Mittwoch, 13. April 2016

Liebe und Glamour


Als Ditta das Haus betrat, wusste sie sofort, dass ihr Mann aus der Firma zurück war. Im Vorhaus standen seine Schuhe exakt paralell auf der Matte, der beige Staubmantel und der grüne Schirm hingen in der Garderobe, die dünne schweinslederne Aktentasche und der Schlüsselbund lagen auf dem Board unterhalb des Spiegels. Alles sah aus wie immer, wenn sie aus dem Golfclub, der Sauna oder von der Bridge-Runde zurückkam. Nur sie war eine andere geworden, ganz plötzlich, heute Nachmittag.
Schon an der offenen Türe rief sie ins Haus hinein:
"Ich bin wieder da, Darling! Was machst du, Heinzi?“
Dieselbe Frage wie jeden Tag, obwohl sie wusste, dass er im Wohnzimmer, das er „Office“ nannte, in seinem Ohrensessel saß, in der New York Times Börsenberichte studierte und Kreuzwort- und Sudoku-Rätsel löste. Dazu gönnte er sich die einzige Zigarre des Tages, die sie ihm erlaubte, während er darauf wartete, dass sie das Abendessen servierte.
Ditta war aufgeregt, sie atmete schwer, spürte auf den Wangen rote Flecken aufziehen und zitterte so, dass sie gegen ihre Gewohnheit mit Schuhen, Jacke und Tasche ins Zimmer stürzte. Ihr Mann schaute kurz auf, zuckte mit den Schultern und brummte:
„Nanana, wo brennt`s denn? Was gibt es zu essen?“
Auch diese Frage kam jeden Tag und war so überflüssig wie ihre, weil er sich jeden Abend einen Wurst- und Käseaufschnitt mit Beilagen und ein reichhaltiges Brot- und Gebäckskörbchen wünschte. Obwohl er Knäckebrot verachtete und es noch nie angefasst hatte, musste es immer dabei liegen. Er könnte ja jemand vorbeikommen, der Knäckebrot schätzte. Es war aber noch nie ein Schwede bei ihnen vorbeigekommen. Bei ihnen kam schon lange niemand mehr einfach so vorbei.
"Gleich, ich komme!
Stell dir vor, was mir heute passiert ist."
"Kann das nicht später sein? Ich habe Hunger und bin müde."
Dass Heinz Hofferer hungrig war, konnte sie nicht ausschließen, denn er machte sich nie selbst etwas zu essen. Dass er heute müde war von einem langen Arbeitstag, war übertrieben, denn er hatte schon vor drei Jahren einen tüchtigen Geschäftsführer in seiner Firma eingestellt. Kulmann ging nur noch ins Büro, weil ihm zu Hause langweilig war. Er hatte als Geschäftsmann über viele Jahre äußerst erfolgreich eine Firma aufgebaut, die Glückskarten und Rubbellose herstellte, also eine Grafikanstalt und eine Spezial-Druckerei betrieb. Zum Verkauf konnte er sich noch immer nicht entschließen, die Firma war ihm ans Herz gewachsen wie ein Kind, sie war sein Kind, das verkauft man doch nicht einfach.
Ihre Tochter Miriam wohnte mit Mann und Enkelkindern in der westlichsten Hauptstadt B., und der Garten interessierte ihn nur so weit, als er jeden Abend Runden durch das weitläufige Gelände unternahm, vom Naturteich im Obstgarten ganz hinten zum künstlich angelegten japanischen vor der Terrasse, immer hin und her. Beim Naturteich stand er auf dem Badesteg und starrte auf die Frösche im Wasser und die Libellen im Schilf, beim Japaner fixierte er von der geschwungenen Brücke aus die Goldfische, so gedankenlos und träge wie sie selbst. Kürzlich hatte er einen Roboter angeschafft, der das Gras mäht, ihr neues Familienmitglied, den sie Butler James nannten. Wenn Heinz sich in der Hollywood-Schaukel niederließ, die an einem zentralen Ort aufgestellt war, von dem man fast den ganzen Garten überblicken konnte, sah er James dabei zu, wie er Runde um Runde drehte, an ein Hindernis stieß und danach seine Richtung änderte. Je nachdem, wie die Uhr gestellt war, steuerte James sich selbst zu einem kleinen Schuppen mit einem runden Tor ähnlich wie bei einer Hundehütte, parkte sich ein und schaltete sich ab. Heinz`s Blicke waren dabei gespannt aufmerksam, leicht belustigt und fast liebevoll. Er betrachtete ihn wie ein Tierliebhaber einen spielenden Hund oder ein weidendes Schaf. Oder Kinder.
Ditta war ihr ganzes Leben eine passionierte Gärtnerin gewesen, das sah man ihrem Garten auch an – sie hatte als Auszeichnung eine ovale Plakette bekommen „Traditioneller Naturgarten“, die vorne an der Straße über dem Gartenzaun prangte und auf die sie stolz war wie andere auf den Nobelpreis. Allerdings hatte sie sich seit einiger Zeit einen Helfer genommen, den kräftigen, jungen Asylwerber aus Afghanistan Mahmoud, einen sogeannten umF (unbegleiteten minderjährigen Flüchtling), weil ihre Bandscheiben die meisten Arbeiten nicht mehr zuließen. Nicht schlimm, nur „altersgemäß abgenutzt“, hatte der Orthopäde gesagt. An Alis Seite verbrachte sie mehr Zeit als mit ihrem Mann. Ali lernte gerade die ersten deutschen Worte im Kurs der Kirchengemeinde, aber beim Gärtnern war die gesprochene Sprache ohnehin nicht das Wichtigste. Wegen des Rückens hatte sie auch ihr geliebtes Tennis ganz aufgegeben und beim Golf reduziert, sie machte nicht mehr alle Löcher und saß immer häufiger mit Freunden beim Bridge in der Club-Lounge.

Ditta holte aus der Küche Heinz´s „Vorspeise“, wie sie sein abendliches Glas Bourbon mit Eiswürfeln nannte, zog einen einfachen Stuhl an den Ohrensessel ihres Mann heran und sprudelte nur so über.
"Heinzi -Schatzi, hör zu, heute im Golfclub, wir waren gerade mit dem letzten Rubber fertig, sagt Henriette, die Neue in der Runde, dass sie die berühmte Schriftstellerin Arabel Inenda kennt. Du weißt ja, wie sehr ich sie liebe und verehre. Stell dir vor, das neueste Buch ist gerade heraussen und schon wieder ein Bestseller, ein world best seller. Das könnte dich auch interessieren, es soll ein Politkrimi sein. Jetzt kommt sie zu einer Lesung nach Wien, und Henriette würde sie zu sich einladen, ein kleine, private Runde, und ich dabei! Ein internationaler Star kommt zu ihr ins Haus, sie hat mich persönlich eingeladen: `Ditta, mein Kleines, komm doch nächsten Donnerstag zum Tee, Arabel wird vorbeischauen. Vorbeischauen, stell dir vor, ein Star schaut vorbei, einfach so! Henriette ist so cool. Kleines, sagte sie, ich weiß, wie du sie liebst, ihre Bücher, und du kennst sie am besten von uns allen. Da kannst neben ihr sitzen und sie selbst befragen, alles, was du willst, sie ist ein Superstar, aber auch nur ein Mensch.`
Bei diesem Gedanken erstarrte Ditta, es war für sie unvorstellbar, ihren Körper neben dem ihren zu spüren oder gar Fragen an sie zu stellen und ihr dabei in das Gesicht zu sehen. Was sollte sie sagen, wie sie ansprechen, sehr geehrte Frau Inenda… liebe Arabella... ich, … sie sagt zu mir, liebe Ditta, mein Liebes, … ich sage, höre Henriette, sei nicht so schüchtern, mein Kleines….“

„Arabel - wer?“
„Heinz, also wirklich, das ist nicht fair, du bist gemein, sie ist doch ein Star!“
Ditta wollte so streng klingen, wie sie nur sein konnte, kein Darling, kein Heinzi oder Schatzi.
Sie hatte das neue Buch über Liebe und Schatten natürlich schon bestellt. Seit dem ersten Roman vom Geisterhaus hat sie jede Zeile von ihr gelesen, Artikel und Bilder gesammelt, in Alben eingeklebt wie Teenager das mit Fussball- oder Popstars machen. Ditta genierte sich nicht dafür, auch wenn Heinz sie dafür verspottete. Sie verteigte ihr Reich. Sie schreibt so schön, einfach und romantisch, sie trifft alle meine Gefühle und Gedanken, als würde sie mich perönlich kennen, man kann alles sofort verstehen, sich die Menschen und Situationen vorstellen, ohne lang nachdenken zu müssen.
Heinz brummt und sagt, ohne von seinem Sudoku aufzuschauen:
"Diese Kitschziege, die kann doch gar nicht schreiben, sie hat ihren Ruhm nur durch den Namen ihres Vaters."
"Nein, Heinz, das ist ungerecht, sie hat sich ihren Ruhm selbst erschrieben. Jedes Buch wird ein Bestseller, in der ganzen Welt."
"Ja, die stecken doch alle unter einer Decke, alle schreiben von einander ab, ich kenne diese Geschäftemacher."
"Das siehst du nicht richtig, wie bist du denn drauf! Sie ist eine wunderbare Frau, ich war einmal bei einer Lesung von ihr in Wien, weißt du noch, bei der Thalia, so herzlich, so charmant, ganz ohne Arroganz, sie schaut nicht auf ihre Leser herab und erhebt sich nicht über sie. Ich nehme ihr jedes Wort ab und ….“
"Ach, du Armutschkerl, dir kann man jeden Schmus andrehen. Dabei sieht sie aus wie ein aufgetakeltes Hutschpferd mit einem Kilo Schminke und tausend Narben im Gesicht, eine alte Schabracke wie das Biest aus Dynasty, wie hieß die noch?“
„Joan Collins, als würde dir Sophia Loren nicht einfallen.
„Du bist zu nah ans Wasser gebaut." Das sagte er immer, wenn sie sich für etwas begeisterte. Er konnte mit ihrem Gefühlsüberschwang nichts anfangen, und sie hatte sich schon oft darüber gekränkt. Heinz war ein guter Mensch, aber ins Herz konnte er ihr nicht schauen. Aber so ist er halt, der Heinz, sie entschuldigte ihn immer, ein Geschäftsmann mit einem kühlen Kopf, sonst wäre er nicht so erfolgreich gewesen.
„Also gut, Heinz, wenn du so bist. Das ist nicht sehr nett, jemandem die Freude zu verderben.
Aber lassen wir das, ich will nicht streiten.“
Im Stillen dachte sie: Er ist hundsgemein, mein Heinz.

Nach solch einer Szene flüchtete sie meistens zu ihrer Tochter und den Enkeln nach B. Dort war es auch nicht das reinste Honiglecken, weil ihre Tochter sich genervt fühlte, wenn sie ihr mit den alten, grindigen Eheproblemen die Ohren voll jammerte.
„Hi Mom, der Oberjammergau ist wieder da“, sagte Miriam mit einem Lächeln, aber etwas despektierlich, deutete eine Umarmung an und hauchte Küsse auf die welken Mutter-Wangen. Sie ließ sie ein zusammen mit ihrer rot-gelben Hermes - Reisetasche ins bio-ökologische Holzhaus in der typischen Vorarlberger Bauweise. Ihr Mann hatte einen europäischen Preis, viel gute Presse und neue Aufträge bekommen. Immer nahm Ditta Heinz vor der Tochter in Schutz, er ist dein Vater, er ist, wie er ist, du musst ihn halt so akzeptieren, er kann nicht aus seiner Haut heraus. Er hat uns erhalten, uns ein gutes Leben garantiert und dir viele Möglichkeiten geschaffen...“
„Und wie viele hat er mir verbaut?“ unterbrach sie die Mutter scharf. Ein Wort ergab das andere, sie wurden wütend, steigerten das Gefecht bis zu den Tränen, fielen einander dann unter Liebesschwüren in die Arme und rüsteten wieder ab. Aber in den Seelen erreichen konnten sie einander nicht mehr, auch wenn ihre Hände noch lange verflochten auf dem Küchentisch lagen.
Mit einem Knall ging die Haustür auf, Lacher zerplatzten und herein polterten die neunjährigen Zwillinge Viktoria -Vicky und Valentin – Voiti - mit ihrem Vater Vitus-Veit. Schultaschen, Jacken, Schuhe, Kulturbeutel und Skateboards flogen mit großem Getöse durch das geräumige Vorhaus und durch das hölzerne Treppenhaus nach unten. Manches blieb an dem geschwungenen Geländer hängen.
Omama, du bist da, great, Grandma is here, sie gingen schließlich schon in eine Englisch-Klasse und Miriam übte ihr New Yorker Englisch ständig mit ihrem alemanischen Ehemann. Vicky und Voiti flogen ihr in die Arme, Küsse auf die Wangen und in die Haare, aber boshaft, wie Kinder in diesem Alter nun einmal sind, schalteten sie sofort auf ihren Reim um: Oberjammergau, Obermammagau, Jammergauoma, Grauejammeroma. Dabei tanzten sie um sie und die hohe Küchentheke mit den hohen Tresen herum. Wer hatte ihnen das beigebracht? Sollte sie jetzt die Geschenke herausholen? Vielleicht später, sie musste Miriam fragen.
Veit trudelte herein, küsste sie flüchtig auf die Wangen, hi, Schwiemu, wie geht’s? Dann holte er eine Packung Orangensaft aus dem dreiteiligen, verchromten Kühlschrank, trank sie halb leer und verdrückte sich wie immer, wenn sie da war, schnell in sein Arbeitszimmer, der preisgekrönte Architekt, oder er hatte plötzlich noch einen Termin auswärts. Er schlug das Sakko über die Schulter und Tschüss, Schatz, tschüss Ditta, wir sehen uns, Bussels, Büsseli, Kinder! Die Zwillinge verschwanden in ihren Zimmern, später aßen sie zu Abend eine Pizza, und Miriam verscheuchte die Kinder bald ins Badezimmer und in die Betten. Mutter und Tochter machten gemeinsam die Küche sauber. Sie ist eine gute Mutter, meine Miriam. Aber warum kamen keine eigenen Kinder? Sie verstand es nicht, wagte aber nicht zu fragen. Vitus hatte ganz in der Nähe seine Eltern, hingebungsvolle Großeltern, die die Enkel vergötterten und umgekehrt, eine Traum- Oma und einen Bilderbuch-Großvater, mit denen sie und Heinz nicht konkurrieren konnten, es erst gar nicht versuchten, Miriam und ihr Mann hatten auch nie etwas Derartiges eingefordert. Das war`s, die Familie.

Ditta übernachtete im Gästezimmer, schlief wenig und unruhig und fuhr nach einem flüchtigen Frühstück wieder nach Hause. Während ihr BMW mit ruhigen 160 km summte, gelang es ihr, die Familie in eine abgelegene Gedächtnisecke zu verschieben und zu ihrer Lieblingsbeschäftigung zu kommen: in visionären Bildern über den kommenden Donnerstag zu schwelgen. Würde Arabel sie mit ihrem Vornamen anreden oder Frau Kulmann sagen, Kleines oder Herzchen, so wie Henriette? Heinz hatte sie in ihren jungen Jahren immer das Dittale genannt, mein Dittale, weil sie ihm einmal verraten hatte, dass ihr Vater eigentlich einen Dieter haben wollte, so wurde sie zu Ditta. Dem Vater hat sie noch knapp vor seinem Tod vergeben.
Sie wusste es, auch Heinz hatte sie mit der Geburt einer Tochter enttäuscht. Sein Plan, wenn schon ein Kind, das er eigentlich nicht wollte, oder nicht so wollte wie sie, dann sollte es ein Sohn sein, und wenn der sechs oder sieben war, würde er Interesse an ihm gewinnen und mit ihm zum football gehen, sie würden einen Lieblingsclub haben, alle Spieler aufzählen können, alle Tore und ihre Vorbereitung kennen, ihre Bilder sammeln, die Kappen und Schals tragen, eine gemeinsame Leidenschaft haben, die nur ihnen gehörte und wo niemand eindringen konnte. Dass Miriam nach ihrem Kunststudium einen jungen Witwer mit zwei Kindern geheiratet hatte und in die entferntestes Stadt des Landes gezogen war, nahm er ihr persönlich übel und entwickelte kein Interesse und Talent als Großvater.


