Freitag, 16. Juni 2017

Bericht an die Anstalt oder Die Verstollenen

Der Empfang war freundlich und persönlich wie in einem Hotel. Die Rezeptionistin überreichte mir den elektronischen Zimmerschlüssel und den vorläufigen Therapieplan; dabei bemerkte sie, dass sie die gleichen Schuhe habe wie ich – bequem, gell!
Dann rief sie rief den Hausarbeiter, der sich als ein Zoran aus Banja Luka herausstellte. Während er mein Gepäck schleppte, versetzte ich ihn wahrscheinlich in Angst und Schrecken, indem ich mit ihm auf Serbokroatisch plauderte. Große Disziplin bei dieser Attacke, dass er nicht sofort einsackte, meine Koffer fallen ließ und floh. Schon wieder der Geheimdienst, hört das denn nie auf? Als ich seine flackernden Augen bemerkte, ließ ich die vorbereitete 2-Euro-Münze in meiner Manteltasche und suchte schuldbewusst einen Fünfer heraus.
Er nahm ihn natürlich an und murmelte etwas Undeutliches zwischen Danke und Chvala, dass ich mich noch bemüßigt fühlte zu sagen: Banja Luka ist eine schöne Stadt, do rata, bis zum Krieg. Diese Anbiederung, als würden wir Urlaubserinnerungen austauschen: Ah, Sie waren auch auf Hawaii, schön, phantastisch! Welcher Teufel hat mich geritten, diesen armen Kerl so zu erschrecken? Und dabei so unbändig zu lügen? Ich habe Banja Luka bei meinen zahlreichen Besuchen nie als schön empfunden, es war Krieg, die Stadt von den Serben erobert, und ich befand mich als Österreicherin in „Feindesland“ in ständiger Gefahr.
Ich begegnete Zoran in den nächsten drei Wochen noch öfter, meist schwer beschäftigt, etwas im Haus reparierend oder Koffer schleppend, wobei er immer den Kopf tief nach unten und zur Seite wandte, um mich nicht wieder erkennen oder grüßen zu müssen, oder in den Parks rund um das Sanatorium, aber er verdrückte sich schnell oder machte einen weiten Bogen um mich.
Im Gegensatz zu Zoran war Gordana aus der ausschließlich ex-jugoslawischen Putzfrauenbrigade – sie kam fast täglich in mein Zimmer – erfreut über meine spärlichen Worte in ihrer Muttersprache, mit denen ich sie lobte, ihr das Trinkgeld übergab, ein schönes Wochenende wünschte und den fortschreitenden Frühling vor der Loggia bewunderte; ihre leichte, mit erhobenem Lappen unterstrichene Rüge dafür, dass ich selbst Aschenbecher und Papierkorb ausleerte, brachte sie in bestem Gastarbeiter-Deutsch vor: Sie kuren, ich putzen, nix selber machen!
Das große Einzel-Zimmer mit nüchterner und praktischer Eleganz schien mir nach dem ersten Überblick geeignet, es hier drei Wochen aushalten zu können. Vor allem die geräumige Loggia vor der Glaswand mit dem Blick von Osten nach Süden bis Halbwest, machte mich sicher, dass ich die Anstalt einigermaßen gut überleben würde. Das Bad wurde geprüft. Die Gondeln der Stubenbergbahn kreuzten sich im Auf- und Abwärts genau alle 20 Sekunden hinter drei Tannen und zwei noch kahlen Birken. Die zu einem Hügel ansteigende Wiesenmulde füllte sich im Laufe dieser drei Wochen immer mehr mit grünendem Gras, Löwenzahn und Himmelschlüsseln. Am Zaun begannen an den Haselsträuchern die Palmkatzerl zu blühen, darunter entdeckte ich im Zoom der Kamera Buschwindröschen und Leberblümchen. Ab und zu tauchte vor meinem Loggia-Platz eine dicke Katze auf, stillsitzend wie eine in schwarz-weissen Marmor gemeisselte Statue, den Blick gebannt auf den Boden gerichtet, wahrscheinlich auf Mäusejagd. Ich vermisste jetzt schon meine Katze in Wien, die ich einer nicht vertrauten, aber im ersten Eindruck liebevollen und verlässlichen Katzensitterin überlassen hatte.

Schnell war ich in den Strudel der Kur eingetaucht, der Hausordnung, dem Therapie- und Essplan und den Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Ich überließ mich ab sieben Uhr früh den heißen Radon-Wannenbädern, der Massage, den Fango-Behandlungen, den RadonInhaationen und dem Wechselstrom, später der Gymnastik am Boden und im Wasser, den Unterwassermassagen, den Radlerpartien am Standgerät und dem Nordic Walking. Zu insgesamt acht verschiedenen Therapien war man eingeteilt, meistens fünf bis sechs davon über den Tag verteilt - 65 sollten es werden in diesen drei Wochen. Dazu konnte man noch rund 30 verschiedene Behandlungen privat buchen.

Im Speisesaal hatte ich den Tisch Nr. 4 zugewiesen bekommen, zusammen mit mir noch die Fließbandarbeiterin Petra, ihr Lebenspartner Kurt, ein Gabelstaplerfahrer aus Bad Hall, und der ewig lächelnde, mit schief gehaltenem Kopf Buschauffeur Mirko, ein Ex-Jugoslawe, der aber so wenig sprach, dass ich bis zuletzt nichts über seine Herkunft herausfinden konnte. Aber nach meinen gemischten Erfahrungen mit Zoran und Gordana versuchte ich auch keine weitere Stümmelkonversation auf Serbokroatisch mehr.

Unter den elf Tischen im Speisesaal fiel mir einer auf, besetzt mit fünf Personen, drei Frauen und zwei Männern. Nicht nur, weil er der nächste Tisch zu meinem war, so nahe, dass ich einiges von den Gesprächen mitbekommen konnte. Anfangs die Namen, mit denen sie sich von der Früh an laut begrüßten: Moagn, moagn, Sabine, Silvia, Walter, Hermann und die Deutsche Maren.
Sabine ist eine Altenpflegerin in den Vierzigern aus Graz-Umgebung, die schon zum Frühstück um dreiviertel sieben gepflegt, gestylt, mit Schmuck gehangen, herausgeputzt wie für einen Clubabend immer als Erste erschien. Sie war am ganzen Körper knusprig braun. Als ich einmal eine bewundernde Frage stellte, bekam ich die Auskunft, dass sie über Weihnachten in Sri Lanka gewesen sei, aber auch ins Sonnenstudio geht. Sie wechselte nicht nur wie wir alle, je nach vorgeschriebener Therapie, die Kleidung, sondern auch zum Mittag - und Abendessen ihre Outfits, wobei sie es noch schaffte, sich zum Abendtrunk an der Bar des hauseigenen „Kaffee Ofenrohr“ in Partyschale zu werfen. Was ich wirklich bewunderte, waren ihre Fingernägel aus dem Nagelstudio, lang, bunt bemalt mit Tupfen, Flecken oder Bildchen mit einem weißen Rand an den Enden, Krallen, mit denen sie ihre Pfleglinge sicher so beeindruckte, dass sie schnell das Zeitliche segneten. Sie hat ein Handy, das mit einer rosaroten Hülle umgeben ist und ein baumelndes Silberkettchen wie es 10-Jährige schon als no-go ablehnen.
Silvia ist eine pummelige Hausfrau mit zwei studierenden Kindern und einer dementen Schwiegermutter zu Hause. Sie hat offenbar keine ähnlichen Ambitionen wie Sabine, sie trägt Tag für Tag den gleichen Pullover und eine fettzeichnende Hose, in verschiedenen Farben, sehr praktisch: Verheiratet, ein Mann, 2 Kinder, seine Mutter, ein Haus, eine sichere Position. 30 Kilo weniger und sie wäre die hübscheste von allen gewesen. Sicher ist sie aber die lauteste Lacherin, eine richtige Kuderin, Kaskaden perlten geradezu aus ihrer zurückgeworfenen Kehle und wieder herunter über Doppelkinn über die einheitlichen Rundungen von Busen und Bauch. Ich fand nie heraus, was an diesem Tisch immer so lustig war. Vielleicht war es allein die dreiwöchige Befreiung von dem beruflichen und heimischen Pflegealltag. Sabine hat am langen Osterwochenende frei und fliegt nach Mallorca, Silvia muss bei der Mutter bleiben, freut sich aber auf den Besuch ihrer Kinder. Ihr Mann Hermann ist ein durchtrainierter Nebenerwerbsbauer, der jeden Nachmittag mit seinem Mountainbike oder den Nordic Walking-Stöcken in die Landschaft ausrückte. Von Walter bekam ich außer seinem Dauerreden – und -Lachen nicht mehr mit, als dass er wie Günter an meinem Tisch am selben Tag den 58. Geburtstag feierte, am Samstag vor Palmsonntag. Er bekam eine Flasche Zirbenschnaps und ein gesungenes Ständchen mit dem unsterblichen Unsinnlied „Walter, ach Walter“. Dieser Tisch war auch der einzige, der manchmal nach dem Abendessen eine Flasche Wein bestellte, was mir auffiel, weil in der Anstalt eigentlich Alkoholverbot bestand. Walter war der größte Witzemacher und Unterhalter, der sicher an jedem Stammtisch der Star war. Wegen seines kärntnerischen Dialekts konnte ich mir vorstellen, dass er im Nebenberuf vielleicht ein Karnevalsprofi aus dem nicht weit entfernten Villach sein könnte. Aber er war ein Naturtalent, erfuhr ich aus einem zufällig mitgehörten Gespräch in der Nachbarkabine des Wannenbades. Ob das seinem Beruf - als Gemeindeangestellter von Mallnitz-Obervellach war er für Begräbnisse und den Friedhof zuständig- geschuldet war oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbringen.Es gab auch an anderen Tischen laute Lacherinnen, auf Tisch Nummer 7 zum Beispiel eine pensionierte Lehrerin aus Tirol, die an jeden ihrer Sätze eine Lachtirade von oben nach unten und wieder hinauf hängte.
Wer einmal einen Almabtrieb erlebt hat, wird an eine solche urige Glockensymphonie erinnert. Oder an die aneinander schlagende Milchkannen, wenn sie leer wieder ausgeladen werden. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Berufszeit zu wenig gelacht. Ich war mir sicher, dass es Sabine, Silvia und Gitti waren, die gar nicht mehr zu lachen, kichern, sich zerkugeln aufhören konnten, als ich der bulgarischen Gymnastiktrainerin Bogumila verbot, mich zu berühren. Anfangs entzog ich mich ihr unwillig, als sie mich zum Vorzeigen einer Übung benützen wollte. Als sie es noch einmal versuchte und meine Knie mit beiden Händen umfing und demonstrierte, wie die Übung auszuführen sei, zu deren korrekter Beschreibung ihr Deutsch nicht ausreichte, stieß ich sie von mir und ließ laut vernehmlich für alle 15 Leute im Trainingssaal hören:
- Bitte, lassen Sie das, ich will das nicht!
Einem hilflos am Boden, am Rücken ausgestreckten Menschen so etwas anzutun, war für mein Gefühl ein Überfall, zumindest ein Übergriff. In der hinteren Ecke begannen drei Frauen hellauf zu lachen, von denen sich zwei bald einkriegten, die dritte aber fast bis zum Ende der halben Stunde Gymnastik immer wieder von neuem zu gigeln und zu kichern anfing, als würde sie gekitzelt. Ganze Tonleitern auf und ab perlten aus ihr heraus. Ich setzte mich kurz auf und überzeugte mich, dass es Gitti war, neben ihr lagen, schon verstummt, Sabine und Silvia. Tagelang quälte ich mein Hirn auf der Suche nach einer passenden Antwort, die sie bloßstellen und zugleich als ein Gegenangriff empfunden werden sollte. Ich unterließ es aber letztlich und beruhigte mich, als ich den Vergleich mit einem unpassend lachenden Kinopublikum fand, das manchmal aus Angst und Verlegenheit scheinbar grundlos lachte. Angstabwehr nennt man das in der Psychologie. Aber in dieser Schicht hatte ich natürlich meinen Ruf weg. Dass ich die einzige Wienerin war, einen Doppelnamen und akademischen Grad hatte, half auch nicht gerade, mich bei den Alpenländlern beliebt zu machen. Von der Rezeptionistin über die Ärzte bis zum letzten Therapeuten weideten sie sich an meinen Abnormitäten, wenn die meinen Namen mit Titel und in voller Länge von vier Teilen aufriefen.
Aber den tieferen Grund für das allgemeine Dauerlachen vieler Kurgäste sah ich doch in der fortschreitenden Regression und Infantilisierung durch den Kuralltag: Diese erwachsenen und zum Großteil älteren Menschen werden von früh bis spät versorgt: In die Wanne mit heißem Radonwasser gelegt, in Tücher gewickelt, massiert, in heiße Fango-Erde eingepackt, mit Schläuchen bespritzt und bei drei Mahlzeiten gefüttert. Die Vögelchen im Nest mussten nur die Schnäbel aufsperren.
In meinem Fall hat mir jemand sogar das Verdauen und Ausscheiden abgenommen, also war wahrscheinlich auch meine Verstopfung Resultat der allgemeinen Regression.
Keiner muss den ganzen Tag lang einen Finger rühren, das Leben wird einem abgenommen und auf ein perfekt organisiertes Fließband gelegt, von dem man nach drei Wochen wieder ausgespuckt wird. Einen Brief - das Therapieprofil - in den Händen, ich habe meinen bis heute nicht aufgemacht und gelesen.
Diesem vegetativen Zustand verfiel auch ich sehr schnell, wunderte mich anfangs über meinen Rückfall ins Frühkindliche und begann ihn allmählich in vollen Zügen zu genießen. Meine selbstverschuldeten, mehr als zwei Wochen anhaltenden Verdauungsprobleme warfen mich mich noch mehr auf das Baby-Dasein zurück. Um den toten Hund in den Gedärmen loszuwerden, stopfte ich Magerjoghurt, Dörrpflaumen und Sauerkraut in mich hinein. Hektoliter von Verdauungstees und schwarzem Kaffee flossen durch mich ohne die erhoffte Wirkung. Noch nie war ein solches Problem aufgetreten. Nun aber hatte ich einen Feind in den eigenen Eingeweiden hocken. Das Schlimmste war, dass er nicht etwa von außen gekommen war, sondern ich ihn selbst angezüchtet, angefüttert hatte. Er leckte mir aber nicht dankbar ergeben die Hand, sondern schnitt mir mit Messern durch die Gedärme, durch das Becken in den Oberschenkel bis zum Knie.
Als die althergebrachten Hausmittel nichts nützten, griff ich leicht verzweifelt zu den Nordic Walking-Stöcken und marschierte jeden Tag eine Runde über die Elisabeth-Promenade und klammerte mich mit den Augen an die herabstürzenden Wasserfälle und die vom Schmelzwasser angeschwollene Gasteiner Ache, damit sie auf meinen Verdauungsapparat Eindruck machen sollten. Ich benutzte prinzipiell keinen Lift zwischen den Stockwerken und den Chalets auf den verschiedenen Niveaus und sprang über die Stufen, um den toten Hund loszuwerden. Ich hatte das Gefühl, dass er mir schon zum Hals herausstand - und bald sicht- und riechbar würde. Mir war dauerübel. Die einzigen, die von meinem Problem profitierten, waren meine essfreudigen Tischnachbarn, denen ich viel hinüberschob und die Kuranstalt, bei der ich immer mehr Mahlzeiten abbestellte. Letztlich entschloss ich zu einem Canossa-Gang zur Alten Hofapotheke und kaufte Spezialtees, Tropfen und Zäpfchen im Großhandelsmaßstab. Am Ende der zweiten Woche war ich nahe daran, von der Loggia auf die Wiese zu springen. Lange stand ich an der Brüstung und schaute hinunter auf die Löwenzahnwiese. Das würde ich überstehen, aber in der Kur war man im Krankenstand, und durfte sich keiner außertourlichen Belastung aussetzen, wie etwa Schifahren, Mountainebiking, Extremklettern und wahrscheinlich auch Loggia-Stürzen nicht.
Viele meiner Mitkurer missdeuteten mein ständiges Laufen durch die Gänge und mein Springen über die Stufen rauf und runter.
Na, hammas wieder eilig, spät dran, gell, so viele Stufen, kommentierten sie mitleidig und mitwissend, wenn ich vorbei hastete oder drei Stufen auf einmal nahm. 120 habe ich gezählt innerhalb und zwischen den Häusern, Außentreppen nicht eingerechnet, noch einmal 28.
Die vielen Menschen mit sichtbaren Leiden konnten nicht ahnen, wobei mir das Laufen und Springen helfen sollte. Ich galt als besonders aktiv und sportlich, dabei wollte ich doch nur wieder sch…... zu können. Das größte Missverständnis. Mein bewegliches Verhalten brachte mir bei den Männern einen Spitznamen ein „das Reh“ ; von den Frauen an den Nebentischen glaubte ich ich allerdings etwas von Goaß zu vernehmen und ein meckerndes Lachen dazu. Aber das haben nicht meine natürlichen Ohren gehört, sondern meine sich Fledermaus artig ausbreitende Paranoia.

