Freitag, 16. Juni 2017

Im Schatten des Minaretts

Nur Reisen ist Leben,
wie umgekehrt das Leben Reisen ist.
Jean Paul

Wer sich vor dem Tod fürchtet, geht nicht auf Reisen
J.W. Goethe, Der West-östliche Diwan

I`m not going to die before my time.
Lisl Steiner, Fotografin, mit 88


Seit der Jugend-Lektüre von Sven Hedins „Zu Land nach Indien“ ließ mich die Seidenstraße nicht mehr los.
Ich begann schon früh zu träumen und lernte die Namen der Orte auswendig, als könnte ich sie damit in die Landkarte einnageln. Ich schlug in den zu Hause vorhandenen Lexika nach und sah mir später jede Dokumentation an. Von Kunst und Musik der Seidenstraße wusste ich damals noch nichts. Indessen sagte ich mir die Namen der Wunderorte wie eine Litanei auf. Ich nahm die Namen auseinander, zerteilte sie, schob die Laute in meinem Gaumen herum und setzte sie wieder zusammen, schliff sie glatt wie der lispelnde Demosthenes die Kiesel am Strand gegen die rauschende Brandung und umkreiste sie meditationsartig. Manche Worte waren wie leichter Sand, andere klirrend wie Metall, wieder andere wie das Echo nieder polternder Felsbrocken. Meine beliebteste Einschlafhilfe. Meine Wort- und Klangreisen gingen nach Buchara, Samarkand, Taschkent, Chiwa, Fergana, Aschchabad, Astrachan, Karaganda, Dschambul, Duschanbe, Machatschkala, Urgentsch, Osch, Alma-Ata, in die Wüsten der Kara Kum, Karakul, Ust-Urt, Kysyl Kum, Ust- Urt, Hungersteppe, zu den Flüssen und Seen Amu Darja, Syr Darja, Issyk Kul, Aral-See und zu den Gebirgen von Pamir, Tienschan und Hindukusch. Von einer wirklichen Reise durch den sowjetischen Orient, wie die früher Turkestan genannten später die SS-Republiken Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan, wagte in dieser Zeit niemand zu träumen, sie lagen sternenweit entfernt.

Aus mir wurde kein Cook, kein Humboldt und kein Darwin. Eindeutig herrschte bei mir das literarische Gen vor. Meine Jungendliebe hat sich auf die russische Sprache geschlagen und ist dort geblieben. Aber im Mai 1971 war es so weit. Seit Jahresanfang studierte ich mit einem Stipendium an der Lomonossov-Universität in Moskau und stellte sofort nach meiner Ankunft im OVIR– der Reisestelle für westliche Ausländer- eine KGB-Abteilung - einen Antrag auf eine Reise durch die zentralasiatischen Republiken.

Nach vier Monaten des ständigen Drängens wurde mir und meinen zwei Kolleginnen Lisa und Schanna der Besuch der Städte Taschkent, Buchara und Samarkand genehmigt, mit Ausflügen nach Chiwa-Urgentsch und Fergana-Osch. Das war zwar nur ein kleiner Teil meiner Traumorte, aber mehr war nicht realistisch. Mir war bewusst, dass diese Minimal-Route für eine unbegleitete Individual-Reise schon an ein Wunder grenzte. Es gab in Zentralasien sehr viele gesperrte militärische Geheimorte. Immerhin drei Wochen Studienbefreiung, drei Wochen auf der Seidenstraße!

Die martialische Militär-Parade zum 1. Mai- wir waren noch mitten im Kalten Krieg- erlebte ich noch in Moskau und ergatterte einen ziemlich guten Ort mit Aussicht auf den Roten Platz, gestört weniger durch die gefährlich drängenden Menschenmassen, als durch einen blitzschnell aufgezogenen Schneesturm. Durch einen ungewöhnlich milden April verführt, war ich für diesen Wintereinbruch zu leicht angezogen.
Auf dem Flug von Moskau nach Taschkent spürte ich erstmals ein Halskratzen und Ohrensausen, die ich auf die spartanisch ausgestattete Tupolew verantwortlich machte und mit vielen Gläsern Tee zu bekämpfen versuchte. Das hauptsächliche Ablenkungsmittel war aber die Aufgeregtheit über meine erste große Reise innerhalb der Sowjetunion. Vorher hatte ich schon Leningrad besucht und die Städte des Goldenen Rings rund um Moskau. Alles war neu und spannend: Von der ausgesuchten Hässlichkeit und Ruppigkeit der Frauen, Lageraufseherinnen ähnlicher als Stewardessen, die auf Fragen grundsätzlich nicht antworteten oder nur knurrten wie ein gereizter Hofhund, die Tabletts über die Sitzreihen warfen oder sie auf die Tischchen knallten, als wären sie beim Nationalzirkus in Schule gegangen, den ausgemergelten Sitzen, die sich entweder nicht nach hinten verlagern oder nicht mehr aufrichten ließen, von den 3500 Kilometern unter mir, ob ich die Windungen der Wolga und das erdölerleuchtete Baku erkennen könnte, den Elbrus, das Kaspische Meer, den Ural, die Wüsten Kasachstans und die Bergketten des Pamir und Tienschan. Nach sechs Stunden und vier Zeitzonen sollten wir in Taschkent landen.Taten wir aber nicht, sondern kreisten mehr als eine Stunde über der Stadt. Anfangs meinten wir noch gutmütig, dies sei ein Spezialservice, um uns einen Überblick zu verschaffen. Erklärungen des Personals gab es nicht, ebenso wenig wie auf Antworten zu hoffen war. Erst später erfuhren wir von dem Usus, dass sowjetische Piloten dazu angehalten waren, vor der Landung ihren gesamten Sprit zu verbrauchen.
Als wir um fünf Uhr dreißig endlich aus dem Flugzeug entlassen wurden, schlug uns so warme Luft entgegen, dass es uns den Atmen nahm; hier herrschte schon der Frühsommer, Rosen blühten, die Bäume standen in üppigstem Grün, die Frauen trugen bunte, kurzärmelige Kleider und nach hinten geknüpfte Kopftücher aus Kunstseide - im Zentrum der Seidenspinnerei eine der vielen sowjetischen Absurditäten. Wir dagegen schmachteten in unseren Moskauer Wintersachen. Den Schüttelfrost, der mich beim Verlassen des Flugzeugs erfasste, führte ich auf diesen Gegensatz zurück. Unser Hotel Inturist lag direkt am Flughafen neben den Pisten, was wir anfangs spannend fanden, drei startende und landende Flugzeuge pro Minute aus nächster Nähe zu beobachten, und praktisch, weil wir von dort gute Busverbindungen ins Stadtzentrum hatten.
Taschkent, Hauptstadt der Usbekischen SSR, mit etwas mehr als 2 Millionen Einwohnern viertgrößte Stadt der SU, die größte Zentralasiens, gelegen in einer Oase des Syr Darja an der Seidenstraße und den Ausläufern des Tienshan (Gottes Gebirge). Seine beschneiten, in blaue Tiefe gestapelten Gipfelketten sind von Taschkent aus nach Nord-Osten ein traumhaft schöner Anblick. Pik Kommunisma und Pik Lenina sind mit ihren 7400 und 7100 Metern kaum niedriger als das Dach der Welt. Was der stalinsche Bebauungsplan von der orientalischen Altstadt übriggelassen hatte, wurde bei dem verheerenden Erdbeben am 26. 4. 1966 fast zur Gänze dem Erdboden gleich gemacht. Nur wenige Straßenzüge mit engen Gässchen und einfachen, einstöckigen Häusern aus Stampflehm und sonnengetrockneten Ziegeln blieben erhalten. Aber sofort nach der Katastrophe setzte der Neubau ganzer Satellitenstädte mit breiten, geometrisch angelegten Straßen ein, sodass Taschkent sich jetzt von kaum von anderen sowjetischen Großstädten unterscheidet. Ich erinnere mich, dass mir die dichten, schattenspendenden Maulbeerbäume und Platanenalleen an den Straßen auffielen, die gepflegten Grünanlagen mit unzähligen Brunnen, Blumenrabatten und Tamariskenhecken und dass die Stadt ausnehmend sauber war - ein Park, in den sich zufällig einige Häuser verirrt haben. Neben den obligaten Bronce-Lenins ließ man offenbar auch Tamerlan-Statuen als Zugeständnis an die Nationalgeschichte zu. Vor dem Theater fiel mir ein Springbrunnen in Form einer überdimensionalen Baumwollknospe, der Nationalpflanze, auf. Im flachen Becken darunter toben halbnackte Kinder durch das Wasser, ein sonderbarer Anblick für uns, die gerade aus dem Schneesturm kamen. Am Vormittag hatte es schon 30 Grad, und wir suchten im Basar nach sommerlicher Kleidung.
Schon am Flughafen war augenfällig geworden, dass die Sowjetunion ein Vielvölkerstaat ist: Usbeken, Tadschiken, Turkmenen Kirgisen, Kasachen, viele davon in ihren malerischen Nationaltrachten, viele Russen natürlich, unauffällig modern gekleidet. Aber in der Stadt stachen noch mehr die Nachkommen der von Stalin verbannten Völker hervor: Tataren, Burjaten, Kalmücken, Karakalpaken, Jakuten, Japaner, blonde Balten und Wolgadeutsche, Griechen und Kaukasusvölker - alle, die Stalin als Kollaborateure mit dem Feind eingestuft hatte. Auch Vertriebene aus den Völkern der sibirischen Ureinwohner wie Jewenken. Jakuten, Anuis, Ewenen, Korjaken, Itelmenen und Tschuktschen, Nomaden, die sich der Kollektivierung widersetzt hatten, wie auch verschleppte Polen und Japaner von den Kurilen, sind dabei, 45 insgesamt Nationalitäten sollen es sein. So hat Stalin aus einem Land einen riesengroßen Vielvölker-Freiluft-GULag geschaffen. Die schönsten Bilder davon erhielten wir auf dem Zentralmarkt, nicht nur von der Vermischtheit und Unterschiedlichkeit der Menschen, sondern auch von der Fülle der landwirtschaftlichen Produkte. Es war für mich der erste orientalische Markt, und ich kannte damals keinen Menschen, der aus eigenem Erlebnis einen solchen hätte schildern können außer Sven Hedin und Scheherazade. Sobald der Schnee im Pamir und Tienschan schmilzt und sich die Flüsse füllen, beginnen sie in der Ebene schon zu ernten. In meinem vom Schüttelfrost vernebelten Blick meinte ich, dass es nirgendwo so viele Geschenke der Erde gab, dass sich hier alle Buntheit und Üppigkeit der Welt mitsamt den entsprechenden Gerüchen versammelt hatte. Es herrscht ein unbeschreiblicher Lärm, alle Verkäufer schreien in höchster Lautstärke und gestikulieren wild, der Oktjabrski Rynok, der Oktober-Markt. Pyramiden von Melonen aller Art, gelbe, grüne, rote, manche groß wie Wagenräder und aufgeschnitten, das fleischige Innere zur Schau stellend. Berge von Salzgurken, Paradeisern, Granatäpfel, Mandeln, Nüsse, Rosinen, Trauben Obst, Gemüse, Gewürze, Zöpfe von vielfarbigen Zwiebeln, Paprika und Knoblauch, vieles kenne ich nicht und alle Worte sind zu wenig für die Pracht; man muss es gesehen, gehört und gerochen haben.

Auf der anderen Seite des Basars haben die Handwerker ihre offenen Werkstätten, die Kupfer- und Silberschmiede, Schlosser, Tischler, Schuster, Sattler, Weber, Gerber, Schneider und Jurten- und Filzmacher. Ich verliebe mich sofort in die Stände mit Samowaren, hölzernen Kinderwiegen und Hochzeitstruhen mit Brandmalereien, alten Schlössern und bei den Töpfern in die riesengroßen flachen Keramikschüsseln mit wunderschönen vielfarbigen Dekorationen, das Geschirr für das Nationalgericht Plov. Fast nicht losreißen können wir uns von den Porzellan-Werkstätten, in denen das klassische usbekische Teegeschirr hergestellt wird, die blau-weiß-goldenen Piali, kleine Schüsselchen ohne Henkel mit Untertassen und Teekannen. Das Kaufen muss warten bis zu unserer Rückkehr. Das einzige, was wir sofort erstehen, sind die usbekischen Kopfbedeckungen, die runden, kunstvoll bestickten Tjubeteikas, obwohl sie nur Männer tragen. Die Haufen von Pelzmützen aus Biber-, Karakul-, Fuchs-, Otter und Nerz treiben den Schweiß aus den Poren. Überall, wo wir auftauchen, erregen die drei Grazien Aufsehen, westliche Touristen gibt es hier kaum. Aber die Menschen sind höflich und dezent, sie verbergen ihre Neugier. Wir sprechen ja Russisch, wir könnten auch für schicke Sowjetbürgerinnen aus einer der beiden Hauptstädte gehalten werden.
Ich komme kaum aus dem Markt für die Lebendtiere heraus, meine zwischen Ekel und Faszination kämpfenden Freundinnen müssen mich von all den zum Verkauf angebotenen Hühnern wegziehen, von den Ziegen und Schafen. Gleich angewidert sind unsere zartbesaiteten Seelen von den an den Beinen, in riesigen Bündeln aufgehängten Hühnern. In geflochtenen Steigen sehe ich Fasane, Hermeline, Schlagen, Schildkröten und einige mir unbekannte Vogelarten. Der Lärm, den die Tiere zusammen mit Händlern und Käufern veranstalten, ist kaum zu beschreiben, der Gestank noch viel weniger.