Ditta hatte ihren Fehler zu spät erkannt, sie durfte vor ihrem Mann den Namen Henriette Schrodt nicht aussprechen, er konnte sie nicht ausstehen, Edelschrott nannte er sie, eine Schreckschraube, eine überkandiedelte Alte, die sich immer noch wie ein Hippie-Mädchen anzog, echte Blumen ins Haar steckte, an den Ohren Plastikgehänge in grellen Zuckerlfarben baumeln hatte, ständig rauchte und Gipsmodelle von nackten Frauen produzierte, alle waren sie Lilith. Sie wusste alles und kannte alle Leute. Genau diese Henriette war auch der Grund, warum er kaum mehr in den Golf-Club ging. Dabei war er vor vielen Jahren einer seiner Gründer und Förderer gewesen.
Ditta bedauerte das sehr und lag ihm damit in den Ohren. Es war ein ständiges gereiztes Thema zwischen ihnen. Dabei zeigte sie sich gerne mit ihm, sie liebte es, seine Begleiterin zu sein. Am Anfang war er sogar stolz, wenn andere Männer sie anschauten und bewunderten. Er war nicht eifersüchtig, im Gegenteil, es geilte ihn auf, wenn sie von anderen begehrt wurde. Sie hatten nie darüber geredet, es war nur eine andere Form, in der er sagte:
Ich bin deins, du bist meins. Sie hatten sich in einem Flugzeug nach New York kennengelernt, klassisch, er Geschäftsmann, sie Flugbegleiterin. Er hatte sie gezwungen, ihren Job aufzugeben, soll ich dich etwa nur im Flugzeug sehen, eine Frau gehört ins Haus und an die Seite ihres Mannes. Der Mann macht Karriere und die Frau das Heim. Und als das Kind kam, war ihre Arbeit nicht einmal mehr ein Gedanke. Die ersten zehn Jahre ihrer Ehe hatten sie am Nordrand von New York gelebt, Heinz hatte seine Firma in Downtown, und sie war eine richtige amerikanische Vorstadtfrau. Dann, mit dem Ende des Ostblocks, zogen sie nach P., und Heinz baute seine Firma in den neuen Ländern aus. Alle wollten ihren Anteil am Glück, das ihnen der Sozialismus versagt hatte. Rubbellose und alle Arten von Glückskarten boomten, und Heinz wurde reich.
„Komm mit in den Club, ignoriere sie einfach, sie tut dir doch nichts, sie ist ganz harmlos und will nur ihren Spaß haben wie alle anderen auch. Außerdem sind noch viele andere Leute da, der Max, die Roswitha, die Karoline erzählt so interessante Sachen aus Afrika, den Stefan, ihren Sohn, den magst du doch. Der ist so ein lieber, kluger Mensch und dazu noch ein guter Arzt….“
„Es gibt keinen guten Arzt, es gibt nur mehr oder weniger große Zyniker, sie erfreuen sich daran, dass es ihnen Opfern noch schlechter geht als ihnen selbst.“ Ja, Opfer, sagte er. Alle Patienten sind Opfer der Ärzte. Sie hatte ihm durch ihre Unachtsamkeit die Gelegenheit gegeben, dazusitzen und so pikiert und eitel, so verächtlich und triumphierend dreinzu- schauen wie ein Porträtfoto von Sigmund Freud persönlich.
„Heinz, früher warst du nicht so. Wir wollen uns nicht über Worte streiten.“
„Früher ist früher. Basta, aus, vorbei. Und merk dir endlich, ich streite nie.“
Das stimmte, er äußerte immer nur fest und frei heraus seine Meinung.
„Heinz, wirklich, das ist nicht fair von dir, einfach nicht fair, dass du mir so die Freude verdirbst, nicht das kleinste Glück willst du mir gönnen."
"Ich gönn` dir alles, aber lass mich in Ruhe damit. Und überhaupt, die Welt ist nicht fair.“

Ditta schmollte und zog sich in die Küche zurück. Sie konnte sich kaum auf das Beladen des Servierwagens mit dem Abendessen konzentrieren, weil sie in Gedanken schon beim Tee mit Henriette und dem Star war. Sie stützte sich auf den Abwaschtisch und schaute durch das große Küchenfenster in den Garten hinaus. Hinten an der Ligusterhecke hüpfte eine Amsel, ein Männchen, dachte Ditta, mit dem dunkelgelben Schnabel, und das Weibchen stöberte im Komposthaufen. So ein Einklang, dachte sie, die haben etwas gemeinsam. Sie würde morgen mit Mahmoud nachschauen, ob sie das Nest im Liguster oder im Flieder gebaut hatten.
Im Speisezimmer deckte Ditta den viel zu großen, ovalen Tisch: Aufschnitt auf Holzbrettern, verschiedene Wurstsorten, Schinken, Speck, Kalbsleberpastete, ein reiches Käsesortiment, Gurkerl, Pfefferoni mild und scharf, Braten - und Grammelschmalz, Weintrauben, Nüsse, Oliven, Radieschen, frische und getrocknete Tomaten - eine Auswahl wie in einem Heurigenbuffet, darauf bestand Heinz, er hielt das für Heimatverbundenheit, sogar in New York hatte er auf dieser Rustikalität bestanden. Sie saßen einander schweigend gegenüber, Ditta brachte kaum einen Bissen hinunter und gab nur vor, etwas zu essen. Dafür nahm sie umso öfter ihr Wasserglas zur Hand und knetete mit den Fingern die Schmolle der Semmel zu Kugeln. Das Gebäckskörbchen wurde auf dem Tisch hin- und her geschoben, manchmal auch die Senftuben und das Mayonnaiseglas, das Knäckebrot blieb unberührt, Blicke huschten knapp unter den Augen vorbei, Heinz räusperte sich mehrmals und rückte seinen Körper im Sessel zurecht, fand aber kein Wort mehr. Heinz aß wie immer viel und mit provokantem Appetit. Ob er ihr das zu Fleiß tat? Zum richtigen Zeitpunkt holte Ditta aus der Küche eine zweite Flasche Bier für ihn, öffnete sie und stellte sie neben das Glas, eingießen wollte er immer selbst, denn das können Frauen nicht.
Eigentlich war auch beim Abendessen alles so wie immer, den Wortwechsel mit ihrem Mann hatte sie schon vergessen und gab sich ihren süßen Träumereien hin. Henriette hatte ihr die Eröffnungsszene eines Films geliefert, den sie in Gedanken ablaufen lassen oder stoppen konnte, sooft sie Lust dazu hatte. Sie würde neben Arabella sitzen, mit ihr reden, ihr sagen, was sie noch nie jemandem sagen konnte und sonst auch noch alles Mögliche fragen, so vieles hatte sich angesammelt in den Jahren der Anbetung…. Das Canapee nehmen, das Törtchen, die Serviette, die Teetasse dazwischen balancieren und etwas fragen, etwas Persönliches, nein, das würde nicht gut gehen, sie würde an der Frage ersticken oder an dem Brötchen oder den Tee über Arabells Knie gießen, oder alle Damen würden Sie schon beim ersten Wort auslachen, sie würde erröten, die Fassung verlieren und zu weinen beginnen …. Sie war nicht mehr ganz da, vielleicht war es besser so, oh Gott, was soll ich anziehen? Komm zu dir, beruhige dich, der Tee ist erst nächste Woche. Ich muss Henriette noch einmal sagen, wie dankbar ich ihr bin, dass sie mich zu sich einlädt, wenn Arabella vorbeikommt. Hoffentlich überlebe ich bis zum Donnerstag, Todesursache Glück. Heinz verzog sich auf die Fernseh-Couch, während Ditta den Tisch abräumte und die Küche sauber machte.
„So, ich geh jetzt schlafen, ist schon spät, gute Nacht, Schatz.“
Sie ging hinter ihm vorbei, beugte sich in seine Richtung und deutete einen Kuss auf seine Glatze an.
Sie wollte sich ihre Donnerstags-Phantasien für später aufbewahren, wenn sie allein war.
Heinz faltete die Zeitung lose zusammen und warf sie auf den Beistelltisch.
„Dir auch gute Nacht, ich schaue noch die Nachrichten an.“

Heinz war depressiv, dessen war sich Ditta sicher, zumindest deprimiert, nein keine richtige Depression, das nicht. Aber sie wagte es nicht, das Gespräch darauf zu bringen, Heinz würde sie fressen, sollte sie das aussprechen und eine Methode dagegen vorschlagen. Alles, was mit Psych- begann, war ihm zuwider, er hielt das für dummen Hokuspokus und ein Ausredespiel für Loser. Ich warne dich, leg mich nicht auf die Couch. Er wollte keinen heimtückischen, psychiatrischen Kauderwelsch in seinem Haus, obwohl ihm verschiedene Leute gedrängt hatten, sich „professionelle Hilfe“ zu holen.
Wenn er schon nicht mehr zum Golf gehen wollte, dann doch zum Tennis, seine Bandscheiben gaben ihm noch Ruhe, obwohl er fünf Jahre älter war als sie. Oder angeln. Früher war er ein leidenschaftlicher Fliegenfischer gewesen, er hatte sogar seine Geschäftsfreunde aus aller Welt zum Fischen eingeladen. Welche schönen Erlebnisse haben sie gehabt, herrliche Forellen aus der Schwarza, Salza, Triesting, Piesting, Krems und Traisen. Die Lagerfeuer am Ufer oder auf einer Flussinsel, diese wunderbaren Abende, die Sonnenuntergänge und dann die Sterne, manchmal sah man bei klarem Himmel den ganzen Bogen der Milchstraße. Wie weggewischt, als hätte es das alles nie gegeben. Er sitzt in einem tiefen, dunklen Loch und lässt sich nicht rauslocken. Stefan, Karolines Sohn, meint, das könne nur er selbst, also Selbsteinsicht und Selbstheilung. Der Arbeitsalltag eines Firmenchefs fand unter ständiger Hochspannung statt, auf der Überholspur, die Jagd von einem Termin zum anderen, immer im Bewusstsein seiner eigenen Bedeutung - und dann plötzlich eine Vollbremsung, Stillstand und Sturz ins Bodenlose. Als Chef war die Fallhöhe besonders groß. Und Geld über eine bestimmte Menge hinaus machte auch nicht glücklicher und zufriedener.
Allein das Wort Hobby machte ihn wütend. Das ist etwas was für Kinder und Schwachköpfe. Deswegen traute sie sich nicht, ihm den Kulturclub von P. anzuraten, wo die Leute Karten spielten oder Schach, Mikado oder Puzzle legten, manche hatten sich fürs Stricken, Sticken, Aquarellieren oder Porzellanmalen entschieden, wieder andere für die japanischen Künste des Ikebana und Origami. Flugzeugmodellbau, Laubsägearbeiten, eine Schreib- und eine Filmgruppe wurden noch angeboten, sogar Lesungen und Konzerte wurden angeboten. Das Bridge vermiesten ihm die alten Weiber, Dittas Freundinnen. Ditta hatte noch an Bienenzucht und Honigproduktion gedacht, an Goldfische oder Koi, an Bingo, Bowling oder Poker. Sogar einen Hund würde sie akzeptieren, was er aber empört zurückwies; ein Hund ist keine Lebensaufgabe für einen Mann, sagte Heinz. Ja, das war die Antwort auf sein Leiden, die Lebensaufgabe. Die Seele ist ein Schloss mit vielen Räumen, die von Heinz waren leer. Ditta hatte tiefes Mitleid, kam aber nicht mehr an ihn heran.
„Dann musst du dir ein Laster suchen, Fressen, Saufen, Koksen, Huren“, das war ihre Schlussfolgerung. Da musste sogar Heinz grinsen:
„Na wart nur, wenn ich einmal Blut geleckt habe...“

Als endlich der nächste Donnerstag kam, spürte sie beim Aufwachen, dass Heinz schon das Haus verlassen hatte. Ihr war nicht ganz wohl dabei, weil das praktisch nie vorkam, aber sie hatte jetzt andere Sorgen und vergaß ihren Mann. Sie widmete ihre ganze Aufmerksamkeit der Auswahl ihrer Garderobe. Wie sollte sie ihr gegenübertreten. Sicher, ein Tee bei Henriette war kein Staatsbesuch, wie Präsidenten und ihre Gattinnen aus dem Flugzeug heraustreten, den Hut halten, winken, lächeln, Küsschen werfen, die Gangway herunter schreiten, Hände schütteln, küssen, umarmen und Blumensträuße entgegennehmen. Aber das war sie ja nicht, sie sollte nur ein wenig neben Arabella Inenda sitzen und mit ihr plaudern. Nein, sie würde nichts sagen und nichts fragen, nur zuhören und anbeten. Denn wer war sie schon, ein Niemand.

Recht schnell stand für sie fest, dass sie ihr Kleid aus gelbem Chine de Crepe mit den schwarzen Krausen an Hals und Ärmeln anziehen würde. Dafür bekam sie immer Komplimente, es macht sie so jugendlich, vielleicht sogar mädchenhaft. Aber sowohl Arabella als auch Henriette waren älter als sie, da durfte sie auch aussehen wie ihr Kleines. Dazu ihre schwarzen Lackpumps mit den kleinen Absätzen und eine zierliche Clutch von Dior. Ditta drehte sich vor ihrem Spiegel hin und her und war zufrieden mit ihrem Bild. Fast hatte sie schon vergessen, dass sie sich in ihren Träumen so blamiert hat.

Kurz vor fünf Uhr machte sich Ditta in fast trunkener Verwirrung auf den Weg zu Henriettes Haus. Sie und Heinz wohnten etwas abseits zwischen dem Fluss und der Lindenallee mit den gepflegten Villen der Wiener Sommerfrischler. Sie kannte den Weg so gut, dass sie ihn blind hätte gehen können. Ein Stück den Fluss entlang über die Brücke, durch die Lindenalle mit dem plätschernden Springbrunnen, vorbei am Gemeindeamt, dem Supermarkt zum Hauptplatz von P., der eigentlich nur eine mit Rosen bepflanzte Verkehrsinsel auf einer Kreuzung von drei Straßen war, an der einen Seite der Traditions-Gasthof Markwart mit einem schönen Garten, auf der gegenüberliegenden ein geschlossener Drogeriemarkt und an der kurzen dritten ein verstaubtes Haushaltswarengeschäft. Henriettes Haus war ein unscheinbarer Mehrparteienbau, darin war untergebracht der Versicherungsmakler Travner, der früher Travnicek hieß, der Rauchfangkehrermeister Brandeis, im Ort Brandeins genannt, zwei Arztpraxen, gegen deren Kunden Henriette einen Kleinkrieg führte, weil sie ihren Privatparkplatz benützten. Alles war gleichzeitig da und glitt wie in einer 3-D-Animation an ihr vorbei. Oder war es umgekehrt? Die ständig wachsende Erwartung drückten ihr auf Herz und Atmung. Der Eingang, eine Glastüre, daneben in einem trostlosen Holzkübel eine fast verdorrte Kaktuspflanze, drinnen ein viel zu enges Treppenhaus mit braun gesprenkeltem Kunststein. Aber dann, wenn sich bei ihr oben im zweiten Stock die Türe öffnete, da zeigten sich Henriettes Klasse, ihr Stil und ihre Persönlichkeit. Weiß in Weiß der Boden mit kühlen Kacheln und die Wände, beige die Seidenvorhänge, weisse Orchideen und kleine Vogelskulpturen auf den Fensterbrettern. Auf einem Treppenabsatz in einer Nische stand eine spätbarocke Schnitzfigur, mein Paulchen, sagte Henriette und streichelte ihm immer zärtlich über den Kopf, obwohl er für Ditta eher wir ein Florian aussah. Aber bei den Heiligen war sie nicht firm. „In Kärnten, wo ich herkomme, da gibt es 44 Kirchen mit dem Paul“. So überzeugend, man vergaß sofort ihre klimpernden Plastikohrgehänge, ihre schillernden Wallekleider im Hippie-Look, die lächerliche Blume über der linken Schläfe im ausgebleichten Löckchenhaar, die qualmende, an der Unterlippe klebende Zigarette, vielleicht sogar die untalentierten Liliths. Aber darüber wollte sich Ditta kein Urteil erlauben, von darstellender Kunst verstand sie nichts. Sie läutete, und das philippinische Hausmädchen, meine kleine Maid Lily, nannte sie Henriette, öffnete die Tür so schnell, als wäre sie direkt an der Klingel gestanden. Henriette liebte das Bunte und Grelle an sich selbst, aber die Wohnung hielt sie in Weiß, mit einigen geschickt angebrachten Farbtupfern wie Bilder, Blumen und Kissen. Ansonsten weiße Bodenfliesen, durchgehend einheitlich durch den ganzen Raum, eine riesige weiße Ledergarnitur mit weißen Korbstühlen, lange, fließende cremefarbene Seidenvorhänge in verchromten Haltern vor den Fenstern und im Hallendurchgang, gegenüber eine Glaswand zu einer Terrasse, die auch weiß ausgelegt und mit einer stattlichen Anzahl von Blumentöpfen bestückt war, weiße Rosen, weißer Oleander und weiße Kletterpflanzen. Henriettes Wohnzimmer war weit und groß weit ein Fußballfeld, oben allerdings von einigen Spitzwinkeln und Schrägen des Daches in der Höhe eingeschränkt. Dafür waren in der Decke viereckige Bullaugen eingelassen, die einem das Gefühl gaben, auf einem Schiff zu sein Ditta atmete auf, sie war zum Glück nicht die Erste, so weit sie sah, war da schon Karoline, ihr Fels in der Brandung, Stefan, ihr Sohn, und seine schwedische Model-Frau Linda. Die halbwüchsigen, wohlerzogenen, der Literatur aufgeschlossenen Kinder Jan-Philip und Bridget-Marie hatten mitkommen dürfen, um den Star zu treffen, da war auch Roswitha, ihre Partnerin aus dem Bridge-Club, und Marion, eine pensionierte Diplomatin aus der OSZE, ihr lauter Mann Tim, ein riesenhafter, rotgesichtiger, immer besoffener Finne, der in der ganzen ehemaligen Sowjetunion mit Medizin-Geräten handelte und später als österreichischer Ehrenkonsul in St. Petersburg seine dunklen Geschäfte machte, dann noch der mächtige Max, Heinz`s früherer engster Freund, der Papierfabriksbesitzer. Heinz, er fehlte er ihr jetzt so sehr, als sei sie einseitig nackt. Aber ihr Kleid kam an, alle lobten es als jugendlich, na, eben wie du bist, schaut sie an, wie dreissig und kein Jahr mehr! Henriette küsste sie auf beide Wangen und war offensichtlich schon in Fahrt. Ditta, mein Kleines, hello, sagte sie bedeutungsvoll mit tiefer Stimme. Ditta nahm sich ein Glas Orangensaft vom Tablett der Maid, weil sie absolut nichts vertrug und daher nie Alkohol trank. Immer noch die Flugbegleiterin mit ihrer Disziplin.