Die deutsche Maren aus Reutte in Tirol blieb mir bis zum Schluss ein Rätsel. Mit 72 Jahren war sie die Älteste in dieser Runde, an den 22 Tagen der Kur jeden Tag zu jedem Auftritt war sie unterschiedlich angezogen, immer elegant im Stil einer Boutiquen-Verkäuferin mit den passenden Schuhen, Ledertaschen, Schals, Tüchern, Ponchos und viel Echtgold- und Silberklunker. Obwohl ein bisschen tattrig, vergesslich, leicht verwirrt und gesundheitlich angeschlagen – sie konnte bei vielen Therapien nicht mitmachen - war sie am Tisch laut und dauergesprächig, dabei kam ihre Stimme aber so schnattrig herüber, dass ich wie aus einer Horde mit Gänsen ihre einzelnen Geschichten und Witze nicht verstehen konnte. Sie sprach dabei so ausgeprägt norddeutsch, reichsdeutsch oder piefkinesisch hätte man früher in diesen Gegenden gesagt, ohne vom geringsten Einschlag ins Österreichische angekränkelt zu sein, wie sie es schaffte, in dieser Runde so angenommen zu werden. Geschweige denn wie sie zu einer österreichischen Krankenkassenkur kam. Vielleicht konnte sie mit ihrem Aussehen und Auftreten wie für einen Abend in Monte Carlo den Eindruck erwecken, dass sie immens reich und wichtig sei. Alle ihre Sätze begannen mit ich und im weiteren hörte man noch meine Tochter, meine Enkel, die Firma heraus. Ich sah sie nie etwas anderes essen als Suppe, Magerjoghurt und Sauerkraut. Dafür rauchte sie wie ein verstopfter Kamin und hatte eine Stimme wie der Star vom Moulin Rouge, im Rauchersalettl vor dem Haupteingang war sie immer Mittelpunkt. Sie hat viele Krankheiten, Knochenschäden, zu hohe Schilddrüsenwerte, Atembeschwerden und war untergewichtig mit der Figur einer Zwölfjährigen. Ihr feines, zu jeder Tageszeit perfekt zurechtgemachtes Gesicht hatte die Farbe von vergilbtem Seidenpapier, zerknittert und durchsichtig, manchmal in Silbrige scheindend. Immer, wenn ich sie ansah, erschrak ich; nicht, weil sie unhübsch gewesen wäre, durchaus nicht, wenn sie größer gewesen wäre, könnte sie auch einmal gemodelt haben oder heute noch für Silberrückenmode posieren. . Aber ich meinte immer, es müsste knistern oder leise rieseln wie Kalk im Gebälk oder kleine Wölkchen von Rauch oder Asche um sie aufsteigen. Konnte man das Rieseln des Sandes im Uhrglas hören? Es war nichts zu hören und zu sehen, so wie man es bei ihrem Anblick erwartete. Dass nicht eintraf, was man erwartete, das machte den Schrecken aus. Das erinnerte mich an die grauenvollen Tage mit einem Scirocco in Sizilien, der einen fast um den Verstand brachte, weil er trotz allen Tosens des Meeres, Rasens durch die Dorfstraßen, Klapperns aller Gartenmöbel, des Fensterlädenrüttlens und Heulens um die Häuser und die niedergedrückten Bäume keine Erfrischung und Abkühlung brachte, wie wir es sonst von Winden gewohnt sind, sondern im Gegenteil noch mehr Hitze und Schwüle aus der Sahara.
Wirklich zu bewundern war Marens Organisationstalent; mehrmals pro Woche schaffte sie es, einen Friseur aufzusuchen– im Hotel Excelsior, De Luxe, Grand? - und mehrmals Stil und Länge ändern zu lassen, so deutlich, dass beim Abendessen im Speisesaal anfangs von nichts anderem die Rede war, manchmal ausgesprochen und laut, manchmal wie ein Raunen. Diese oberösterreichischen, salzburgerischen und kärntnerischen Ko-Gebietskrankenkassenkurempfänger gingen mit Marens pronounciertem Piefketum humorvoll und locker um. Mehrmals habe ich sie Mariedl oder Mitzi, Madl, kum her do, rufen gehört. Maren war auch an anderen Tischen begehrt, sie wechselte oft kreuz und quer über die Gänge hinweg oder stand in der Mitte und machte Konversation nach jeder Seite.

An meinem Tisch dagegen ging es fast so ruhig zu wie in einem Trapistenkloster; Mirko lächelte ewig aus seinem schief geneigten Kopf und schwieg wie ein Fisch, mehr als danke, chvala und kein Problem, nema problema habe ich nie von ihm vernommen. Petra und Kurt waren damit beschäftigt, das Essen zu genießen, andächtig und langsam, sie schoben einander unauffällig die Leckerbissen zu, sie zelebrierten die gemeinsamen Mahlzeiten. Beide sind 2-Schichtarbeiter und haben einander höchstens an Wochenenden. Mir gefiel besonders, dass sie sich vor dem Zulangen immer an die Hände fassten, kurz in die Augen schauten, auf den Mund küssten und „an guatn“ wünschten. Das kenne ich von oberösterreichischen Katholiken. Petra hat auf ihrem Handy nicht nur ihre Kinder und Enkelkinder vorzuzeigen, sondern auch die kleine Hauskirche auf ihrem Grundstück, die seit 1856 im Besitz ihrer Familie ist. Erst vor kurzem wurde der Glockenturm erneuert; ihr 78-jähriger Vater kletterte auf das Dach und hängte eigenhändig die von ihm renovierte Glocke auf. Fenster und Mauern brauchen noch etwas Arbeit – alles zu sehen auf den Fotos der vorgezeigten Handy. Die Freizeit verbrachten sie jeden Tag in der Felsentherme, abends gingen sie manchmal tanzen. In den Bergen oder auf meinen Ortsstreifzügen durch Hofgastein traf ich sie nie.

