bei der Arbeit war er ausdauernd und beständig wie die Esel seiner anatolischen Bauernvorfahren. Der neue Adi war ein Poet, er klimperte selbstvergessen auf der Gitarre vor sich hin, er kannte viele Lieder in allen möglichen Sprachen, die ihm mit seiner rumänischen Muttersprache nur so zuflogen. Adi, der war Arpad nicht geheuer, es war noch weniger als eine Ahnung, mehr ein siebenter Sinn im Urin, dass der ihm einmal gefährlich werden könnte, obwohl er sich nie mit Arpad anlegte. Er war schlau, gebildet und überaus gutaussehend. Bei der weiblichen Kundschaft auf den Freilandfeldern hatte er den größten Erfolg. Er soll schon bei sich zu Hause in Temesvar einmal eine Geflügelfarm geleitet haben, allerdings nur strafhalber, als junger Schriftsteller wurde er von Ceaucescu aus einer Zeitungsredaktion aufs Land verbannt.

Bis auf den angespannten Arpad war alles so schläfrig wie am Nachmittag des Jüngsten Tages vor der Erweckung der Toten. Hier am Rande der pannonischen Tiefebene konnte es schon zu Sommerbeginn sehr heiß werden, die Hitze quetschte die Hirne zusammen, und der Himmel gegen Osten war wie aus flüssigem Blei, das trügerische, flache Grau des Ostens, der bis zum Kaukasus keine Berge kannte. Die Sonne brütete die Ernte aus, die Früchte, Beeren, Nüsse und die Blumen, aber auch allerhand trübe glühende Phantasien.

Arpad kniff jetzt die Augen zusammen und blickte schärfer hin, als ein weißer Audi langsam von der Bundesstraße S37 abbog, über den Wiesenweg schlich und in den Hof einfuhr. Das mussten die sein, die erwartet wurden. Er wusste, dass der Roschitzer Pastor so einen Wagen fuhr. Frau Bernauer trat aus dem Haupthaus heraus, wie auf Knopfdruck, als hätte sie hinter der Eingangstüre gewartet, und ging auf das Auto zu. Sie hatte sich mit ihrem Sonntagsstaat fein herausgeputzt, einem geblümten Kleid und einer Perlenkette, ein kleiner, topfartiger Filzhut saß auf dem Kopf so schief wie ihr verlegenes Lächeln im Gesicht, umrahmt von angegrauten Löckchen. Sogar die Augenbrauen hatte sie nachgezogen und einen rosigen Schimmer auf die Lippen gelegt.
Als erster stieg Pastor Thomas Stipschitz aus dem Wagen und schüttelte Frau Bernauer lange die Hand, wobei er seine andere oben drauf legte und sie tätschelte. Er war es, der vermittelt hatte, dass diese Leute von da drüben hierher kamen. Er hatte diese Lösung mit dem neuen Roschitzer Bürgermeister Franz-Jörg Podezin von den „Freiheitlichen“ ausgehandelt, dafür, dass der Ort keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen müsste. Nachdem der Pastor endlich Frau Bernauers Hände losgelassen hatte, öffnete er die hintere Türe und zwei Kinder sprangen heraus, ein etwa zehnjähriger Knabe und ein jüngeres Mädchen, danach eine Frau in schwarzem Ganzkörperschleier mit Gesichtsgitter, keine Person, keine Figur, sondern ein Sack wie eine Leerstelle in der bunt gestreiften Landschaft. Und schließlich erhob sich ein Mann vom Beifahrersitz, etwa 40 Jahre, mittelgroß, drahtig, leicht gekrümmt und mit einer randlosen Brille auf der Nase. Arpad sah sofort, das war kein Landarbeiter, nie und nimmer, das zu große, blaue Hemd bauschte sich und rutschte über die Hände, und die zu langen schwarzen Hosenränder bedeckten seine schnabeligen Schuhe fast zur Gänze, wahrscheinlich im Pfarrhof eben frisch eingekleidet wie ein Clown für die Zirkusarena.