Henriette beherrschte die Szene wie eine Königin, sie unterhielt die Gäste mit amüsanten Geschichten aus alten Zeiten und mit neuen Plänen. Sie wollte eine Ausstellung in der Schlosskirche machen, ausschließlich mit ihren nackten Liliths. Noch war der Stadtpfarrer dagegen, zu wenig religiöse Konnotation, fanden er und der Kirchenrat, aber die Unterstützung des Kulturvereins hatte sie schon, zumindest der Obmann Thomas war für sie, selbst ein Künstler und Kunsterzieher im Gymnasium. Neuerdings betätigte er sich auch als Truthahnzüchter. Sein Hobby war aber umstritten, weil seine Truthähne inzwischen lauter waren als die berühmten Glocken, die zu jeder vollen Stunde vom Berg auf den Ort herunter schallten.
Thomas saß an Henriettes Seite auf der weißen Lederbank, auf die andere wies sie jetzt Ditta mit einer bestimmten Geste.
„Hierher, komm zu mir, mein Liebes“, und klopfte bestimmt mit auf den Sitz, dass Ringe und Armreifen klimperten.
„Oh Gott, Henriette, bin ich aufgeregt“, und wischte sich heimlich hinter dem Glas mit der Serviette die Schweißperlchen von der Oberlippe.
„Mach dir nichts draus, ich bin auch völlig fertig, habe fast nichts geschlafen, eine Figur wollte und wollte einfach nicht kommen, es war wie verhext.“
„Probierst du etwas Neues?“
Thomas neigte sein junges, hübsches Gesicht vertraulich Henriette zu.
„Wissen Sie, die Skulpturen, die haben etwas von….“ Er suchte nach einem möglichst originellen Wort. Sie brauchten einander, mussten zusammenhalten, die Künstler in so einem kleinen Ort.

Wo war SIE denn nur? Wer würde als erstes die Nerven verlieren und fragen, warum Arabell noch immer nicht da war. Henriette, die Gastgeberin, oder Max, der ungeduldige Unternehmer, Thomas, der Künstler, ein Kind oder die immer vorlaute Roswitha? Karoline sicher nicht, und Ditta selbst noch weniger als die Maid.
Sie glättete ihren Rock und sah von den auf der Clutch gefalteten Händen auf ihre Lackschuhe hinunter. In den leise rauschenden Small-Talk platzte Henriette.

„Mein Gott, die Arme, was sie alles erlebt hat. Und jetzt die Scheidung, nach 27 Jahren, alles hat er ihr genommen, dieses Schwein..“
Henriette sog an der Zigarette und wedelte mit ihrem chinesischen Fächer den Rauch durch den Raum.
„Ich verstehe es nicht, wo sie bleibt, sie wollte als erste kommen, hat sie am Telefon gesagt. Vielleicht gibt es Probleme im Verlag oder mit ihrem Agenten. Ihr habt ja keine Vorstellung, welche Sorgen so ein Star hat. Da geht nicht alles glatt, immer muss sie kämpfen, noch immer, obwohl sie schon lange weltberühmt ist. Alle wollen etwas von ihr, alle wollen sich in ihrem Licht sonnen und sie bestehlen. Sie verschenkt ihr Geld mit beiden Händen. Die Männer, die Ärmste, ihre Männer, nur Schweine um sie herum.
Sie nehmen sie aus und bringen das Geld dann durch mit ihren Hürchen. Und sie merkt es nicht. Nicht einmal ich kann ihr in dieser Sache Vernunft beibringen. Mein Gott, was muss die gute Bella alles aushalten. “
Henriette durfte sie so abkürzen, Bella oder Ara, meine Bella, Bellissima.
Niemand in der Runde verstand sie genau, und die Gäste schauten einander fragend an.
Henriette schüttelte ungefähr fünfmal ihren Lockenkopf, zog die Mundwinkel herunter und die Augenbrauen hoch, strich ihre weiten indischen Ärmel zurück und zündete sich eine neue Zigarette an. Alle Gäste richteten sich auf sie aus, in Erwartung der Lösung des Rätsels. Neinneinnein, das kann nicht sein. Ditta hielt sich mit einer Hand an der Clutch auf ihrem Schoß fest, mit der anderen an ihrem Saftglas. Sie war verwirrt, musste sich sammeln und grübelte: Die großartige Arabell Inenda soll Probleme, Sorgen haben wie wir, wie ich, eine gewöhnliche Sterbliche, ein Niemand. Haushypothek, Rechnungen, Ehemann, Schwiegereltern, Kinder, Enkel, Nachbarn mit Kampfhunden, Schnellstraßen vor dem Haus, Fluglinien über dem Kopf und Luftverschmutzung durch die Papierfabrik? Nein, das konnte nicht ihre Welt sein. Sie hatte Henriette wahrscheinlich nicht richtig verstanden. Ein großer Star, diese in aller Welt verehrte Schriftstellerin, die alle ihre Leser verzauberte, einfach nur dadurch, was sie schrieb, welch wunderbaren Helden sie schuf und welche Welten sie eröffnete. Selbst schreiben. Nein. Sie hatte nichts zu sagen. Was gab es da schon? Heinz, das Haus, der Garten, Golf, Bridge, Miriam, Butler James, Mahmoud, Frösche, Libellen und Goldfische. Ich und….…, das passte gar nicht. Schnell scheuchte sie den Gedanken weg.

Als es läutete, ging Lily ins Vorzimmer, und Henriette bewegte sich leichtfüßig durch den Salon. Im Vorbeigehen griff sie Ditta unter das Kinn und hauchte ihr ins Ohr:
„Kleines, bitte, sag`s nicht der Bella.“
Sie war verwirrt, was sollte sie Arabell nicht sagen? Wie konnte sie denken, sie würde die eben vernommenen Vertraulichkeiten weitererzählen? Aber es blieb keine Zeit mehr zum
Grübeln. Arabell Inenda stand im Bogen des Durchgangs, und zwischen den Seidenstores sah sie aus, als würde sie eine Bühne betreten und auf den Auftrittsapplaus warten. Sie knickte die Hüfte leicht ein und stellte gleichzeitig ein Bein vor das andere, dabei hob sie eine Hand zu einem leichten Winken, während die andere in die Hüfte gestützt war. Einfach göttlich, Ditta schmolz dahin. Genau das war es, wofür sie lebte.
Arabell trägt ein veilchenblaues Dior-Kostüm mit einem zu kurzen Rock, der die spitzen Kniescheiben etwas zu sehr betonten, fand Ditta, aber sie hatte wirklich schöne Beine, lang und schmal wie die einer Tänzerin, sie steckten in hochhakigen rosafarbenen Lackpumps, die von einer großen, gleichfarbigen Seidenrose am Jackettaufschlag gematcht wurden. Den über die linke Schulter baumelnden Silberzobel fand die größte Anbeterin tres chic, aber angesichts des heißen Wetters an einem hellen Nachmittag im Juni etwas unzeitgemäß. Obwohl, sie wollte den Star keineswegs kritisieren und ihn sich madig machen. Sie trug ihre dicken, kastanienbraunen Locken hoch aufgesteckt, die von einigen rosaroten Klipsen so unterstützt wurden, dass sie sich zu einem Krönchen türmtenwie zu einem zweiten Kopf. Das machte sie größer, jünger und streckte ihren Hals. Aber im Juni-Licht sieht sie doch etwas fülliger aus, als Ditta sie von ihren Fotos kannte. Als sie sich vom Torbogen und den Stores löste und sich auf die Sitzgruppe zubewegte, kam es Ditta vor, als würde sie nicht gehen, sondern schweben. Schweben, sicher, nicht schwanken. Henriette bot ihr den thronartigen indischen Schnitzstuhl an, auf dem sie sich einigermaßen graziös niederließ, Beine und Kostüm ordnete und mit der Zigarette fuchtelte.
Ihr schön geschnittenes Gesicht wurde belebt von den großen, dunklen Augen, die wie Kohlestückchen in einem Teig steckten. Aber darunter hingen faltige Hautsäcke wie kleine Hängematten, die sich auch am Hals fortsetzten. Diese waren natürlich auf den ihr bekannten Fotos nicht zu sehen und auch nicht, dass das Weiße um ihre Iris von kleinen, roten Äderchen durchzogen war.
`Wahrscheinlich strengt sie das Schreiben so an, sie muss Tag und Nacht an ihrem Schreibtisch sitzen. Und wenn nicht, dann ist sie in der ganzen Welt auf Lesereisen und Buchpräsentationen unterwegs, Autogramme und Interviews geben.` Sie macht alles für ihre Fans, ihre Leserinnen, ihre Anbeterinnen. Sie opfert sich auf. Auch für mich. Vor lauter Dankbarkeit und Mitgefühl spürte Ditta einen Stich im Herzen.

Arabell war wie Henriette eine starke Raucherin, nur zelebrierte sie diese Gewohnheit noch theatralischer, indem sie sie aus einer elfenbeinernen Spitze rauchte. Diese hielt sie ganz hinten mit in weißen Handschuhen steckenden Fingern. Aber wenn sie nicht irrte, meinte Ditta, in den Falten des brüchigen Satin unregelmäßige Flecken und abgelagerte Staubstreifen zu entdecken, vielleicht waren es auch Brösel oder Bröckchen von etwas vor langer Zeit Genossenem. Nein, sie sah sicher nicht richtig, böse Ditta, schäm dich, du bist eine Verräterin. Wie konnte sie nur so etwas denken. Sie krümmte ihren Rücken, damit niemand ihr Herz klopfen sah. Sie starrte in ihr Glas, wo sich die schmelzenden Eiswürfel im Orangensaft in trüben Schlieren kringelten.
Liebling, rief Henriette.
Engel, flötete Arabell, mein Süßes.
Mein Gott, diese Stimme, das war die Stimme, an der sie sie endgültig erkannte. Ja, das war sie, die echte, leibhaftige Arabell Inenda. Ditta spürte, dass sie in den Boden versank. Dieser tiefe Samt, dieses sanfte Glühen, in irgendeinem Artikel hatte jemand einmal „Purpur-Samt“ geschrieben.
Engelchen, was gibt es zu trinken, was trinken die Leute?
Alles gibt es, Tee, Kaffee, Saft, Wasser….
Pfft, Wasser, bist du mein Feind, willst du mich vernichten?
Henriette warf sich herum, fuchtelte mit ihrem Fächer wie mit einem Generalstab und deutete auf ihre Gesellschaft.
„Bella-Darling, du weißt, ich passe auf dich auf, immer, du hast heute Abend noch eine Lesung.“
„Musst nicht aufpassen, ich bin schon ein großes Mädchen.“
Der Purpur-Samt kicherte und rutschte leicht ab in ein spitzes, ungeputztes Blech.
Engelchen, du hast doch deinen köstlichen Wodka.
„Darling, ich sag nicht nein, zu dir nie, aber denk an die Lesung, an deinen neuen Bestseller.“
Trotzdem rief sie nach Lily und dem Wodka.
Lily-Schätzchen, keinen Fingerhut, die Flasche!
Ditta bemühte sich, an etwas anderes zu denken, als sie eben gehört und gesehen hatte.
Aber es nutzte nichts.
Engel, Henry, wer ist denn das? Was hast du denn da Niedliches bei dir?
Ist das mein Kleines, das du mir versprochen hast?
„Was für ein süßes, kluges Gesicht, und das gelbe Kleidchen, ein wunder-wunderschönes Stück, schaut mal, sehen alle, was ich sehe?“

Lily näherte sich mit einem fünfeckigen Tablett, auf dem ein tiefes Glas, eine Wasserkaraffe, eine kaum angebrochene Wodka-Flasche und ein Eiskübel mit Zange standen. Lily stellte alles am Beitisch ab und machte sich daran, ihr einzuschenken.
Schätzchen, lass das, das bleibt hier bei mir, gell.
Arabell schlug den Zobel um ihren Hals herum, befreite sich von ihrer Zigarette und schenkte sich selbst bis zum Rand ein.
Ditta war nicht mehr ganz sie selbst, als sie im Pelz einige Bewegungen zu sehen glaubte, die nicht von der Trägerin selbst ausgingen.

„Wollt ihr etwas hören aus meinem letzten Roman, schon wieder ein Bestseller, diese Idioten fressen doch alles, diese …. Aber was haben wir denn da? Henry, wen hast du mir denn da angeschleppt, so ein sweetheart, dieses süße Gesichterl, süß, süß, süß, ein Herzchen, ein Herzgesicht. Was machen Sie noch mal?“
Arabell klopfte ihr mit der Zigarettenspitze auf die Schulter, als sei sie ein Aschenbecher, den sie übrigens nie benutzte, sondern selbstverständlich auf Henriettes weiße Marmor-Kachel aschte. Die kleine Lily huschte unbemerkt um sie herum und wischte den Boden auf.
„Ach, Sie schreiben auch? Wie schön, eine Kollegin, eine Herzensfreundin, was schreiben Sie?“
„Ich, ähm, ich schreibe nie…. Nichts, ich lese…. Ich lese Ihre Bücher, manchmal auch andere, aber Ihre sind mir die liebsten, ich…. weil…. mein Mann….“
Ditta wusste nicht, was sie davon halten sollte, es hatte etwas Unbefriedigendes, das sie nicht so richtig in den Blick bekam.

„Wie süß, hallo Leute, Henriette hat mir heute…..“
Arabell griff wieder zur Flasche, goss das Glas randvoll und zündete sich die nächste Zigarette an, ein tiefer Zug von da und dort. Alle wurden Zeugen, wie der Wodka in ihrem Blut und ihrem Gehirn seine wunderbare Arbeit verrichtete.
„Henry, mein Engelchen, was wolltest du mir sagen, Jugend, ja Jugend, wir waren auch einmal….. Sie hat einen Mann, ist das nicht entzückend, und sie liebt ihn auch noch, sagt sie, einen einzigen Mann, ihren Mann. Synopsis oder ein Srikpt zuschicken, an meinen Verlag, ich bin wahnsinnig interessiert, ich nehme neue Ideen auf, Sie wissen, ich bin immer in Verbindung, Verbindung mit, mit….., ja, mit wem, Henry, sag mirs.“
Ihre Augen schienen aus den Hängematten herausspringen zu wollen, die Kohlestücke zerbröselten im Gesichtsteig, das Haarkrönchen neigte sich bedenklich zur Seite, die Seidenblume wurde welk und aus dem Zobel begannen kleine Tierchen über Hals und Gesicht zu krabbeln.