Vom Revolutionsplatz, über die Karl-Marx-Straße stehen in westlicher Richtung bis zur Leninstraße und zum Lenin-Prospekt viele repräsentative Gebäude: Das Lenin-Museum, der Stadtsowjet, die Künstlervereinigung, die Hotels Taschkent und Usebekistan, das Schauspielhaus, das türkische Bad, das Museum des Erdbebens und das Museum der Völkerfreundschaft. Ich verschaue mich in das soz-realistische Denkmal für den Schmied Schachmed Schamachmudow und seine Frau Bachri Agramowa, die im Großen vaterländischen Krieg 15 Kriegswaisen adoptierten. Das Opern-und Ballettheater haben nach 1945 japanische Kriegsgefangene erbaut, der Betonbau ist der einzige, der das Erdbeben völlig unbeschadet überstanden hat. Die 17 Metrostationen sind von einer Üppigkeit, die einen die Augen ausschlägt und den Magen übergehen lässt. Sie zeugen in einer unnachahmlichen Übersteigerung jedes Klischee von den Schätzen des sowjetischen Orients.
Im Jahr 1971 gab es noch kaum privaten Autoverkehr, die Straßen waren leer wie ein Architekturmodell, aber die Stadt war stolz auf ein gut ausgebautes Metro-Netz.

An die altislamischen Baudenkmäler kann ich mich nicht erinnern; einerseits waren viele dem Erdbeben zum Opfer gefallen und fünf Jahre später noch nicht wieder aufgebaut, andererseits war Taschkent nie die schönste Perle an der Seidenstraße gewesen.
Anders als ihre berühmten Schwestern Samarkand und Buchara, in die wir nacheinander flogen. Die Beschreibung hier überlasse ich den inzwischen zahlreichen Reiseführern und Kunstbüchern.
Außerdem ergeht es mir mit den Erinnerungen an diese beiden Städte ein bisschen so wie mit Kindheitserinnerungen, von denen niemand genau sagen kann, ob es sich um Selbsterlebtes handelt oder um Erzähltes oder Gelesenes. Ich erinnere mich, dass dort meine Zweifel begannen, ob wir nicht überhaupt unsere Kopfbilder vom Orient hierher einschleppen und dann ständig auf der Suche nach ihnen sind. Verschärft wird diese Unsicherheit bei mir zusätzlich durch den ständigen Schleier, den meine aus Moskaus Schneesturm mitgebrachte Grippe hervorbrachte.

Wieder zurück in Taschkent, kauften wir Flugtickets nach Fergana und Osch im Osten, schon sehr nahe der chinesischen Grenze, und Richtung Westen, nach Nukus, Chiwa und Urgentsch, die Wüstenstädte am westlichen Unterlauf des Amu Darja in der Kysyl Kum, die nach Gobi und Sahara die drittgrößte Wüste der Welt. Wie schon mehrmals in dieser Gegend, bestaunte ich die Selbstverständlichkeit, mit der sich auch die einfachsten Wüstenbewohner in die Flugzeuge schwangen, genauso selbstbewusst wie auf ihre Eselskarren am Boden. Ich hatte damals erst zwei Flüge absolviert, nach der Matura einmal nach New York und zurück. Das Reisen mit Flugzeugen war für unsereins in Europa noch keine Alltäglichkeit. Auch in die Sowjetunion war ich mit der Bahn angereist, im Chopin-Express vom Wiener Ostbahnhof über Warschau, Brest-Litowsk nach Moskau, Weißrussischer Bahnhof. In diesen weiten Landschaften Zentralasiens gab es keine Überlandstraßen und kein Eisenbahnnetz, das Flugzeug war so selbstverständlich und kaum teurer als die Straßenbahn.
Eingepresst in die eng stehenden Stühle, vollgestopft mit Binkeln und Bündeln, Säcken, Körben und Kisten, flog die kleine Tupolew in geringer Höhe über die Kysyl Kum (Roter Sand), ein leicht rötliches Sandgelb ohne Erhebungen und Schatten. Der einzige Schatten war der unseres Flugzeuges, der uns manchmal schneller voraus flatterte, oder einmal links und rechts auftauchte. Diese optische Täuschung hat mir noch niemand erklären können, ob das vielleicht eine Form der fliegenden Fata Morgana ist,
Plötzlich erschien im kleinen Fenster eine graue Linie, wurde zu einer Schlinge, dann zu einer zweiten und zu einer Schlange, deren Anfang und Ende man nicht sehen konnte. Ein Fluss, das musste er sein, der Amu Darja! Ich presste mein Gesicht ans Fenster. Es ging ganz langsam. Wie ein Kalaidoskop machte sich ein Bildchen nach dem anderen auf, Bilder, die ich sah oder seit vielen Jahren im Kopf hatte.
Der Sehnsuchtsfluss seit meiner Sven Hedin-Lektüre.
In der Jugend, in der Bibliothek meiner Eltern war Sven Hedin mit vielen Büchern vertreten. Sie trugen Vorkriegs-Daten und Drucke der Büchergilde Gutenberg und unzählige Titel aus dem Brockhaus-Verlag. Im Herzen Asiens, zwei Bände, Abenteuer in Tibet, Transhimalaya, drei Bände Zu Land nach Indien, zwei Bände, insgesamt hat es Hedin im deutschsprachigen Raum auf mehr als 200 Titel, die wissenschaftlichen nicht eingerechnet, gebracht. Zu Land nach Indien - in diesem Buch floss für mich alles Fernweh zusammen, und es blieb mir am lebhaftesten in Erinnerung. Die Stelle mit der dramatischen Suche nach Wasser am Amu Darja war im Lesebuch für die 3. Klasse Gymnasium abgedruckt, und ich konnte noch als Lehrerin die Generation nach mir für Sven Hedin begeistern. Fast noch lieber vertiefte ich mich in in seine Illustrationen, Aquarelle und Fotografien. Hedin war auch ein begnadeter Topograf und Kartograf. Sein asiatischer Atlas in einer Jugendausgabe wurde mein Vademecum.
Am wildesten Stück der Donau geboren und aufgewachsen, früh bekannt mit Dimbach, Gießenbach, Enns, Salzach, Fuschler Ache, Inn, Isar, Rhein, Hudson und Moskwa, habe ich mich jugendlang hin geträumt zu Nil und Niger, Amazonas und Orinoco, Mississippi, Colorado und Amu Darja, der sagenhafte Oxus des Alexander-Iskander.
Lisa, Schanna und ich hatten bei unserer Einreise beschlossen, unsere Namen zu russifizieren. Die Wiener Liels wurde zu Lisa, die Kärntner Susi zu Schanna, ich zu Weranika. Schanna ist die Ernsthafteste unter uns, sie studiert Russisch-Dolmetsch und Geschichte, Lisa ein bisschen Russisch, Literatur, Anglistik, von allem etwas, Psychologie und Arabistik, aber nichts wirklich akademisch. Sie holt sich, wenn sie Lust dazu hat, von allem das Beste, wie an einem reich bestückten Buffet. Dafür hatte sie in Talent. Sie war in Wien mit einem Palästinenser verheiratet, der als Arzt im Elisabeth-Spital angestellt ist, sogar schon mit einer gemeinsamer Wohnung auf der Hohen Warte. Reden kann sie über alles und jeden für sich einnehmen. Ganz leicht. Ich musste feststellen, dass das ein Talent war, über das ich nicht verfügte. Sie hat recht und es richtig erkannt, worauf es ankommt. Weil sie genau so aussieht. Im Untergang, die letzte, ultimative Frau der Welt.


- Als Sven Hedin mit seiner Karawane, nach langer Durststrecke und völlig erschöpft - ein Begleiter und sieben Kamele waren schon gestorben - endlich auf den Amu Darja stößt, müssen sie feststellen, dass dieser vollständig ausgetrocknet ist, ein zwei Kilometer breites, flaches Band aus Sand und Geröll ohne einen Tropfen Wasser, nicht für Mensch, nicht für Tier. Hedin hatte sich bei der Durchquerung der kasachischen Wüste Ust-Urt verspätet und aus Ungeduld, schnell weiterzukommen, es an der letzten Wasserstelle verabsäumt, die Schläuche bis zum letzten Wassertropfen zu füllen. Die Spannung war kaum zu übertreffen zusammen mit den drängenden Fragen nach der Schuld. Sie gehen in das Flussbett hinein und drehen jeden Stein um, ob da nicht doch noch in einer Kuhle ein Flüssigkeit übrig geblieben war. Die Luft flirrt in der Hitze, sie können das andere Ufer nicht sehen, nur die Luftspiegelung der Tamarisken. Sie sind am Ende ihrer Kräfte und ihrer Vorräte. Sie machen Halt im schütteren Schatten eines Tamarisken-Haines, der ihr Ufer säumt. Er lässt die Kamele lagern und überlegt mit seinen einheimischen Begleitern, ob sie den letzten Hahn in ihrem Gepäck schlachten sollen, um sein Blut zu trinken. Essen oder trinken? Was brauchen sie jetzt mehr, nachdem auch das letzte Karakul-Schaf aufgegessen war. Dabei wissen sie, dass das Blut in der Hitze sofort stockt und kaum Flüssigkeit bringt. Dazu ist der Gestank unerträglich.
Die Begleiter machen ein mageres Lagerfeuer aus trockenen Tamarisken-Zweigen. Die andere Möglichkeit wäre, den Urin der Kamele zu trinken. Das wäre aber noch schrecklicher als das gestockte Blut des Hahns, im Orient ist das eine Foltermethode. Außerdem würden sie ihre Lasttiere durch das Urin-Melken schwächen, weil die Kamele ihren Urin recyceln und sich neu zuführen können. Die Menschen einander auch. Ein Kreislauf, das sie zu den begehrten Wüstenschiffen macht. Bei all diesen Abwägungen kauen Sven Hedin und seine Begleiter an den Blättern der Tamarisken, ungenießbar bitter, man bekommt eine raue Kehle, es regt den eigenen Speichel an, vergiftet aber den Magen. Tamariske, Brunnen der Wüste, sagen die Einheimischen.

Schon als Dreizehnjährige fieberte ich, wie sie sich entscheiden würden. Sie braten den letzten Hahn und legen sich halb hungrig und mit schmerzenden Gedärmen schlafen. Am nächsten Morgen wachen sie früh unter einem leisen Rauschen auf, und die geübten Ohren sagen ihnen: Der Amu- Darja ist da, und er hat Wasser! Es ist nur ein kleines Rinnsal in der gewundenen Mitte des Geröllfeldes, aber frisches, fließendes Wasser, welch ein Wunder! Sven Hedins Begleiter meinen, dass irgendwo weiter oben im Hindukusch vielleicht ein Gletscher abgestürzt und geschmolzen ist. Heute wissen wir, es war wesentlich unromantischer; in einer Baumwoll-Kolchose hatte jemand eine Schleuse der unzähligen künstlichen Kanäle geöffnet. Sie führen als erstes die Tiere in das Rinnsal, dann trinken sie selbst ohne Ende. Nur Hedin gönnt sich das Vergnügen eines Wasser- Bades, die Einheimischen meiden das Wasser, dafür füllen sie die Schläuche. Die Kamele werden beladen, und sie brechen auf, weiter entlang der Seidenstraße nach Osten. Da lese ich zum ersten Mal von Chiwa, Buchara und Samarkand, Taschkent, Kokan und Fergana Hedin entdeckt den Issyk-Kul-See, den Bosten und Lot, die Karawane überquert den Hindukusch, dringt in die Gobi vor, durchwandert Tibet, immer kartografierend, fotografierend, illustrierend und notierend - entdeckt er die Quellen des Bramaputra und Indus und kommt tatsächlich nach Indien.
Wie sehr Sven Hedin, ein Verehrer der germanischen Rasse und mit Nazi-Größen von Hitler an abwärts, in das nationalistische Regime eingebunden war, erfuhr ich erst viel später während des Studiums. So widersprüchlich das war, hatte er sich auch Verdienste um die Errettung von Juden und Norwegern aus den Fängen des Verbrecherregimes gemacht, Ich kann mich nicht erinnern, dass von Hedins Nazi-Vergangenheit jemals zu Hause oder in der Schule die Rede war. Mit den Mitteilungen über die Verbrechen der Sowjets war man nicht so sparsam.
Von Hedins Forschungsreisen konnte ich mich trotzdem nicht losreißen. Die Bilder seines Orients hatten mich in ihrem Sog eingefangen, nach Osten, und immer weiter nach dem Osten. -