Bis auf das schwarze Mutterzelt sahen sie eigentlich ganz manierlich aus, normal, zumindest keine Bären auf zwei Beinen mit Schellen um den Hals. Der hochaufgeschossene Junge hatte das volle, lockige Haar in einem Scheitel streng zur Seite gekämmt, dem Mädchen hing einen dicker, blauschwarzer Zopf über den Rücken fast bis zur Mitte, eine kleine Schönheit, wie Arpad neidvoll feststellte. Diese Kinder waren hübscher als seine eigenen, Geza und Ildiko, ganz zu schweigen von seiner Frau.
Die Hauptrolle da unten auf dem Gutshof schien jetzt der Zehnjährige zu spielen, er war offenbar als Übersetzer eingesetzt; zuerst sprach der Geistliche auf die Chefin ein, alt, lang und in einer schwarzen Soutane mit weißem Stehkragen um den Hals, dann der Vater, der sich wie ein Perpendikel ständig nach allen Seiten verneigte, dann der Knabe, der wandte sich an die Gastgeberin und wieder zurück zu Pastor und Vater. Er musste in der Schule da unten schon irgendetwas von einer Fremdsprache vermittelt bekommen haben.

Arpad war eingeweiht, weil es lange Verhandlungen und Vorbereitungsarbeiten gegeben hatte. Die Eltern heißen Mahmoud und Faten Chalhoub, die Kinder Kameel und Kaffa, sie kamen aus Syrien, der Vater soll in der Hauptstadt Damaskus Informatiker gewesen sein, angeblich mit eigener Firma, jetzt würden sie in Roschitz, Spörk 1, Ortsteil Burg, zwischen Mühlbach und Kirschwald, unweit des Kreuzstadls im Bezirk Oberwart, leben und arbeiten.
Mit seinen Vogelaugen erfasste Arpad das Gruppenbild aus sechs Personen wie ein Photograph, er fror es in seinem Augenhintergrund ein, bevor es sich auflöste, als Frau Bernauer alle schnell ins Haus führte, Tee für den Pastor und die Fremden. Er, Arpad, fast zwanzig Jahre am Hof, hatte noch nie Tee im Salon eingenommen, weder beim alten Bernauer noch bei der Witwe.
Welche Namen die hatten, wie für Käfer, Würmer und Vieh, dachte Arpad, Ungeziefer von den Booten, die haben schon einmal die Pest von dort mitgebracht. Bei dieser Vorstellung schlug er so heftig mit der Peitsche gegen den rechten Stiefel, dass Törki ein kleines Stück weit weg flatterte.

Während sich der Gutsverwalter jetzt mit einer heftigen Wendung von seinem Aussichtsposten losriss und, gefolgt von Törki, zum Gutshof hinunterstieg, zerteilte er mit der Peitsche die Luft um sich und zerstampfte sie unter seinen Stiefeln.