Ditta sah es mit ihren eigenen Augen, wollte das nicht sehen und errötete so stark, dass ihr ganzer Körper schmerzte.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, griff nach ihrer Clutch und stand mit steifen Beinen auf:
„Vielen Dank, ich muss jetzt wirklich…..Henriette, Frau Inenda, entschuldigen Sie mich, ich muss jetzt wirklich, mein Mann, die Katze, der Garten, ich habe noch... „
„Schschreibensie, Goethe hat auch, war …. Sie sind eine Heilige!“ rief Arabella ihr nach.
„Sie hat einen Mann, einen, und liebt ihn auch noch, sagt sie, so eine süße Idiotin, und mich auch, nochmal Idiotiiin….“
Dabei lachte sie schrill auf, ließ sich in ihrem Sessel zurückfallen und fing unmittelbar zu schnarchen an.
Henriette flüsterte Ditta ins Ohr:
„Du verstehst ja, Kleines, dass sie sich vor ihrem Abend noch ausruhen muss.“
Lily begleitete sie an die Tür. Obwohl die Maid von Henriette zur ultimativen Zurückhaltung erzogen worden war, meinte Ditta ein mitleidiges Lächeln zu entdecken, oder war es Schadenfreude?
Wie sie durch das steile Treppenhaus hinunter kam auf die Straße kam, erinnert sie nicht mehr. Draußen war es noch nicht ganz dunkel, eine schwüle, wattige Dämmerung. Ditta schleppte sich über den Hauptplatz vor Henriettes Haus, durch die alte Lindenallee, vorbei am Rosengarten des Klosters bis zur Schwarza. Es war die Jahreszeit, die sie sonst über alles liebte, wenn sich die Düfte der Linden mit Flieder und Rosen mischten. Jetzt war ihr die süße Luft unangenehm und sogar peinlich. Ihr wäre ein Geruch von Jauche lieber gewesen. Einige Zeit stand sie auf der Brücke ans Geländer gelehnt, aber das Wasser war zu seicht, als dass es sich ausgezahlt hätte. Menschen haben manchmal Gedanken, die sie besser nicht hätten. Manches, was man tat im Leben, war bereuenswert, anderes nicht.
Aus allen Gärten drangen die Amsel-Flöten, die Nacht war so klar, dass sich der Bogen der Milchstraße deutlich abzeichnete. Sie dachte an vieles, an die Sterne, an Heinz, James, Mahmoud, die Frösche, Libellen, Goldfische und an das Amsel-Pärchen und an alles andere, nur nicht an Arabell. Immer glaubt man, man könnte sich mit einer Art Schild dagegen schützen, aber die Erinnerung kommt nie von vorne auf dich zu, sondern seitlich um die Ecke. Mit einem Schwung warf sie die Clutch über die Brücke. Nur ein schwaches Klatschen kam vom Wasser. Sie zog sie ihre Lieblingsschuhe aus und schleuderte sie in die ausgetrochnete Schwarza, zweimal ein höhnisches Klacken auf den Kieseln ohne Echo, nur noch Schotter, Edelschrott.
„Wider-hall-ende Lee-re“, murmelte sie, sodass die Silben unbeholfen ineinandertorkelten.

Sie schloss die Türe auf und rief mit gebrochener Stimme, fast nicht mehr als ein Krächzen, ins Haus hinein:
„Bist du da, Darl, ich bins.“
Er saß wie immer im Office, aber nicht in seinem Ohrensessel und nicht von Börsenberichten und Sudokus umgeben, sondern am Schreibtisch. Den hatte er seit seiner Pensionierung vor drei Jahren nicht mehr aufgesucht. Jetzt war er überhäuft mit Bauanleitungen für Laubsägearbeiten, Plänen für Häuser, Kirchen, Pfarrhaus, Schulen, Geschäfte, Bäckerei, Fleischerei, Brauerei, Sportplatz, Brunnen, Feuerwehrhaus und allem, was ein Dorf ausmacht. Zu seinen Füßen sah sie ein Laubsägeset und einige Packungen mit Brettern. Sein Mund stand halboffen, die Zunge lag leicht vorgestreckt im linken Mundwinkel, die Lesebrille saß ihm auf der Nasenspitze, sein Gesicht glühte, die Zigarre qualmte ungeraucht neben ihm im Aschenbecher, am Beitisch ein Tablett mit dem Abendessen: Aufschnitt am Holzbrett, das Brotkörbchen, eine ungeöffnete Bierflasche und die Vorspeise, in der die Eiswürfel längst zerschmolzen waren.
Ditta blieb wie angewurzelt in der Türe stehen.
„Um Gottes Willen, Heinz, was soll das werden?“
„Siehst du`s nicht, ich baue dem James ein Dorf. Und bei dir, wie war`s?“
„Sehr interessant, wirklich, alle waren da, nur du hast gefehlt. Und sie hat auch vorbeigeschaut.“
„Wer hat vorbeigeschaut?“
„Na, wer schon, Heinz, wirklich, du bist unmöglich.“
Am liebsten hätte sie mit den Füßen aufgestampft und ihren Tränen freien Lauf gelassen.
„Ach, die alte Schabracke meinst du. Worüber habt ihr geredet?“
Mit letzter Beherrschung hauchte sie:
„Über…. Goethe.“
„Du – und - Goethe?“
Er hackte die Wörter scharf auseinander, zog das U und das Ö so in die Länge und in die Höhe, dass das dreifache Fragezeichen fast sichtbar in der Luft stand. Er nahm die Brille ab, leckte sich mit der Zunge über die Lippen und schaute sie mit so jungen, frisch- funkelnden Augen an, seit langem zum ersten Mal direkt in die Augen, ein Blinken und Blitzen, wie sie es schon lange nicht mehr bei ihm bemerkt und schon vergessen hatte, dass es das bei ihnen einmal gegeben hatte. Eine Mischung aus Mitleid, zärtlicher Neckerei und Liebesbereitschaft. Sogar sein schwerer Körper schien ihr für einen Augenblick leichter, hatte irgendeinen jungen Schwung, eine neue Streckung. Wenn James Dean nicht so früh gestorben wäre, hätte er vielleicht ausgesehen wie Heinz jetzt. Ditta hatte mit der Geduld der Liebenden gelernt, auf solche Augenblicke zu warten, und wenn sie kamen, sie auch zu genießen. Wenn er sie länger angesehen hätte, würde er festgestellt haben, dass ihr zittriges Lächeln jetzt aussah wie ein verlorenes Blatt. Es sollte vermutlich mädchenhaft und entwaffnend aussehen, doch es hätte die Aufmerksamkeit nur auf die schlaffe Leere ihres Gesichts gelenkt, ein erschauernder Clown.
„Ja, Goethe, sie hat mit mir über Goethe geredet.“
„Wirklich? Na, dann gute Nacht. Ich bleib, hab noch zu tun.“
„Das sehe ich, dir auch gute Nacht.“

Epilog:
Während sich Ditta in ihrem Zimmer auszog, im Finstern wohlweislich, damit sie nicht in Gefahr geriet, sich im Spiegel sehen zu müssen, hörte sie vom Garten herauf einen lauten Knall. Als sie den Vorhang vom Fenster wegzog, sah sie James`s rauchende Trümmer über den Rasen verstreut liegen. Wahrscheinlich hatte er sich heute nicht selbst abgeschaltet, und der Akku war viele Stunden lang heiß gelaufen, bis er explodierte. Die Gebrauchsanweisung hatte vor diesem, als unwahrscheinlich engestuften Fall gewarnt. Durch die Rauchwolken hindurch sah Ditta Heinz am Rande des japanischen Teiches stehen, gebeugt und den Kopf tief auf die Brust gesenkt- der Inbegriff eines gebrochenen Mannes.
Sie befürchtete das Schlimmste: Ob er sich wohl je an James II. gewöhnen würde?

Veronika Seyr
zwischen 15.11. und 31.12.15

Donnerstag, 10. März 2016

Post 4 zu Forellenschlachten

Konstantin Kaiser
Stellungnahme zu Karl Wimmler
Die Vehemenz von Karl Wimmiers Polemik gegen Veronika Seyrs Jugoslawien-Buch „Forellenschlachten" überrascht mich nicht, habe ich doch im Laufe der Jahre gerade von linksgerichteten Menschen in Österreich alles mögliche Absurde über Verlauf und Ursachen der innerjugoslawischen Kriege 1991-99 gehört.
Ich kann nur auf ein paar seiner Vorwürfe eingehen. Kommen wir gleich zum Kern der Sache: Die nach eigenem Bekenntnis noch relativ ahnungslose Seyr, meint Wimmler, habe im September 1991 in Vukovar gleich gewußt, wo Gut und wo Böse seien. Die Zerstörung des mehrheitlich kroatisch bevölkerten Vukovar und die danach verübten Massaker durch serbische Truppen und Freischärler werden bis heute allgemein als barbarischer Aggressionsakt verurteilt. Wenn Wimmler hier statt serbischer Truppen jugoslawische am Werke sieht, wiederholt er nur den Etikettenschwindel des Mioievh-Regimes. Nirgends jedoch behauptet Seyr, die kroatische Seite sei die gute. Im 13. Brief z.B. erzählt sie wenig Schmeichelhaftes über kroatischen Ultranationalismus. Allerdings war für sie wie für jeden anderen des Benützens einer Landkarte Fähigen nicht zu übersehen, daß die Kriegshandlungen nicht auf serbischem Gebiet stattfanden.
Milolevis Verfassungsputsch" bestand in der 1989 von Serbien verfügten Aufhebung der Autonomie des Kosovo und der Wojwodina, die Teil der Bundesverfassung von 1974 war. Das ist bei Seyr auch so zu lesen. Sie weist auch auf die Konsequenzen hin. Wimmler tut, als wüßte er nicht, was damit gemeint sein soll.
Zeichnen eines möglichst feindseligen Bildes des ‚berüchtigten' serbischen Generals Mladic", lautet ein Vorwurf Wimmlers. In der Tat: Seyr kann diesem Kriegsverbrecher und Massenmörder nichts Sympathisches abgewinnen. Die von Wimmler denunzierte Ungereimtheit zwischen einem lachenden Ratko Mladid und einem Mladic, der nie lacht, löst sich bei unvoreingenommener Lektüre von selbst auf.
Keine Freude hat Wimmier mit Seyrs Charakteristik Slobodan Miloievis, über den Milovan Dilas sagte: „Als der Versuch Miloievis, ganz Jugoslawien zu erobern, fehlgeschlagen war, zog er die Theorie ,Großserbien' aus dem Hut - wobei er offiziell immer von der Erhaltung Jugoslawiens sprach." So auch 1989 bei seiner mit Recht berüchtigten Rede auf dem Amselfeld, in der er von bevorstehenden Schlachten sprach, die nicht mit Waffen geführt" werden, „obwohl auch solche noch nicht ausgeschlossen sind". Selbst in der von Wimmler herangezogenen Übersetzung der offiziellen „Politika"-Version der Rede ist der nationalistische Subtext nach Aufhebung der Autonomie des Kosovo unschwer zu vernehmen: „Die Zugeständnisse, die viele serbische Führer auf Kosten ihres Volkes machten, hätte kein Volk der Welt, weder historisch noch ethisch, akzeptiert." Und weiter: „So war es für Jahrzehnte. So sind wir heute auf dem Feld der Amseln, um zu sagen, dass es nicht mehr so ist." Die Serben sollten endlich wieder Herren sein im eigenen Haus; der „Sozialismus
darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben". Für die entsprechende Pädagogik sorgte im Kosovo die serbische Sonderpolizei.
Von den Ereignissen in Mostar bis hin zur Sprengung der weltberühmten Alten Brücke durch kroatische Extremisten schreibe Seyr, die für die Not Sarajewos nicht genug Worte finden könne, kaum etwas, da hier die Kroaten und nicht die Serben die Bösewichte gewesen seien. Und die Verbrechen der Muslime würden bei Seyr nur am Rande erwähnt. Das unterstellt der Autorin, sie manipuliere die Leserinnen im Sinne ihres von Wimmler flugs erkannten Vorurteils über Gut und Böse in diesem Krieg.
Fragwürdig erachtet Wimmler Seyrs Auseinandersetzung mit Peter Handke - bzw. mit dessen Besuchen in Belgrad und einschlägigen Schriften. Offenbar hat Wimmler Verständnis dafür, daß man mit Handke den Internationalen Gerichtshof in Den Haag der „Siegetjustiz" zeiht und von einer „jungen südslawischen Nation" spricht, deren Existenz der 1929 zugleich mit der Königsdiktatur eingeführte Staatsname Jugoslawien (anstelle des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, SHS) suggeriert. Ob Seyr noch nie etwas von einer „Staatsnation" gehört habe, fragt Wimmler. Selbige müßte aber nach der Verfassung des betreffenden Staates konstituierbar sein, doch davon ging die Bundesverfassung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien nie aus.
Was" (in Srebrenica) „passierte, weiß die ganze Welt", schreibt Seyi wofür sie Wimmler eines „unhinterfragten Wiederkäuens" bezichtigt. Offenbar hat Wimmier Zugang zu Informationen, die zu einem anderen als dem geläufigen Bild der Ereignisse führen. Das hätte uns alle interessiert. Er schwenkt jedoch sogleich zu der „Ungeheuerlichkeit" Seyrs ab, daß Gavrilo Princips Schüsse auf das 'Ihronfolgerpaar den Ersten Weltkrieg etc. nach sich gezogen hätten. Die zitierte Stelle ist der Beschreibung eines Besuchs im Gavrilo-Princip-Museum in Sarajewo entnommen, sie geht auf die in den Augen des Gastgebers bestehende historische Bedeutsamkeit des Mordanschlages ein. Und es folgt eine Reflexion Seyrs über das, was der Pensionist und Museumsdirektor Österreichfreundliches von sich gab. Dabei geht es aber vor allem um die Verwunderung darüber, wie ein für Princip und seine Tat begeisterter Mensch praktisch im selben Atemzug alles Österreichische überschwenglich loben kann. An sehr vielen Stellen zeigt uns Veronika Seyr derart Widersprüchliches, so in den häufig eingestreuten „Alltagssplittern" - es ist die menschliche Realität unter oder hinter
den Haupt- und Staatsaktionen, die sie affiziert.
Ich kann mir nicht helfen: Was Wimmler immer bewegt hat, sich „Forellenschlachten" als vielgängiges Mahl einer erbitterten Polemik vorzunehmen, es scheint mir ein quälend unbefriedigtes Bedürfnis, die Sache anders sehen zu können, als sie sich in der Abfolge der Ereignisse und in den Augen einer engagierten, kenntnisreichen und nachdenklichen Beobachterin, als die ich Veronika Seyr schätze, darstellt.
Ich unterstelle Wimmler, bei dem ich ein offenes Visier vermisse, daß seine Fragestellungen ganz andere sind als die Seyrs. Ist Jugoslawien nicht doch Opfer einer internationalen, vor allem von Deutschland ausgehenden Verschwörung geworden? Kann man dem, was die Medien zutage fördern, überhaupt trauen? Hat nicht die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens 1992 durch die Staaten der EWG und Österreich den Konflikt hervorgerufen oder verschärft?
Veronika Seyr jedenfalls hat keine Abhandlung über die Kriegsschuld verfaßt, eher eine darüber, was einen letztlich grausam sinnlosen Krieg in Gang gehalten hat und welche Folgen dieser Krieg für das Verhalten und Fühlen der Menschen im ehemaligen Jugoslawien hatte und hat. Sie schreibt über das, was sie gesehen, gehört, herausbekommen hat. Vor allem zeigt sie uns, was in einem anscheinend befriedeten Europa noch immer möglich ist, und verhehlt nicht ihr Erschrecken darüber, verschweigt nicht die Erschütterung, die ihr Weltbild dadurch erfahren hat. Sie konfrontiert uns mit einer Erfahrung, die sie den meisten von uns voraus hat. Ihre humanistische und der Aufklärung verpflichtete Haltung ist absolut vereinbar mit dem, was für die Theodor Kramer Gesellschaft, ihre Zeitschrift und ihren Verlag relevant ist.
Anmerkung Ich hatte Karl Wimmler meine Stellungnahme zugleich mit der Bitte um Kürzung seines ursprünglich allzu umfangreichen Beitrages zur Kenntnis gebracht; leider hat er daraufhin seinen Beitrag nicht nur gekürzt, sondern auch um einige Elemente bereichert—so das lange Zitat von Dragan Velikic Ich bin nicht gewillt, darauf einzugehen. Etliches stellt sich ja bei weniger voreingenommener Lektüre des Buches von selbst als unzutreffend heraus. - Im Mai 2015 hätte in der vom Aktionsradius Wien bespielten Arena Bar in Wien-Margareten eine Präsentation von Veronika Seyrs Buch stattfinden sollen, die von den Veranstaltern abgesagt wurde, nachdem ihnen K Wimmlers Polemik gegen das Buch von wem auch immer zugespielt worden war. Eine bereits zugesagte Diskussion über dieses Vorgehen, das ich als Zensur empfand, kam nicht zustande. —KK
82 ZWISCHENWELT

Post 3 zu Forellenschlachten


Post 2 zu Forellenschlachten

Karl Lubomirski - Brief, 10. Sept. 2014
handschriftl Transkript


Liebe Veronika,

Forellenschlachten. Eine ähnliche Abfolge habe ich noch nie gelesen, möchte ich nie wieder lesen. Nun sind mir auch die Griechen näher, die die Vergesslichkeit der Greise preisen.
Ich bewundere Dich nicht. Eine gewisse Scheu hindert es. Bei aller Universalität des Leides, die selbst die größte Verworfenheit noch birgt, hast Du die Kraft gezeigt, das Eine oder Andere Schöne nicht zu verdunkeln.
Es ist ein Kriegsbereicht des Bösen schlechthin (und der Dummheit). Der Handlungsort Balkan ist austauschbar. Ob Kambodscha, Vietnam, Belgisch Kongo, Korea, China, Japan usw ihre Veronikas haben, spielt dabei keine Rolle. Es ist das Böse, das politisiert (? unlesbar), wo ihm sein Umfeld günstig ist, wo seine Nährlösungen, Ignoranz, Habsucht, Mitleidlosigkeit, Nationalstolz den ......... (Lenkenden?) zu gedeihen versprechen. Nirgends fand ich Mordlust eindringlicher geschildert als in diesem entsetzlichen Buch.