Chiwa unter mir, die alte Tupolew kreist einige male, ich sehe die Bremsklappen neben mir, dann kommen sie wieder nicht. Wir sacken ab, streifen die Türme und Minaretts in Kurven und Schlingen, der Schatten flattert unter uns, wir kommen ihm näher und er saust schneller als wir. Ein Schlingern in den Gedärmen, Bremsen, Sinken, es spürte sich an wie eine Faust in den Magen, ein kurzes Aufwallen wie im Lift. Dann glücklicherweise Sand, kurzes Holpern, ein kleiner, blinder Schlag, eine sachte Neigung der Schnauze nach vorne und ich mit ihr, dann Stillstand und Schweigen. Es gibt keine Nerven, nur Körperempfindungen, direkt. Wir sind gelandet, weich, aber ich sehe das Fahrgestell nicht, aber auch keine Flammen, weil ich mir schon lange die Hände vor die Augen gehalten habe, noch immer das Gesicht an die kleinen Fensterscheibe gepresst, die Nase so flach wie die Augen. Im Flugzeug war es sterbensstill. Nur die anglophile Lisa neben mir flüsterte beim Abschnallen ungeduldig: „Go on, go on, well, there we are, this is Khiwa, finally.“ Die Grande dame unter uns war wie immer und überall cool. Die rothaarige Schanna war im Gesicht so bleich, dass ihre Sommersprossen violett aussahen.
Irgendetwas kann nicht so gut gelaufen sein bei dieser Landung. Nach langer Wartezeit ging eine Tür auf und kochend heiße Luft strömte herein wie aus einem offenen Ofenloch. Nur über eine schmale Strickleiter konnten wir aussteigen, für die rundliche Schanna eine extreme Turnübung, für die langbeinige Lisa ein Katzensprung. Die kleine Tupolew saß mit dem Bauch im Sand, leicht vornüber gekippt, wie ein Vogel mit gebrochenem Nacken in seinem Sandbad. Eine Bruchlandung ohne einen Bruch. Die einheimischen Mitreisenden waren noch cooler als Lisa, sie wunderten sich sichtbar über nichts, protestierten gegen nichts, holten ihr Gepäck selbst aus dem Bauch der Maschine und verteilten sich auf wartende Taxis und Eselskarren. Die einzigen Pflanzen weit und breit waren niedrige, verkrüppelte Tamarisken, gepflanzt vielleicht als Begrenzung des Pistenrandes Die vier Propeller glänzten im knallblauen Himmel, die beiden gesenkten Schwanzsteuer ebenfalls. Flimmern der heißen Luft darüber wie flüssiges Glas. Von diesem intensiven Azurblau des Firmaments hatten die Handwerker das Glänzen und Funkeln der Kacheln abgeschaut. Ansonsten gab es in der Wüste keine Farbe. Im Süden lugten die Gipfel-Girlanden des Kopeth-Dagh-Gebirges aus der Wüste, die Grenze zum Iran. Jetzt noch die Füße in den Sand setzen und die Grenzen von Geschichte und Geographie überschreiten, im Orient ankommen. Wenn man es genau nimmt, standen wir in der Wüste Kara Kum, am linken Ufer des Amu Darja, die Kysyl Kum lag am rechten Ufer, kurz bevor er sich in ein vielarmiges Delta aufteilt und bei Nukus in den Aralsee mündet. Dorthin wollte ich ohne Lisa und Schanna einen illegalen Abstecher wagen, denn näher würde ich vielleicht nie mehr kommen, so meine Überlegung. Das von Stalin begonnene und von Chruschtschow fortgeführte Versanden des Wüstensees wollte ich mit eigenen Augen sehen. Zur Steigerung der Baumwollproduktion hatte der Diktator die nördlichen Flüsse umleiten lassen und einen Großteil der Wassermassen zur landwirtschaftlichen Nutzung in Kanäle gezwängt.
Was wir noch nicht wussten: Es war nicht Chiwa, wo wir gelandet waren, sondern der Flughafen von Urgentsch. Man ließ uns keine Zeit, die im 1. Jahrhundert vor u.Z. gegründeten Handels- und Gelehrtenstadt an der Seidenstraße zu besichtigen, sondern verfrachtete die nach Chiwa weiterreisenden Passagiere in einen klapprigen Autobus der Marke ZIL.
Nur aus der Ferne konnten wir von den Mauern von Kunja-Urgentsch träumen, von den Badehäusern, Teehäusern, Mausoleen, Moscheen, Koranschulen, Minaretten und Palästen, in denen berühmte Gelehrte wie Al-Biruni, Fachr-ad-Din-Rasi, Al-Khwarizmi und Ibn Sina, der Medicus Avicenna unter dem Emir Mahmud Gurgandsch gewirkt hatten. 1221 eroberte Dschingis-Chan die Stadt, ließ die gesamte Bevölkerung töten und siedelte seine Mongolenheere an. Im Hof der Juma-Majid-Moschee steht eine 1000 Jahre alte Säule, an die Dschingis-Chan sein Pferd gebunden hat. Sie hielten sich nur rund 100 Jahre, bis die Sufi-Dynastie unter Emir Kutlug Urgentsch zu einem Machtzentrum ausbaute. Das einzige Bauwerk, das wir vom Bus aus wahrnehmen konnten, war das Minarett Kutlug-Timur, mit 62 Metern das höchste in ganz Zentralasien. Da fällt mir auf, dass das Reiterheer mit dem größten aller je existierenden Reich in keinem der eroberten Gebiete staatliche oder architektonische Spuren hinterlassen haben, nicht einmal in ihrer Urheimat, der Mongolei, sollte man ihre Grabhügel, die Kurgane, nicht zu Architektur zählen. Die Mongolen haben fast jede Stadt dem Erdboden gleichgemacht, und sie dann mit ihren, oft aus China mitgebrachten Handwerkern wieder aufgebaut. Auch nicht in Russland, wo sich die Goldene Horde 200 Jahre lang niedergelassen hatte. Das einzige, was mir dazu einfällt, ist das russische Sprichwort: Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatar hervor. Es gab also kein Paarungsverbot zwischen den Besatzern und den christlichen Untertanen. Alle tatarischen/mongolischen Elemente in der russischen Architektur und Alltagskultur stammen von den Siegern über die Goldene Horde als Ausdruck ihres Triumphs. Von der Basilius-Kathedrale am Roten Platz bis zur neo-mongolischen „Kirche am Blut“ in St. Petersburg.
Für den Besuch Chiwa hatten wir nur einen Tag genehmigt bekommen, wogegen wir im Ovir der Universität nicht protestiert hatten, weil wir meinten, für diese 30 000 -Einwohner-Stadt nicht mehr Zeit zu benötigen. Es gab ja in der Sowjetunion dieser Zeit weder Touristenführer noch Landkarten. Lisa und Schanna waren ausschließlich meiner literarischen Schwärmerei gefolgt. Beide waren viel später und eher zufällig zum Russisch-Studium gekommen als ich. Ich brachte uralte Liebe und schäumende Begeisterung mit. Schanna war die gelassene Wissenschaftlerin, die die sowjetischen Verhältnisse unter ihr Mikroskop legte und für alles eine analytische Erklärung hatte. Lisa, die Diplomatentochter aus Wien, eine unbarmherzige Kritikerin, verglich alles im Arbeiter- und Bauernparadies im Russland des Breschnew mit Frankreich, GB und USA.
Aber immerhin hatte ich die beiden bis hierher schleppen können. Denn mir allein hätte das Ovir die Reise nicht genehmigt, obwohl mein Russisch am besten gefestigt war. Ein Kleeblatt, wie es unterschiedlicher nicht hätte sein können.
Ich habe in einem Album ein Foto, das uns drei zeigt,
in einem unendlichen Sand. Ein Kamel, auf dem die pummelige Schanna aufrecht sitzt, die rote Lockenpracht ausgebreitet bis auf die Schultern, daneben Lisa, das Kamel fast überragend, in einem Minirock mit model-artig vorgestelltem Bein im Sand, die braune Mähne neckisch an den Hals des Tieres geschmiegt, und ich, fast unter dem Bauch, eine kleine blonde Figur. Die war am Ziel der Träume. Das Foto wird wahrscheinlich der Eselführer gemacht haben. Im letzten Viertel am rechten Rand des Fotos ist eine Formation zu sehen, ein verwaschener, rötlich-brauner Hügel. Aber ich weiß, dass es eine Lehmziegel-Burg aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert ist, eine der wenigen Befestigungen entlang der Seidenstraße aus vorislamischer Zeit, die noch nahezu vollständig erhalten ist. Was beim Inturist „Gora“ - Berg – genannt wurde ist der Koj-Krylgan-Kala, eine Rundstadt mit einem zweistöckigen Tempelmausoleum im Zentrum und einem einstöckigen Ring von Wohnungen und Wirtschaftsgebäuden. Diese Anlage diente den Völkern Mittelasiens, den Parthern und Sassaniden, den Abbasiden und Seldschuken als Vorbild bei der Errichtung ihrer Städte und Mausoleen. Auch die Kuppelbauten, militärischen Anlagen und Bewässerungskanäle gehen auf die Ursiedlung von Chiwa zurück. Schriftliche Dokumente finden sich schon bei Herodot und Strabos.
Chiwa, jetzt eine Kleinstadt, hat dreimal mehr Kunstschätze als Einwohner. „Cheiwak“ - ah, was für ein gutes, wohltuendes Wasser, oder auch Zufriedenheit, Gott, wie gut, sagen die Legenden. Andere haben daraus Heureka gemacht, schaut mal, was für ein Wasser! Ich habs gefunden. Noahs Sohn Sem hat hier schon graben lassen und aus der Quelle getrunken. Im Nordwesten der Altstadt steht immer noch der Itschan Kala. Ich habe aus ihm getrunken und meinen ganzen Kopf darin gekühlt, fast bis zum Ertrinken. Ohne Kenntnisse und Stadtplan taumeln wir drei grünen Europäerinnen durch die Altstadt, unbehelligt, aber wahrscheinlich eine Sensation. Wo immer wir auftauchen, schlüpfen die Frauen in die Häuser zurück, die Männer wenden sich intensiv ihren Pfeifen zu oder gehen in die andere Richtung weiter. Kein Lächeln, aber auch keine Abwehr, keine Zudringlichkeit und auch keine Unterwürfigkeit. Ich würde gerne mehr fotografieren als Wüstensand, Esel und Mauern, aber die Menschen lassen das nicht zu. Es wirkt hier offenbar noch immer das islamische Bilderverbot mit. Vor allem Porträts von den schönen, alten Männern würde ich gerne machen. Aber sie wackeln verneinend mit dem ausgestreckten Zeigefinger und wenden sich ab. Wer ein Bild von einem Menschen macht, dem rauben sie die Seele, heißt das Verdikt. Fenster gibt es keine, die gehören offenbar nicht zu den Errungenschaften des Orients. Wohin wir uns auch wenden, stoßen wir auf Mauern, die Stadtmauern aus Stampflehm und Ziegeln, fast sechs Kilometer Kilometer lang und bis zu 16 Meter hoch. Das habe ich aber erst viel später nachgelesen. Im Flirren der schon aufgeheizten Vormittagssonne sehen sie wie niedrige Gebirge aus, die sich in den Weiten der Wüste verlieren. Die zehn Meter tiefen Stadttore, die begehbaren Bastionen und Schutzwälle zeugen von Chiwas eintausendsechhundert langer Wehrhaftigkeit gegen die Eroberungsgelüste aller Potentaten zwischen dem Kaspischen Meer und China. Chiwa war in seiner Hochzeit die reichste Handelsstadt der Seidenstraße, aber auch ein gefürchtetes Räubernest, der größte Sklavenmarkt in Zentralasien. Als der Zar etwa Mitte des 19. Jahrhunderts Chiwa einnahm, fand sein deutscher General Kaufmann noch 30 000 Sklaven vor, darunter 3000 Russen. Als der Emir Islom Huia knapp vor der sowjetischen Eroberung Elektrizität Telegraph und Telefon einführen wollte, brachte ihn die Geistlichkeit um. Wir betraten die Stadt durch das wunderbar restaurierte doppeltürmige, von zwei Kuppeln gekrönte Ata Darwasa-Tor. Es war so breit, dass wir uns leicht die ganze Phalanx von einmarschierende Reiterheeren und Kamelkarawanen vorstellen konnten. Dahinter breitete sich die vollkommen intakte Altstadt Itschan Kala aus, nach der wir schon so lange dürsteten. Gleich hinter dem Ausgang konnten wir schon einen Blick auf die Amin-Chan-Medrese werfen. Bevor wir hinaustraten, entdeckten wir in einer der Innenmauern ein kleines Büro von Inturist, wo wir uns mit einem Stadtplan, Karten und Broschüren ausstatten wollten. Außer verstaubten Souveniers und einer kleinen Auswahl von vergilbten Ansichtskarten hatte das Inturist nichts Derartiges zu bieten. Der Tourismus hat hier noch viele Entwicklungsmöglichkeiten. Pläne und Führer gab es ja aus Sicherheitsgründen von keiner sowjetischen Stadt zu erhalten. Stattdessen schlug uns der Angestellte hinter der Budel vor, einen Kamelritt in die Wüste hinein zu unternehmen. Er habe ein Tour anzubieten: Mit dem Esel-Taxi ein paar Kilometer nach Westen zu einer Oase mit der Festung Gora, einer Wehranlage an der Seidenstraße aus dem 4. Jahrhundert, Besichtigung mit einem kurzen Kamelritt zu einem Nebenfluss des Amu Darja. Meine Begleiterinnen zweifelten, sie wollten eher die Stadt besichtigen, ich war sofort Feuer und Flamme und brannte lichterloh in den Bildern von Sven Hedins Schilderungen.
Man gab mir nach, und wir buchten die Tour. Sofort tauchte vor dem Tor ein Arba auf, ein zweirädriger Eselskarren mit einem Lenker in einer pittoresken Tracht auf. Auf diesem schwankenden Gefährt fuhren wir in die Wüste hinein, eben und ohne Ende. Das Zeitgefühl geht einem in der Wüste wahrscheinlich auch im besten Gesundheitszustand verloren. Aber wenn man sich in einer Nichtgegend, in der absoluten Leere befindet, beginnt der Raum sich zusammenzuziehen und auszudehnen. War das ein schwarzes Loch? So plötzlich wie beim Umblättern eines Märchenbuches trat ein braungebrannter Mann in langem, weißen Hemd und Tjubetejka aus dem Tamariskenhain heraus, ein einziges Kamel am Zügel mit sich führend. Offenbar das Vorzeige-Kamel zum Abfotografieren. Es war keine Rede mehr von einem Kamel-Ritt an den Nebenfluss, sewodnja nje rabotajut, sie arbeiten heute nicht, sie haben einen sanitarnij djen, einen Gesundheitstag, war die Auskunft. Also machten wir uns daran, das einzige Kamel abzufotografieren. Schanna ließ sich in den Sattel hieven, Lisa schmiegte sich in Model-Pose mit neckisch vorgestelltem Bein an seinen Hals, mir war für beides zu schwindelig, ich blieb am Boden.
Ab da finde ich bei mir kaum Erinnerungen, nur dieses Foto in meinem Album, als man seine Reiseeindrücke noch in Bücher und Mappen klebte. Ein Kamel in einer Ebene ohne Anfang und Ende, ohne Palmenoase und Festung, im Sattel die strahlende Schanna, Lisa an den Hals des Kamels gelehnt, die dieses fast überragte, zu Füßen eine unkenntliche, Erhebung, die sich kaum vom Wüstensand abhob und auch eine Sanddistel gewesen sein könnte, das war ich, die zu diesem Abenteuer verleitet hatte.
Dieses Foto aus einer Schnellbildkamera hat eine ockerfarbene Patina angenommen wie ein sonnengebrannter Ziegel.
Alles Folgende sind verstreute Erzählungen im Nachhinein mit kurzen Öffnungen der eigenen Wahrnehmungen. Der Karren brachte uns offensichtlich zur Stadt zurück und lud uns am Dschuma- Minarett an der Stadtmauer ab. Meine Begleiterinnen lagerten mich bequem in den Schatten einiger Maulbeerbäume, legten mir nasse Tücher auf und labten mich mit Wasser. Unser Eselführer machte den Vorschlag, mich in das Teehaus bei der Amin-Chan-Medrese zu bringen. Er dürfe mit dem Karren nicht in die Altstadt hineinfahren. Wie es meinen Kolleginnen gelungen war, die Ohnmächtige dorthin zu befördern, kann ich nur meiner Phantasie überlassen. Sie waren zu aufgeregt, um sich danach noch genau zu erinnern. Sie durften nicht ins Teehaus, die Männer drängten sie hinaus: Geht nur, alles wird gut, kommt am Abend wieder. Ich als Ohnmächtige hatte offenbar mein Geschlecht verloren. Einmal wache ich auf und sehe mich auf einer Bank liegen. Es ist ein großer, halbrunder Raum, mit einer Bühne in der Tiefe, ein steiles Amphitheater, mit Teppichen und Kissen bedeckte Stufen. Über mir sehe ich Turban bedeckte Männerköpfe und spüre, dass man mir Tee einträufelt, die Piali mit grünem Tee immer wieder an meine Lippen hält, hinten im Hals ein kleines Rinnsal.
Einmal kommt das Bewusstsein so weit zurück, dass ich die goldverzierten Girlanden entlang der Wände wahrnehme und einige auf den Stufen lagernde Männer mit langen Bärten und in langen weißen Wallehemden.
Die Arabesken und Grafiken vermischen sich mit den sowjetischen Transparenten und Parolen, den Tafeln mit den besten Arbeitern und bei den Subotniks ausgezeichneten Genossen, die grün-weiße Majolika-Kacheln auf blauem Untergrund zerfließen mit den Blumenornamenten. Fiebrige Verzerrungen, Traumfetzen, Gefühlsreste, alles strömt ins Surreale zusammen, rauschendes Murmeln, die Luft hängt voller Geschichten, ich höre die Männer in meiner Nähe summen, Kindheitszustand, klingen so usbekische Wiegenlieder?
Sven Hedin zieht mit seiner Karawane durch meinen Kopf, das Wasser im Amu Darja donnert aus den Pamir-Schluchten in die Ebene, im weitverzweigten Fluss treiben kleine grüne Inseln in Spiralen, Ursymbole für Augen, auf dem Wasser Barken mit roten Segeln, an den Ufern weiße Zelte, dazwischen Herden von Karakulschafen, die durstigen Kamele unter den Palmen brüllen, der letzte Hahn kräht um sein Leben, und über den versandeten Aral-See pfeifen die Giftwinde. Innenwelt, Kindheitsbilder und Jenseitsgeographie bevölkert mit den Vorausgegangenen. Die freundliche Macht der Bilder verwischt alle Grenzen und löst die Zeit auf.