Maren, die Deutsche, war vom Aussehen und Auftreten her die auffälligste Person in unserer Kurschicht. Ich wunderte mich: Sie musste, um dorthin zu gelangen, eine österreichische Krankenkasse, also eine österreichische Arbeitsgeschichte haben. Bei der Ankunft habe ich mitbekommen, dass sie ihre Tochter aus Reutte in Tirol hierher gefahren hat, mit dem Auto, meine Tochter bleibt eine Nacht, ihre zwei Kinder sind in Betreuung, im Raucher-Pavillion sehe ich kurz die Tochter, die nie mit ihrer Mutter spricht, sondern nur an zwei Handys mit ihrer Firma, ja, ich bin morgen Mittag wieder da.
Ich kam mit der Bahn an und bekam ein Taxi-Shuttle zum Kurhotel. Ihre Tochter lud drei Riesenkoffer mit dicken, silber umfassten Zippverschlüssen und Schnallen, und zwei lederne Reisetaschen aus dem Auto, daneben noch zwei kompakte Schönheitskoffer, Marke Samsonite, kenne ich, hatte sie früher auch.
Den Raucher-Pavillion besuchte ich nie wieder, ich hatte ja mein Einzelzimmer mit der sonnigen Loggia, mit prächtigem Ausblick auf die tief verschneiten Tauern, den Graukogel, den Kreuzkogel und den Stubenberg, und ein kleines Stück nach links auch noch hinunter ins Tal von Hofgastein. Vor mir lag die Eisenbahn mit dem Bahnhof. Der Blick auf das Bahnhofsgebäude selbst war verdeckt von der gläsernen Brücke über die Gleise und die Straße, aber ich konnte die aus dem Tauerntunnel einfahrenden Züge sehen. Vor allem aber hören. Trotz der meterhohen Schallmauern war ihr Lärm enorm oder sie verstärkten ihn noch mit ihrer Trichterform, vor allem die langen, schwer beladenen Lastzüge, die Tag und Nacht über den Tauernpass und durch die Schlucht von Bad Gastein donnerten. Donnern war das eine, das andere war ein langgezogenes und durchdringendes Quietschen, eben die Bremsen. Das Gefälle vom Böckstein-Tunnel her war groß, die Strecke gewunden, und die Züge mussten bremsen. Tonnenschwere Waggons mit Baumstämmen, Containern, Lastwagen – die rollende Landstraße. Immerzu musste ich an verzogene Containertürme, an verrutschte Baumstämme und schiefliegenden LKWs denken Am ersten Abend fürchtete ich, ich würde kein Auge zudrücken können. In welche Lärmhölle hatte mich die Krankenkasse geschickt? Ich, die immer schon in einem ruhigen Wiener Hinterhof ohne lautere Geräusche als das Amselflöten wohne! Aber ein Wunder geschah. Ich schlief am ersten Abend schon um 8h ein und mit nur einer Unterbrechung 8 Stunden lang ! Wundersam, ohne Albträume! Ohne jedes Hilfsmittel! Ich integrierte die Geräusche erstaunlich schnell in die Tage und Nächte und überließ mich fast wohlig dem Mahlstrom des Kuralltags.
Zug-, Flucht- und Tunnelträume, von Reisen in Kutschen mit wild gewordenen Pferden, von entgleisenden Hochschaubahnen und umstürzenden Einbäumen habe ich immer schon gehabt, solange ich mich erinnere. In meinem vegetativen Baby-Zustand blieben die Nachtmarfilme aber vollständig aus.
Die Anstaltsärztin Dr. Anna Maria Stampfl, eine kluge und praktische Frau, der ich von diesem Wunder erzählte, erklärte es mit der Höhenlage Bad Gasteins von 1066 Metern und damit, dass wir eben Menschen seien und nicht Automaten, da ist alles möglich. Vollends nahm sie mich für sich ein, als sie am Ende ihres Einführungsvortrages die Frage an das Publikum stellte, welche außermedizinischen Faktoren denn zur Gesundung beitragen würden? Die Kurgäste, die nicht an das Frage-Antwortspiel gewohnt waren, schwiegen, bis ich in die Stille hinein sagte: positiv denken. Frau Dr. Stampfl strahlte über den ganzen Körper und verdeutlichte es noch: Jeden Tag dankbar sein und am Abend daran denken, was alles gut war. Da musste ich mich nicht umgewöhnen und war heftig an meine Großmutter erinnert, die auch nach diesem Wahlspruch gelebt hatte. Ich traf die Frau Doktor dann nur noch einmal, bei der Palmprozession vom Hauptplatz in die katholische Kirche St. Primus und Felizian , bewehrt mit einem großen, bunt geschmückten Palmbuschen.
Der ärztliche Leiter des Sanatoriums, das sich nicht so nannte, sondern nach dem Begründer Wetzlgut, war Dr. Simeon Marteanu, ein gebürtiger Rumäne. Anamnese und Erstuntersuchung führte er so, wie ich mir eine Armeeeinberufung vorstelle. Ausziehen bis auf die Unterhose, Arme zur Seite, nach vorne, nach hinten, Fingerspitzen, wenn möglich, bis
auf den Boden, Rumpf beugen, drehen links, rechts, auf die Waage und Blutdruckmessen. Bei den Männern wäre noch der unverzichtbare Griff unter die Hoden dazugekommen, auf dem Pferdemarkt noch der Blick ins Gebiss. Mein Vertrauen verlor er aber trotzdem, weil er mir auf die Schilderung meiner Verdauungsprobleme riet, Bananen als Diät zu essen, von Käse zu lassen und Zigaretten zu meiden. Das widersprach so sehr allem Wissen und meinen Gewohnheiten wie wahrscheinlich die Null-Diät in rumänischen Waisenheimen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beigetragen hat.