2. Seite
Nirgends scheint die Trostlosigkeit größer, die Hoffnung ferner. Nicht nur was Du, sondern wie Du es erlebt hast, bleibt Deine Größe.

Forellenschlachten. Der Titel wird diesem Werk nicht gerecht. Er spiegelt die Episode, die kein umfassendes Urteil ausstößt. Dein Buch ist wichtig. Es ist ein sehr seltenes Zeugnis, ja, vielleicht das einzige, in dem man das Grauen Deiner Balkanjahre und der Balkanjahre aller
Betroffenen noch in einigen Jahrhunderten wird nachschlagen können, eben weil Du nicht von Dir ausgehst, sondern das Leid dieses Erdteils schilderst. Aber dabei bleibt es nicht, wie viel Geschichte fließt im Erzählstrom mit. Trotzdem kann man es nicht vorweg empfehlen, weil die ausgesprochene Grausamkeit zu mächtig auf den Leser wirkt. Nur ein reifer Mensch darf so viel erfahren, und auch er versinkt, wie ich in Mutlosigkeit, Schweigen, Abscheu, Trauer.
Man glaubt in meinem Alter, viel erlebt zu haben. Man hat nichts erlebt, gemessen an Deinen Jahren.
Traurig
Dein
Karl

PS: Meine Hand ist hin. Ich kann nicht schöner schreiben. Verzeih.
PS2: Die beschriebenen Orte habe ich in den 70er Jahren bereist, bis Mazedonien.
Daher ist Deine Chronik noch qualvoller. Wirst Du Dich je erholen? Und Julia?
Trotzdem habe ich beschlossen, FS zu empfehlen. Es ist zu wichtig.
Umarmung Karl

Post zu Forellenschlachten



Sehr geehrte Frau Seyr

In den nächsten Tagen wird wohl Frau Dr. Gall mit Ihnen Kontakt aufnehmen und Ihnen Ihre Aufnahme in den OeSV mitteilen.
Ich hatte vom Vorstand aus die Aufgabe, Ihr eingereichtes Buch "Forellenschlachten" zu beurteilen und auf dieser Basis Ihren Antrag zu begutachten.
Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich begeistert bin von Ihrer Leistung!
(Und dies, obgleich man mir nachsagt, ich sei "sehr kritisch", ja sogar "sehr streng".)
Ich studierte – trotz der ja alles andere als leichten inhaltlichen Kost – das ganze Buch durch, weil ich
a.) wissen wollte, ob die Autorin das außerordentliche Niveau wirklich durchhält – was zutrifft! – und
b.) begreifen wollte, wie sie es macht, auf jeder Seite authentisch zu bleiben. In diesem Bezug fiel mir zum einen die kluge Handhabung der „Doppelten Distanz“ – der Berichterstattung u n d des Briefschreibens – auf, zum anderen der, auch bei dem Schwierigsten, nie verlorene Bezug auf den Menschen und damit das dadurch stets „Gemachte“.
Aus Sicht des OeSV sind überdies sicher Ihre Ausführungen zur Sprache besonders zu empfehlen. Vereinbart wurde, dass ich nun auch die Rezension des Buchs vorbereite, welche wohl in das nächste Literarische Österreich 2016/2 aufgenommen werden wird.
Auf Ihrer Website schreiben Sie (sinngemäß), dass Sie nichts lieber machen als zu schreiben. Das verstehe ich nach ihrem Buch nicht nur jetzt sehr gut, sondern ich meine ebenso, dass Sie alle guten Voraussetzungen für ein solches Vorhaben erreicht haben.
Dann und wann bin ich mit meiner oberösterreichischen (!) und zurzeit ihrerseits Ihr Buch lesenden Frau in Wien – ansonsten in St. Florian bei Linz und in der Ostschweiz –, vielleicht können wir uns einmal kennenlernen?
Für Ihre weitere Arbeit – namentlich Ihr „Russland-“Projekt – alles Gute!
Beste Grüße Ihr Martin Stankowski

Montag, 23. November 2015

König Winter




Slavko regte sich unbehaglich auf seiner Bank im Park. Sein Gehirn registrierte, dass er fror und sagte ihm, dass der Winter nicht mehr weit war. Ein dürres Blatt segelte von der Platane auf sein Gesicht. Es war die Visitenkarte des strengen Herrn Frost. Seine Banknachbarn in dem kleinen Park zwischen Gerhard-Bronner- , Elias-Canetti- und Sir Karl-Popperstraße hatten ihre Adressen schon verlassen und waren auf ihre angestammten Standorte gezogen. Er spürte Hunger in den Gedärmen und beschloss, ein Ein-Mann-Hilfskomitee zu gründen. Er war noch nicht lange in Wien und kannte die Stadt nicht gut. Das stimmte nicht ganz, denn Slavko hatte schon seit dem Frühsommer auf einer Baustelle gearbeitet, während der Woche im Containerdorf seiner Firma gewohnt und war an den Wochenenden nach Hause, nach Petrzalka zu seiner Familie gefahren. Aber an diesem Freitag, ein schwarzer, Freitag, der 13., hatte der Chef, anstatt den Wochenlohn auszuzahlen, gesagt, die Firma ist pleite und hat kein Geld, keinen Cent, sorry, Leute, vielleicht später. Alle arbeitslos gemeldet. Aber das galt nicht für ihn, den Slowaken, nur für die Österreicher, die kriegen auch Arbeitslose, die Ausländer nicht. So ein feine EU haben wir. Aber wenn er gerecht sein wollte, musste er zugeben, dass die Firma einem Slowaken gehörte und nichts mit der EU zu tun hatte. Also feinste Ostblock-Korruption.
Gestern Abend, als sich die Parkbänke und Baucontainer mit den Nachtgästen füllten, schnappte er auf, dass sich nicht weit von hier eine private Hilfsorganisation für Flüchtlinge niedergelassen hatte, zum Teil im hinteren Bereich des Hauptbahnhofes, zum Teil in Zelten und Containern auf dem Vorplatz. Alles soll es dort geben, Kleider, Schuhe, erste Hilfe und sogar warme Speisen. Fast stieg ihm schon der Duft von Suppen und Gulasch in die Nase, dazu Tee, Kaffee, Marmelade- und Nutellasemmeln, Reis und Nudeln, Käse, Sandwiches, Obstsalat, Joghurt, Mineralwasser, Orangensaft, sogar Kuchen und Süßigkeiten soll es geben. Von solchen Wunderdingen hatten seine Parkkumpel gefaselt.
Aber sie lassen niemanden rein, sagte ein alter, weißbärtiger Mann ohne Beine im Rollstuhl. Was soll das heißen, niemanden, für wen ist denn das ganze Zeug? Nicht für uns, nur für Araber, Asiaten und Afrikaner, Europäer schmeißen sie raus, aber wie, sagte ein junger Dicker mit einer Decke über die Schultern, und wie, in hohem Bogen, aber so was von Rausschmeißen, ja, nur noch die A-A-A-löcher, bekräftige ein mittelgroßer Bulle, der Boss hier gerade offenbar, weil er zwei 6-er-Kartons mit Bierflaschen verwaltete. Slavko traute seinen Ohren nicht. Naiv. Das kann nicht sein, wenn schon eine Hilfsorganisation, dann doch für alle, die gerade Hilfe brauchen. Ja, aber nicht für Europäer, das war einmal, Araber, Afrikaner und Asiaten, die sind jetzt groß in Mode.

Slavko war ungläubig, beschloss aber trotzdem, es zu probieren und verließ seine Bank. Mühsam holte er die Blätter von drei rosa Wochenendzeitungen unter seinem Pullover hervor, streckte und dehnte seinen Körper, er war steif und kalt wie eine Leiche, klopfte sich heftig mit seinen Bauarbeiterfäusten auf Brust und Oberschenkel, sprang am Platz auf und ab, schüttelte und drehte sich mehrmals um seine Achse, hauchte in die Hände und rückte seine Kleidung zurecht. Langsam strömte wieder Leben, Wärme in ihn ein. Dann nahm er Rucksack und Billa-Sackerl von der Bank, schaute sich im Morgenlicht um: Das war ja nicht einmal ein Park, vielleicht der Anfang eines Parks, irgendwann vielleicht, jetzt aber nur der Hinterhof einer Baustelle. Ein „Hotel plus one“ sollte es einmal werden. Die frisch gesetzten Bäume waren noch so niedrig und mickrig, dass sogar die russischen Saatkrähen sie als Schlafplätze verachteten. Slavko machte sich auf den Weg zum „Trainofhope“.
Ein großes Transparent mit dem Roten Kreuz wehte über der Zeltstadt, darüber Fahnen der Stadt Wien, der ÖBB und die blaue mit den zwölf Sternen, eine andere wedelte schwach über dem Container des Arbeitersamariterbundes, ein Transparent REFUGEESWELCOME , auf einem Zelt eine ausgebleichte Regenbogenfahne: Ihr sein da, wir sind da und heißen ALLE willkommen.




Slavko hat nie in Saus und Braus gelebt, war aber immer durchgekommen, auch in den schweren Jahren nach der Wende. Es war sogar ein wenig aufwärts gegangen, sodass er ein bescheidenes Haus kaufen, heiraten und zwei Kinder ernähren konnte. Jetzt hatte er nichts, nema nischta, apsolutno nischta.
Die Fäden, die er am Körper hatte, seine Arbeitskleidung im Rucksack und im Billa-Sackerl die Hälfte von einem geschenkten Salzstangerl und einer halben Flasche mit Obi-Spritz, die ihm eine Frau am Abend geschenkt hatte, als er am Bahnhofs-Vorplatz seine letzte Zigarette rauchte. Zu betteln getraute er sich noch nicht. Er war noch nie in einer solchen Lage gewesen, dass er betteln hätte müssen. Er wollte nur diesen schrecklichen, schwarzen Freitagüberleben und soviel bekommen, dass er eine Fahrkarte nach Bratislawa-Petrzalka kaufen konnte, vielleicht noch ein Packerl Marlboro light. Das wäre alles, zu Hause würde seine Frau Jana natürlich einen hysterischen Anfall bekommen, aber er wäre zu Hause und könnte mit ihr zusammen überlegen, wie es weitergehen würde.
Er hatte keine großen Ansprüche, die Kinder gut erziehen und ihnen eine bessere Zukunft sichern, normal leben, das wollte er, das war doch nicht zu viel verlangt. Dass sie vielleicht studieren und gute Jobs bekommen konnten, nicht so schmutzige und schwere wie er. Oder so schrecklich langweilige wie seine Frau in der Käsefabrik am Fließband, bevor sie zu Hause bei den Kindern geblieben war. Er hatte nie an die Riviera wollen, einen Porsche fahren oder nach Las Vegas zum Glücksspiel, keine karibische Kreuzfahrt, nicht einmal einen verbilligten Badeurlaub in Sharm-el-Sheich. Nein, so war er nicht, Jana auch nicht, da waren sie sich einig. In der Blauen Lagune dahintreiben oder auf den Kilimandscharo klettern, so ein Blödsinn! Ihnen reichten immer die zwei Wochen Bergsteigen in der Hohen Tatra, bei einem Bauern wohnen und im Zielina-Stausee mit Baden und Angeln. Die Kinder mochten die Lagerfeuer, an denen sie ihre Fische auf Äste steckten und brieten, sie spielten mit den Kindern und Tieren des Bauern und waren glücklich. Alles war einfach, aber sauber und gesund. Die Kleine wollte zwar ein junges Kätzchen mitnehmen und der Sohn einen Hund, das kam nicht in Frage, das bedeutete nur Arbeit und Geld. So gut ging es ihnen auch wieder nicht. Jana war noch bei den Kindern zu Hause und er der einzige Ernährer. Ha, jetzt das auch nicht mehr.
Slavko trabte über die Kreuzung vor dem Quartier Belvedere, überquerte die Schienen des D-Wagen und steuerte den neuen Hauptbahnhof an. Auch er hat mit seiner Firma an einem Bahnhof mitgebaut, auf dem ehemaligen Nordbahnhof, wo ein neues Wohnviertel entsteht.
Vieles noch im Rohbau, aber schön würde es dort werden, nah an der Donau, nah am Zentrum und mit schönem Ausblick in westliche Richtung auf die Hügel des Wiener Waldes. Es erinnerte ihn an Petrzalka, ob er und seine Familie sich so etwas einmal leisten würden können? Absurder Gedanke, vorerst war er ein Bettler am Hauptbahnhof.
Er hatte keine Erfahrung als Obdachloser, darum konnte er auch nicht wissen, dass seine Leidensgenossen im Park Recht hatten. Seine Gedärme waren so leer, dass sie bis zu den Knien schepperten, umso mächtiger und willkommener tauchten jetzt in seinen Gedanken die Dinge auf, von denen die Kumpels geredet hatten. Ein feines Frühstück würde er sich zusammenstellen: Kaffee, einen Obstsalat, ein Joghurt, Brot, Käse, Wurst und Speck würde es nicht geben, aber vielleicht noch eine Banane, einen Apfel, Kuchen oder sonst irgend etwas Süßes zum Abschluss, Manner-Schnitten vielleicht.
Angeblich konnte man sich dort auch rasieren und Zähne putzen, dann würde er wieder ganz respektierlich aussehen.
Wenn der Magen zufrieden gestellt wäre, würde er genügend Kraft und Mut haben, um sich vor dem Bahnhof auf die Bank setzen und betteln zu können. Und Kraft, um seinen Stolz zu unterdrücken, abzuwürgen, zu verschlucken. Er brauchte nicht viel, wie er schnell überschlug: 10€ für das Einfach-Ticket, 5 für die Zigaretten, vielleicht noch eine Wasserflasche, wenn er keine bei den Flüchtlingen bekam. Das sollte er doch zusammen kriegen, außerdem schaute er nicht aus wie ein echter Sandler, er war ein ehrlicher Arbeiter, der gerade nur Pech gehabt hatte. Mittelgroß, nicht dick, aber stämmig, ein breiter Oberkörper und Hammerhände, wie ein Bauarbeiter, der unsere Häuser und Straßen errichtet, ein Ziegelarbeiter eben gebaut sein muss. Die Gesichtsfarbe eher rosig mit beginnenden grauen Bartstoppeln unter den hohen Wangenknochen mit einer auffälligen Stupsnase und den breit gestreuten Sommersprossen.
Slavko trottete über das Asphaltmeer der Johannitergasse und kam an ihrem Ende, wo sie in den Bahnhofsplatz mündet, an einem Restaurant mit großen Fenstern und Schautafeln vorbei: „Der RINGSMUTH, gutbürgerliche Küche, schattiger Gastgarten, dezente Preise, Reservierungen 01/603 18 35“. Obwohl er nicht stehenblieb, um die bunten Fotos der Speisen und Weinflaschen anzusehen, zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen.