Lisa und Schanna buchten bei Inturist eine ungestörte Führung durch die schönste Altstadt des Orients: Sie besichtigten die Koranschulen/Medresen Schigasi-Chan und Islam Chodscha, die Mausoleen Pahlawan-Mahmuds und Sayid Alauddins, den Palast Tasch-Hauli, die Festung Kunja Ark, den Harem, das Badehaus, den Sommer- und Winterpalast und die Dschuma-Moschee, an deren Minarett meine Lebensgeister fast aufgegeben hätten.
Und wieder kam der dünne Rand einer Piali an meinen Lippen; wenn ich sie nicht öffne, netzen sie sie mit einem in grünen Tee getränkten Lappen, einen anderen legen sie mir auf Schweißstirn und Schläfen.
Was ist da drinnen, Absinth, -Baldrian und Tamarisken-Sud? Eine Hand streicht immer wieder über die Haare wie einer viel geliebten Enkelin. Ich kannte nie einen Großvater, aber bei meiner Großmutter war es so. Ich habe das als zärtliche Gesten in Erinnerung, so fieber-vage und flüchtig sie auch sind: angenehm, friedlich, angstfrei. Fühlt es sich so in Abrahams Schoss,, im Paradies an? Eine Versammlung von Gelehrten und Dichtern: Abu Mansur al Saalibij, Abu Sahl al Yasihiy, Abu Nasr Mansur Ibn Irak, Abdullah Muhammad Ibn Muso al Khorezmiy. Orientalische Ur-Ur-Großväter, Patriarchen, auch meine Vorfahren. Angeblich habe ich phantasiert, unverständliche Worte hervorgestoßen und wild um mich geschlagen. Zwei Alte sitzen dicht an meiner Seite wie Grabwächter und bewahren mich vor dem Abstürzen über die steilen Stufen.
Eine eingeschleppte Grippe mit einheimischem Sonnenstich, ziemlich viel auf einmal. Seither habe ich mich oft gefragt, ob es sie große Überwindung gekostet haben mochte, gegen ihre Kultur, obwohl die gleichmachende Sowjetunion damals schon 64 Jahre gewährt hat. Bedingungslose Gastfreundschaft in Oasen lässt sich nicht so schnell austreiben. Den heimlichen Ausflug an den Aral-See musste ich vergessen, und den Rückflug nach Taschkent hat mein Gedächtnis nicht behalten.

Noch weitere drei Tage lag ich weggetreten im Hotel Inturist neben dem Flughafen, nur Fetzen von Bildern blieben im Gedächtnis hängen. Ab und zu kam ein weiß gekleideter Kartoffelsack mit hoher, weißer Mütze und verabreichte mir einen gehäuftenTeelöffel Chinin, eine Büffel-Dosis, war das die Küchenchefin? Die dreimal am Tag startenden und landenden Flugzeuge flogen ausgerechnet immer durch meine
Träume. Darüber wunderte ich mich schon sehr. Noch mehr, als ich einmal beim Taumeln durch die Gänge, auf der Suche nach einer Toilette, an offenen Türen vorbei kam, hinter denen weiß gekleidete, alte Männer mit weißen Bärten und weißen Turbanen im Schneidersitz auf weißen Matratzen saßen, rauchten Pfeife und Tee tranken aus weißen Schalen. Der liebe Gott hatte sich vervielfältigt. Also war ich gestorben, lag auf den Wolken im Himmel mit Sven Hedin.

Meine Freundinnen flogen währenddessen nach Fergana und ließen sich drei Tage in der sagenhaften Oase von Osch den Wind vom Hindukusch um die Nase wehen.
Ich hatte auch ohne den Aralsee und das Fergana-Tal wahrlich viel gesehen und erfahren auf dieser Reise nach Zentralasien, die beharrlichsten und buntesten Eindrücke vom Orient kamen aber aus dem Teehaus von Chiwa.

Veronika Seyr
4.3.15 - 2.2.17

Der Geiger vom Donskoj-Friedhof

Gewöhnlich ging der alte Mann gegen Mittag aus dem Haus. Unter dem Arm trug er einen alten, abgewetzten Geigenkasten. Gekleidet war er in diesem Herbst in eine Art von Uniform der sowjetischen Rentner. Eine Leninmütze auf dem Kopf, der schwere Tuchmantel mit den aufgesetzten Taschen schlotterte um seinen mageren Körper. Die Schuhe waren alt und abgetreten, aber sie glänzten.
Wenn am Nachmittag die großen Begräbniszüge kamen, stand er schon vor dem Haupttor des Donskoi-Friedhofs, etwas links von der Mitte, damit er niemanden behinderte.
Vier Stufen führen vom Sockel des Denkmals für Wassilji Puschkin hinauf, den Onkel des berühmten Alexander. Oben, zu seinen Füßen, lässt sich der Geiger nieder, öffnet den Geigenkasten und wendet sich dem Platz zu. Er ist eine unscheinbare Figur, aber in der Höhe gut sichtbar, er kann von weitem erkennen, wie prächtig oder arm eine Prozession sein würde, wie viel Volk, Geistliche, Blumen und eigene Musik sie mitbringen würde. Aber er ist nicht für sie da. Kaum hat er seine Geige ausgepackt und den Bogen angesetzt, bleiben schon Menschen stehen in Erwartung der Musik: Kinder, Liebespaare, Käufer am Blumen- und Tabakkiosk oder zur Metrostation Donskaja eilende Passanten. Alle lassen die Zeitungen sinken, verstummen und blicken zu ihm auf. Denn jede Musik tröstet und ist ein Versprechen auf ein besseres Leben. Im offenen Geigenkasten liegt immer ein Apfel und ein Stück Schwarzbrot, damit er, wenn er Hunger bekommt, etwas essen kann.
Sogar wenn nur ein einziger Zuhörer stehen bleibt und einsam lauscht, spielt er die Melodie zu Ende: Russische Weisen, Walzer von Tschaikowski, Tango aus Odessa. Wenn es ein milder Sommer-Nachmittag gewesen wäre, hätten die Zuhörer zu tanzen begonnen.

Er macht das freiwillig, nicht, um Geld zu verdienen. . Das braucht er nicht, er bekommt eine kleine staatliche Rente, von der er leben kann. Wenn er auf Gewinn oder Ruhm aus gewesen wäre, hätte er sich nicht hier, an einem abgelegenen Ort, aufgebaut, sondern im Zentrum, etwa beim großen Alexander-Puschkin-Denkmal auf der Gorki-Straße, wo ein ständiger Menschenstrom auf dem Twerskoj Bulvar hin- und herwallt.
Er ist etwas anderes, kein Bettler. Er spielt auch nicht, um Lob und Dank einzuheimsen. Er will den Menschen etwas Gutes tun, nur darum geht er bei jedem Wetter zum Donskoi- Kloster. Ob der Fiedler mehr als eine Art von Katzenmusik hervorbringt, kann niemand endgültig ausmachen und ist auch nicht wichtig. Er steht da, leicht vorgebeugt, mit einer sich selbst Beifall gebender Miene, die Lippen gespitzt und die Augen in die Ferne gerichtet. Er versucht, mit dem Klopfen des Fußes die Körperbewegungen und den Takt in Einklang zu bringen. Fruchtlos, denn die Klänge seiner Geige erheben sich kaum über den Straßenlärm, flattern in den düsteren Oktober-Himmel empor und senken sich wie leichte Nebelschwaden von oben herab. Meist sind die Töne arg zerrissen, selten setzt sich ein ganzer Klangbogen durch.

Trotz seiner augenscheinlichen Schäbigkeit waren Gestalt und Benehmen dazu geeignet, meinen anthropologischen Heißhunger zu reizen. Erst recht die unbesiegbare Heiterkeit bei gleichzeitigem tiefem Ernst. So viel Kunsteifer bei so viel Unbeholfenheit. Aber das Publikum nahm nicht die Lächerlichkeit in dieser Diskrepanz wahr oder verzieh sie ihm. Jeder, der ihm länger zuhörte, konnte feststellen, dass ihm die selbsterfundenen, improvisierten Melodien besser gelangen als die klassischen. Sie waren unverstellte Botschaften aus einer Menschenseele zu einer anderen, sie berührten die Herzen und beflügelten ihre verborgenen Hoffnungen. Die Russen haben für diese ungerichteten Sehnsüchte den Ausdruck „Streben nach dem höheren Leben“. Im sechsten Jahr meines Aufenthaltes hatte ich schon eine Ahnung, dass bei den Russen das Leben in mehreren Etagen angelegt war. Die Zuhörer holten sofort Geld hervor, Kopekenstücke, alle waren mehr oder weniger gleich arm, aber auch 5- und 10-Rubelscheine waren dabei.

Weil er oben auf der vierten Stufe stand, wussten die Leute nicht, wohin sie das Geld legen sollten. Manche versuchten, mit einem kühnen Wurf in den offenen Geigenkasten zu zielen. Andere ließen es einfach auf einer der Stufen liegen, zu Füßen des marmornen Puschkin-Onkels.