Auch ohne den Herrn Doktor muss ich etwas länger beim Essen verweilen, weil es sehr schnell zum Hauptthema dieses Kuraufenthaltes wurde. Nicht nur, weil der Tag hauptsächlich nach den drei Mahlzeiten gegliedert war – Frühstück von dreiviertel sieben an bis neun Uhr, Mittagessen um Punkt 12h, Abendessen um halb sechs. Gleich nach dem ersten Tag bestellte ich prinzipiell die Suppe vor dem Mittagessen ab, das Dessert bekam Gabi und Günter und stornierte das Abendessen. Ich legte mir im Zimmerkühlschrank ein kleines Vorratslager an: eine Packung Pumpernickel, einen Block Magerkäse Nescafe- Briefchen, Kräutertees, Käsechips und hartgekochte Ostereier. Vom Frühstücksbuffet schmuggelte ich Schüsselchen mit Obstsalat und Gemüse ins Zimmer,, damit ich versorgt war, sollte abends Hunger aufkommen. Obwohl ich praktisch für jeden Tag das vegetarische Menü angekreuzt hatte, dürfte ich doch anfangs zu viel Fleisch und Wurst zu mir genommen haben, was ich von zu Hause nicht gewohnt war. Wahrscheinlich lag das Problem aber bei den Fetten, mit denen in der Kurküche gekocht wurde, die meine Gedärme nicht vertrugen. Sie begannen zu streiken und gaben fast nichts mehr von sich. Als ich das erkannte und die Notbremse zog, war es zu spät. Links, im absteigenden Dickdarm lag ein toter Hund und wollte mich nicht mehr verlassen.
Die Schmerzen, wegen der ich die Kur angetreten hatte, wurde ich ziemlich schnell los, zuerst die auf der linken Seite der Lendenwirbelsäule, in der zweiten Woche auch die bis ins Knie ausstrahlenden Beschwerden auf der rechten. Also war der Kurzweck erfüllt, und ich freute mich schon auf die vermehrten schmerzfreien Spaziergänge. Da machte mir aber der Dickdarm einen Strich durch die Rechnung. Seit sich die Schmerzen in der Lendenwirbelsäule verflüchtigt hatten, begann der tote Hund so zu schmerzen, dass ich manchmal nicht aufstehen und gehen konnte. Ich hatte den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Ich habe mir für die Ischias-Schmerzen einen Morbus Cron eingehandelt.
Den Stabsarzt konsultierte ich nicht mehr, sondern traktierte mich weiter mit den Hausmitteln, den bitteren Kräutertees, dem Joghurt, Dörrpflaumen, Sauerkraut und Schwarzbrot. Das mit Radon versetzte Heilwasser trank ich schon eimerweise, obwohl es in der Empfehlung hieß, man solle, je nach Körperbau, nicht mehr als einen halben bis einen Liter pro Tag zu sich nehmen. Meine Mahlzeiten schob ich immer häufiger zur Gänze meinen Tischnachbarn zu, Petra war überschlank und vertrug die doppelte Menge, der ohnedies rundliche Kurt aß alles gerne und ohne schlechtes Gewissen, und Petra ließ ihm sein Vergnügen und wünschte ihm immer lachend „an guadn“ - eine tolerantere Ehefrau habe ich noch nie erlebt.
In der dritten Woche kam für mich von unerwarteter Seite die Erlösung. Ich hatte privat eine Lymphdrainage gebucht – eigentlich eine Schönheitsmaßnahme - und erzählte der Therapeutin von meinem Leidensweg. Sie verabreichte mir eine Darmmassage und ertastete tatsächlich den ausgebeulten Dickdarm, den sie dann nicht mehr in Ruhe ließ. Nach einer zweiten und dritten Behandlung in den folgenden Tagen begann sich etwas zu bewegen, zu glucksen und zu rutschen, und dann verbrachte ich den Rest des Tages und die Nacht in meinem Badezimmer mit befreienden Sitzungen.
Die Kur, ein doppelter Erfolg! Nicht nur hatte ich die mitgebrachten Schmerzen besiegt, sondern auch das in der Anstalt eingefangene Leiden.
In der Freude und dem Übermut über die Genesung machte ich mich am vorletzten Tag zu einer Wanderung nach Alt-Böckstein auf, um den Heilstollen zu besichtigen. Ich wollte mich dort nicht behandeln lassen, sondern hatte nur eine touristische Schnuppertour gebucht. Als sich die Besucher vor dem offenen Bähnlein sammelten, sah ich unter den Wartenden auch den gesamten Nachbartisch mit Sabine, Silvia, Walter, Hermann und Maren samt der Lach- Gitti. Kurzes Begrüßen, und wir verteilten uns in den Waggons.
Das Angebot sah auch ein Glas Sekt vor und ein Überraschungsgeschenk – es war in ein Fläschchen Zirbenschnaps und ein Gesteinsbrocken in einem hübschen Leinensäckchen mit aufgestickten Zirbenbockerln. Die Besucherbahn lief auf schmalen Schienen wie ein Ariadnefaden in den Berg hinein und dreht ihre Runden durch die verschiedenen Verzweigungen des Heilstollens, vorbei an den auf Liegen ruhenden Patienten, die sich und ihre Leiden den Radon-Strahlen aussetzten. Am Scheitelpunkt hieß es aussteigen, und es wurde eine kurze Informationsveranstaltung mit Film angeboten. Mir war gar nicht wohl, entweder war es die Schwüle und Feuchtigkeit im Stollen, die mir Herzrasen bereiteten, oder ich war schon zu sehr mit meinem eigenen Radon angereichert, oder es war meine lebenslange Abneigung gegen Tunnels, Höhlen und dergleichen unterirdische Räume. Immer war mir bewusst, dass dies nicht mein ureigenstes Element war, eher die Erdoberfläche, das Wasser und von mir aus auch noch die Luft. In einem anderen Leben würde ich sicher eher Vulkan- als Höhlenforscherin werden. Ich entfernte mich von der Gruppe und bestieg schnell den nächsten zur Rückfahrt wartenden Zug. Fast im Laufschritt stürzte ich den Wanderweg aus dem Anlauftal hinaus, rastete mehrmals am Ufer der jungen Gasteiner Ache, fühlte nach meinem rasenden Puls und nahm den Postbus bis zum Sanatorium. Ich kam erst zum Stillstand, als ich mich in auf Nummer 662 auf das Bett fallen ließ.
Ich muss eingeschlafen sein, weil ich noch mit dem Horrorgefühl aus dem Stollen aufwachte. Wie immer hatte ich mich vom Abendessen abgemeldet, aber es klopfte an der Tür, was noch nie geschehen war, außer am Morgen, wenn die Putzfrau wissen wollte, ob sie das Zimmer betreten dürfe. Es war mehr ein Pochen, Trommeln oder ans Tor Schlagen. Aber es war nicht meine sanfte Gordana, sondern die Rezeptionistin und hinter ihm der Anstaltsdirektor, Herr Kurt Primsacker persönlich, etwas aufgelöst, wie mir schien, er, der immer nur korrekt und in alpiner Edel-Haute Culture gestylt auftauchte, mit fliehender Stimme, zerwühlten Haaren und verrutschtem enzianverzierten Leinentüchlein im Hemdausschnitt.
- Frau Magister, sind Sie da? Wo sind die anderen?
- Warum nicht da? Ich bin da. Welche anderen? Ich war sicher noch zu traumverloren oder radonvergiftet und verstand nichts.
- Bitte, kommen Sie herein.
Die Rezeptionistin zog sich zurück, und der Direktor betrat mein Zimmer, das ich zum Glück aufgrund meiner notorischen Ordentlichkeit wie immer im Zustand der Unbewohntheit hinterlasssen hatte.
Sie tuan kuren, ich putzen, Sie nix aufräumen tuan, fiel mir die stets mahnende Gordana ein.
- Sie sind nicht zurückgekommen, haben Sie sie gesehen?
Ich setzte mich auf und versuchte mich zu sammeln. Ein Großteil der 2. Schicht, die nach uns die Mahlzeiten einnahm, waren Privatpatienten, die sich im Stollen einer Behandlung unterzogen. Ich sah sie jeden Morgen sich vor dem Haupteingang versammeln, wenn sie mit dem Bustaxi abgeholt wurden. Einige von ihnen hatte ich auf meiner Schnupperfahrt durch die Stollen erkannt, obwohl sie dort in Badebekleidung oder unter Handtüchern auf den Betten lagen. Manche hatten dem Besucherzug zugewunken und dann wieder ihre wunden Körper hoffnungsvoll der heilsamen Strahlung aus dem Fels zugedreht.
- Haben sie das Taxi versäumt oder ist das Taxi nicht gekommen. Direktor Primsacker schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die ohnedies schon zerwühlten Haare. Die gepflegte silberne Mähne, fast so lang und voll wie die seines hübschen, blond gelockten Sohnes, der manchmal an der Rezeption praktizierte, stand ihm vom Kopf und er wischte sich mit einem aus dem Grobleinensakko gezogenen Taschentuch die schweiß- glänzende Stirn. Er war in größter Aufruhr, und ich musste mich erst sammeln und die Stollenbilder vertreiben.
- Frau Magister, bitte, was haben Sie gesehen?
Erst langsam wurde klar, dass die Gruppe vom siebener Tisch plus Tiroler-Gitti nicht in die Anstalt zurückgekommen war.
Der Direktor schlug vor, er flehte geradezu, dass wir zur Rezeption gehen sollten, dort hätte er alle Telefone und vielleicht auch andere Augenzeugen zur Verfügung. Da erst bemerkte ich, dass ich die Bergschuhe zu meinem Schlummer nicht ausgezogen hatte. Der Empfangssaal neben der Rezeption glich einem Bienenstock, die erste Schicht des Abendessens war versammelt, dazu noch die Hausarbeiter und einige Taxifahrer. Alle sprachen durcheinander, der Lärmpegel war erheblich. Ich suchte mir einen Platz in der Ecke, wo ich meine Zeitungen zu lesen pflegte. Unwillig rutschten die Leute zur Seite und schauten auf den Boden. Ich spürte es körperlich, dass sie mich für irgendetwas schuldig hielten, eine Energie der Aggression, um vieles stärker als der Reizstrom bei der Behandlung. Der Direktor baute sich auf den Stufen auf, verschaffte sich mit Händeklatschen Gehör und stellte die momentane Situation klar:
- Sechs Kurgäste sind bis jetzt aus dem Stollen nicht zurückgekommen, wer etwas dazu weiß, soll es sagen, bitte. Das ist noch nie vorgekommen. Aber es wird sich alles erklären lassen und lösen, meine Damen und Herren! Bitte, Ruhe bewahren.
Der Direktor selbst zeigte aber ein gegenteiliges Bild, er zupfte abwechselnd an seinem Halstuch und an seiner Haarmähne herum, die Bartstoppeln an seinem Kinn schienen in doppelter Geschwindigkeit zu wachsen.
Es fing an ein Taxifahrer, der die Leute in einem Kleinbus zum 2 Uhr hingefahren hatte und um 4h30 Uhr wieder abholen sollte, so wie es bestellt war. Aber sie kamen nicht. Er wartete und rief die Rezeption an, ob sich etwas geändert hätte. Nein.
Der Mann erinnerte sich, dass sie etwas später vom Wetzlgut abgefahren seien, weil eine ältere Dame etwas vergessen habe und noch einmal auf ihr Zimmer zurückgelaufen sei, aber später als 14h10 sei es nicht gewesen, als sie losfuhren, das hat er auf der Zeitanzeige gesehen neben dem Lenkrad. 20 Minuten Autofahrt bis zum Stollen, mehr nicht. Sie sind am Parkplatz ausgestiegen, sie haben noch geraucht, dann sind alle gemeinsam rein. Mehr weiß er nicht, er hat umgedreht und ist zurück auf seinen Standplatz vor dem Bahnhof. Die Rückfahrt hat ein Kollege übernommen. Der ist gerade nicht da, weil er eine Tour hat, er kann keine auslassen, muss verdienen, er hat vier Kinder. Da poltert es in den Eingangstüren, Polizei- und Bergwachtpersonal, Feuerwehrleute und die üblichen Flugretter betraten die Stube, martialisch die einen wie die anderen, wenn auch unterschiedlich kostümiert.
Lange ging es hin und her mit den Befragungen, auch ich kam dran, aber ich konnte nicht mehr aussagen, als dass sie mit mir reingefahren sind, ich sie aus den Augen verloren habe und dann wieder raus bin. Wir sind ja auch nicht gemeinsam als Gruppe hingekommen. Die Polizei nahm meine Aussage auf und ließ mich weiter in Ruhe. Ein alter Tiroler neben mir murmelte:
- Der Berkh hots gholt und gibt sie nimma her. So sans, die Berkg.
Er muss einmal Volkskundler gewesen sein.
Eine Asthmatikerin, die schon seit vielen Jahren in den Stollen fährt, will wissen, dass der Berg sich selbst versiegelt, er verschließt seinen Bauch.
Und die sichtbar an schrecklicher Psoriasis leidende Nachbarin unterstützte sie:
- Ja, er rutscht jedes Jahr in sich zusammen, um ein bis zwei Zentimeter, soviel wie Fingernägel wachsen. In vierzig Jahren hat sich der Stollen selbst verschlossen.
Andere unterhielten sich über die Möglichkeit, ob sie vielleicht von Grubenhunten verschleppt worden oder in eine alte Steinmühle gefallen seien.
Der weit fortgeschrittene Morbus Bechterev machte es der Schweizerin mir gegenüber unmöglich, ihren Blick gegen Himmel zu richten, aber zumindest ihre verkrüppelten Arme konnte sie noch leicht in die Höhe strecken:
- Ein Wunder ist geschehen, sie haben die Grenze überwunden und sind im Paradies.
Sie schien eine überirdische Vision zu haben, vielleicht die Erlösung von ihrer Krankheit.
Mit Ekstase in der Stimme setzte sie noch eine apokalyptische Drohung hinzu:
- Verflucht sei, wer mir nicht glaubt.
Vor ihrem Paradies warteten offenbar nicht die Engel mit den Silbertrompeten.
Warum sich unter Bechterev-Patienten besonders viele Äsotheriker befinden, kann die Statistik nicht erklären.
Sie setzte gerade dazu an, den Garten Eden in den Farben der Hölle zu beschreiben, als sich der bodenständige Volkskundler noch einmal vernehmen ließ:
- Dös sein sicha de totn Berkhleit vom Goldstollen gwen, hiazt tuan sa si rächan, denan entkummt nieamand nimma.
Ich fühlte mich von so vielen Möglichkeiten entlastet. Aber für die Polizei waren das alles Aussagen, mit denen sie nicht viel anfangen konnte, gehörten sie doch in den Bereich des vergriffenen Buches „Sagen und Märchen aus dem Gasteinertal“.
Der Fall „Gasteinerstollen“ wurde nach Wochen als ungelöst abgeschlossen im Archiv abgelegt. Nach anfänglichem Interesse vergaßen ihn auch die Medien bald.

Nur eines war auffällig, aber niemand verfolgte das weiter oder brachte es in Zusammenhang mit den sechs Verschollenen. Im Telefonhäuschen vor dem Polizeiposten von Mallnitz-Obervellach, wo der Tauerntunnel nach Kärnten mündet, klingelte es einige Male. Wenn der Kommandant abnahm, war nur ein Hauchen zu hören, ein Keuchen und Kratzen wie von Raucherhusten oder einem hechelnden Hund, verstümmelt, zerbrochen und abgerissen. Lausbuam, verflixte, murmelte er, kratzte sich und schüttelte den Kopf.
Als im nächsten Frühjahr rund um das Telefonhütterl sechs junge Zirben aus dem Boden sprossen, dachte schon lange niemand mehr an das Geheimnis des Stollens.



Strange events permit themselves sometimes the luxury of occuring.
Charly Chan


Veronika Seyr, 30. 4./1.5.17

Elazar Benyoetz zum 80. Geburtstag

1
Erzählen heißt immer auf Biegen, oft auch auf Brechen.
Man kommt sich auf diesem Weg abhanden oder gefährlich nah*)


Eigentlich brauchen Dichter keine Denkmäler. Niemand schreibt, um in Stein gemetzt zu erstarren. Ein Wortmetz ist der Dichter von sich aus. In seinen Werken liegt der Widerhall bereit, wenn andere sie lesen. Trotzdem werden Straßen, Bibliotheken, Plätze und Häuser nach Dichtern benannt, die manchmal auch mit Statuen, Halbreliefs und Büsten ausgestattet sind. Das ist unumgänglich und erwidert den Nachruhm. Es werden Reden gehalten und Seminare veranstaltet, Festreden und Würdigungen geschrieben. Das ist nützlich und verstärkt den Nachhall. Bei Elazar Benyoetz ist es ein Vorhall.


Ich bin Elazar Benyoetz persönlich nie begegnet und seinen Büchern erst vor vier Jahren. Da kannte ich gerade zweieinhalb Bücher von ihm. Spät, sehr spät, wenn ich bedenke, dass ich schon seit rund 60 Jahren lesen kann und mich immer mit Büchern und Sprachen beschäftigt habe. Der Trost: Solange man lebt, ist es nie zu spät für das Glück neuer Begegnungen.