Mahmoud, Kameel, Kaffa, der Name des Zeltes tat nichts zur Sache, er fand grundsätzlich alles außer Ungarisch unanständig, unaussprechlich und nicht der Mühe wert, dass man es sich merkte. Er würde diese Heidennamen nie aussprechen und wusste schon, wie er den Neuen rufen würde: Mamu, klang richtig schön tierisch. Mamu hier, Mamu da, bzsobrzo, schnellschnell!
Diese Leute kamen einfach hier an, mit nichts, sie besaßen rein gar nichts.
Dabei mussten sie viel Geld haben, denn Schlepper und Überfahrten kosteten Tausende.
So, und jetzt sollen wir sie verköstigen und so tun, als seien sie Menschen wie wir. Alles musste von irgendwo zusammen gekratzt werden, beim Pfarrer, in der Gemeinde, auf Flohmärkten, am eigenen Hof, Möbel, Geschirr, Wäsche, Kinderkram.
Warum auch immer, Frau Bernauer wollte es sich nicht nehmen lassen, selbst Hand anzulegen, und hatte aus alten Geflügelfuttersäcken vom Lagerhaus Vorhänge genäht, immer abwechselnd grün und gelb mit den gekreuzten Pferdeköpfen als Bordüre unten. Sie hatte sie gemeinsam mit der tauben Köchin Fanni an den Fenstern im ehemaligen Geflügelhaus aufgehängt. Diese Armen, sie hätten ja gar nichts, und so viel hätten sie auf dem Weg von drüben hierher durchmachen müssen, dass sie jetzt sicher froh wären, auf einem Gut wie diesem wohnen zu dürfen. Arpad fragte sich, ob Menschen, die die Sprache nicht verstanden, überhaupt Farben unterscheiden konnten. Er hatte Milo und Tricki im Auftrag der Chefin schon vor einiger Zeit angewiesen, die leeren 50kg-Plastiksäcke, in denen der Kalk zum Weisseln der Obstbäume vom Lagerhaus angeliefert wurde, einzusammeln und zu reinigen. Die könnte man als Bodenbelag im alten Geflügelhaus verwenden, hatte die Chefin gemeint. Arpad hatte gemurrt, nicht nur weil er überhaupt nicht mit der Einquartierung der Araber einverstanden war, sondern weil er diese Plastikplanen immer zu sich nach Hause gebracht hatte, er fand sie praktisch für die Bespannung seiner Gewächshäuser in Sopron.
Frau Bernauer hatte dem Personal erklärt, dass die Neuen übers Wasser kamen, weil sie dort, wo sie geboren sind, keinen Platz mehr für sich hatten, dass sie fortgejagt wurden und sie keiner will.
„Also werden sie kommen und hier wohnen, habt ihr verstanden? Arpad, verstanden?“ Dabei sah sie ihn aus ihrem kleinen, verkniffenen Faltengesicht mit ihren stahlgrauen Augen so fest an, also wollte sie ihn durchbohren.
„Klar, hirr wonnen, shortly but lately!“ Oder so ähnlich. Er hielt das für eine Art von „Jawoll“, salutierte dazu und sagte es schnell dreimal hintereinander so laut, wie es seine knisternde Strohstimme erlaubte. Obwohl Arpad sonst kein Englisch konnte, liebte er diesen Ausdruck, den er einmal von der Innenministerin gehört hatte. Nie hat ihm eine Frau mehr imponiert und er bedauerte, dass sie dafür in Schwierigkeiten geraten war. Er wusste nicht einmal, dass Törki englisch war und kein Roschitzer Lokalausdruck für diesen Vogel.
Er wusste eine Lösung: Ab mit ihnen mit all ihrer rehäugigen Brut, hinein in die Viehwaggons und tschüss, ab durch den Zaun nach Süden, wo sie hergekommen waren. Natürlich sagte er nie ein Wort davon, Arpad war bekannt dafür, dass er schweigen konnte. Er wandte sich ab, damit die Chefin sein Gesicht mit dem kurz aufblitzenden Lächeln wie von einer Messerklinge nicht sehen konnte.
Fanni fädelte gerade den letzten gelb-grünen Vorhang am Fenster des Geflügelhauses auf und nickte. Sie zumindest war mit dem Zimmerschmuck zufrieden, hübsch, geht doch.
Syrien und alle diese Länder da unten, Arpad hatte die Bilder aus dem Fernsehen klar im Kopf, die zerstörten Städte und Dörfer, die endlosen Zeltreihen in irgendwelchen Wüsten, dazwischen die Kinder mit ihren hungrigen Gesichtern in Wind und Schneematsch, barfuß oder mit Gummilatschen an den nackten Füßen, die Flüchtlingsboote im Mittelmeer und die Fußkolonnen von da unten herauf bis nach Roschitz.