Seit das Donskoi-Kloster unter Gorbatschow wieder geöffnet war, wenn auch noch nicht renoviert, kamen vermehrt auch Spaziergänger auf den Friedhof, in einen verwunschenen Park, wo die Zeit stillzustehen schien, wie in einer Zeitkapsel, eine Fliege in einem Bernstein. Unter den Liebhabern des alten, tieferen Moskau immer noch ein Geheimtipp. Jeder kannte den nahen Gorki-Park mit seinen zahlreichen Vergnügungsattraktionen, über die sich das Riesenrad eines Karussels wölbte. Auch der avantgardistische Radioturm von Schukow gleich nebenan war ein unübersehbares Wahrzeichen am südlichen Rand der Moskauer Innenstadt.
Das noch nicht ganz neue Russland im letzten Jahr Gorbatschows hat das Kloster der orthodoxen Kirche zurückgegeben, 73 Jahre nachdem die Bolschewiki Kirchen, Kloster und Friedhof zum Teil zerstört und dann geschlossen hatten. Pferdeställe, Lagerhallen und Jugendklubs, die übliche Bolschewisten-Rache. Es lag verborgen hinter einer 5 Meter hohen, rot-weißen Ziegelmauer in einem schon 73 Jahre andauernden Dornröschenschlaf. Gebaut wurde es 1591 als eine Wehranlage mit zwölf gigantischen Rundtürmen, obwohl gerade im Gründungsjahr die letzte große Gefahr, der Ansturm der Krimtataren, unter Zar Fjodor siegreich und fast opferlos abgewehrt werden konnte. Wie die Legende sagt, mit Hilfe der schwarzen Marien-Ikone von Kazan, so wie schon die Goldene Horde im Jahr 1367.

Ich kannte das Donskoi wahrscheinlich als einer der wenigen Menschen gut, zumindest aus der Vogelperspektive. Vom Balkon meiner Wohnung im 7. Stock in der Donskaja ulica hatte ich einen direkten Blick in den Friedhof und auf das Kloster. Bald hatte ich einen Mann ausgeforscht, der als Wächter ab und zu auf das Gelände kam. Für ein paar Rubelscheine ließ er mich ins Innere; es war zu sehen, dass er dem Wodka nicht abgeneigt war.
Die Große und die Kleine Kathedrale waren in einem erbärmlichen Zustand. Viele Mauerstücke lagen wüst vermengt mit neuzeitlichem Unrat am Boden, selbst schon wieder bedeckt von der verschlingenden Patina des Efeus, der Farne und des Hollunders. Auch die strenge russische Witterung hat das Ihre zum Zerstörungswerk beigetragen.
Seit der Revolution war nichts renoviert, vielmehr vieles zerstört, gestohlen oder anderweitig verwendet worden.
Teile der 1931 der von Stalin gesprengten Christus-Erlöser-Kirche lagen grotesk verstreut im Schmutz. Wie viele kirchliche Gebäude hat man das Donskoi zweckentfremdet, entweiht und dem Verfall preisgegeben. Grabdenkmäler und Steine waren umgestürzt, manche Figuren geköpft oder anderweitig verletzt, mit abgeschlagenen Armen und Nasen, mit ausgestochenen Augen und zerkratzten Inschriften. Dabei lasen sich die Namen auf den Grabsteinen, sofern man sie noch lesen konnte, wie das Moskauer Who is Who des 18. und 19. Jahrhunderts, fast so viele ehr- und gedenkwürdige wie auf dem größeren und berühmteren Friedhof des Neujungfrauen- Klosters. Der erste Dichter in russischer Sprache Sumarokow war hier begraben.
Auch der erste russische Philosoph Pjotr Tschaadajew fand hier die letzte Ruhe vor den Verfolgungen des Zaren, Sollogub, ein Schriftsteller, Schukowski, ein Mathematiker und Luftfahrtpionier, der Städtemaler Perow.
Der letzte Klosterbewohner war Patriarch Tichon gewesen, ein erklärter Gegner der Revolution, den die Bolschewiken hier bis zu seinem Tod 1925 eingesperrt hielten. Die 28 Mönche hat man umgebracht oder vertrieben.

Wenn die großen Begräbnisse vorüber waren, packte der alte Geiger seine Sachen zusammen. Mit sachten Bewegungen wickelte er die Geige in ein schwarzes Tuch, verstaute den Bogen in einem Sack und setzte sich zu Füßen des Onkel Wassili nieder. Er blickte um sich und verzehrte seine Jause. Die Kopekenstücke und Rubelscheine sammelte er fast achtlos, ohne sie zu zählen auf und steckte sie in die Manteltasche. Ich kann mir vorstellen, dass er sie verschenkte oder dafür Vogelfutter kaufte. Dann verließ er seinen Posten auf den Stufen und stapfte tiefer in den Friedhof hinein.

Lange verstand ich nicht, was der Alte dort suchte.
Er beachtete keine der Kirchen und Kapellen, nicht das Refektorium, keines der Mausoleen, keine der Werkstätten, auch die erste Moskauer Urnenmauer interessierte ihn nicht. Er schlenderte nur, ohne dass ich ein Muster erkennen konnte, wenn ich ihm von Grabstein zu Grabstein, von Baum zu Baum, nachschlich, über die Wege zwischen den Grabsteinen, in unerforschlichen Schlingen. Aber sicher wie ein Schamane auf seinen Traumpfaden. Er interessierte sich offensichtlich nicht für die Architektur, nicht für die halb lesbaren Grabinschriften und die verworrene Natur. Suchte er einen bestimmten Ort, jemand bestimmten? Wollte er sich an etwas oder jemanden erinnern, das und den es nicht mehr gab? Wartete er auf jemanden?

Ich hatte nicht so viel Zeit, ihn öfter und näher zu beobachten, wie ich es gewünscht hätte. Meine Arbeit beanspruchte mich sehr, und ich war oft auf Reisen. Es war für eine Journalistin eine sehr bewegte Zeit, dieses Wendejahr 1990/91.
Eines Tages im späten Oktober setzte das erste große Schneegestöber ein. Ich sah auf meinem Weg vom Büro in die Mittagspause, dass das Haupttor zum Donskoi offenstand. Schnell stellte ich das Auto ab und lief über den Vorplatz auf das Kloster zu.
Der alte Geiger stand wie immer auf der obersten Stufe des Puschkin-Onkels und spielte das letzte, das 24. Lied der “Winterreise“ von Schubert, das traurige Lied vom Leiermann. Die Worte hatte ich im Kopf flogen mir unhörbar zur Melodie zu:

Drüben hinterm Dorfe
steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
dreht er, was er kann.
Es klang etwas kratzig, manche Töne waren schief,
Dur und Moll ware nicht klar geschieden, die Übergänge unscharf, wahrscheinlich waren auch seine Finger schon starr. Der Schneewind pfiff und heulte dazu wie ein archaisches Orchester.
Er hatte jetzt keine Zuhörer; er spielte für sich und vielleicht für die verfrorenen Spatzen. Sie umflatterten ihn zerzaust und hofften auf ein paar Krumen von seinem Schwarzbrot. Ein besonders fürwitziger Spatz sprang in den Geigenkasten und suchte im Schnee selbst nach Brosamen. war schon halb zugeweht.
Als er die letzten Noten beendet hatte, packte er sich schnell zusammen und verschwand im Inneren des Friedhofs. Ich schlich ihm nach, wohl wissend, dass ich nicht mehr zu meinem Mittagessen kommen würde. Weit hinten an der Mauer entdeckte ich den Geiger an einem frischen Grab. Die Grube stand offen, und vor dem Grab stand einsam ein Pope, der Gebete in den langen Bart murmelte, eine violette Stola umgelegt hatte, das Weihrauchfass schwang und aus einer Metallschüssel mit einem Besen freigiebig Weihwasser über die Grube verspritzte. Da verstand ich das Wort „Einsegnung“ zum ersten Mal.
Und auch die Aufgabe, die sich der alte Geiger gestellt hatte: Es sollte kein Mensch ohne Begleitung von dieser Erde gehen müssen. Der Pope war nur ein offizieller Abgesandter, der seinen beruflichen Dienst versah, so wie es die Religion verlangte. Aber ein einsamer Mensch, der allein gestorben war und niemanden hatte, der ihn auf seinem letzten Weg begleitete – der sollte zumindest mit seinem Geigenspiel begleitet werden.
Mehr konnte er nicht tun.
Der alte Mann hatte sich seinen eigenen Dienst ausgewählt und vorgeschrieben. Nicht für Geld, für Ruhm oder Ansehen machte er das, auch nicht zu seinem eigenen Vergnügen. Denn da hätte er auch zu Hause bleiben und in seinem warmen Wohnzimmer spielen können.
Wir müssen den Abschied üben“, sagt Anna Achmatowa in einem Gedicht. Da erst schoss mir die Erkenntnis ein - er machte das in Voraussicht seines eigenen einsamen Todes. Wer würde ihn begleiten, wenn es so weit war? Wie oft würde er spielen müssen, bis er sich seine eigene Auferstehung erspielt hatte? Nach orthodoxem Glauben soll ein Verstorbener einen Begleiter haben, der ihn am Jüngsten Tag aus der Hölle herausführt, um erlöst zu werden.
Endlich verstand ich: Ich hatte die privaten Todes-Vorbereitungen des alten Geigers beobachtet. Das beschämte und berührte mich so sehr, dass es mich in Herz und Hals würgte. Auf dem zerschlagenen Grabstein hockend, verfluchte ich alle grausamen Religionen mit ihren halben Hilfen.

Nach diesem Winter sah ich den alten Mann nie wieder. Zu Ostern wurden die Glocken der Großen Kathedrale am Donskoj-Friedhof neu geweiht und aufgehängt. Als ich sie zum ersten Mal von meiner Wohnung aus läuten hörte, brach so ein Sturm los, dass ich dachte, das Jüngste Gericht sei über die Welt gekommen. Ich hoffe, sie haben auch den alten Geiger erreicht und erlöst.


Veronika Seyr
Christtag, 25.12.16

Bericht an die Anstalt oder Die Verstollenen

Der Empfang war freundlich und persönlich wie in einem Hotel. Die Rezeptionistin überreichte mir den elektronischen Zimmerschlüssel und den vorläufigen Therapieplan; dabei bemerkte sie, dass sie die gleichen Schuhe habe wie ich – bequem, gell!
Dann rief sie rief den Hausarbeiter, der sich als ein Zoran aus Banja Luka herausstellte. Während er mein Gepäck schleppte, versetzte ich ihn wahrscheinlich in Angst und Schrecken, indem ich mit ihm auf Serbokroatisch plauderte. Große Disziplin bei dieser Attacke, dass er nicht sofort einsackte, meine Koffer fallen ließ und floh. Schon wieder der Geheimdienst, hört das denn nie auf? Als ich seine flackernden Augen bemerkte, ließ ich die vorbereitete 2-Euro-Münze in meiner Manteltasche und suchte schuldbewusst einen Fünfer heraus.
Er nahm ihn natürlich an und murmelte etwas Undeutliches zwischen Danke und Chvala, dass ich mich noch bemüßigt fühlte zu sagen: Banja Luka ist eine schöne Stadt, do rata, bis zum Krieg. Diese Anbiederung, als würden wir Urlaubserinnerungen austauschen: Ah, Sie waren auch auf Hawaii, schön, phantastisch! Welcher Teufel hat mich geritten, diesen armen Kerl so zu erschrecken? Und dabei so unbändig zu lügen? Ich habe Banja Luka bei meinen zahlreichen Besuchen nie als schön empfunden, es war Krieg, die Stadt von den Serben erobert, und ich befand mich als Österreicherin in „Feindesland“ in ständiger Gefahr.
Ich begegnete Zoran in den nächsten drei Wochen noch öfter, meist schwer beschäftigt, etwas im Haus reparierend oder Koffer schleppend, wobei er immer den Kopf tief nach unten und zur Seite wandte, um mich nicht wieder erkennen oder grüßen zu müssen, oder in den Parks rund um das Sanatorium, aber er verdrückte sich schnell oder machte einen weiten Bogen um mich.
Im Gegensatz zu Zoran war Gordana aus der ausschließlich ex-jugoslawischen Putzfrauenbrigade – sie kam fast täglich in mein Zimmer – erfreut über meine spärlichen Worte in ihrer Muttersprache, mit denen ich sie lobte, ihr das Trinkgeld übergab, ein schönes Wochenende wünschte und den fortschreitenden Frühling vor der Loggia bewunderte; ihre leichte, mit erhobenem Lappen unterstrichene Rüge dafür, dass ich selbst Aschenbecher und Papierkorb ausleerte, brachte sie in bestem Gastarbeiter-Deutsch vor: Sie kuren, ich putzen, nix selber machen!
Das große Einzel-Zimmer mit nüchterner und praktischer Eleganz schien mir nach dem ersten Überblick geeignet, es hier drei Wochen aushalten zu können. Vor allem die geräumige Loggia vor der Glaswand mit dem Blick von Osten nach Süden bis Halbwest, machte mich sicher, dass ich die Anstalt einigermaßen gut überleben würde. Das Bad wurde geprüft. Die Gondeln der Stubenbergbahn kreuzten sich im Auf- und Abwärts genau alle 20 Sekunden hinter drei Tannen und zwei noch kahlen Birken. Die zu einem Hügel ansteigende Wiesenmulde füllte sich im Laufe dieser drei Wochen immer mehr mit grünendem Gras, Löwenzahn und Himmelschlüsseln. Am Zaun begannen an den Haselsträuchern die Palmkatzerl zu blühen, darunter entdeckte ich im Zoom der Kamera Buschwindröschen und Leberblümchen. Ab und zu tauchte vor meinem Loggia-Platz eine dicke Katze auf, stillsitzend wie eine in schwarz-weissen Marmor gemeisselte Statue, den Blick gebannt auf den Boden gerichtet, wahrscheinlich auf Mäusejagd. Ich vermisste jetzt schon meine Katze in Wien, die ich einer nicht vertrauten, aber im ersten Eindruck liebevollen und verlässlichen Katzensitterin überlassen hatte.