Einer der ersten Aphorismen von Elazar Benyoetz, die ich las, war der oben zitierte.*) Ich wählte ihn als Motto zu meinem Buch "Forellenschlachten", mein Buch zum Erinnern und Erzählen über die jugoslawischen Zerfallskriege der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. (Motto und Widmungen – Torwächter, Schutzengel. EB.) Wo haben sich da die Wege gekreuzt? Ein israelischer, deutsch schreibender Aphorismen- Dichter und eine österreichische Ex-Journalistin? Die Kreuzung liegt in einer Person, Riccarda Tourou, die lange Jahre als Lektorin für Benyoetz`s Bücher gearbeitet hat und dann durch Glück? Zufall? Gottesweisung? meine Lektorin wurde. Wem soll ich heute danken, wenn man an keine der drei Ursachen glaubt?
Ich danke einfach.
Das Vergebliche reicht am Weitesten

Mit dem Glück komme ich noch am besten zurecht. Nicht im Sinne von luck, sondern fortune, dem Geschenk, der Bereicherung. Wo das Masl dazwischen gehört, weiß ich nicht. Aber seither geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf, wie mein Leben ausgesehen hätte, wäre ich früher auf Elazar Benyoetz gestoßen? Wäre ich ein anderer Mensch geworden? Wäre ich ein besserer, glücklicherer fröhlicherer, ernsthafterer, liebenderer und verzeihenderer Mensch geworden? Hätte er auf meine Entscheidungen Einfluss genommen? Kein Wissen, nur eine Vermutung.

Das Vergebliche reicht am Weitesten

Den Menschen verändern:
ihn glauben machen,
es könnte ihn noch geben

In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus.
(V 46)
*1)
Es ist tröstlich, wenn eine maßgebliche Stimme diese Frage als Fakt niederschreibt:
Es ist eine humanisierende Kraft, die uns da vermittelt wird: Die Fähigkeit, zuzuhören. Der eigentliche Leser seiner Bücher liest und schreibt anders als zuvor, er blickt auch umsichtiger auf seine eigenen Illusionen, auf seinen Gott, auf seine Fähigkeit zur Wahrheit (...)“ ,
stellt der Braunschweiger Professor für Neuere deutsche Literatur, Jürgen Stenzel, fest.

In dieser Aufzählung ist beieinander, was das Lesen von Elazar Benyoetz bewirken kann. Und noch viel mehr, das Höchste, was einem Menschen zu Lebzeiten zuteil werden kann: Er scheint das Licht der Erlösung, nicht ihre Vollendung, sondern das Versprechen auf eine mögliche Erlösung. Nicht Lösungen, nichts Praktisches für den Alltag, sondern das Eingeständnis, dass es die Auflösung der Rätsel nicht gibt.
Sicher nicht aller meiner, denn dazu habe ich EB noch immer zu wenig gelesen und verstanden. Er eröffnet Aussichten, er erfrischt, tröstet und lässt hoffen.
Die Erfrischung ist der Sturm im Kopf, die seine Aphorismen auslösen, ein Sturmwind. Da nimmt jemand die deutsche Sprache unter die Lupe, zerdröselt sie in die allerfeinsten Einzelteile, spießt sie auf wie ein Schmetterlingssammler und nimmt sie beim Wort.
Bei mir kommen Kindheitsbilder auf: Wie die Mutter endlos den Strudelteig geknetet hat, gewalkt, ihn in die Luft geworfen hat und auf seine Belastbarkeit geprüft hat. Oder, wie lange können wir noch in einen Luftballon blasen, bis er platzt?
Wie weit kann man die Sprache noch treiben?
Dieses Prickeln knapp vor dem Überdehnen, das ist seine Methode und macht seinen Humor aus.

Humor-
Leichtsinn
der Schwermut
(FS 77)
*2)

Wer diesen Humor und diesen Witz im Sinne von Weisheit einmal entdeckt hat, wird ihn überall finden wollen und danach süchtig werden. Es stellt sich tatsächlich ein Gefühl der Vertrautheit ein, eine Zuneigung geradezu, die allmählich vor und neben die Bewunderung tritt.

Wer zum ersten Mal eine Aphorismen-Sammlung von B. aufschlägt, dem wird sofort eine Besonderheit auffallen: die Beschränkung auf einzelne, isolierte und - in grammatischer Hinsicht - einfache Sätze, häufig mit semantischer Pointierung und in witzigen, weisen, überraschenden Kombinationen.

Was willst du zwischen den Zeilen finden,
ich stehe doch hinter meinem Wort,
kann man dir endlich folgen
Meine Sprache macht mit mir, was ich will
Der Klag ist des Wortes Körper, der Sinn sein Schatten
Lässt du dich gehen
Kritik der Sprache ist ein Bei-Spiel des Gedichts
Sich entschließen – öffnen


2

Das Besondere, Einmalige an diesem Dichterleben: Ein mit zwei Jahren aus dem Land und der Sprache Verstoßener, der ohne die eigentlich vorgesehene deutsche Muttersprache aufwuchs und dann Hebräisch zur Muttersprache bekam, ein zuerst ein israelischer, hebräisch schreibender Dichter und als 25-Jähriger „zurück in die deutsche Sprache einwanderte“, wie er es selbst nannte.

Meine deutsche Dichtung platzt aus allen Nöten.“

In seinem Buch „Die Eselin Bileams und Kohelets Hund“
bringt er diese Ambivalenz immer wieder „zur Sprache“.
Andere Dichter wie Thomas Mann oder Bert Brecht brachten ihre Muttersprache ins Exil mit und hielten an ihr fest. Elias Canetti eignete sich das Deutsche erst in Wien an (Sprachzungen), nahm es ins englische Exil mit und blieb in ihr.
Elazar Benyoetz hat die deutsche Sprache in dem Land, das ihm nicht Exil war, sondern Heimat wurde, neu erlernt und sich nie wieder von ihr getrennt. Er schreibt in seiner - auch literarischen – Zweitsprache und gehört damit nicht einmal zur Exilliteratur.
Seine literarische Erstsozialisierung fand im Iwrith statt. Nachdem er seit 1957 fünf Gedicht - und zwei Prosabände in hebräischer Sprache herausgebracht hatte, legte er 1959 das Rabbiner-Examen ab. Er übte das Amt nie aus. Dieser Abschluss gab ihm, wie er sagte, in seinem Lebenslauf „Halt, nicht Richtung“. 1962 ging er nach Wien, niemand hatte ihn gerufen, niemand eingeladen. Er konnte erst rudimentäres Deutsch und war zu keinem Gespräch fähig, Aber hörte er etwas in der Sprache der Österreicher? Tonfälle? Klänge? Man kann es nur vermuten. Soll es etwas mit der seltsamen seltenen Musikalität zu tun haben, die in Wien zusammenkommt, mit dem Vielvölkerstaat?
Dass Haydn, Mozart, Salieri, Beethoven und Schubert hier waren und nicht in der Schweiz oder Berlin?
Die Juden lehnen gern an Wortstämmen und sind um die Wortwurzeln bekümmert

Und wie tief diese Wurzeln reichen, erfuhr er an sich selbst, als es mit unwiderstehlicher Kraft in die deutsche Sprache zog.
Woher diese Kraft und dieser Sog kam, niemand kann es genau sagen, und E.B. hat viele Worte und Bilder dazu, aber nichts Eindeutiges, eher Umschreibungen.
Ich wage es, vermessen, und stelle eine einfache Rechnung auf.
Paul Koppel wurde am 24. März 1937 in Wiener Neustadt geboren.
Er hörte eine Schwangerschaft und danach hörte und sprach er sechs Jahre lang Deutsch, bis sein Vater starb und die Mutter ihn und seine Schwester auf Iwrith umpolten. Es ist danach nicht mehr so rätselhaft, dass ihm das Deutsche zuflog, jenseits von allem Geistigen, Religiösen, Politischen und Gesellschaftlichen.
Der zweite Teil meiner These ist noch gewagter und weit entfernt von jeder Wissenschaft, außer es gibt eine Wissenschaft vom Herzen.
E.B. hat diese sieben Jahre Deutsch als Sprache der Liebe erlebt, die Liebe der Eltern und seine Liebe zu den Eltern und zur Schwester, alles fand sieben Jahre auf Deutsch statt. Als er viele Jahre später unter deutsch sprechende Menschen kam, tauchte er in die Sprache der Liebe ein wie in ein warmes Bad. Denn viel mehr als das Land oder eine Stadt ist die Sprache die Heimat, nach der man sich immer sehnen wird, wie verschüttet sie auch im Magma des Erdinneren sie auch liegen mag. Hitler konnte ihm den größten Schatz, die Sprache der Liebe, nur vorläufig rauben, er hat sie wiedergewonnen und sich und dem Tätervolk zum Geschenk gemacht.


Ich kann nicht vergessen, woran ich mich nicht erinnern kann.“
Diesen Satz las ich Anfang Dezember in einem Zeitungsbericht über den Besuch von Emigranten der 2. Generation in Wien. Ein gewisser Michael Turek wird mit diesen Worten zitiert. Er ist Sohn einer Wiener Jüdin, die 1939 mit dem letzten Kindertransport nach New York kam. Er ist 1949 in den USA geboren und kam jetzt zum ersten Mal nach Österreich. Diesen Satz hat Michael Turek in bestem österreichischen Deutsch zu Bundeskanzler Kern gesagt, als er die Gäste des Jewish Welcome Service empfing.


Nach Berlin wurde Elazar Benyoetz 1963 eingeladen und bis 1969 aufgenommen. Hier gründete er das Archiv Bibliographia Judaica*)

!!!! Riccarda fragen, wie viele Bände gibt es zur Zeit?????

1969 veröffentlichte er seinen ersten, teilweise noch aus hebräischen Tagebuchnotizen ins Deutsche übersetzten Aphorismen-Band Sahaduta. Seither schreibt und publiziert er fast ausschließlich in deutscher Sprache: hochgradig sprachreflexive Minimalprosa und -lyrik, seit 1990 Collagen aus Aphorismen, Gedichten Briefen und kontextbildenden Zitaten nach der Benyoetz-Methode: rhythmisch, musikalisch, grafisch, zitierend und wortschöpferisch.

Zwischen meinen Sprachen bin ich selbst die Scheidewand
Meine Not bleibt größer als
die Tugend, die ich aus ihr mache;
sie schlägt zu Buche
(EB 50)

Jeder kann sich der deutschen Sprache bedienen,
nur Juden können sich ihrer erbarmen
(EB 53)

Die deutsche Sprache, die Benoyetz nicht „benützt“, sondern sich ihrer erbarmt, ist die Sprache von Moses Mendelssohn Franz Kafka, Karl Kraus, Nelly Sachs, Rose Ausländer und Else Lasker-Schüler.

Ein Jude, der heute deutsch schreibt, schreibt nicht mehr (auch) für Juden.“
An die Deutschen: Sammelt unsere Tränen, nicht unsere Witze (Tr)
Meine große Liebe war die hebräische Sprache, meine Geliebte ist die deutsche geworden; die Liebe erwies sich als teilbar.(…)
Die deutsche Sprache passte sich mir an, doch ich habe nicht das Gefühl, ich habe sie judaisiert. (…) Mir ist, als würde die eine Hälfte meiner Person für die andere Hälfte schreiben, ein Leben lang, das halbe Leben, das halbe der einen Hälfte eines Halben, halbhälft, hälfthalb.“

Egon Schwarz, Emigrant aus Wien in den USA, über E.B. und sein Verhältnis zur deutschen Sprache:

Mit unheimlicher Verschlagenheit entreißt er (EB) der deutschen Sprache ihre Geheimnisse - er der hebräische Dichter.
Der Leser sieht seine müde Alltagssprache in das Bad dieser Aphoristik stiegen und gereinigt, erfrischt daraus hervortauchen. Und er sieht eine alte Trauer in neuer Beleuchtung.
Dank Elazar Benyoetz könnte die deutsch-jüdische Literatur, Mark Twain paraphrasierend, sagen: Die Nachricht von meinem Ableben ist übertrieben.