Er hatte es satt, dass sie kamen, ständig und immer mehr von denen. Sicher schleppten sie zusammen mit ihren Tiernamen auch noch Typhusflöhe mit übers Wasser, dazu eine zurückgebliebene, grausame Religion mit grausamen Sitten, dem Kopf-Abschlagen und bei lebendigem Leib- Verbrennen, ist ja wahr, sie haben es im Fernsehen gezeigt. Die haben die gleiche Religion wie vor tausend Jahren, barbarisch, nie reformiert, und immer schon schlagen sie einander die Köpfe ein und ab. Immer haben sie Streit, immer Krieg. Das ist bei denen ein Volkssport oder Folklore. Sollen sie doch einmal bei sich selbst, unter sich Ordnung und Frieden schaffen, anstatt rauf zukommen und bei uns Unruhe zu stiften. Wahrscheinlich haben sie keinen Verstand, oder gerade so viel, dass sie bei uns herum spionieren und uns in Schwierigkeiten bringen. Sie werden sich sowieso nicht wohlfühlen, weil alles so anders ist als bei ihnen, da, wo sie herkommen, hier bei uns ist alles modern und vernünftig, naja, fast alles. Sie gehören nicht hier her. Und dann ziehen sie einen auch noch mit rein. Teufel sind das, sagte sich Arpad, obwohl er weder an Teufel noch an Heilige glaubte, weil er an gar nichts glaubte, sondern sich immer nur daran hielt, was ihm nützte, was er mit seinen Augen sah, mit seinen Händen greifen und mit seiner Peitsche erreichen konnte.
Und er sah es plötzlich vor sich, dass da noch fünf, zehn oder 20 Millionen warteten und übers Meer kommen würden. Das hat ja kein Ende.
„Und was ist dann mit unseren alten Tschuschen?“
„Arbeitet gut, dann können alle dableiben. Ich hab auch nichts zu verschenken. Was die Sachen alles kosten, und erst die Steuern. Sie haben ja keine Ahnung, was ich alles zahlen muss. Und immer diese Konkurrenz!“ Arpad kannte die alte Leier seiner Chefin und verzog angewidert die Mundwinkel. Wie immer, die, die es am Dicksten haben, jammern am meisten.
Was Arpad zutiefst missfiel, war nicht der Umstand, dass jetzt Araber hier wohnen und arbeiten sollten und dass er dafür auf seine Plastiksäcke verzichten musste, sondern dass die Chefin den Neuen, den Mamu, zum Mechaniker bestimmt hatte, obwohl sie gar nicht wusste, ob der überhaupt eine Ahnung von der Technik hatte. Aber das hing wahrscheinlich mit ihrem dummen Respekt vor Akademikern zusammen. Deswegen hatte sie schon vor 20 Jahren den alten Notar Doktor Bernauer geheiratet, von dem so wenig Kinder zu erwarten waren wie Pinguine je fliegen konnten oder Törki kobbeln. Bevor Arpad zum Verwalter, zum Schupan, aufgestiegen war, hatte er die Maschinen gewartet, weil er das ja auch in seiner Zementfabrik gemacht hatte. Nachdem er zum Verwalter aufgestiegen war, hatte die Chefin immer einen Jugo dafür eingesetzt, die konnten gut an Motoren basteln, das lag denen im Blut, weil ihre Autos so schlecht waren und jeder sein eigener Majstor sein musste. Die Jugos hatte er immer unter Kontrolle gehabt, vor allem solange sie noch keinen österreichischen Pass hatten. Damit ließ sich immer alles drechseln. Schwupp, und weg waren sie. Anstellen und entlassen. Das war auch Frau Bernauers Prinzip, da verstanden sie sich. Und jetzt dieses unbekannte Tier von Mamu, nur weil der sich angeblich mit Computern auskannte. Aber was ist mit den Traktoren, Gabelstaplern, Treckern, Pflügen, Spritzen, Destillatoren, Silo- und Heupressen, Vertikulierern, Mähern, Wendern und den Minivans mit ihren komplizierten Obstbrockern oben drauf? Hatte jemand von da unten solche Maschinen überhaupt schon zu Gesicht bekommen? Und dann noch reparieren! Die kennen doch nichts anderes als Schafe, Esel und Maultiere. In Arpad kochte die Wut. Er hätte lieber einen von den alten Jugos genommen, an die hatte er sich schon gewöhnt, mit denen kannte er sich aus, wusste von ihren Schwächen, konnte sie für sich einzusetzen und ihnen Beine zu machen. Diesem Mamu geb ich drei Wochen, dann ist er weg mitsamt seiner Barbarenbrut, verschwunden in den Weiten Asiens oder Afrikas oder wo immer diese Teufel herkommen. Das hatte Orban wirklich gut gesagt, aus den Weiten Asiens und Afrikas, einmal ein klares Wort. Und Taten: Zaun, vier Meter hoch, NATO-Stacheldraht obendrauf, Viehwaggons und ab in die Weiten. Aber hier, alles die Schuld von diesem Pfaffen, der ist schließlich auch kein Hiesiger, bei dem Namen, das sagt ja schon alles – Stipschitz.