Schnell war ich in den Strudel der Kur eingetaucht, der Hausordnung, dem Therapie- und Essplan und den Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Ich überließ mich ab sieben Uhr früh den heißen Radon-Wannenbädern, der Massage, den Fango-Behandlungen, den RadonInhaationen und dem Wechselstrom, später der Gymnastik am Boden und im Wasser, den Unterwassermassagen, den Radlerpartien am Standgerät und dem Nordic Walking. Zu insgesamt acht verschiedenen Therapien war man eingeteilt, meistens fünf bis sechs davon über den Tag verteilt - 65 sollten es werden in diesen drei Wochen. Dazu konnte man noch rund 30 verschiedene Behandlungen privat buchen.

Im Speisesaal hatte ich den Tisch Nr. 4 zugewiesen bekommen, zusammen mit mir noch die Fließbandarbeiterin Petra, ihr Lebenspartner Kurt, ein Gabelstaplerfahrer aus Bad Hall, und der ewig lächelnde, mit schief gehaltenem Kopf Buschauffeur Mirko, ein Ex-Jugoslawe, der aber so wenig sprach, dass ich bis zuletzt nichts über seine Herkunft herausfinden konnte. Aber nach meinen gemischten Erfahrungen mit Zoran und Gordana versuchte ich auch keine weitere Stümmelkonversation auf Serbokroatisch mehr.

Unter den elf Tischen im Speisesaal fiel mir einer auf, besetzt mit fünf Personen, drei Frauen und zwei Männern. Nicht nur, weil er der nächste Tisch zu meinem war, so nahe, dass ich einiges von den Gesprächen mitbekommen konnte. Anfangs die Namen, mit denen sie sich von der Früh an laut begrüßten: Moagn, moagn, Sabine, Silvia, Walter, Hermann und die Deutsche Maren.
Sabine ist eine Altenpflegerin in den Vierzigern aus Graz-Umgebung, die schon zum Frühstück um dreiviertel sieben gepflegt, gestylt, mit Schmuck gehangen, herausgeputzt wie für einen Clubabend immer als Erste erschien. Sie war am ganzen Körper knusprig braun. Als ich einmal eine bewundernde Frage stellte, bekam ich die Auskunft, dass sie über Weihnachten in Sri Lanka gewesen sei, aber auch ins Sonnenstudio geht. Sie wechselte nicht nur wie wir alle, je nach vorgeschriebener Therapie, die Kleidung, sondern auch zum Mittag - und Abendessen ihre Outfits, wobei sie es noch schaffte, sich zum Abendtrunk an der Bar des hauseigenen „Kaffee Ofenrohr“ in Partyschale zu werfen. Was ich wirklich bewunderte, waren ihre Fingernägel aus dem Nagelstudio, lang, bunt bemalt mit Tupfen, Flecken oder Bildchen mit einem weißen Rand an den Enden, Krallen, mit denen sie ihre Pfleglinge sicher so beeindruckte, dass sie schnell das Zeitliche segneten. Sie hat ein Handy, das mit einer rosaroten Hülle umgeben ist und ein baumelndes Silberkettchen wie es 10-Jährige schon als no-go ablehnen.
Silvia ist eine pummelige Hausfrau mit zwei studierenden Kindern und einer dementen Schwiegermutter zu Hause. Sie hat offenbar keine ähnlichen Ambitionen wie Sabine, sie trägt Tag für Tag den gleichen Pullover und eine fettzeichnende Hose, in verschiedenen Farben, sehr praktisch: Verheiratet, ein Mann, 2 Kinder, seine Mutter, ein Haus, eine sichere Position. 30 Kilo weniger und sie wäre die hübscheste von allen gewesen. Sicher ist sie aber die lauteste Lacherin, eine richtige Kuderin, Kaskaden perlten geradezu aus ihrer zurückgeworfenen Kehle und wieder herunter über Doppelkinn über die einheitlichen Rundungen von Busen und Bauch. Ich fand nie heraus, was an diesem Tisch immer so lustig war. Vielleicht war es allein die dreiwöchige Befreiung von dem beruflichen und heimischen Pflegealltag. Sabine hat am langen Osterwochenende frei und fliegt nach Mallorca, Silvia muss bei der Mutter bleiben, freut sich aber auf den Besuch ihrer Kinder. Ihr Mann Hermann ist ein durchtrainierter Nebenerwerbsbauer, der jeden Nachmittag mit seinem Mountainbike oder den Nordic Walking-Stöcken in die Landschaft ausrückte. Von Walter bekam ich außer seinem Dauerreden – und -Lachen nicht mehr mit, als dass er wie Günter an meinem Tisch am selben Tag den 58. Geburtstag feierte, am Samstag vor Palmsonntag. Er bekam eine Flasche Zirbenschnaps und ein gesungenes Ständchen mit dem unsterblichen Unsinnlied „Walter, ach Walter“. Dieser Tisch war auch der einzige, der manchmal nach dem Abendessen eine Flasche Wein bestellte, was mir auffiel, weil in der Anstalt eigentlich Alkoholverbot bestand. Walter war der größte Witzemacher und Unterhalter, der sicher an jedem Stammtisch der Star war. Wegen seines kärntnerischen Dialekts konnte ich mir vorstellen, dass er im Nebenberuf vielleicht ein Karnevalsprofi aus dem nicht weit entfernten Villach sein könnte. Aber er war ein Naturtalent, erfuhr ich aus einem zufällig mitgehörten Gespräch in der Nachbarkabine des Wannenbades. Ob das seinem Beruf - als Gemeindeangestellter von Mallnitz-Obervellach war er für Begräbnisse und den Friedhof zuständig- geschuldet war oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbringen.Es gab auch an anderen Tischen laute Lacherinnen, auf Tisch Nummer 7 zum Beispiel eine pensionierte Lehrerin aus Tirol, die an jeden ihrer Sätze eine Lachtirade von oben nach unten und wieder hinauf hängte.
Wer einmal einen Almabtrieb erlebt hat, wird an eine solche urige Glockensymphonie erinnert. Oder an die aneinander schlagende Milchkannen, wenn sie leer wieder ausgeladen werden. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Berufszeit zu wenig gelacht. Ich war mir sicher, dass es Sabine, Silvia und Gitti waren, die gar nicht mehr zu lachen, kichern, sich zerkugeln aufhören konnten, als ich der bulgarischen Gymnastiktrainerin Bogumila verbot, mich zu berühren. Anfangs entzog ich mich ihr unwillig, als sie mich zum Vorzeigen einer Übung benützen wollte. Als sie es noch einmal versuchte und meine Knie mit beiden Händen umfing und demonstrierte, wie die Übung auszuführen sei, zu deren korrekter Beschreibung ihr Deutsch nicht ausreichte, stieß ich sie von mir und ließ laut vernehmlich für alle 15 Leute im Trainingssaal hören:
- Bitte, lassen Sie das, ich will das nicht!
Einem hilflos am Boden, am Rücken ausgestreckten Menschen so etwas anzutun, war für mein Gefühl ein Überfall, zumindest ein Übergriff. In der hinteren Ecke begannen drei Frauen hellauf zu lachen, von denen sich zwei bald einkriegten, die dritte aber fast bis zum Ende der halben Stunde Gymnastik immer wieder von neuem zu gigeln und zu kichern anfing, als würde sie gekitzelt. Ganze Tonleitern auf und ab perlten aus ihr heraus. Ich setzte mich kurz auf und überzeugte mich, dass es Gitti war, neben ihr lagen, schon verstummt, Sabine und Silvia. Tagelang quälte ich mein Hirn auf der Suche nach einer passenden Antwort, die sie bloßstellen und zugleich als ein Gegenangriff empfunden werden sollte. Ich unterließ es aber letztlich und beruhigte mich, als ich den Vergleich mit einem unpassend lachenden Kinopublikum fand, das manchmal aus Angst und Verlegenheit scheinbar grundlos lachte. Angstabwehr nennt man das in der Psychologie. Aber in dieser Schicht hatte ich natürlich meinen Ruf weg. Dass ich die einzige Wienerin war, einen Doppelnamen und akademischen Grad hatte, half auch nicht gerade, mich bei den Alpenländlern beliebt zu machen. Von der Rezeptionistin über die Ärzte bis zum letzten Therapeuten weideten sie sich an meinen Abnormitäten, wenn die meinen Namen mit Titel und in voller Länge von vier Teilen aufriefen.
Aber den tieferen Grund für das allgemeine Dauerlachen vieler Kurgäste sah ich doch in der fortschreitenden Regression und Infantilisierung durch den Kuralltag: Diese erwachsenen und zum Großteil älteren Menschen werden von früh bis spät versorgt: In die Wanne mit heißem Radonwasser gelegt, in Tücher gewickelt, massiert, in heiße Fango-Erde eingepackt, mit Schläuchen bespritzt und bei drei Mahlzeiten gefüttert. Die Vögelchen im Nest mussten nur die Schnäbel aufsperren.
In meinem Fall hat mir jemand sogar das Verdauen und Ausscheiden abgenommen, also war wahrscheinlich auch meine Verstopfung Resultat der allgemeinen Regression.
Keiner muss den ganzen Tag lang einen Finger rühren, das Leben wird einem abgenommen und auf ein perfekt organisiertes Fließband gelegt, von dem man nach drei Wochen wieder ausgespuckt wird. Einen Brief - das Therapieprofil - in den Händen, ich habe meinen bis heute nicht aufgemacht und gelesen.
Diesem vegetativen Zustand verfiel auch ich sehr schnell, wunderte mich anfangs über meinen Rückfall ins Frühkindliche und begann ihn allmählich in vollen Zügen zu genießen. Meine selbstverschuldeten, mehr als zwei Wochen anhaltenden Verdauungsprobleme warfen mich mich noch mehr auf das Baby-Dasein zurück. Um den toten Hund in den Gedärmen loszuwerden, stopfte ich Magerjoghurt, Dörrpflaumen und Sauerkraut in mich hinein. Hektoliter von Verdauungstees und schwarzem Kaffee flossen durch mich ohne die erhoffte Wirkung. Noch nie war ein solches Problem aufgetreten. Nun aber hatte ich einen Feind in den eigenen Eingeweiden hocken. Das Schlimmste war, dass er nicht etwa von außen gekommen war, sondern ich ihn selbst angezüchtet, angefüttert hatte. Er leckte mir aber nicht dankbar ergeben die Hand, sondern schnitt mir mit Messern durch die Gedärme, durch das Becken in den Oberschenkel bis zum Knie.
Als die althergebrachten Hausmittel nichts nützten, griff ich leicht verzweifelt zu den Nordic Walking-Stöcken und marschierte jeden Tag eine Runde über die Elisabeth-Promenade und klammerte mich mit den Augen an die herabstürzenden Wasserfälle und die vom Schmelzwasser angeschwollene Gasteiner Ache, damit sie auf meinen Verdauungsapparat Eindruck machen sollten. Ich benutzte prinzipiell keinen Lift zwischen den Stockwerken und den Chalets auf den verschiedenen Niveaus und sprang über die Stufen, um den toten Hund loszuwerden. Ich hatte das Gefühl, dass er mir schon zum Hals herausstand - und bald sicht- und riechbar würde. Mir war dauerübel. Die einzigen, die von meinem Problem profitierten, waren meine essfreudigen Tischnachbarn, denen ich viel hinüberschob und die Kuranstalt, bei der ich immer mehr Mahlzeiten abbestellte. Letztlich entschloss ich zu einem Canossa-Gang zur Alten Hofapotheke und kaufte Spezialtees, Tropfen und Zäpfchen im Großhandelsmaßstab. Am Ende der zweiten Woche war ich nahe daran, von der Loggia auf die Wiese zu springen. Lange stand ich an der Brüstung und schaute hinunter auf die Löwenzahnwiese. Das würde ich überstehen, aber in der Kur war man im Krankenstand, und durfte sich keiner außertourlichen Belastung aussetzen, wie etwa Schifahren, Mountainebiking, Extremklettern und wahrscheinlich auch Loggia-Stürzen nicht.
Viele meiner Mitkurer missdeuteten mein ständiges Laufen durch die Gänge und mein Springen über die Stufen rauf und runter.
Na, hammas wieder eilig, spät dran, gell, so viele Stufen, kommentierten sie mitleidig und mitwissend, wenn ich vorbei hastete oder drei Stufen auf einmal nahm. 120 habe ich gezählt innerhalb und zwischen den Häusern, Außentreppen nicht eingerechnet, noch einmal 28.
Die vielen Menschen mit sichtbaren Leiden konnten nicht ahnen, wobei mir das Laufen und Springen helfen sollte. Ich galt als besonders aktiv und sportlich, dabei wollte ich doch nur wieder sch…... zu können. Das größte Missverständnis. Mein bewegliches Verhalten brachte mir bei den Männern einen Spitznamen ein „das Reh“ ; von den Frauen an den Nebentischen glaubte ich ich allerdings etwas von Goaß zu vernehmen und ein meckerndes Lachen dazu. Aber das haben nicht meine natürlichen Ohren gehört, sondern meine sich Fledermaus artig ausbreitende Paranoia.