Slavko versuchte, sich Mut zu machen, indem er fest an seine Familie und sein Häuschen bei Petrzalka dachte, an die Obstbäume hinten und die Hühner im Hof, an die Rosen-und Fliedersträucher vorne und den Gemüsegarten, den seine Frau pflegte wie ihren Augapfel, weil er zum Überleben der Familie notwendig war. Mut brauchte er, sogar viel davon, weil er noch nie gebettelt hatte, nicht wusste, in welcher Haltung dasitzen sollte, die Hand ausstrecken oder einen Becher, wie dreinschauen und was sagen? Sein Deutsch reichte gerade für die Baustelle, auf der aber fast kein Deutsch gesprochen wurde, sondern ein wilder Balkan-Mix, der gerade zum Arbeiten, Biertrinken und Kartenspielen reichte. Ob die Österreicher auf der Baustelle überhaupt Deutsch sprachen, konnte er als Slowake nicht beurteilen; die Ostdeutschen sagten, das ist kein Deutsch, nie und nimmer. Aber ob die Vertragsarbeiter aus Chemnitz und Rostock Deutsch sprachen, wer konnte das schon wissen.
Bitte, für Ticket, brauche 10 Euro, heimfahren. Um mehr würde er nicht bitten, die Zigaretten bekam er so irgendwie zusammen, bei anderen Rauchern.
Beim Eingang zum Terrain des TRAINOFHOPE gab es keine Sperren oder Zäune, nur zwei Personen standen zwischen zwei Containern, ein junger Mann und eine ältere Frau, Marius und Brigitte war auf den Aufklebern an ihren grünen Westen zu lesen.
Sie sahen ihn mit seinem schmalen Rucksack, dem gelben Plastiksackerl und seinem Bauarbeiterkapperl, lächelten und nickten einander zu und deuteten mit dem Kopf nach dem Inneren. In Slavko stieg das Vertrauen, die erste Hürde zum ersehnten Frühstück ist genommen. Auf dem Platz dahinter nahm er ein großes, weißes „Kärcher“-Zelt wahr mit dem Schild: SPENDEN HIER. Vor einem Tisch standen einige Menschen mit großen Säcken, Taschen und Koffern, die Kleidung und Decken auspackten und den Leuten hinter dem Tisch überreichten. Slavko hörte, wie sie laut „Dankedanke, sehr schön, super! Genau das brauchen wir.“ sagten und dabei lachten. Daneben waren einige junge Männer damit beschäftigt, die Spenden auf Stapelwagen zu laden und zu Containern und Zelten zu führen, die sich der ganzen Bahnhofsmauer entlang zogen.
Daran kam er auch glatt vorbei, vor ihm eine blaue Plastikplane mit der Aufschrift „FIRST AID“ und wild darum herum geklebte Zettel in allen arabischen und asiatischen Schriften, die wahrscheinlich das gleiche bedeuteten. Daneben wies ein Schild auf ein „OFFICE“ hin, davor einige Bänke, Tische mit und viele Menschen, die rauchen, reden und Kaffee trinken. Lustig und entspannt, junge und ältere, alle reden intensiv miteinander und haben offenbar etwas ganz Wichtiges miteinander zu besprechen.
Alle tragen gelbe, grüne und orange Westen mit Namen und verschiedenen Aufschriften, die Slavko nicht entziffern kann, weil sie in Arabisch und allen möglichen anderen asiatischen Buchstaben geschrieben sind. die Auch die an Bändern baumelnden Ausweiskarten konnte er auf die Schnelle nicht lesen, irgendwelche Offizielle, aber doch waren sie so ganz anders, sicher keine Polizei der sonstige Ordnungskräfte, wie er sie aus seinem Leben kannte. Ein Chaos, schien ihm. Wer sind diese Leute? Junge, Alte, Frauen, Männer, Frauen mit Kopftüchern und langbärtige Männer mit Sikh-Turbanen, auf den gelben Westen vorne und hinten groß und fett „SIKH-HELP-AUSTRIA. Etwas schäbig alles, fand Slavko, zusammen gehudelt wie seine Containersiedlung auf der Baustelle am Nordbahnhof. Nur mit andern Leuten, klar ganz anderen. Das war eine andere Baustelle. Ein großes Schild auf blauen Zeltplanen lautete
„Helping hands – Anmeldung hier“ mit einem Pfeil in einen ebenerdigen Raum unter dem Bahnhof.
Durch die zweite Schleuse schlüpfte Slavko leicht, weil die beiden jungen Männer an der Zaunverengung, angebliche securities mit gelben Westen, mit elektronischen Geräten so beschäftigt waren, dass sie nicht einmal aufschauten.
So gelangte er in einem Strom von jungen Männern ins Innere der Halle. Gleich links bemerkte er dichte Trauben von Männern um einem Tisch mit vielen Kabeln, die Handy-Ladestation, rechts davon lange Tische mit in Schachteln fein säuberlichen Batterien, sortierten Hygienäne-Artikeln, Zahnpasten- und Bürsten, Rasierklingen, Seifen, Shampoos, Taschentüchern, Socken und Unterwäsche. Alles war neu und original verpackt wie in einem improvisierten Supermarkt, aber zur freien Entnahme, dargeboten von jungen und alten Frauen, mit Kopftüchern und auch ohne, jungen und alten Männern mit lächelnden Gesichtern, als hätten sie auch noch Spaß dabei.









Mittwoch, 28. Oktober 2015

Transkript


eines Telefonanrufes auf Angela Merkels Handy, aufgezeichnet von Veronika Seyr
(Sperrfrist bis 1.11.15)


„Hallo, Frau Merkel, sind Sie dran? Frau Bundeskanzlerin, können Sie mich hören? Ich rufe aus dem Paradies an, ja, ich bin im Himmel.
Ich bins, Aylan. Erinnern Sie sich an das Bild, das um die Welt ging, auf Instagram, ein Star, das meist geklickte Bild in diesem Jahr. Das bin ich, die Kriegsikone ohne Gesicht.
Guten Tag, Frau Bundeskanzlerin, wie geht es Ihnen?
Kürzlich habe Sie bei Erdogan auf diesem irrwitzigen Goldthron, der sogar dem Sultan Abdülaziz zu protzig war, sitzen gesehen, wie er Sie zum Aufstehen und einem hand shake für seine Kameras genötigt hat. Kann nicht sehr angenehm gewesen sein, so säuerlich wie Sie dreingeschaut haben.
Sie kennen diesen Aylan nicht persönlich, sondern wahrscheinlich nur dieses Foto von mir, wie ich mit dem Gesicht nach unten, mit einem roten T-Shirt und einer kurzen, blauen Hose am Strand von Bodrum liege. Viele Ihrer Landsleute kennen Bodrum als Touristenort mit schönen Stränden. Irgendwo dort auf der missglückten Überfahrt nach Griechenland bin ich ertrunken, tot angeschwemmt wie Treibgut, das Meer hat mich ausgespuckt wie eine Alge oder Plastikflasche, so wie meine Mutter und Schwester, Opfer von Assad, des IS und der kriminellen Schlepper.
Frau Merkel, ich kenne Sie auch nicht persönlich und habe kein Bild von Ihnen, weil ich es leider nicht bis nach Alemania geschafft habe. Ich hätte so gerne ein Selfie mit Ihnen gemacht, wie Sie es vielen anderen Flüchtlingen gewährt haben.
Mein Vater hat mich, meine Mama und meine kleine Schwester in Kobane begraben. So kleine Särge, so wenig Stoff in den niedrigen Gruben, aber immerhin eine würdige Feier. Es gibt so viele hastige Bestattungen derzeit, da ist man schon froh, wenn man überhaupt eine bekommt mit ein paar Trauernden rundherum.
Ich wünsche mir, dass Sie mit mir so sprechen wie mit dem Palästinenser-Mädchen Reem in Rostock und wie bei Anne Will in der ARD.

Heute, genau zu Allerheiligen, am 40. Tag nach meinem Tod - es war der 23. September 2015 - hat sich gemäß unserem Glauben meine Seele vom Körper gelöst und ist in das Paradies aufgestiegen. Daher kann ich auch mit Ihnen telefonieren, reden und denken wie ein Erwachsener, auch Sprachprobleme haben wir nicht, und ich muss nicht leibhaftig in Germany sein. Weil ich jetzt im Himmel bin, habe ich den Überblick über die Ereignisse, und es ist auch kein Hindernis, dass ich nur drei Jahre gelebt und im türkischen Sand gestorben bin, anstatt in einer deutscher Kita zu landen, wie es uns Papa versprochen hat.

Wir hatten so sehr gehofft, dass wir in Ihrem Land, unter Ihren Landsleuten, eine bessere, sichere Zukunft bekommen würden, ohne Krieg, Angst, Hunger und Kälte. Mein Vater war in Kobane Automechaniker und besaß eine eigene Werkstätte. Aber er hätte auch als Zimmermann oder Maurer arbeiten können, denn er hat unser Haus zusammen mit Brüdern und Schwägern selbst gebaut und bei deren Häusern geholfen. Mein Vater hätte auch als Taxifahrer oder Gärtner sein Brot verdienen können. Unsere Familie ist nicht von der legendären Sorte der Ärzte oder Ingenieure, aber wir hätten uns sicher in Alemania nützlich gemacht, wir hätten Deutsch gelernt, meine Schwester und ich in der Kita und später in der Schule, meine Eltern in Kursen und in der Arbeit, weil auch meine Mama in Syrien als Krankenschwester gearbeitet hat. Was hätten wir in den Kitas alles lernen können, meine Schwester und ich, und welchen Spaß wir haben hätten können. Welche Freude und Genugtuung bei Ihnen, uns aufwachsen zu sehen als Beispiele gelungener Integration.
Ich bin vor drei Jahren im türkischen Lager bei Suruc geboren, meine Schwester noch in Kobane, wir haben nie eine Kita gesehen – in anderen Ländern sagt man „Kindergarten“, ein schönes Wort für einen Ort, wie für Blumen, wo die Kinder wachsen, gepflegt werden und duften dürfen wie Orangen und Jasmin.
Nur mein Vater hat überlebt, hat uns Drei in der Heimaterde begraben und ist vorerst ins Lager von Suruc zurückgekehrt. Ich sage bewusst – vorerst. Er wird den Weg nach Deutschland sicher noch einmal wagen, weil wir drei das so wollen und weil es unsere Heimat Syrien nicht mehr gibt. Weil wir drei die Flucht nicht überlebt haben, muss Papa es noch einmal versuchen, das ist unser Vermächtnis. Vielleicht gelingt es ihm sogar ohne Schlepper, wenn er in der Türkei einen Antrag abgeben kann.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben dafür ein schönes Wort, das Sie früher schon oft benützen, auch für ganz andere, entfernte Dinge, wie zum Beispiel 20.10 oder die Energiewende: ALTERNATIVLOS. Wir sind auch alternativlos. Aber das wissen Sie wahrscheinlich alles. Alles? Wenn nicht, wird mein Papa einmal bei Ihnen in Berlin vorbeikommen und Ihnen das selbst erzählen.

Ich, von meiner himmlischen Warte aus, möchte Sie versichern, dass Ihnen bestätigen, bisher alles richtig gemacht zu haben. Aber darum geht es gar nicht, sicherlich werden Sie und andere Politiker Fehler machen. Aber Sie haben als erste erkannt und gesagt, dass Sie den Irrsinn des Krieges nicht länger akzeptieren. Die Frage ist: Haben wir ein Recht zu existieren oder nicht? Lassen Sie sich nicht entmutigen und irritieren von bayrischen Kläffern oder ostdeutschen Rassisten, von Zündlern, Hassparolenschreiern, Neidern, Krakeelern und anderweitigen Ansbeinpinklern. Jetzt laufen manche schon mit Galgen durch das schöne Dresden, auf denen Sie und Gabriel baumeln sollen. So eine Schandeschandeschande! Wo waren denn diese Leute selbst noch vor wenigen Jahren und wo wären sie, wenn es den Soli- ein modernes Stummelwort für das gute, alte „Teilen“ - nicht gegeben hätte? Was ich nicht verstehe – aber das kommt sicher nur daher, dass ich erst kurz im Paradies bin und eure innerdeutschen Probleme nicht nachvollvollziehen kann: Warum, um Herrgottswillen, können Sie bei all Ihrer Macht dieses entsetzliche Schauspiel nicht abstellen? Das sieht so ekelhaft braun aus und stinkt zum Himmel, dass sogar uns Seligen da heroben schlecht wird. Ab in die Müllabfuhr!

Oft werden Sie „Mutti Merkel“ genannt, und das ist nicht immer freundlich gemeint. Das stört mich schon lange, weil es nicht richtig ist. Sie sind eine Politikerin, aber in unserer traditionellen Sicht sind Sie Mutter, Vater, Onkel, Tante, Bruder, Schwester, Großeltern, Schwäger und überhaupt alle, die etwas sehr Wichtiges und das einzig Richtige verstanden haben: Dass es Menschen gibt, die eine Zeitlang Hilfe und Schutz brauchen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen und sich selbst helfen können. Genau wie wir jetzt. Nicht mehr und weniger als eine Chance brauchen wir, alles andere machen wir selbst, natürlich gemeinsam mit unseren neuen Nachbarn.
Frau Merkel, Sie haben mehr verstanden als Ihre Parteifreunde mit dem großen C im Namen. Erst neulich haben Sie diese Banausen daran erinnern müssen, wie man das C zu übersetzen hat. Es hat mich amüsiert, wie Sie ihnen ein bisschen die Ohren lang gezogen haben. Jetzt sind die ein bisschen kleinlauter geworden, das ist gut, weil es geht nur miteinander, nicht gegeneinander. Wir schaffen das, aber nicht alleine, Ihre Worte.

Ich weiß nicht, ob das alles nur politisches Kalkül ist und auch nicht, wie christlich Sie selbst sind, das ist Privatsache. Aber ich weiß, dass Sie aus einer Pastorenfamilie stammen, das Evangelium und die Geschichten von Jesus wahrscheinlich gut in Erinnerung haben. Die Botschaft und den Auftrag: „Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt Ihr mir getan“. (Mat, 25) Nur so als Beispiel. „Ich war im Gefängnis, und Ihr seid zu mir gekommen“. ( auch Matth, 25.) Oder die Legende vom barmherzigen Samariter und vom Bischof Martin, der seinen Mantel zerschnitten und die Hälfte einem nackten Bettler geschenkt hat. Ihr habt in euren Büchern viele schöne Geschichten zur Idee des Teilens und der Barmherzigkeit. Aber wie lebt ihr sie? Und wie können sie in der Politik umgesetzt werden. Das heilige Experiment der Jesuiten ist ja voll in die Hosen gegangen. Oder religiöse Sekten oder Scientology. So nicht.
Ich bin der Letzte, der Sie über Ihre Religion belehren will, sondern ich suche nur das Gemeinsame. Ich, Aylan, der ehemalige Flüchtling, jetzt im Paradies, kann es vergleichen: Das ist keine Theorie, denn teilen kann man immer, mit allen und alles, (vielleicht bis auf die Ausnahme eines Paares Schuhe, denn mit nur einem Schuh kann keiner von beiden laufen). Ich frage mich, wenn neben dem einen nackten Bettler noch ein anderer aufgetaucht wäre, was hätte Martin getan?

Frau Merkel, ich weiß nicht, ob Sie in die Kirche gehen, ob Sie beten, ich will Sie auf keinen Fall beleidigen, ich will überhaupt niemanden beleidigen, sondern Ihnen nur von meinen Erfahrungen und Erkenntnissen erzählen, nichts beschönigen und vertuschen.
Man hat mich um mein Leben betrogen und versucht, mich mit einem Firlefanz von Paradies abzuspeisen. Jeder Mensch weiß, dass er den unvermeidlichen Tod nicht abschaffen kann, aber es ist das größte Skandalon der Existenz, sich mit ihm zu arrangieren, dass wir uns über das Monströse und Unfassbare verlogen hinwegtrösten lassen. Alle Religionen sagen uns, dass wir uns mit dem Tod versöhnen sollen, sie wollen uns bestechen, anstatt dass wir ihn hassen, ihn verfolgen wie in einer Vendetta und uns stattdessen trotzig rüsten für das Leben.
Jeder Tod ist ein Skandal, unser eigener der allergrößte. Noch größer ist der im Krieg.
Das ist mein j`accuse, das ich vom Himmel auf die Erde herunterschleudere. Mehr kann ich nicht mehr tun, wenn Sie mein Foto aus Bodrum gesehen haben, wie ich da mit dem Kopf im Sand liege. Ich für meine Person wollte nicht ins Paradies, ich wollte mit meiner Schwester in eine Kita, eine Vorschule, eine Volksschule und aufs Gymnasium, weil ich so ein legendärer syrischer Arzt werden wollte oder vielleicht doch ein Dichter, ein Filmregisseur?
Wer weiß, vielleicht wäre ich ja nur ein Pizza-Austräger geworden.