Arpad war kein religiöser Mensch, im Gegenteil, er verachtete Menschen, die eine Religion praktizierten und hielt sie für dumm oder zumindest so minderbemittelt, dass sie sich nicht auf ihren Verstand verließen, sondern glaubten, etwas „Höheres“ zu brauchen. Er hielt Religion für eine Sache für Leute, die nicht genügend Krips und Mumm hatten, auch ohne Religion dem Bösen aus dem Weg zu gehen. Das war immer schon sein Glauben gewesen, so hatte er sein Leben gestaltet. Aber nun musste er sich die Sache genauer ansehen, denn da gab es ein familiäres Problem. Sein Sohn Geza wollte sich zu einem Choralsänger ausbilden lassen. Er hatte tatsächlich eine schöne, tragende Stimme. Aber warum denn unbedingt in einer Kirche, hatte er ihm vorgehalten. Der 20-jährige Geza hat schon vieles probiert und wieder aufgegeben, von der Schule bis zur Mechanikerlehre, nirgends hat er Fuß gefasst. Er war so groß und blond wie sein Vater, aber sein Geist war leider nicht so beweglich. Er liebte Bier und Fußball, vom Rand aus. Geza war in der Clique seiner Freunde auch der beste und lauteste Schreier beim FC Sopron. Was dem Vater aber die meisten Sorgen machte, war die Tatsache, dass Geza kein Interesse an Mädchen zeigte. Noch nie hatte er eine Freundin nach Hause mitgebracht, und nicht einmal seine Kumpels stellte er den Eltern vor, sie hingen nur in Kneipen und auf dem Fußballplatz herum. Arpad hatte noch eine Hoffnung, dass es nicht bei den Chorälen bleiben würde. Geza war der frisch gegründeten „Neuen Ungarischen Kirche- NUK“ beigetreten, weil er da die Chorausbildung erhielt. Die NUK war eine Idee der Jobbik-Partei gewesen, die kennen sich aus in der Geschichte, das bewunderte Arpad. Unter den ungarischen Pfeilkreuzlern hatte es ebenso wie unter den deutschen Nazis eine Reihe von Freikirchen gegeben, wo sich die faschistischen Neuheiden sammeln konnten, ohne dabei von so einem Plunder wie Christus und Bibel und so altmodisches Zeug wie Nächstenliebe und Gewissen gestört zu werden. Und wenn Geza genug vom geselligen Choralsingen hatte, konnte er ja in der Partei eine Karriere machen, das wäre dem Vater recht, und da sang man auch viele schöne, patriotische Lieder. Dass man damit weiterkommen konnte, sah man ja im ganzen Land ohne Lupe. Dass sich der Sohn im August dieser Hitler-Pilgerfahrt anschließen wollte, ging dem Vater gegen den Strich. Diese Hitlerei von „Blut&Ehre“ war nicht sein Ding, das war nichts Ungarisches, wir brauchen das nicht, wir Ungarn haben unsere eigene Heldentradition.
Ildiko war die kleinere Sorge, obwohl auch sie nicht mehr in die Schule gehen wollte, sondern Model werden. 17 Jahr, blondes Haar, lang bis zu den Pobacken, das war wirklich schön an ihr, ein echtes Honiggelb, das Bullige von ihm hat sie nicht geerbt, eher das Dünne, Längliche von seiner Frau. Ildiko hat ein Stutengesicht und schielt so stark, dass sie die halbe Kindheit mit einem Pflaster über einem Auge verbracht hatte, ohne Erfolg. Ildiko nahm das auf die leichte Schulter und meinte, mit Photoshop kann man heutzutage schon alles machen. Seine Frau war so vernarrt in ihre Tochter, dass sie den Balaton für sie austrinken würde, um sie glücklich zu sehen. Die beiden lagen ihm seit einem halben Jahr in den Ohren, dass Ildiko heuer im August bei der Miss-Balaton-Wahl antreten dürfe. Mal sehen, Mädchen, dachte Arpad, nicht so schlimm, sie wird heiraten und schnell ein paar kleine Magyaren in die Welt setzen.