Die deutsche Maren aus Reutte in Tirol blieb mir bis zum Schluss ein Rätsel. Mit 72 Jahren war sie die Älteste in dieser Runde, an den 22 Tagen der Kur jeden Tag zu jedem Auftritt war sie unterschiedlich angezogen, immer elegant im Stil einer Boutiquen-Verkäuferin mit den passenden Schuhen, Ledertaschen, Schals, Tüchern, Ponchos und viel Echtgold- und Silberklunker. Obwohl ein bisschen tattrig, vergesslich, leicht verwirrt und gesundheitlich angeschlagen – sie konnte bei vielen Therapien nicht mitmachen - war sie am Tisch laut und dauergesprächig, dabei kam ihre Stimme aber so schnattrig herüber, dass ich wie aus einer Horde mit Gänsen ihre einzelnen Geschichten und Witze nicht verstehen konnte. Sie sprach dabei so ausgeprägt norddeutsch, reichsdeutsch oder piefkinesisch hätte man früher in diesen Gegenden gesagt, ohne vom geringsten Einschlag ins Österreichische angekränkelt zu sein, wie sie es schaffte, in dieser Runde so angenommen zu werden. Geschweige denn wie sie zu einer österreichischen Krankenkassenkur kam. Vielleicht konnte sie mit ihrem Aussehen und Auftreten wie für einen Abend in Monte Carlo den Eindruck erwecken, dass sie immens reich und wichtig sei. Alle ihre Sätze begannen mit ich und im weiteren hörte man noch meine Tochter, meine Enkel, die Firma heraus. Ich sah sie nie etwas anderes essen als Suppe, Magerjoghurt und Sauerkraut. Dafür rauchte sie wie ein verstopfter Kamin und hatte eine Stimme wie der Star vom Moulin Rouge, im Rauchersalettl vor dem Haupteingang war sie immer Mittelpunkt. Sie hat viele Krankheiten, Knochenschäden, zu hohe Schilddrüsenwerte, Atembeschwerden und war untergewichtig mit der Figur einer Zwölfjährigen. Ihr feines, zu jeder Tageszeit perfekt zurechtgemachtes Gesicht hatte die Farbe von vergilbtem Seidenpapier, zerknittert und durchsichtig, manchmal in Silbrige scheindend. Immer, wenn ich sie ansah, erschrak ich; nicht, weil sie unhübsch gewesen wäre, durchaus nicht, wenn sie größer gewesen wäre, könnte sie auch einmal gemodelt haben oder heute noch für Silberrückenmode posieren. . Aber ich meinte immer, es müsste knistern oder leise rieseln wie Kalk im Gebälk oder kleine Wölkchen von Rauch oder Asche um sie aufsteigen. Konnte man das Rieseln des Sandes im Uhrglas hören? Es war nichts zu hören und zu sehen, so wie man es bei ihrem Anblick erwartete. Dass nicht eintraf, was man erwartete, das machte den Schrecken aus. Das erinnerte mich an die grauenvollen Tage mit einem Scirocco in Sizilien, der einen fast um den Verstand brachte, weil er trotz allen Tosens des Meeres, Rasens durch die Dorfstraßen, Klapperns aller Gartenmöbel, des Fensterlädenrüttlens und Heulens um die Häuser und die niedergedrückten Bäume keine Erfrischung und Abkühlung brachte, wie wir es sonst von Winden gewohnt sind, sondern im Gegenteil noch mehr Hitze und Schwüle aus der Sahara.
Wirklich zu bewundern war Marens Organisationstalent; mehrmals pro Woche schaffte sie es, einen Friseur aufzusuchen– im Hotel Excelsior, De Luxe, Grand? - und mehrmals Stil und Länge ändern zu lassen, so deutlich, dass beim Abendessen im Speisesaal anfangs von nichts anderem die Rede war, manchmal ausgesprochen und laut, manchmal wie ein Raunen. Diese oberösterreichischen, salzburgerischen und kärntnerischen Ko-Gebietskrankenkassenkurempfänger gingen mit Marens pronounciertem Piefketum humorvoll und locker um. Mehrmals habe ich sie Mariedl oder Mitzi, Madl, kum her do, rufen gehört. Maren war auch an anderen Tischen begehrt, sie wechselte oft kreuz und quer über die Gänge hinweg oder stand in der Mitte und machte Konversation nach jeder Seite.

An meinem Tisch dagegen ging es fast so ruhig zu wie in einem Trapistenkloster; Mirko lächelte ewig aus seinem schief geneigten Kopf und schwieg wie ein Fisch, mehr als danke, chvala und kein Problem, nema problema habe ich nie von ihm vernommen. Petra und Kurt waren damit beschäftigt, das Essen zu genießen, andächtig und langsam, sie schoben einander unauffällig die Leckerbissen zu, sie zelebrierten die gemeinsamen Mahlzeiten. Beide sind 2-Schichtarbeiter und haben einander höchstens an Wochenenden. Mir gefiel besonders, dass sie sich vor dem Zulangen immer an die Hände fassten, kurz in die Augen schauten, auf den Mund küssten und „an guatn“ wünschten. Das kenne ich von oberösterreichischen Katholiken. Petra hat auf ihrem Handy nicht nur ihre Kinder und Enkelkinder vorzuzeigen, sondern auch die kleine Hauskirche auf ihrem Grundstück, die seit 1856 im Besitz ihrer Familie ist. Erst vor kurzem wurde der Glockenturm erneuert; ihr 78-jähriger Vater kletterte auf das Dach und hängte eigenhändig die von ihm renovierte Glocke auf. Fenster und Mauern brauchen noch etwas Arbeit – alles zu sehen auf den Fotos der vorgezeigten Handy. Die Freizeit verbrachten sie jeden Tag in der Felsentherme, abends gingen sie manchmal tanzen. In den Bergen oder auf meinen Ortsstreifzügen durch Hofgastein traf ich sie nie.

Maren, die Deutsche, war vom Aussehen und Auftreten her die auffälligste Person in unserer Kurschicht. Ich wunderte mich: Sie musste, um dorthin zu gelangen, eine österreichische Krankenkasse, also eine österreichische Arbeitsgeschichte haben. Bei der Ankunft habe ich mitbekommen, dass sie ihre Tochter aus Reutte in Tirol hierher gefahren hat, mit dem Auto, meine Tochter bleibt eine Nacht, ihre zwei Kinder sind in Betreuung, im Raucher-Pavillion sehe ich kurz die Tochter, die nie mit ihrer Mutter spricht, sondern nur an zwei Handys mit ihrer Firma, ja, ich bin morgen Mittag wieder da.
Ich kam mit der Bahn an und bekam ein Taxi-Shuttle zum Kurhotel. Ihre Tochter lud drei Riesenkoffer mit dicken, silber umfassten Zippverschlüssen und Schnallen, und zwei lederne Reisetaschen aus dem Auto, daneben noch zwei kompakte Schönheitskoffer, Marke Samsonite, kenne ich, hatte sie früher auch.
Den Raucher-Pavillion besuchte ich nie wieder, ich hatte ja mein Einzelzimmer mit der sonnigen Loggia, mit prächtigem Ausblick auf die tief verschneiten Tauern, den Graukogel, den Kreuzkogel und den Stubenberg, und ein kleines Stück nach links auch noch hinunter ins Tal von Hofgastein. Vor mir lag die Eisenbahn mit dem Bahnhof. Der Blick auf das Bahnhofsgebäude selbst war verdeckt von der gläsernen Brücke über die Gleise und die Straße, aber ich konnte die aus dem Tauerntunnel einfahrenden Züge sehen. Vor allem aber hören. Trotz der meterhohen Schallmauern war ihr Lärm enorm oder sie verstärkten ihn noch mit ihrer Trichterform, vor allem die langen, schwer beladenen Lastzüge, die Tag und Nacht über den Tauernpass und durch die Schlucht von Bad Gastein donnerten. Donnern war das eine, das andere war ein langgezogenes und durchdringendes Quietschen, eben die Bremsen. Das Gefälle vom Böckstein-Tunnel her war groß, die Strecke gewunden, und die Züge mussten bremsen. Tonnenschwere Waggons mit Baumstämmen, Containern, Lastwagen – die rollende Landstraße. Immerzu musste ich an verzogene Containertürme, an verrutschte Baumstämme und schiefliegenden LKWs denken Am ersten Abend fürchtete ich, ich würde kein Auge zudrücken können. In welche Lärmhölle hatte mich die Krankenkasse geschickt? Ich, die immer schon in einem ruhigen Wiener Hinterhof ohne lautere Geräusche als das Amselflöten wohne! Aber ein Wunder geschah. Ich schlief am ersten Abend schon um 8h ein und mit nur einer Unterbrechung 8 Stunden lang ! Wundersam, ohne Albträume! Ohne jedes Hilfsmittel! Ich integrierte die Geräusche erstaunlich schnell in die Tage und Nächte und überließ mich fast wohlig dem Mahlstrom des Kuralltags.
Zug-, Flucht- und Tunnelträume, von Reisen in Kutschen mit wild gewordenen Pferden, von entgleisenden Hochschaubahnen und umstürzenden Einbäumen habe ich immer schon gehabt, solange ich mich erinnere. In meinem vegetativen Baby-Zustand blieben die Nachtmarfilme aber vollständig aus.
Die Anstaltsärztin Dr. Anna Maria Stampfl, eine kluge und praktische Frau, der ich von diesem Wunder erzählte, erklärte es mit der Höhenlage Bad Gasteins von 1066 Metern und damit, dass wir eben Menschen seien und nicht Automaten, da ist alles möglich. Vollends nahm sie mich für sich ein, als sie am Ende ihres Einführungsvortrages die Frage an das Publikum stellte, welche außermedizinischen Faktoren denn zur Gesundung beitragen würden? Die Kurgäste, die nicht an das Frage-Antwortspiel gewohnt waren, schwiegen, bis ich in die Stille hinein sagte: positiv denken. Frau Dr. Stampfl strahlte über den ganzen Körper und verdeutlichte es noch: Jeden Tag dankbar sein und am Abend daran denken, was alles gut war. Da musste ich mich nicht umgewöhnen und war heftig an meine Großmutter erinnert, die auch nach diesem Wahlspruch gelebt hatte. Ich traf die Frau Doktor dann nur noch einmal, bei der Palmprozession vom Hauptplatz in die katholische Kirche St. Primus und Felizian , bewehrt mit einem großen, bunt geschmückten Palmbuschen.
Der ärztliche Leiter des Sanatoriums, das sich nicht so nannte, sondern nach dem Begründer Wetzlgut, war Dr. Simeon Marteanu, ein gebürtiger Rumäne. Anamnese und Erstuntersuchung führte er so, wie ich mir eine Armeeeinberufung vorstelle. Ausziehen bis auf die Unterhose, Arme zur Seite, nach vorne, nach hinten, Fingerspitzen, wenn möglich, bis
auf den Boden, Rumpf beugen, drehen links, rechts, auf die Waage und Blutdruckmessen. Bei den Männern wäre noch der unverzichtbare Griff unter die Hoden dazugekommen, auf dem Pferdemarkt noch der Blick ins Gebiss. Mein Vertrauen verlor er aber trotzdem, weil er mir auf die Schilderung meiner Verdauungsprobleme riet, Bananen als Diät zu essen, von Käse zu lassen und Zigaretten zu meiden. Das widersprach so sehr allem Wissen und meinen Gewohnheiten wie wahrscheinlich die Null-Diät in rumänischen Waisenheimen zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beigetragen hat.