Die Sprache wird gegen den Strich gebürstet, um sie wieder fremd zu machen und so einen neuen Blick auf sie zu gewinnen. E.B. schaut auf die Wörter, blickt ihnen in die Seele, steigt zu ihnen auf den letzten Grund hinab, belauscht sie, dreht sie um wie einen Handschuh, stellt sie ins grelle Licht von tausend Sonnen, lässt sie durch Fegefeuer und Hölle gehen, schließlich holt er sie herauf und erlöst sie. Er schaut die Wörter in jeder Richtung an, sie schauen zurück. Die Wörter sind stumm, aber paradoxerweise antworten sie ihm.


Credo: Alle Siege werden davongetragen
Du bist im Recht; nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst
Vertrauen nicht schenken: wie Verdacht-schöpfen
Es kommt nicht
wie gedacht,
es kommt wie gerufen
Wortspiele verscheuchen die Todesangst vor der Sprache

Der Dichter und Theologe Albrecht Goes sagt über Elazar Benyoetz:
Ich bin, wenn ich seine Sätze lese, ganz still vor Bewunderung über diese Gabe, in zehn oder weniger als zehn Worten etwas ganz Gültiges und Grundgescheites oder Grundgutes (oder alle drei!) zu sagen - es ist darin wirklich eine ganz einzigartige Begabung.“

Benoyetz nimmt das Wort beim Wort und bringt es zur Besinnung.
Seine Sprachschöpfungen sind wie ein Echolot, das er in den altneuen Sinn der Worte hinunterlässt. So nah kann man einer Sprache vielleicht nur in der Ferne sein, vermutet Verena Lenzen, Professorin für christliche und jüdische Ethik in Luzern.

Die heitere und gleichzeitig strenge, aber nie dogmatische Weisheit macht EB so besonders anziehend, eine Weisheit, die aus dem Judentum kommt, die, so wie er selbst sagt, „gebibelt“ ist.

Mein Weg ins Deutsche -
war er gewagt?
war er verhängt?
Warum musste aus einem hebräischen Lyriker
ein deutscher Aphoristiker werden.
Solang ich noch schreiben kann,
bleib ich mir die Antwort darauf schuldig

Die großen Fragen sind nur ohne Antwort groß

Wie viele von B. Gedichten, schließt es ohne Punkt, es schließt offen.

Ich lausche
dem Wort
sein Meer ab
ehe es vermuschelt


Frühes und starkes Vorbild für Elazar Benyoetz ist die Bibel, und zwar in der Gestalt der deutschen Luther-Bibel. Das Buch Kohelet, das in der Luther-Tradition Prediger Salomo heißt, ist das seltsamste Buch des Alten Testaments, ein Reflexionsbuch aus kurzen Urteilssätzen.

Ein Erzjude
dicht am Herzklopfen Luthers,
in der deutschen Sprache,
wie in einer Kirche.

Ich habe
meinen Büchern
beigebracht,
klüger zu sein
als ihr Verfasser.


Die Spiellust führt oft zu Wortneubildungen in Anlehnung bestehender Komposita, wofür sich die deutsche Sprache besonders eignet:
Identitäuschung, Filigranit, toleranzig, glaubheftig, scheinhellig, verkleinmünzen, lebensbänglich.

Robert Menasse entwickelt in seiner Laudatio zur Verleihung des Ehrenkreuzes der Republik Österreich an Elazar Benyoetz ein wunderbares Bild : Gottvater sitzt zur Rechten von Elazar und diktiert ihm zu unserer Erinnerungen Sätze wie diesen: „Am Anfang war nicht der Anfang, sondern das Wort.“
Und ich habe mich gefragt: was kommt vor diesem Bild ?
Der Eingang in das Reich Gottes, der ist das Wort.



3

Zwölf Gründe, Elazar Benoyetz zu lesen
Friedemann Spicker

Weil er den Aphorismus als Bruch schreibt:
Es zählt das Wort, aber das Schweigen
ist der Nenner.
Weil er dich durch Kürze erlangt; aber
nicht durch Pointe besticht.
Weil er Bilder trifft, wo er Gedanken verfolgt.
Weil man die Welt im Auge behält, wenn man
den Blick auf seine Inschriften senkt.
Weil er das Paradoxon zur Logik erhebt
und erst dadurch im Grunde bleibt.
Weil er Mittel gegen den Gegenwarts-Schmerz weiß:
Kleinartigkeit und Schweigenähe.
Weil bei ihm Sinn anklingt, wenn er sich
auf Klang sinnt.
Weil er sich zu Feststellungen erweichen lässt.
Weil er taghell wortträumt
Weil er in Beirrungen führt.
Weil er mit Aphorismen erneut, bildet.
Weil er im Anspruch auf Weisheit anspricht.


4

Als Schlussmotto meines Buches setzte ich den folgenden Aphorismus von EB als Torwächter und Schutzengel:
Ich erinnere mich, viel vergessen zu haben. Es steht in den Sternen, ist hier nicht nachzuschlagen. Das Beständige fällt mit dem Leben zusammen.

Die Freunde der Dichter machen die Lesbarkeit seines Werkes aus.
Ich wünsche diesem Dichter viele Leser und den Lesern, im Leben das Glück gehabt zu haben, Elazar Benyoetz begegnet zu sein.

Engel oder Angeln
quietschen in den verrosteten Toren
niemand wird dir sagen,
wovon sie singen wollten,
wären sie Sängerinnen
gewesen
nicht verblühte Sterne



Veronika Seyr
11.12.16

Die große Schlaflosigkeit

Das habe ich nun davon. Nach einem geruhsamen Leseabend. Einmal bin ich ausnahmsweise früh ins Bett gegangen und so um zwölf eingeschlafen. Tatsächlich einfach eingeschlafen, ganz natürlich, ohne irgendetwas wie Tees oder Baldriparan. Sonst lese ich meistens, bis mir das Buch von den Knien und die Brille von der Nase rutscht, oder ich sehe fern, bis ich vor Erschöpfung nur noch auf allen Vieren ins Schlafzimmer krabbeln kann.
Und dann das. Der fluoreszierende Wecker zeigt genau vier Uhr neunzehn. Was soll das? Wofür werde ich bestraft? Dass ich einmal nichts getrunken habe? Sieht so die Belohnung guter Vorsätze aus, dass ich hier lebendig begraben in der Dunkelheit liege. Im Sarg, das ist gar nicht nett, gar nicht berauschend.
Es war Jänner und noch stockdunkel, aber ich war hellwach wie der lichte Tag. Bei der ersten Körperregung sprang meine Katze mit Schwung aus zwei Metern Entfernung auf meinen Berg von Kopfpolstern und forderte laut schnurrend ihr Frühstück. Ich versuchte zuerst, nicht zu reagieren, aber man kann keine alt eingessene, vielleicht keine einzige Katze, überlisten, wenn sie meint, es sei ihr gutes Recht, hungrig zu sein. Nein, kann man nicht. Sie weiß, sieht oder riecht alles. Beobachtet sie die ganze Nacht die Falten meiner Bettdecke und die Bewegungen meiner Körperteile? Was macht eine Katze sonst in der Nacht, wenn sie ohnedies fast den ganzen Tag schläft? Ich hasste sie in diesem Moment und schleuderte sie mit den Beinen in hohem Bogen weg. Sie war unbeeindruckt von meiner Gefühlsaufwallung, war diese doch nur ein Beweis meiner Wachheit, und legte sich, das Köpfchen mit weit ausladenden weißen Schnurrbarthaaren und Pfötchen an Pfötchen geschmiegt, seelenruhig neben mich und schaute mich mit ihren wagengroßen, phosphorisierend bernsteingelben Augen so durchdringend an, dass ich ihren Blick noch unter geschlossenen Lider spürte.
Die Unschuld in Person. Ein schwarzes Loch mit Schwanz und weißen Pfoten. Sie konnte den Röntgenblick. Ich sollte sie Medizinern, Kriminalisten und Personalchefs als Personalizerin anbieten. Nichts passiert. Ich verweigerte das Füttern und das Lesen und knipste die Lampe nicht an. Hatte mich doch ausgerechnet das frühe Abbrechen der Lektüre in diese verdammte Lage gebracht, in die Büchergruft.

Lesen als Brauch tut das Bett nicht auf.
Vor zwölf im Bett macht meschugge und fett.
Wer mit den Hühnern ins Bett geht, sich besser gleich im Grab umdreht.

Ich hatte eindeutig keine Affinität mit Hühnern, musste ja auch nicht jeden Morgen ein Ei legen.
Ich war wie so oft mit einem Albtraum aufgewacht. Das Herz raste und hämmerte von der Kehle bis in die Ohren, der Pyjama war im Nacken feucht. Der ganze Körper zuckte noch von den vergeblichen Abwehrhaltungen, sich herausdrehen, nach oben wie ein Korken, ein Messer an der Kehle, eine Hand im Schritt. Mehrere an den Brüsten. Schlechte Zähne um mich oder gar keine, fauliger Atem aus Fratzen. Warum sind alle jung. Ich atme kaum mehr, ersticke, bin verloren, so klar wie kaum einmal. Diesmal wirklich. Es passiert.
Dann ist es vier Uhr fünfundzwanzig.