Ich lege gegen dieses Paradies Protest ein, so laut ich kann. Es geht nichts über das Leben. Und wer heute nicht mit seinem Gott hadert, vor allem dem islamischen, nicht an ihm zweifelt, ihn nicht kritisch befragt, der liebt seine Religion nicht. Erst kürzlich hat der steirische Bischof Krautwaschl gesagt, dass er keine Antwort hat auf die Frage, warum Gott all dieses Leid zulässt. Wenn er einmal gestorben ist, möchte er seinen lieben Gott schon danach fragen. Denn das ist die Frage aller Fragen, die Gott abschafft.
Frau Merkel, das oberste Gebot in der Bibel lautet doch immer noch: Liebe deinen Nächsten WIE DICH SELBST. Ich weiß, dass es bei Ihnen göttliche und menschliche Gesetze gibt und dass im Gegensatz zum Koran bei Ihnen die menschlichen, staatlichen über den göttlichen stehen und für alle gleich gelten. Aber wenn schon immer vom christlichen Abendland und vom Humanismus die Rede ist, muss ich annehmen, dass die Grundlage Ihrer Gesellschaftsordnung, wo die Menschenrechte, die Gleichberechtigung und die Demokratie bilden, also doch die göttlichen Gesetze, die nach 2000 oder mehr Jahren in die allgemeinmenschlichen eingegangen sind. Vielleicht habe ich noch nicht alles richtig verstanden, vieles müssen wir noch lernen, wenn wir bei Euch leben wollen. Wir werden uns bemühen, zu verstehen, wie die Gesellschaft bei Ihnen tickt, dass es ein Grundgesetz gibt, das für alle gleich gilt und auch über dem uns heiligen Buch steht. Aber heilige Bücher haben die anderen ja auch. Zugegeben, kein einfacher Gedanke für uns mit diesem Allah. Naja, die Juden und die Christen haben es auch nicht leichter, ganz zu schweigen von den Buddhisten mit ihren 6000 Göttern. Gar erst die Tibeter, bei denen ist jeder Berg, jeder Grashalm und jeder Wind ein Gott ist, vielleicht auch noch der letzte Furz in der Jurte auf 4000 Metern. Und erst die Tschuktschen am Ochotskischen Meer, jede Robbe ein Gott. Von den indianischen Gottheiten will ich gar nicht erst anfangen. Das ist in der Wissenschaft noch zu ungesichert, obwohl man schon viele Tempel ausgegraben hat

Ich denke, gerade wir Syrer haben gute Chancen, Ärzte hin oder her, leben wir doch schon jahrhundertelang mit anderen Religionen in Frieden zusammen. Das sollte uns auch gelingen, wenn wir in einem Gastland in der Minderheit sind. In Aleppo ist eine der ältesten byzantinischen Kathedralen aus etwa 450 n.u.Z. Helena, der Mutter Konstantins I., geweiht, die Elias-Kirche ist fast so alt und mehrere stehen auf griechischen und römischen Ruinen. Ich will keineswegs rechthaberisch sein oder Geschichte und Kultur aufrechnen“.

Merkel atmet laut durch und wirft ein: „Aylan, mein Lieber, hör mal, jetzt gehst du aber zu weit. Du schmeißt viele Äpfel und Birnen durcheinander, wir haben hier ein Realproblem zu bewältigen und können jetzt keine kulturhistorischen Debatten führen, so interessant sie auch sein möö…..“

Aylan unterbricht, noch immer etwas atemlos, weil er doch gerade den Kopf aus dem Sand gesteckt hat:
„Entschuldigen Sie, Frau Bundeskanzlerin, klar, Realpolitik, das verstehe ich, aber eines möchte ich zu bedenken geben, dass Sie vielleicht nicht alles mitbedacht haben, als Sie die Grenzen öffneten, mit Bundeskanzler Faymann Telefnierten und erklärten: „Wir schaffen das.“ Wie und mit wem? Es geht doch nicht allein. Wir sind sehr, sehr viele und bringen unsere Probleme mit.
Wir kommen nicht in Ihre Länder wie eine Völkerwanderung, auch wenn dieses Wort immer wieder fälschlich verwendet wird, eine Völkerwanderung wie die vom 4. bis 6. Jahrhundert, als der Vormarsch der Mongolen eine reale Wanderbewegung von vielen Völkern zwischen der Mongolei bis nach Rom ausgelöst hat, oder wie anno dazumal vor eintausend Jahren die Kreuzritter, diese jungen Tunichtgute, angestachelt von den Mönchen und fahrenden Predigern (Internet-Anwerbung, Videos, Versprechungen), denen auf ihren Ländereien und in den Klöstern so langweilig war, dass sie nach Palästina aufbrachen, um angeblich das Heilige Land, die Lebens- und Leidensstätten Christi von den Ungläubigen zu befreien. Sogar einen Kreuzzug der Kinder haben sie organisiert, von denen die meisten - angeblich an die 30 000 - schon auf dem Weg in den Osten elendiglich umkamen. Das Zentrum der Propaganda und Requirierung zum christlichen Dschihad war damals das französische Kloster Cluny, vergleichbar vielleicht mit dem heutigen Internet, das in ganz Europa die Jugend anwirbt für einen Heiligen Krieg. Keine Videobotschaften, sondern Predigten von den Kanzeln aller Kirchen, Boten, Herolde, die auf Pferden durch ganz Europa jagten und die Jugend verführten, kauften, mit falschen Versprechungen anwarben. Gut durchdacht gesteuert von einer gut vernetzten Zentrale, dem Vatikan. Vielleicht waren die jungen Ritter damals so testosterongesteuert wie es jetzt den jungen Männern nachgesagt wird, dass sie so nebenbei mordend und brandschatzend halb Europa und alles zwischen Köln und Byzanz ausraubten und brandschatzten, das reiche, goldene Byzanz ganz besonders. Das wissen Sie, die Kreuzzüge waren der Anfang vom Ende. Aus. Basta mit Ostrom und dem ganzen Balkan.
Griechenland, Nordafrika, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Serbien, Bosnien, Ungarn, zweimal vor Wien, das war knapp.
Saladin und Nathan mit seiner christlichen Ziehtochter Recha haben ihr Drama in Jerusalem, stammen aber aus Aleppo, diese schöne, aufklärerische Utopie von 1779. Wenn auch der Dichter ein Deutscher ist, ist doch in dem Stück etwas vom Geist und der Kultur des Nahen Ostens zu spüren. Solche Weisen mit ihrer Ringparabel könnten wir jetzt gebrauchen, wir fordern mehr Lessing, Lessing als Pflichtlektüre und zum Nachsitzen für alle Europa-Politiker, dreimal die Woche mit Abfragen, Strafen und Noten. Lessing war kein Politiker, ich weiß, aber vielleicht können Sie ein bisschen Lessing sein?
Ganz leise sage ich, Aylan, nebenbei, Lessing hat seine Figuren aus unserer Geschichte abgekupfert, aber das ist ja großartig, das können wir gerade wieder machen. Nicht zufällig war die erste Inszenierung nach Kriegsende 1945 am Deutschen Theater Berlin „Nathan der Weise“. Wenn mein Einfluss reicht, werde ich mich dafür einsetzen, dass auch in Damaskus
als erstes Friedensstück der Nathan aufgeführt wird. „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang“ - lautet Lessings letzte Regieanweisung.
Aber vielleicht haben wir mit der Geschichte von Pater Jacques Mourad aus dem syrischen Kloster Mar Elian bei Qaryatein, die Navid Kermani in seiner Dankesrede erzählte, einen neuzeitlichen Nathan. Sie haben sicher seine Rede in der Paulskirche gehört. Pater Jacques gehört dem katholischen Orden Mar Musa an, der sich der Begegnung mit dem Islam und der Liebe zu den Muslimen verschrieben hat. Klingt aberwitzig und utopisch – eine christlich-muslimische Liebe, die bis vor kurzem noch in Syrien Wirklichkeit war und sicher noch immer ist in den Herzen vieler Syrer, eine endzeitliche Versöhnung. Pater Jacques wurde am 21. Mai 2015 von IS-Terroristen entführt. „Wir Christen gehören zu Syrien, auch wenn das die Fundamentalisten weder hier noch in Europa hören wollen. Die arabische Kultur ist unsere Kultur“, hat er zu Kermani gesagt. Drei Monate später stellte der IS Bilder ins Internet, auf denen man sieht, wie er das eintausendsiebenhundert Jahre alte Kloster mit Bulldozern niederwalzte. 200 Christen, darunter Pater Jacques, wurden entführt. Erst fünf Tage vor dem Friedenspreis erhielt Kermani die Nachricht, dass muslimische Einwohner von Qaryatein Pater Jacques befreit hatten, aber nur er. Soweit, so schön, Aber die Aufforderung in einem säkularen Raum an ein säkulares Publikum, sich zum Beten zu erheben und er selbst die Hände zur Adorationsgeste formte, empfand ich als unerträglichen Übergriff genau in der Richtung, was er am orthodoxen Islam kritisiert. Kermani ist sicher ein würdiger Friedenspreisträger, aber er liebt die Romantik zu sehr und verwischt historische Fakten. Sicher hat ein einer begrenzten Dankesrede nicht alles Platz. In der Sache Saudi Arabien stimme ich mit ihm überein. Die Bewegung der Mutazilin, die schon im 11. Jahrhundert eine Interpretation des Koran als allegorischen Text vertraten, wurden unterdrückt. Der ökonomischen Stagnation vom 12. Jahrhundert an folgte ein kompletter Niedergang ab dem 16. Jahrhundert. Produktive Arbeit hat im Islam keinen Stellenwert, gar nicht zu reden vom Despotismus, der in den islamischen Ländern bis heute mindestens so große Folgen hat wie die relativ kurze Periode westlicher Kolonisation. Bereits im 18. Jahrhundert war Al Wahab eine Reaktion auf die vollständige Zurückgebliebenheit gegenüber dem Westen.
Frau Bundeskanzlerin, ich kann jetzt am Handy nicht so ausführlich sein, man hört mir beim Telefonieren zu, und ich soll nicht blasphemisch und kritisch sein, sondern nur glücklich jubilieren. Aber wie soll das gehen, wenn ich mit meiner Familie jetzt nur noch eine Zahl in der Statistik bin. Wenn ich wütender bin als andere und die Dinge krasser sehe, liegt das am Schicksal meiner Familie.
Wissen Sie, das Paradies ist ein eigenartiger Ort, hier halten sich sehr unterschiedliche Typen auf. Ich bin noch nicht durch, aber Stalin, Hitler, Dr. Mengele, Eichmann, Pinochet, Mao, Idi Amin, mehrere Kims und den kleinen belgischen König habe ich schon erspäht.
Milosevic und Tudjman sitzen in einer Ecke und spielen Karten. Sie klatschen sie auf den Tisch und rufen abwechselnd: Bosnien mir, Herzogewina mir, die Krajina mir, Slawonien mir! Bei der Wojwodina geraten sie sich in die Haare und schmeißen die Karten auf den Tisch.

Uns ist bewusst, dass Sie nicht alles selbst machen können, das tun ja bei Ihnen und auch in anderen Ländern Ihre Organisationen und Millionen von Menschen freiwillig. Sie haben ein Volk, das dieselbe wichtige Sache ernstnimmt - das Teilen. Wir wissen auch, wie viele Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute, Beamte, Rotkreuzhelfer, Ärzte, Krankenschwestern und gewöhnliche Bürger am Werk sind. Das ist doch schon eine ziemlich starke Bewegung- mein Vorschlag wäre, sie nach St. Martin SMB zu benennen. Sie als Bundeskanzlerin, als Politikerin, haben die Möglichkeit eröffnet, dass auch wir einen Platz finden, wo wir in Frieden leben können. Politik ist doch die Ermöglichung des Machbaren, so habe ich es zumindest verstanden. Mehr brauchen wir nicht, wir wollen nur die Chance bekommen, dass wir uns später selbst helfen können. Wir wären nie und nimmer von Kobane weggegangen, wenn uns nicht die Bomben und das tägliche Sterben dazu gezwungen hätten. Sie, Frau Merkel, haben das verstanden und reden viel darüber, damit das immer mehr Menschen kapieren. Wenn 80 in einem Raum sind, kann man den 81. doch nicht wegschicken, oder? Jeder Mensch kann einmal in eine Situation kommen, dass er Hilfe braucht. Mein Vater sagte immer, Frau Merkel versteht uns, weil sie auch in einer Diktatur und einem Unrechtsstaat aufgewachsen ist, aus dem viele Menschen geflohen und manche dabei auch gestorben sind. Sie haben die Ostsee durchschwommen, Tunnel und Ballons gebaut, sie haben Zäune eingerissen, Botschaften gestürmt und Mauern umgelegt, damit sie in Freiheit leben können. Meine Familie ist leider nur bis Bodrum gekommen. Ich muss schon sagen, der Orban-Zaun da oben weiter nördlich ist eine Mordssache! Ist das nicht genau dort, wo das Europa-Frühstück stattgefunden hat, wo Mock und Horn gemeinsam mit der Zange den Eisernen Vorhang geknackt haben? Seltsam, das ist doch noch gar nicht so lange her, in paradiesischen Dimensionen kürzer als ein Atemzug. Diese osteuropäischen Staaten haben manches nicht richtig verstanden: Sie sind einer Solidargemeinschaft beigetreten, verweigern sich aber dem Prinzip der Solidarität und melken sie die anderen Mitglieder wie eine Kuh.

Ich bin noch zu kurz im Paradies, um beurteilen zu können, ob das alles miteinander zusammenhängt und vergleichbar ist. Es schwirren hier viele Verschwörungstheorien herum, und es gibt auch im multireligiösen Paradies Radikale und Fundamentalisten. Die einen sagen, das alles passiert, weil Putin mit den vielen Flüchtlingen Europa zerstören will. Die Europäer zerstreiten sich wegen uns und alles fliegt in die Luft, jeder gegen jeden – so wie bei uns. So wie ich das sehe, führt Putin jetzt einen 3-Fronten-Krieg; erstens gegen Europa, zweitens „hilft“ er mit seinen Bombern dem syrischen Volk und dem Diktator Assad, dessentwegen die meisten von uns fliehen, an der Macht zu bleiben. Die dritte Front kann man in Russland selbst erkennen. Seit Juni 2011 haben 3852 Syrer „zeitweiliges Asyl“ beantragt, 1585 haben es erhalten. Echtes Asyl haben 816 Personen erhalten, davon rund 300 Sicherheitskräfte des ehemaligen ukrainischen Diktators Viktor Janukowitsch. Und eine eine neue Fluchtroute hat sich vor kurzem bei Murmansk in der Arktis aufgetan: weil man die Grenze in Storskog nach Norwegen nicht zu Fuß überschreiten darf, haben es schon 1100 Syrer mit dem Fahrrad versucht. Aber die allermeisten Flüchtlinge werden vom Inlandsgeheimdienst festgesetzt und nach Syrien!!! (ein sicheres Drittland???) abgeschoben. Und das in diesem riesigen Land, das sich immer seines Sechstel der Erdoberfläche gerühmt hat und das eh zu zwei Drittel unbewohnt ist. Marine Le Pen, Putins Freundin, ist besonders originell, wenn sie in Madame Merkel selbst die Hauptverantwortliche für die Massenflucht sieht. Madame Le Pen, schon etwas vom Gesetz von Ursache und Wirkung gehört? Andere sehen die Schuld bei den Amerikanern, weil sie die Kriege in Afghanistan und Irak geführt haben, weil sie unser Öl wollen und uns versklaven. Die in historischen Dimensionen Denkenden meinen, dass es vor allem die Engländer und Franzosen mit ihrem Kolonialismus waren, die uns in die Katastrophe geführt haben. Klar, die große Anti-Israel-Fraktion ist auch da, hässlich und lautstark. Neulich ließ einer Ihrer Parteikollegen aufhorchen mit der Prognose, dass mit jedem Flüchtling mehr in Deutschland Marine Le Pen vom FN, der HC Strache und die AfD einen Wähler mehr und Pegida einen Demonstranten mehr kriegt, ein Flüchtlingsheim mehr brennt und ein Politiker mehr attackiert wird. Sogar die toleranten Niederländer, Dänen und Schweden sind von der nationalistischen Pest schon angesteckt und schicken uns zum Teufel. Das klingt lustiger als es ist, denn die Flucht ist die Hölle und der Tod auch, das kann ich schwören, Frau Bundeskanzlerin!