Auch ohne den Herrn Doktor muss ich etwas länger beim Essen verweilen, weil es sehr schnell zum Hauptthema dieses Kuraufenthaltes wurde. Nicht nur, weil der Tag hauptsächlich nach den drei Mahlzeiten gegliedert war – Frühstück von dreiviertel sieben an bis neun Uhr, Mittagessen um Punkt 12h, Abendessen um halb sechs. Gleich nach dem ersten Tag bestellte ich prinzipiell die Suppe vor dem Mittagessen ab, das Dessert bekam Gabi und Günter und stornierte das Abendessen. Ich legte mir im Zimmerkühlschrank ein kleines Vorratslager an: eine Packung Pumpernickel, einen Block Magerkäse Nescafe- Briefchen, Kräutertees, Käsechips und hartgekochte Ostereier. Vom Frühstücksbuffet schmuggelte ich Schüsselchen mit Obstsalat und Gemüse ins Zimmer,, damit ich versorgt war, sollte abends Hunger aufkommen. Obwohl ich praktisch für jeden Tag das vegetarische Menü angekreuzt hatte, dürfte ich doch anfangs zu viel Fleisch und Wurst zu mir genommen haben, was ich von zu Hause nicht gewohnt war. Wahrscheinlich lag das Problem aber bei den Fetten, mit denen in der Kurküche gekocht wurde, die meine Gedärme nicht vertrugen. Sie begannen zu streiken und gaben fast nichts mehr von sich. Als ich das erkannte und die Notbremse zog, war es zu spät. Links, im absteigenden Dickdarm lag ein toter Hund und wollte mich nicht mehr verlassen.
Die Schmerzen, wegen der ich die Kur angetreten hatte, wurde ich ziemlich schnell los, zuerst die auf der linken Seite der Lendenwirbelsäule, in der zweiten Woche auch die bis ins Knie ausstrahlenden Beschwerden auf der rechten. Also war der Kurzweck erfüllt, und ich freute mich schon auf die vermehrten schmerzfreien Spaziergänge. Da machte mir aber der Dickdarm einen Strich durch die Rechnung. Seit sich die Schmerzen in der Lendenwirbelsäule verflüchtigt hatten, begann der tote Hund so zu schmerzen, dass ich manchmal nicht aufstehen und gehen konnte. Ich hatte den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Ich habe mir für die Ischias-Schmerzen einen Morbus Cron eingehandelt.
Den Stabsarzt konsultierte ich nicht mehr, sondern traktierte mich weiter mit den Hausmitteln, den bitteren Kräutertees, dem Joghurt, Dörrpflaumen, Sauerkraut und Schwarzbrot. Das mit Radon versetzte Heilwasser trank ich schon eimerweise, obwohl es in der Empfehlung hieß, man solle, je nach Körperbau, nicht mehr als einen halben bis einen Liter pro Tag zu sich nehmen. Meine Mahlzeiten schob ich immer häufiger zur Gänze meinen Tischnachbarn zu, Petra war überschlank und vertrug die doppelte Menge, der ohnedies rundliche Kurt aß alles gerne und ohne schlechtes Gewissen, und Petra ließ ihm sein Vergnügen und wünschte ihm immer lachend „an guadn“ - eine tolerantere Ehefrau habe ich noch nie erlebt.
In der dritten Woche kam für mich von unerwarteter Seite die Erlösung. Ich hatte privat eine Lymphdrainage gebucht – eigentlich eine Schönheitsmaßnahme - und erzählte der Therapeutin von meinem Leidensweg. Sie verabreichte mir eine Darmmassage und ertastete tatsächlich den ausgebeulten Dickdarm, den sie dann nicht mehr in Ruhe ließ. Nach einer zweiten und dritten Behandlung in den folgenden Tagen begann sich etwas zu bewegen, zu glucksen und zu rutschen, und dann verbrachte ich den Rest des Tages und die Nacht in meinem Badezimmer mit befreienden Sitzungen.
Die Kur, ein doppelter Erfolg! Nicht nur hatte ich die mitgebrachten Schmerzen besiegt, sondern auch das in der Anstalt eingefangene Leiden.
In der Freude und dem Übermut über die Genesung machte ich mich am vorletzten Tag zu einer Wanderung nach Alt-Böckstein auf, um den Heilstollen zu besichtigen. Ich wollte mich dort nicht behandeln lassen, sondern hatte nur eine touristische Schnuppertour gebucht. Als sich die Besucher vor dem offenen Bähnlein sammelten, sah ich unter den Wartenden auch den gesamten Nachbartisch mit Sabine, Silvia, Walter, Hermann und Maren samt der Lach- Gitti. Kurzes Begrüßen, und wir verteilten uns in den Waggons.
Das Angebot sah auch ein Glas Sekt vor und ein Überraschungsgeschenk – es war in ein Fläschchen Zirbenschnaps und ein Gesteinsbrocken in einem hübschen Leinensäckchen mit aufgestickten Zirbenbockerln. Die Besucherbahn lief auf schmalen Schienen wie ein Ariadnefaden in den Berg hinein und dreht ihre Runden durch die verschiedenen Verzweigungen des Heilstollens, vorbei an den auf Liegen ruhenden Patienten, die sich und ihre Leiden den Radon-Strahlen aussetzten. Am Scheitelpunkt hieß es aussteigen, und es wurde eine kurze Informationsveranstaltung mit Film angeboten. Mir war gar nicht wohl, entweder war es die Schwüle und Feuchtigkeit im Stollen, die mir Herzrasen bereiteten, oder ich war schon zu sehr mit meinem eigenen Radon angereichert, oder es war meine lebenslange Abneigung gegen Tunnels, Höhlen und dergleichen unterirdische Räume. Immer war mir bewusst, dass dies nicht mein ureigenstes Element war, eher die Erdoberfläche, das Wasser und von mir aus auch noch die Luft. In einem anderen Leben würde ich sicher eher Vulkan- als Höhlenforscherin werden. Ich entfernte mich von der Gruppe und bestieg schnell den nächsten zur Rückfahrt wartenden Zug. Fast im Laufschritt stürzte ich den Wanderweg aus dem Anlauftal hinaus, rastete mehrmals am Ufer der jungen Gasteiner Ache, fühlte nach meinem rasenden Puls und nahm den Postbus bis zum Sanatorium. Ich kam erst zum Stillstand, als ich mich in auf Nummer 662 auf das Bett fallen ließ.
Ich muss eingeschlafen sein, weil ich noch mit dem Horrorgefühl aus dem Stollen aufwachte. Wie immer hatte ich mich vom Abendessen abgemeldet, aber es klopfte an der Tür, was noch nie geschehen war, außer am Morgen, wenn die Putzfrau wissen wollte, ob sie das Zimmer betreten dürfe. Es war mehr ein Pochen, Trommeln oder ans Tor Schlagen. Aber es war nicht meine sanfte Gordana, sondern die Rezeptionistin und hinter ihm der Anstaltsdirektor, Herr Kurt Primsacker persönlich, etwas aufgelöst, wie mir schien, er, der immer nur korrekt und in alpiner Edel-Haute Culture gestylt auftauchte, mit fliehender Stimme, zerwühlten Haaren und verrutschtem enzianverzierten Leinentüchlein im Hemdausschnitt.
- Frau Magister, sind Sie da? Wo sind die anderen?
- Warum nicht da? Ich bin da. Welche anderen? Ich war sicher noch zu traumverloren oder radonvergiftet und verstand nichts.
- Bitte, kommen Sie herein.
Die Rezeptionistin zog sich zurück, und der Direktor betrat mein Zimmer, das ich zum Glück aufgrund meiner notorischen Ordentlichkeit wie immer im Zustand der Unbewohntheit hinterlasssen hatte.
Sie tuan kuren, ich putzen, Sie nix aufräumen tuan, fiel mir die stets mahnende Gordana ein.
- Sie sind nicht zurückgekommen, haben Sie sie gesehen?
Ich setzte mich auf und versuchte mich zu sammeln. Ein Großteil der 2. Schicht, die nach uns die Mahlzeiten einnahm, waren Privatpatienten, die sich im Stollen einer Behandlung unterzogen. Ich sah sie jeden Morgen sich vor dem Haupteingang versammeln, wenn sie mit dem Bustaxi abgeholt wurden. Einige von ihnen hatte ich auf meiner Schnupperfahrt durch die Stollen erkannt, obwohl sie dort in Badebekleidung oder unter Handtüchern auf den Betten lagen. Manche hatten dem Besucherzug zugewunken und dann wieder ihre wunden Körper hoffnungsvoll der heilsamen Strahlung aus dem Fels zugedreht.
- Haben sie das Taxi versäumt oder ist das Taxi nicht gekommen. Direktor Primsacker schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen durch die ohnedies schon zerwühlten Haare. Die gepflegte silberne Mähne, fast so lang und voll wie die seines hübschen, blond gelockten Sohnes, der manchmal an der Rezeption praktizierte, stand ihm vom Kopf und er wischte sich mit einem aus dem Grobleinensakko gezogenen Taschentuch die schweiß- glänzende Stirn. Er war in größter Aufruhr, und ich musste mich erst sammeln und die Stollenbilder vertreiben.
- Frau Magister, bitte, was haben Sie gesehen?
Erst langsam wurde klar, dass die Gruppe vom siebener Tisch plus Tiroler-Gitti nicht in die Anstalt zurückgekommen war.
Der Direktor schlug vor, er flehte geradezu, dass wir zur Rezeption gehen sollten, dort hätte er alle Telefone und vielleicht auch andere Augenzeugen zur Verfügung. Da erst bemerkte ich, dass ich die Bergschuhe zu meinem Schlummer nicht ausgezogen hatte. Der Empfangssaal neben der Rezeption glich einem Bienenstock, die erste Schicht des Abendessens war versammelt, dazu noch die Hausarbeiter und einige Taxifahrer. Alle sprachen durcheinander, der Lärmpegel war erheblich. Ich suchte mir einen Platz in der Ecke, wo ich meine Zeitungen zu lesen pflegte. Unwillig rutschten die Leute zur Seite und schauten auf den Boden. Ich spürte es körperlich, dass sie mich für irgendetwas schuldig hielten, eine Energie der Aggression, um vieles stärker als der Reizstrom bei der Behandlung. Der Direktor baute sich auf den Stufen auf, verschaffte sich mit Händeklatschen Gehör und stellte die momentane Situation klar:
- Sechs Kurgäste sind bis jetzt aus dem Stollen nicht zurückgekommen, wer etwas dazu weiß, soll es sagen, bitte. Das ist noch nie vorgekommen. Aber es wird sich alles erklären lassen und lösen, meine Damen und Herren! Bitte, Ruhe bewahren.
Der Direktor selbst zeigte aber ein gegenteiliges Bild, er zupfte abwechselnd an seinem Halstuch und an seiner Haarmähne herum, die Bartstoppeln an seinem Kinn schienen in doppelter Geschwindigkeit zu wachsen.
Es fing an ein Taxifahrer, der die Leute in einem Kleinbus zum 2 Uhr hingefahren hatte und um 4h30 Uhr wieder abholen sollte, so wie es bestellt war. Aber sie kamen nicht. Er wartete und rief die Rezeption an, ob sich etwas geändert hätte. Nein.
Der Mann erinnerte sich, dass sie etwas später vom Wetzlgut abgefahren seien, weil eine ältere Dame etwas vergessen habe und noch einmal auf ihr Zimmer zurückgelaufen sei, aber später als 14h10 sei es nicht gewesen, als sie losfuhren, das hat er auf der Zeitanzeige gesehen neben dem Lenkrad. 20 Minuten Autofahrt bis zum Stollen, mehr nicht. Sie sind am Parkplatz ausgestiegen, sie haben noch geraucht, dann sind alle gemeinsam rein. Mehr weiß er nicht, er hat umgedreht und ist zurück auf seinen Standplatz vor dem Bahnhof. Die Rückfahrt hat ein Kollege übernommen. Der ist gerade nicht da, weil er eine Tour hat, er kann keine auslassen, muss verdienen, er hat vier Kinder. Da poltert es in den Eingangstüren, Polizei- und Bergwachtpersonal, Feuerwehrleute und die üblichen Flugretter betraten die Stube, martialisch die einen wie die anderen, wenn auch unterschiedlich kostümiert.
Lange ging es hin und her mit den Befragungen, auch ich kam dran, aber ich konnte nicht mehr aussagen, als dass sie mit mir reingefahren sind, ich sie aus den Augen verloren habe und dann wieder raus bin. Wir sind ja auch nicht gemeinsam als Gruppe hingekommen. Die Polizei nahm meine Aussage auf und ließ mich weiter in Ruhe. Ein alter Tiroler neben mir murmelte:
- Der Berkh hots gholt und gibt sie nimma her. So sans, die Berkg.
Er muss einmal Volkskundler gewesen sein.
Eine Asthmatikerin, die schon seit vielen Jahren in den Stollen fährt, will wissen, dass der Berg sich selbst versiegelt, er verschließt seinen Bauch.
Und die sichtbar an schrecklicher Psoriasis leidende Nachbarin unterstützte sie:
- Ja, er rutscht jedes Jahr in sich zusammen, um ein bis zwei Zentimeter, soviel wie Fingernägel wachsen. In vierzig Jahren hat sich der Stollen selbst verschlossen.
Andere unterhielten sich über die Möglichkeit, ob sie vielleicht von Grubenhunten verschleppt worden oder in eine alte Steinmühle gefallen seien.
Der weit fortgeschrittene Morbus Bechterev machte es der Schweizerin mir gegenüber unmöglich, ihren Blick gegen Himmel zu richten, aber zumindest ihre verkrüppelten Arme konnte sie noch leicht in die Höhe strecken:
- Ein Wunder ist geschehen, sie haben die Grenze überwunden und sind im Paradies.
Sie schien eine überirdische Vision zu haben, vielleicht die Erlösung von ihrer Krankheit.
Mit Ekstase in der Stimme setzte sie noch eine apokalyptische Drohung hinzu:
- Verflucht sei, wer mir nicht glaubt.
Vor ihrem Paradies warteten offenbar nicht die Engel mit den Silbertrompeten.
Warum sich unter Bechterev-Patienten besonders viele Äsotheriker befinden, kann die Statistik nicht erklären.
Sie setzte gerade dazu an, den Garten Eden in den Farben der Hölle zu beschreiben, als sich der bodenständige Volkskundler noch einmal vernehmen ließ:
- Dös sein sicha de totn Berkhleit vom Goldstollen gwen, hiazt tuan sa si rächan, denan entkummt nieamand nimma.
Ich fühlte mich von so vielen Möglichkeiten entlastet. Aber für die Polizei waren das alles Aussagen, mit denen sie nicht viel anfangen konnte, gehörten sie doch in den Bereich des vergriffenen Buches „Sagen und Märchen aus dem Gasteinertal“.
Der Fall „Gasteinerstollen“ wurde nach Wochen als ungelöst abgeschlossen im Archiv abgelegt. Nach anfänglichem Interesse vergaßen ihn auch die Medien bald.

Nur eines war auffällig, aber niemand verfolgte das weiter oder brachte es in Zusammenhang mit den sechs Verschollenen. Im Telefonhäuschen vor dem Polizeiposten von Mallnitz-Obervellach, wo der Tauerntunnel nach Kärnten mündet, klingelte es einige Male. Wenn der Kommandant abnahm, war nur ein Hauchen zu hören, ein Keuchen und Kratzen wie von Raucherhusten oder einem hechelnden Hund, verstümmelt, zerbrochen und abgerissen. Lausbuam, verflixte, murmelte er, kratzte sich und schüttelte den Kopf.
Als im nächsten Frühjahr rund um das Telefonhütterl sechs junge Zirben aus dem Boden sprossen, dachte schon lange niemand mehr an das Geheimnis des Stollens.



Strange events permit themselves sometimes the luxury of occuring.
Charly Chan


Veronika Seyr, 30. 4./1.5.17