Mir war schlecht, ich kotzte und bekam Durchfall. Aufschreiben, den Film, diesmal waren es gleich mehrere. Ich trippelte ein paar Runden mit kleinen Schritten durch die Zimmer, die Hände am Solarplexus, bis das Herz an seinem angestammten Platz war und ich wieder schlucken konnte. Ein Glas Wasser, nocheinsundnocheins, über das Becken gebeugt, kaltes Wasser in den Nacken und auf die Brust. Schweres Atmen zuerst, dann leichterundleichter, die Hände auf dem Bauch ausgebreitet wie Sonnenblumen, Sternschnuppen, Sternspritzer.
Der Alb-Inhalt tut in diesem Falle nichts zur Sache, hat nichts mit meiner vor-mitternächtlichen Lektüre zu tun, sie ist unschuldig, Dorothy Parker mit den New Yorker Geschichten. Mein Traum spielte in Moskau, in der Gegenwart. Als ich mich in meine Potatoe-Couch stürzte und den Fernseher einschaltete, zeigte er vier Uhr siebenunddreißig. Ein uralter Kitzbühl-Krimi aus dem kriminellsten Dorf Österreichs, wahrscheinlich schon dreimal gesehen. Alternativen waren eine noch ältere Folge von Rex, der Ur-Rex mit dem Ur-Moretti, beide auf deutschen Kanälen mit Untertiteln. Als ich anfing, in Moskau mit meiner jugoslawischen Schäferhündin Laika spazieren zu gehen, hörte ich von allen Seiten ein Gemurmel, das ich nicht verstand. Rxrxrx, mal freundlich fragend, mal knurrend. Ich lebte damals schon durchgehend 15 Jahre im Ausland und kannte die österreichische Fernsehlandschaft so wenig wie die von Ulan-Bator. Und dann das Wetter-Alpenpanorama von gestern mit der tödlichen Dumm-Dumm-Musik, dem Dauerlandler. Leider gibt es diese wunderbaren Serien der schönsten Eisenbahnstrecken nicht mehr, mit denen ich schon, im Führerstand und kommentarlos, durch die phantastischsten indischen Schluchten gefahren bin, durch die trockensten Wüsten der Welt und die höchsten Berge der Alpen. Ich fand das eine viel bessere Einschlafhilfe als das künstliche Kaminfeuer oder die Autofahrten durch öde deutsche Vorstädte.
Die Eisenbahnfahrten sparten viele Einschlaf- Pillen, Schlaftees und andere unwirksame Hausmittel. Bei warmer Milch mit Honig habe ich mich schon als Kind übergeben müssen. Mein russischer Freund empfahl immer das alte Hausmittel Wodka mit Knoblauch und Pfeffer, ich konnte mich aber damit nicht anfreunden. Ich schlief zwar wirklich schnell ein, bekam aber davon nichts mit und fühlte mich am nächsten Tag wie ein im Winterschlaf aufgeweckter Bär.
Nach einem kurzen Gastspiel bei Rex und Soko-Kitzbühel kroch ich reumütig in meine dunkle Schlafhöhle zurück und musterte im Geiste die Stapel der Bücher auf meinem Nachtkästchen. Auf mehr Dorothy Parker hatte ich keine Lust, auf die russischen und polnischen Phantasten noch weniger, war mir doch mein eigener Kopffilm noch viel zu nahe, der stand der bösen Wirklichkeit sehr viel näher als alle Strugatzkis, Sorokins und Lems zusammen. Ich war am Wühlen und Wälzen zwischen meinen Polstern, Daunen- und Kaschmirdecken. Feine Bettwäsche wurde mir immer wichtiger, sofern die Außenwelt immer unwichtiger wurde. Das schöne Insel-Bändchen mit jüdischen Weisheiten - in jiddisch und deutsch- konnte mich um vier Uhr dreiunddreißig nicht befeuern. Jeden Tag fünf Worte, nicht einmal das ging sich aus. Alle hundertmal gelesen, über und über angestrichen, Bemerkungen, Spuren der Versuche, das Jiddische zu erlernen. Ich habe einfach kein Talent dafür, vielleicht auch nicht genügend Respekt, um es wie jede andere Sprache zu erlernen. Ich werde noch einmal an meiner Wachheit eingehen. Das wird einmal die originellste Todesursache sein, wenn sie denn festgestellt werden kann. Noch eine Kanne Gute-Nacht-Sleep-Well-Einschlaf-Tee. Als ich das blass-blaue Baldrian-Salbei-Gemisch schlürfte, spürte ich einen hasserfüllten Neid aufkommen auf den Rest Welt, der im Tiefschlaf lag. Und auf die Freunde, die sich jetzt gerade nach einer lustigen Nacht nach Hause begaben, sich schlaf-trunken auf die Taxis verteilten, in ihre Wohnungen torkelten und sich bis Mittag in sanftem Schlummer von der Welt absonderten. Die Leute dürfen nicht das Gefühl haben, sie müssten ihre zerstörerischen Angewohnheiten ändern und sich nach mir richten. Überhaupt nicht, neinneinnein. Ich bin out.

Der Sturm und Anouilhs Antigone liegen da so wie ein gelbes Reclam-Heftchen mit der von Sophokles – nicht gerade eine klassische Gute-Nacht-Lektüre. Aber wegen Grete Weills Buch Schwester Antigone bin ich an Antigone dran. Schon länger, ohne gutes Ergebnis. Kombination mit Penelope Livelys Moon Tiger. Klauklauklau. Aber Shakespeare war auch nur eine große Wurstfabrik. Auf die Mischung kommt es an.
Wie klein und dünn und abgegriffen diese Theater-Bändchen immer sind. Ich könnte sie im Finstern sicher ertasten. Das waren sie auch schon in der Schultasche, ob Räuber oder Faust.
A - Anouilh, Antigone – das Alphabet, das wäre ein Ordnungsprinzip. Baudelairs Les Fleures du Mal sind auch kein freundliches Ordnungsprinzip für schlaflose vier Uhr zweiundvierzig, die liegen immer da und verstauben.
Schon gar nicht Rimbaud und Verlaine, weit hinten im Alphabet. Mir wäre es angenehm, wenn sie mit ihrem ewigen einander Hinterhersein mich nicht belästigen würden. Ich kann ihnen da auch nicht helfen. Überhaupt Männer, überhaupt in meinem Alter. Obwohl angesichts der Schönheit ihrer Verse beides keine Rolle spielt. Ob sie in französischen Schulen noch gelesen werden? Ich bin nicht die Buchhalterin des französischen Schulsystems. Sollen sie doch selbst sehen, ob sie nur noch verrückt sind nach Mathe-Informatik.
Camus, Delacroix, Dostojewski, EEE? keiner, ah, Ebner-Eschenbach, kenne ich zu gut und zu lang, wenn sie auch, endlich, andere entdecken, Bozena, das Gemeindekind, Krambabuli, Er lässt die Hand küssen, darüber habe ich schon in meiner Kindheit geweint und die Autorin geliebt. Flaubert, Hugo, La Rochefoucauld, was geht mich dieser alte Zyniker an, ich weiß nicht einmal seinen Vornamen und kann kein einziges Wort zitieren. Das einzige, was ich von ihm kenne, ist der Spruch von der kleinen Freude, die wir immer verspüren angesichts der Missgeschicke auch unserer liebsten Freunde.
Mein Freund Carlo M., 1,95 groß, schlug sich einmal auf der Fähre von Lipari nach Messina den Kopf an, als er eine Leiter hinunter stieg. Die Treppen des italienischen Schiffes waren nicht bemessen nach Menschen von dieser Länge. Carlo taumelte auf eine so komische Art, knickte in all seinen langen Körperteilen langsam ein wie ein Kartenhaus aus Zahnstochern, dass ich, die Kurzgewachsene, unten einen unwiderstehlichen Lachanfall bekam, von dem sich unsere Liebe nicht mehr erholte. Er hatte nur eine kleine Schramme auf der Stirn, ließ sich aber das nächste Monat auf Sizilien pflegen wie ein schwerkrankes Kind. In Trapani ergriff ich letztendlich die Flucht. Ich konnte ihm das La Rochefoucauld-Prinzip nicht erklären, weil ich es damals selbst noch nicht kannte.
A propos, liebste Freunde, jaja, die liegen jetzt irgendwo im Vollrausch herum, während ich bei aller Nüchternheit in der Dunkelheit eingehe. La Fontaine. Ich erinnere mich an eine Buchhändler-Gehilfin in meiner Jugend, die ich nach Fontane fragte. Wir sollten ein Reclam-Bändchen kaufen, um Effie Briest zu lesen, vom Deutsch-Lehrer aufgetragen. Meine Eltern hatten natürlich, wie alles an Klassik, eine Theodor-Fontane-Gesamtausgabe in der Bibliothek, aber in einer grindigen Gesamtausgabe der Gilde Gutenberg aus dem Jahre 1937. Aus einer Zeit, als sie unter dem schrecklichen Professor Nadler deutsche Volksstämme-Literatur vorgesetzt bekamen. Die Verkäuferin verschwand nach hinten ins Lager und kam nach langer Zeit achselzuckend zurück: „Tut ma leid, Tane hamma kaan.“
Die Buchstaben, Bücher und Titel ziehen vorüber bis zu Tolstoi und Zola, ohne mich anzumachen. Allerdings, die Neuübersetzung seiner „Auferstehung“ soll gut sein, wenn auch leider nicht mehr von Swetlana Geier.
Auf Dorothy Parker, die ich sehr mag, hatte ich keine Lust, auch nicht auf ihre ebenso geniale Freundin Carson McCullers, nicht in dieser Nacht. Ich litt auch schon ohne sie an galoppierender Melancholie. Vielleicht ist das ja auch meine Stunde Null. Drehen und Wenden in den Decken und Kissen.
Was schickt mich zurück in den Schlaf?
Das Aufzählen der offenen Rechnungen, alle meine manischen Tagebücher, drei Spalten der to-do-Listen, to call, to buy, to write, das Wirtschaftsjournal, der Kalender, die Steuererklärung – jetzt gerade alles keine gute Idee. Allein die Überschriften erhöhen den Blutdruck und rauben die letzte Chance auf Schlaf. Die guten und schlechten Freundschaften – das meistens ist nicht leicht zu unterscheiden, jetzt schon gar nicht. Freund-Feind, eine sehr flüssige Frage.
Was ich wirklich mag, allerdings ohne eine Wirkung zu spüren, weil ich kein Lotto spiele, ist das Ausdenken von Lottozahlen. Das birgt gar kein Risiko, weil ja nichts von mir abhängt. Es führt mich zwar in keinen Schlaf, ist aber eine angenehme Hirntätigkeit, positiv, beflügelnd, vorwärts gerichtet: Was werde ich mit dem Millionengewinn machen?
Immer an erster Stelle, meiner Tochter eine große Wohnung kaufen oder ein Haus, wenn sie das will. Wen beschenke ich, wie viel behalte ich für mich? Werde ich verrückt oder bleibe ich normal?
Ein zweites Hirnspiel mag ich auch sehr gerne: An die schönsten oder lustigsten Ortsnamen zu denken. Die Traumdestinationen nach Klang. Schon als Kind habe ich das gespielt. Astrachan, Aschchabad, Aralsee, Ararat, Archangelsk, Alma-Ata, Taganrog, Trapezunt, Samsun, Samarkand, Popokatepettl, Taklamakan, Samara, Agrigent, Feodosija, Orenburg, Tschernobyl, Fukushima, Kilimandscharo, Fujiyama, Kysil-Kum, Amu-Darja, Hokkaido, Isfahan, Taj Mahal, Sewastopol, Murmansk, Wladiwostok, Sachalin, Kamtschatka, Marrakesch – alles nach Städten, Flüssen, Seen, Bergen, Wüsten und Vulkanen ordnen oder einfach nur alphabetisch. Wenn ich das hinter mir habe, kommen die Kategorien, wo ich schon war und wohin ich noch fahren möchte. Lustige Ortsnamen wie Damüls, Nest, Fucking, Mösing, Ameising, Gugging, Obergraus, Unterstinkenbrunn, Alt- und Neuschmecks. Noch eine andere Kategorie eignet sich: Komische Familiennamen: Buxtehude, Humperdink, Aiwasowski, Schoiswohl, Powischer, die rechte Partei PIS in Polen und die faschistische Schas-Partei in Israel. Das ist neutral oder macht zumindest lächeln, bringt keine schlechten Gedanken, keine Angst oder Traurigkeit hervor, wenn man in der Dunkelheit liegt und in den Ecken die Dämonen lauern. Wenn ich gut drauf bin, spüre ich die Synapsen flappsen.