Mahmoud stellte sich in der Tat als begabter Mechaniker heraus, obwohl er das nicht gelernt hatte. Er löste zuerst immer alles im Kopf, logisch überlegte er, das müsste so sein, daher das andere so, und immer so weiter. Arpad musste ihm auch nichts anschaffen, weil Mamu von selbst sah, was notwendig war. Er war auch immer der Erste bei der Arbeit und am Abend der Letzte. Schon in aller Früh krabbelte er im Maschinenhaus herum, saß auf dem Traktor, horchte auf den Motor, stieg wieder herunter, beugte sich über die offene Motorhaube und schraubte, schmirgelte, schmierte und lötete, was das Zeug hielt. Oder er lag unter einem Trecker, einem Pflug, einer Spritze oder einer Obstpflückerkarre. In kürzester Zeit beherrschte er alle Maschinen mit einer Wendigkeit, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht als Traktoren, Gabelstapler und Obstpflücker auf Minivans zu fahren.

Den Rest der Familie C. sah man am Hof praktisch nie. Die Kinder gingen im Ort in die Schule, das schwarze Frauenzelt war sowieso unsichtbar, die Raiffeisen-Vorhänge vor dem Geflügelhaus blieben immer zugezogen. Das Haus verließen sie durch die Hintertüre, die über alte Misthaufen, Brennnesselwälder und Brombeerhecken in die Wiesen führte. Nur wer genau hingeschaut hätte, könnte das Zelt mit den zwei Kindern in der Abenddämmerung durch die Obstplantagen wandern oder auf einer Wiese sitzen gesehen haben.
Wenn schon alle anderen gegangen waren und Feierabend machten, stand Mahmoud mit seiner nicht so kräftigen Statur und seinen randlosen Brillen in der riesigen Obstlagerhalle und spritze mit einem Kärcher den Boden sauber und noch sauberer, sogar mit dem Besen ging er den Wasserschlieren noch nach und trieb sie hinaus auf den Obsthof. Er schien Vergnügen daran zu haben, diese unendliche Fülle an Wasser machte ihn glücklich und er dachte dabei vielleicht an die syrischen Wüsten. Neben dem Reparieren der Geräte war seine bevorzugte Tätigkeit, die Obststeigen fein säuberlich zu ordnen, und dazu benützte er den Gabelstapler, „Ameise“ hieß das Gefährt, wie er von den anderen Arbeitern gelernt hatte. Niemand konnte die Kisten und Körbe so akkurat schlichten wie der Syrer, er arbeitete mit der Präzision eines Computers, chirurgisch genau standen die Oststeigen in hohen Stapeln bis unter die Decke. Er bediente die Ameise so flink und wendig wie ein Lausbub sein Go-cart und hatte offensichtlich Spaß daran. Er pfiff und sang etwas in seiner Sprache vor sich hin wie ein Ziegenhirt auf der Weide, als würde er Gold dafür bekommen. Wenn man ihn so in seinem Strohhut im Overall mit dem aufgedruckten Logo BOB von Bernauer-Obst-Burgenland am Latz und den Gummistiefeln sah, konnte man ihn von einem Einheimischen nicht unterscheiden, wenn er nicht diese feine Brille auf der Nase gehabt hätte. Die würde ihn für immer zum Aussätzigen machen gegenüber dem Balkan-Volk. Was Arpad am meisten aufregte und zur Weißglut brachte, war, dass dieser Mamu die Arbeit gerne machte und das auch noch zeigte. Das hatte noch niemand aus dem ganzen Balkan-Pöbel gemacht und auch kein Mann aus Anatolien: Vergnügen an der Arbeit zu haben, so was von unerhört. Das würde die Sitten am Hof verderben, das konnte auf die anderen abfärben. Und wenn Frau Bernauer das bemerkte, würde sie verlangen, dass die Angestellten für das Vergnügen der Arbeit ihr auch noch bezahlten. So weit würde es kommen, wenn dann immer mehr von diesen zehn Millionen die Grenzen überwinden, alles aus dem Gleichgewicht bringen und alles von oben nach unten kehren würden, gute Nacht, Gospodin Schupan, gute Nacht, schöner Plan, gute Nacht, rosige Zukunft. Er musste erreichen, dass sie diesen Mamou vorher feuerte und das bald. Wenn das so weiterging und er bald besser Deutsch konnte als Arpad, dann sah er nur noch das Schwärzeste vom Schwarzen. Dass der Pastor nur noch bei Herrn Mahmoud Besuch machte, störte Arpad nicht so sehr, weil er`s sowieso nicht mit den Pfaffen hatte. Aber wenn er zusehen musste, dass die Chefin hinter Mamou herlief, ihn umflatterte wie eine aufgeregte Henne und immer wieder Monsieur Mahmoud hier, Monsieur Mahmoud dort flötete. Der letzte Rest vom Ursulinen-Internat, in das sie ihre Eltern gesteckt hatten. Sie war nicht anders als der blöde Törki in seiner Art hinter Arpad her war. Seine Seele füllte sich mit solchem Grimm, dass er schnaubte wie das wildestes Pferd, das je ein Bein auf die geheiligte Puszta gesetzt hatte.
Die syrischen Kinder redeten schon recht munter mit ihren Schulkameraden, im Dorf und im Schulbus. Einmal waren sie sogar von Schulkameraden auf ein Eis eingeladen worden.
Das Zelt blieb weiter unsichtbar hinter den Gardinen. Arpad hatte im Lagerhaus zufällig mitbekommen, dass sich Mamu nach einem Grundstück erkundigt hatte, draußen neben der Bahn, da war das Land billiger. Aha, ein Haus will sich Monsieur also bauen, so ein Schlauer, und noch eins und dann alles hier übernehmen gleich die ganze Bude mit ihren Großfamilien aus den Weiten Asiens und Afrikas. Genau daran arbeitete Arpad schon 20 Jahre lang, sicher auf kleinerer Basis, aber das sollte dem Wilden nicht gelingen, da würde er ihm schon vorher einen Strich durch die Rechnung machen, bevor der auch nur einen einzigen Quadratmeter gekauft hatte. Plan A ging ungefähr so, ihn zu denunzieren, dass er absichtlich etwas kaputt gemacht oder gestohlen habe. Fraglich, ob das funktionieren würde, denn der machte nichts kaputt und stahl auch nichts, absichtlich. Außerdem ließ sich eine so misstrauische Chefin wie die Bernauerin nicht so leicht hinters Licht führen. Anstellen und feuern, ihre Devise, immer hatte sie ihren Vorteil abgewogen. Das wusste er nur zu gut nach den 30 Jahren auf dem Bernauer-Hof. Es musste ein Plan B her, den hatte er aber noch nicht ausgegoren, aber es gab da eine Idee im Hinterkopf, fast schon ein Plan. An den wagte er sich kaum zu denken und war froh, dass er nicht dazu neigte, im Schlaf zu sprechen. Auf Törki spuckte er, wenn der etwas verraten sollte. Aber Törki schwieg. Plan B bestand darin, dass er einfach passieren musste, einfach so, wenn die Gelegenheit dazu da und die Zeit dafür reif war. Geduld, Arpad, Geduld, das wurde sein Morgen- Mittag- und Abendgebet, so innig, dass Törki, wenn er kein stummer Truthahn, sondern ein Papagei gewesen wäre, es ihm sicher nachgeplappert hätte, Geduld, Geduld.