Viele meinen, dass wir Muslime selbst schuld sind, weil wir uns immer nur streiten, einander vertreiben und umbringen wegen irgendeines Neffen oder Enkels, weil sich die einen geißeln wollen und die anderen lieber steinigen. Ich habe sogar schon gehört, wir gehen nach Europa, um es zum Islam zu bekehren, mit Feuer und Schwert, wie wir es immer schon getan haben. Mit Verlaub, das ist reiner Unsinn. Warum nehmen sie dann alle ihre Babys und Kinder mit, ihre alten Opas, Krüppel im Rollstuhl und mit Krücken, die schwangeren Frauen und all die jungen Burschen allein? Eine Bekehrungs- oder Eroberungsarmee sieht anders aus. Aber ich versichere Sie, es ist nicht der Islam als Religion, der Schuld trägt an der Misere in der muslimischen Welt, sondern die politischen Rahmenbedingungen in den arabischen Ländern, der Mangel an Demokratie, Arbeitsmarkt und Bildung. Der Islam zerstört sich selbst. Seit ich im Paradies bin, nehme ich eine andere Perspektive ein, die ich Ihnen ans Herz legen will. Die jungen syrischen Männer, die nach Europa kommen, wollen nicht kämpfen, sie fliehen vor Gewalt und Blutvergießen. Es ist ein großer Protestmarsch gegen den Wahnsinn, dass ein Regime seit vier Jahren sein eigenes Volk bekämpft und ausrottet. Das sind Friedensmärsche! Schauen Sie einmal aus diesem Blickwinkel drauf. Wenn Sie oder andere das nicht glauben, dann sehen Sie sich noch einmal das Foto von mir in Bodrum an, sehen Sie in die verängstigten, erschöpften, ausgemergelten Gesichter der Flüchtlinge auf ihren Elendsmärschen, der Friedenssucher, die alles aufgegeben, alles hinter sich gelassen, ihr Leben riskiert haben, um in Europa Schutz zu suchen, in Europa als eine Verheißung. Sie klopfen an die Türen einer Utopie.
Wir werden auch nicht wie Prometheus die Welt in Brand stecken im Protest gegen die Götter.
Sie sprechen mit so vielen Menschen, Frau Merkel, eines sollten Sie wissen und weitergeben: Viele Menschen in diesen Elendszügen sind keine Kriegsflüchtlinge. Wenn Sie uns Vertriebenen helfen wollen, sollten Sie wirklich Unterschiede machen, wer da aller kommt. Ich habe selbst nur einen Teil dieses Weges mitgemacht, aber von meiner himmlischen Warte aus krieg ich alles mit. Im serbischen TV B-92 habe ich einen Polizisten bei Horgos in die Kamera sagen gehört, dass sie an der ungarischen Grenze Berge von zerrissenen afghanischen, indischen, pakistanischen, tadschikischen, usbekischen, iranischen chinesischen und sogar mongolischen Papieren gefunden haben. Von Flüchtlingen hat er gehört: „Sollen die Westeuropäer doch selbst herausfinden, was wir sind und woher wir kommen“. Ihre „ Wir-schaffen-das-Begrüßungskultur“ in Ehren, aber inzwischen hat sie sich das bis in den letzten Slum von Karatschi und ins hinterste Bergtal am Hindukusch und in Uigurien herumgesprochen. Und wer irgendwie kann, zieht mit.
Gestern stand am Wiener Westbahnhof eine riesige Gruppe von Inderinnen in einer Wolke von Seidensaris. Passen Sie auf, viele sehen Europa nur als dumme Melkkuh. Glauben Sie mir, ich habe von hier heroben den Überblick. Und uns wird zurecht nachgesagt, dass wir in die Seelen der Lebenden schauen können. Die FAZ schrieb kürzlich, wenn die Deutschen über Flüchtlinge nachdenken, denken sie über sich selbst nach. Und ihre großen Nachbarn sagen: Wenn die Franzosen oder Engländer über Flüchtlinge nachdenken, denken sie über Deutschland nach. Wer ist dieser mad man in der Mitte des Kontinents? Dieses Irrlicht. Vom Hippie-Staat ist schon die Rede, von einem besinnungslosen Gutmenschentum, von der entfesselten Barmherzigkeit, vor der sich die anderen fürchten müssen wie vor dem Gegenteil.
Auch angesichts der deutschen Vergangenheit weckt das intensiven Argwohn, da muss man nicht bei Pegida mitmarschieren. Von alter Schuld reinwaschen und sich mit frischen Kräften verjüngen? Also, passen Sie auf, welches Bild Sie abgeben, denn dass die Deutschen auf lange Sicht nur das Gute wollen, ohne Berechnung, trauen ihnen nicht einmal die gutmütigsten Nachbarn zu. Und erst recht misstrauisch sind die Amerikaner. In der New York Times stand neulich, dass die Behandlung der Migranten Erinnerungen an Europas dunkelste Stunden wach. Jediot Acharonot titelte „Und wieder die Bahnsteige“. Frau Merkel, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie auf einen Fehler aufmerksam mache, der Ihnen – vielen anderen auch - unterlaufen ist. Die Verwechslung von Menschen- und Bürgerrechten.In Ihrer Sommer-PK beharrten Sie auf den „universellen Bürgerrechten, die mit der europäischen Geschichte bislang eng verbunden waren“. Entschuldigung, die gibt es nicht, sie stellen einen inneren Widerspruch dar. Universalität ist eine Eigenschaft aller Menschen, wohingegen die exklusive Gruppe der Bürger die Flüchtlinge nicht einschließt.
Ihre Redenschreiber müssen noch mehr darüber nachdenken – nicht nur diese – was eigentlich Menschenrechte sind. Sie wurden noch nie, in einem vernünftigen, modernen Sinn ausreichend begründet. Nicht durch die Declaration of Rights noch durch die Declaration des Droits de l` et du Citoyen Das ist ein Dilemma, ein Problem, für das es nur eine himmlische, eine metaphysische Lösung gibt, die dann nur post-metaphysisch sein kann. Das ist die Verlegenheit, die Europa gerade erlebt. Glauben Sie nicht, dass das ein akademisches, philosophisches Problem ist, nein ein ganz praktisches, ohne dessen Lösung es keine Lösung der Flüchtlingsfrage gibt. Mehr möchte ich jetzt dazu nicht sagen, vielleicht beim nächsten Telefonat. Sie und Ihre Mitarbeiter sollten sich dazu aber inzwischen wieder einmal Kant zu Gemüte führen, „Zum ewigen Frieden“, von 1795, kann nicht schaden.

Buntes Volk treibt sich im Paradies herum, in der Dichterecke sitzen Vergil, Petrarca und Dante, die Inferno -Spezialisten. Sie murmeln immer nur im Dreiklang: Pestpestpest, Rattenrattenratten, werfen einander Verse an den Kopf, die sich nicht mehr reimen. An einem Katzentisch, Robert Schindel, der Dichter aus Wien. Er nimmt noch immer die Worte beim Kopf und an der Kehle, würgt sie, schleudert sie durch die Sprachen und Geschichten, geht mit ihnen herum durch die Städte. Ich weiß nicht, was da noch alles herauskommt.
Vielleicht doch noch ein Talent? Ein guttar Mänsch?

Der Mord - ,Totschlag – und Katastrophenfachmann Shakespeare läuft nachdenklich herum, hält seinen Skalp in der Hand und murmelt vor sich hin: „Sein, oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ Milton ist nervös und sucht sein Paradise lost, Klopstock den Messias und Beethoven seine 10. Symphonie. Das Scheusal Abraham, der auf Gottes Befehl ohne Wimpernzucken bereit war, seinen Sohn zu ermorden – opfern nennt man das in der Religion - ist natürlich auch im Paradies. Das war heftig, selbst Gott hätte das nicht erwartet und war so schockiert, dass er einen Engel zur Rettung Isaaks schickte. Das große Proletariat des Jenseits stellen die Soldaten dar – Myriaden von Jungengesichtern unter Stahlhelmen und Bärenfellmützen, Turbanen und Dreispitzen. Statistisch gesehen muss das Paradies völlig mit Kindern bevölkert sein. Eine furchtbare Gegend voller gewickelter Bündel, Säuglinge, Kleinkinder mit spindelholzdürren Beinchen und hervorquellenden Bäuche oder die blauen, ertrunkenen so wie ich in Bodrum gefunden wurde.

Frau Bundeskanzlerin, Sie sind eine Naturwissenschafterin und haben die Gesetze des Lebens studiert, Chemie und Biologie. Wenn man die schrecklichen Götter außen vor lässt, dann sind wir Menschen doch auch nur Natur und werden nur zu Menschen in der Liebe, in der Gesellschaft, in der wir Platz haben, das Beste in uns zu entwickeln. Jede Pflanze sucht doch auch nur einen Platz an der Sonne, jedes Tier, sei es eine Ameise oder ein Lemming, will nur eines – überleben. Eine Wespe taumelt tausend Mal gegen die Fensterscheibe und sucht einen Weg ins Freie. So sind wir auch. Das ist das Prinzip des Lebens. Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Denn wir sind nicht einfach „Kriegsflüchtlinge“, sondern „Lebenssucher“. Wir wollen doch wie alle in einer Welt leben, in der man nicht überleben muss.
Eines muss ich Ihnen noch etwas gestehen, obwohl ich jetzt im Paradies bin und friedlich sein sollte. Ich habe eine „mordsmächtige“ Wut im Bauch auf unseren Gott, der das alles zulässt, der unserem Elend zuschaut und meint, das sei naturgegeben oder eine Prüfung, die uns zu besseren Muslimen macht. Übrigens hat dieser Rache- und Besserungsgedanke auch in Ihrer Kultur eine lange Tradition. Ich finde, in ihrer Mordlust unterscheiden sich die Häuptlinge, ob Allah, Jahwe oder Ihr Gott, überhaupt nicht. Das sind alles Massenmörder, die sich im Blut der Menschen wälzen und sich über unseren Tod freuen. Davon nähren sie sich und werden immer fetter und mächtiger, je mehr Leute an diesen Hokuspokus glauben. Dafür versprechen sie uns dann das ewige Leben, eine Seelenwanderung, Auferstehung am Jüngsten Tag, eine unsterbliche Seele und ähnlichen Unfug. Denken Sie an Cortez, den Spanier und Montezuma, den Azteken. Interessant ist, dass die Azteken, die ihren Göttern Gefangene opferten, denen sie bei lebendigem Leib das Herz herausschnitten, zutiefst schockiert über den spanischen Brauch waren, ihre Missetäter auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Rituale der Religionen, die Tag für Tag nach Menschenblut verlangten. Die aztekischen Götter forderten es, damit am nächsten Tag die Sonne wieder aufgehen soll, der Gott der Spanier fordert es zur Ausdehnung der Macht und als Ausweis für das ewige Leben.
Grausamkeit – nur eine Frage der Perspektive? Die griechischen Schicksalsgöttinnen sitzen kichernd an ihren Webstühlen, während sie sich Kriege, Hungersnöte, Überschwemmungen und Krankheiten ausdenken und mit Millionen von Grausamkeiten das Geschehen in Gang halten. Warum haben sie sich ausgerechnet für eine kleine, unbedeutende Familie aus Kobane interessiert?
Ha, das muss der liebende und gerechte Gott gewesen sein, der allmächtige, der alles wissende, alles planende, alles sehende, wie großartig er unsere Flucht hingekriegt hat. Dabei haben wir die ganze Zeit zu ihm gebetet und um seine Hilfe gefleht. So sieht sein Dank aus! Und die toten Pilger auf der Mekka-Hadsch- vielleicht waren es 2000, 4000 oder noch mehr- die waren doch auch gerade beim Beten, Opfern und Verehren, als sie zertrampelt wurden oder erstickten. Vor kurzem ist mir eine Notiz im Wiener Kurier aufgefallen: Da wurde ein Mann nach einem Stromausfall in einem Lift gefangen und erst nach Stunden befreit. Aus lauter Dankbarkeit ging er zu einem Marterl auf den Himmel (sic!), einen Hügel im Westen Wiens, kniete nieder, verrichtete seine Dankesgebete und wurde von der umstürzenden Kapelle erschlagen. Das nenn` ich mir einen lieben Gott! So einprinzipienloser Kerl! Oder doch alles nur Schicksal? Was ist mit der Determination? Vorbestimmung – ja aber von wem? Wer hat meinen Tod geplant, den meiner Mutter und meiner Schwester und all der anderen 3000 Flüchtlinge heuer im Mittelmeer? Wenn Gott alles weiß, alles sieht und alles kann, wenn er angeblich ein guter Gott ist, warum schickt er nicht ein paar Drohnen, die uns auskundschaften, wenn wir in Not geraten, schickt ein paar Rettungsinseln, ein paar Schiffe? Und dann stehen sie da und zählen die Toten. Eines habe ich verstanden: ein Toter und noch einer sind nicht zwei. Und wenn sie 11 763 gezählt haben, machen sie weiter, bis die Million voll ist. Schon allein mit dem Zählen fängt es an. Auch die friedlichste Religion ist immer noch eine Tötungsmaschinerie. Auch im Vatikan lagern Maschinenpistolen. Und in der Zahl der toten Feinde Israels zeigt sich die Stärke seines Gottes. Jeremias ist dafür der große Prophet. Menschen haben manchmal Gedanken, die sie besser nicht hätten. So passiert das im Leben. Aber davon bin ich ja jetzt befreit und darf grenzenlos denken.
Frau Merkel, ich habe noch etwas verstanden, seit ich im Paradies bin, vielleicht können Sie etwas damit anfangen: Kriege werden um ihrer selbst willen geführt. Solange man sich das nicht zugibt, werden sie nie wirklich zu bekämpfen sein. Anlass und Ziel sind bloße Zutaten, rhetorische Dekorationen, um den Selbstzweck zu verstecken.
Der Gedanke ist äußerst unangenehm; wir erwarten unbedingt, dass es bei einem Mord um eine Frau oder zumindest eine goldene Uhr geht; bei einem Krieg um eine Insel oder um Öl. Wenn wir den Satz ernst nehmen - Kriege werden um ihrer selbst willen geführt - beginnt die ganze Weltgeschichte vor unseren Augen zu tanzen. Und da sind wir ganz schnell bei der Frage nach der Macht: Wer befiehlt das Töten? Haben Sie sich das schon einmal gefragt?
Wenn Sie die Frage im religiösen Sinn nicht beantworten wollen, weil das Privatsache ist, bin ich einverstanden. Aber im politische Sinn müssen Sie und die anderen Politiker antworten, indem Sie die Mächte hinter dem Krieg benennen und den Massenmord vor der europäischen Haustür beenden. Ihre Reise nach Istanbul finde ich etwas befremdlich, steht doch neben dem Iran, Saudi Arabien, den Golfstaaten und Russland auch die Türkei hinter dem Krieg von Assad und IS. Ob das ein Fehler war, wird die Geschichte erweisen, aber immerhin haben Sie gezeigt, dass Sie den Irrsinn des Mordens nicht länger akzeptieren.

Wenn Sie jetzt erschrocken sind und mehr erfahren wollen, gebe ich Ihnen aus meiner elyseischen Zusammenschau einen Buchtipp: lesen Sie wieder einmal – oder zum ersten Mal - Elias Canettis „Masse und Macht“ aus dem Jahr 1960, sehr aktuell, aufschlussreich und nützlich, dort und auch in seinem Buch gegen den Tod steht das so wortwörtlich.
Wahrscheinlich haben Sie „Masse und Macht“ in der DDR nicht zu lesen bekommen. Ich finde es wichtiger, vor allem für Sie als Politikerin, wichtiger als der überschätzte „Il principe“ von Machiavelli. „Man muss die Kraft haben, dem Krieg in Maul und Schlund zu fahren und ihm erbarmungslos die Eingeweide aus dem Leib ziehen.“

Ich hoffe, ich habe Sie jetzt nicht mit den Canetti-Zitaten erschreckt, bleiben Sie mutig auf Ihrem Weg, auch wenn es Sie vielleicht die Kanzlerschaft kostet. Ich muss jetzt schon schmunzeln bei dem Gedanken, wie das aussieht, wenn Sie den Friedensnobelpreis bekommen, aber Ihr Amt verlieren. Wenn Sie erlauben, werde ich Sie wieder anrufen oder, wie gesagt, kommt mein Vater bei Ihnen vorbei. Er denkt wie ich und Sie: „Wir schaffen das.“ Seien Sie sicher, dass wir von hier oben genau auf Sie schauen. Und ob es mein Papa bis Berlin schafft.

Schade, ich muss jetzt Schluss machen, der Märtyrer-Chor mit seinen Posaunen und Zimbeln ruft zum allgemeinen Gotteslob, außerdem ist mein Akku fast leer. Dabei hätte ich Ihnen noch so viel zu sagen. Wenn Sie mir all das nicht glauben, weil es so unglaublich klingt, kann ich Ihnen von meinem Ipod die Bilder schicken, da ist nichts getürkt und getrickst, nicht einmal verpixelt habe ich die Gesichter, alles echt. Trotzdem danke, dass Sie mir so lange zugehört haben. Ich habe es genossen, mit Ihnen zu sprechen.

Wiederhören, tschüühüüss, ich ruf bei Gelegenheit wieder an, darf ich, ok?
Danke Ihnen und liebe Grüße aus dem Paradies!
Das war der Aylan



Aufzeichnung: Veronika Seyr


1040 Wien
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00431(0) 676/664 16 08