Meine Eltern pflegten es selbst untereinander, vor uns und gaben es an uns weiter: Das Auswendiglernen und Aufsagen von Gedichten: Schläft ein Lied in allen Dingen… findest du das Zauberwort. Das Zauberwort. Die Sprachgläubigkeit meiner Bibel-Eltern. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Johannes 1. Oder? Nächsten Morgen nachschauen. Gelassen stieg die Nacht ans Land. Wie schaurig ists übers Moor zu gehen wenn. Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal. Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe und im Schwalle sich ergieße. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden dass er nichts mehr hält. Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Zum Kampf der Wagen und Gesänge. Komm auf mein Schloss mein Leben. Dies Bildnis ist bezaubernd schön. Ach ich habe sie verloren. In Fried und Freud ich fahr dahin. Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ich sei gewährt mir die Bitte in eurem Bunde der Dritte.
Lässt sich übrigens auch vorzüglich anwenden, wenn man auf die Straßenbahn wartet, besser als die berühmte Zigarette, oder eine Nadel in den Arm gerammt bekommt. Meine Mutter legte noch mit 84 Jahren Schwüre darauf ab, wie wirksam es ist, dass sie sich Balladen und Rilke- und Mörike-Gedichte aufsagte, um ihr ohnedies gutes Gedächtnis zu schärfen. Sie las täglich fünf Tageszeitungen und rief ihre sieben Kinder mehrmals täglich an, um ihnen immer das Gleiche zu erzählen. Manchmal, wenn sie etwas sehr interessierte oder aufregte, lernte sie ganze Artikel auswendig, um sie am Telefon rundum wiederzugeben. Bei Fernsehsendungen schrieb sie mit, um sich am Telefon über tausende Kilometer darüber ärgern, was die Roten schon wieder alles verbrochen haben. Sie war eine leidenschaftliche Anti-Kommunistin, und schon noch so rosaroteste Sozialdemokraten konnten sie in Wallung bringen. Ihr Ärgern war ihr Lebenselixier, es hielt sie jung und hirnflüssig. Eine andere, von den Eltern eingeübte Methode waren die Liedanfänge, manche noch bis zur zweiten Strophe oder dem Refrain. Sah ein Knab ein Röslein stehn. Ei Veilchen liebes Veilchen. Es liegt ein Schloss in Österreich. Es saß ein klein Wildvögelein. Auf auf zum fröhlichen Jagen. Die Anfänge von Kinderbüchern.
Dann kamen die Kirchenlieder dran und vielleicht noch Zungenbrecher oder Limericks. Tochter Zion freue dich. Maria durch ein Dornwald ging. Oh Haupt voll Blut und Wunden. Großer Gott wir loben dich. Eine feste Burg ist unser Gott. Fischersfritze. Wir Wiener Wäschermädel und der Friseur vom Schottentor.
Es wird schon im Vor-Schlummer gewesen sein, als mir die uralte, aber unsinnige Methode des Schäfchenzählens in den Sinn kommt. Ich hab mein Lebtag Schafe gehasst, außer auf dem Teller. Was sollen, wollen sie bei mir, in meinem Zimmer? Das Dümmste, was uns je in der Kindheit eingeredet wurde. Eine Herde immer wieder von eins bis hundert. Das grenzt an eine Folter, wenn eines in meinem Zimmer steht, eins bis hundert und immer wieder von vorne. Sie stinken, blöken, schnüffeln und scharren auf dem Bettvorleger. Ich zähle sie ja nur im Kopf, aber wenn eines in meinem Zimmer steht, bin ich wieder hellwach und denke, dass ich bis zur nächsten Schur im Juli nicht mehr einschlafen kann. Wie sie riechen von ihren kleinen Köpfen und vom Fell her, erinnern sie mich an die feuchten, kratzigen Schafwollpullover unter dem nassen Wetterfleck, wenn wir im Salzburger Schnürlregen auf den Postbus von St. Gilgen nach Mondsee warten, sind sie sicher keine Schlafbringer. Aber eines muss ich zugeben, die Schafe, die mich besuchen, sind durch die britische Erziehung gegangen, sie treten mir nie zu nahe, sprechen nicht zu laut und verhalten sich untereinander so dezent wie englische Parlamentarier vor dem Brexit. Wenn ich je alle die ungezählten Schafe der Welt aufrufen würde, wäre ich die reichste Schafzüchterin von England, Schottland, Australien, Neuseeland zusammen. Die höchste Dichte haben allerdings die Färöer, dort kommen auf die 50 000 Einwohner 80 000 Schafe. Die Statistik von Patagonien kenne ich nicht.
Aber vielleicht habe ich noch nie die richtigen Nacht-Schafe aufgerufen und gezählt. Ich muss mein bisheriges Wissen über Schafe vergessen, sie neu verstehen lernen und von vorne zu zählen beginnen. Aber warum ist noch nie jemand draufgekommen, Schweinchen, Ziegen oder Murmeltiere zu zählen, in Australien vielleicht Kanguruhs, Tasmanische Teufel, Possums und Wombats, in Afrika Gazellen und Löwen, in Lateinamerika Lamas und Krokodile, in den USA Bären und Büffel?
Damit komme ich auf mein Lieblingstraumtal in den Colorado-Rockys, wo die Büffel dichter stehen als die Bäume. Der wilde Fluss rauscht, darüber segelt lautlos ein Seeadler, und in den Wäldern halten sich die Grizzleys für den Fischfang bereit. Dort kann ich verweilen und mich erholen.
Vielleicht wollen sie ja mit allen diesen Namen von A - Z gefüttert werden. Nur dann sind sie hilfreich und gut.
Gutgutgut. Ich werde jetzt das Licht anschalten und mich dumm und dämlich lesen, bis es zum nächsten Mal Punkt vier Uhr neunzehn schlägt. Vielleicht sogar den alten Zyniker La Rochefoucauld aufschlagen. Irgendwo muss es ein noch Reclam-Hefterl geben.


Veronika Seyr
10.1.17

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Der Bärenaufwecker von Kittsee

Wikipaedia machts möglich. Spontan nachgeschlagen nach Hofers Sager vom aufgeweckten Bären:
"Bären sind eine Säugetierfamilie (Mammalia) aus der Ordnung der Raubtiere (Carnibora). Die Familie umfasst acht Arten und zählt zur Familie der Hundeartigen."
Wikipaedia war gestern. Gestern ist eine neue Art hinzugekommen - der Burgenlandbär - Ursus burgenlandensis. Er wurde am Barbaratag in den tropischen Regenwäldern um Kittsee gesichtet und vom WWF sofort als bedrohte Art anerkannt. Er hat angekündigt, zu seinem Schutz rund um Kittsee ein weitläufiges Reservat einrichten zu wollen, den ersten "Kittseer Bärenpark".
Damit soll vorgesorgt werden, dass es zu keinen Problembären kommt und die Gegend keinen Bärenanwalt oder Bärenbeauftragten braucht.
Da die Raubtiere von den Germanen oft als Feind angesehen wurden, verwendeten sie statt dem offen ausgesprochenen Wort Bär das Tabuwort "Der Braune". Auf dasselbe Motiv, die Angstbewältigung, geht die Verniedlichung zu Meister Petz, Petzi oder Teddy zurück. Andere Kulturen sahen in ihnen vor allem Honigdiebe, daher heißen die Bären in allen slawischen Sprachen medved (med=Honig).
Das althochdeutsche Epos "Beowulf" macht den Honigdieb in Wolfsgestalt zu seinem Helden. Weit zurück in die Mythologien der Menschheit reicht die Gestalt des "Werwolfs", ein Mensch, der sich in einen Wolf oder Bär verwandeln kann und vor allem in Vollmondnächten über die Menschen herfällt.
Nach ersten, noch unbestätigten Berichten des WWF weist der ursus burgenlandensis einige Besonderheiten auf. Er ist ein Allesfresser und hat ein besonders großes Maul, das er gern voll nimmt, vorlieblich mit Honig, Fischen aus den Karpfenteichen bis zu Weintrauben und Äpfeln. Es wird angenommen, dass seine Fähigkeit, die Bärenstimme wie Kreide klingen zu lassen, von den kreidehaltigen Böden des Rosalien- und Leitha-Gebirges- die Ufer des Pleistozän-Meeres- herstammen. Weiters hat er die Fähigkeit, sein Bärenfell aussehen zu lassen wie ein Schaffell, er hat sozusagen ein Wechselfell. Er kann lange blöken, und dann plötzlich im 2-Minuten-Takt grunzende Laute wie Lügekommunistspion auszustoßen- Üeouio- oder umgekehrt. Hauptsache Brüll.

Genau vor dieser optischen wie akustischen Camouflage warnt der WWF die Umwohner von Kittsee, die vielleicht in Kontakt mit diesem neu entdeckten Ursus burgenlandienis kommen könnten. Denn ein mutwillig aus dem Winterschlaf geweckter Bär ist auch für Menschen gefährlich. Gefährdet sind vor allem Kinder und Jugendliche, die von solchen Wesen bisher nur von Harry Potter aus Hogart`s Castle gehört haben.
Zu einer weiteren Gruppe von Gefährdeten zählt der WWF die männlichen, besorgten dauersitzenden Wutbürger in den Wirtshäusern, die die regionale Wirtschaft mit ihrem Konsum im völkischen Kreislauf halten.
Was der WWF näher erforschen will, das sind die Folgen des gerade erst gesichteten, zu früh aus dem Winterschlaf aufgeweckten ursus burgenlandensis.
Die Flüsse und Teiche sind zugefroren, die sind Honigbienen ausgestorben oder ins Rift-Valley ausgewandert.
Die Kindergärten und Schulen von Kittsee sind daher jetzt von Mauern umgeben, und Rollen mit NATO-Zäunen sichern die Wege in die Wirtshäuser und Kellergassen ab.
Das große Rätsel ist laut WWF, dass sich ein einziger Bär der nun achteinhalb Arten der nördlichen Erdhälfte an einem 4. Dezember aufwecken lässt. Um diese Zeit sind sie so satt und angefressen, dass sie nur verdauen und schlafen. Den Kreislauf haben sie auf ein Minimum heruntergeschraubt. Damit schaffen sie es, nur noch dreimal in der Minute einatmen zu müssen. Geht ja auch nicht anders, in so einer kleinen, geschlossenen Bärenhöhle.
(Mir gefällt immer ganz besonders der russische Ausdruck für eine absolute Unordnung: Da siehts ja aus, geht es zu, riecht es wie in einem "berlog"- eine Verballhornung des deutschen Bärenlagers.)
Ein Berlog wird es in Kittsee oder im FPÖ-Klub nicht geben, obwohl, manche Düfte, Blutundbodengerüche wehen da schon herum. Bären sind bekanntlich Einzelgänger, die ihr Territorium nur mit eigenen Körpersäften markieren.

Mein Volk, unser, mein Österreich, unsere Kinder , von einer Partei, die gerade noch Österreich als eine nationale Missgeburt bezeichnet hat. Schon vergessen?
Strache oder Hofer haben ihr Volk?
Die Österreicher sind ihr Volk?
Hofer hat gestern, mindestens 8mal gesagt, das Volk hat immer recht, ihre, eure Stimmen sind die Wahrheit. Ich will keine Leute, die nur eine einzige Wahrheit haben und sie für sich beanspruchen.
Ich bin nicht irgendwessen Volk, und wenn, dann will ich das selbst bestimmen.

Das Volk hat immer recht“: Hitler gewann in einer demokratischen Abstimmung. 70 Jahre propagierte die Sowjetunion "den Willen des Volkes", die KPÖ hatte ihre „Volksstimme“, und bis heute benützen alle Usurpatoren, von Tadschikistan bis Ghana, den sogenannten Volkswillen für ihre diktatorischen Gelüste. Genauso primitiv wie Trump schreit: "It`s you, the people!", wenn er sich meint.

Der Bärenanwalt des WWF entwarnt: Es ist unwahrscheinlich, dass der Ursus bugenlandensis aus seinem Bärenlager hervorkriechen und unsere Honigbäume und Karpfenteiche plündern wird.


Veronika Seyr
5.12.16