Eines Abends am Ende der Saison war Edith Bernauer, wie so oft, hinter ihrem Liebling Mamu her in die Lagerhalle gestiefelt. Unter irgendeinem Vorwand wollte sie ein paar französische Brocken an in richten, an ihren Monsieur Mamou. Ab sie fand ihn nicht, sie sah nur, wie die Beine im blauen Overall unter der Ameise hervorragten, grotesk verdreht wie bei einer achtlos hingeworfenen Stoffpuppe, daneben der Sonnenhut und etwas weiter weg ein paar zerquetschte Silberbügel mit Glassplittern. Adrian war es, der es bemerkte, aber für sich behielt, dass die Bremsen der Ameise nicht angezogen waren.

Am 30. Oktober war unter Vermischtes im Roschitzer Boten eine Notiz zu lesen:
Am Bernauer Obst-Hof, Spörk 1, hat sich ein tragischer Arbeitsunfall ereignet. Der aus Syrien stammende Landarbeiter Mahmoud C. geriet unter einen Gabelstapler und wurde von der Maschine erdrückt. Im Krankenhaus Eisenstadt kämpfte ein Ärzteteam vergeblich um sein Leben. Er hinterlässt eine Frau und zwei minderjährige Kinder.


Edith Bernauer ging nach dem Vorfall kaum noch aus dem Haus, sie soll ständig gezittert und mit sich selbst gesprochen haben; schließlich kam ein weißer Kastenwagen mit einem roten Kreuz, und sie verschwand in der BLaNG, der Burgenländischen Landes- Nervenheilanstalt Geschriebenstein. Arpad machte sich mit seinem schwarzen Mercedes rüber nach Ungarn, und der Rest der Familie C. fuhr in einem weißen Audi in unbekannter Richtung davon. Törki hatte sich kurz nach diesem Ereignis in den Truthahnhimmel verabschiedet.

Veronika Seyr
20.8.15