Dienstag, 19. Juli 2016

Sieben Meere

Meditationen über Karl Lubomirskis Gedichtband, Wien, Löcker 2015, 155 S.
Von Veronika Seyr


Zuerst ist da eine Zweierbeziehung, eine zwischen Karl Lubomirski und der Welt, ihren Dingen, Menschen, Orten, Zuständen.
Er schaut, beobachtet und lauscht. Er betrachtet die Dinge, und sie schauen auf ihn zurück. Er spricht die Dinge an, und sie sprechen zurück. Er horcht in sie hinein. Daher verraten sie ihm etwas, haben Botschaften, weil da jemand ist, der ihnen zuhört. Sehr genau, mit feinstem Ohr, tiefster Spurensuche dreht er sie um sie und sich herum, entläßt sie, fängt sie wieder ein, läßt sie ins Gegenteil kippen und macht sie so zu Instrumenten, um aus Dingen Leben zu machen. Er klopft die Worte ab, er klopft an die Worte wie an Geheimtüren und dringt in sie vor wie ein in sein Metier verliebter Höhlenforscher. Ein Leben wie ein Kaleidoskop auf einem Karussell, nach dem Regen unter dem Regenbogen im Sonnenuntergang, aus den Gruften in die Morgensonne. Alle Worte sind frisch und tragen doch Moosbärte. Die Sinnesorgane noch völlig verklebt vom eigenen Untergang, jubilieren wir wie die Schwalben über dem Dom von Krakau, den Gräbern der Via Appia und den sardinischen Eichenwäldern. Der Reichtum der Erde und ihrer Freuden kennt keine Grenzen. Hallo Leute, wacht auf, läutet er aus eingewanderten Kirchtürmen in Sardienen, oder er spendet Trost mit dem Haiku: HERBST/dich liebe ich/Frühling des Winters.
Jahreszeiten atmen, Bäume reichen dir die Hände, Steine sind nicht tot, sie verflüssigen sich unter den lebendigen Flechten, Türme sind eingefallen wie Wanderfalken und fliegen wieder weg, im Feuer zwei Körper, sie verbrennen nicht.
Lubomirski macht eine große, einfache Liebesumarmung um die Welt, die mich, alle und alles einschließt. Ich fühle mich genannt und einbezogen in den Kosmos seiner Poesie.
Wirklicheres ist mir kaum zugestoßen.

Die Dinge sprechen, weil ihr Betrachter sie liebt, bedingungslos, sie so sein läßt, wie sie sind, weil es für Liebe ja nie Bedingungen geben kann. Indem er sie in Liebe betrachtet und ihnen das Innerste ablauscht, kommen sie als Worte auf die Welt, werden sie zu Welt und Wirklichkeit. Jedes Gedicht eine Geburt.
Ein betörender Gedanke, dass Lubomirskis Schreiben eine Form des Liebens ist. Wenn Liebe auf Worte trifft, ist das Poesie. Liebende haben immer eine besondere Hörfähigkeit.

Er schreibt in der Gewissheit, dass die Zugänglichkeit der Dinge die Zulänglichkeit der Worte sichert. Aufschreiben heisst immer Mitteilen, Lesbarmachen, Bedeutung geben. Bei Lubomirski noch intensiver: Beseelen, die anima einhauchen.
Ich erinnere mich dabei an zwei spätmittelalterliche Darstellungen von Marias Empfängnis: die eine, in der eine Taube an ihr Ohr heranfliegt und sie auf diese Weise mit dem zukünftigen Erlöser befruchtet; in einer anderen, späteren, die ich besonders liebe, flattert die Taube vor Marias Mund, nicht ohne dass der Maler gestrichelte Linien zwischen dem knienden Engel, der Taube und Marias Mund zu zieht - ein überdeutliches Comic, fast eine Sprechblase, aha, da kommt alles her! Empfangen durch Ohr oder Mund? Dazwischen liegt, meine ich, der feine Bruch zwischen Alt- und Neuzeit. Das Ohr, das immer offene, empfangsbereite, aber passive Organ, der Mund, der aktive, der sich schließen oder öffnen läßt. Das Ohr hört, der Mund kann etwas sagen.
Und dann ein Gedicht.

Dazu kommt jetzt die Dreierbeziehung. Was machen diese Gedichte mit mir, mit ihren in Zeichen, in Buchstaben gedruckten Worten? Die in ihren vom Dichter genau gesetzten Formen weitere Bedeutungsebenen erschließen, je nachdem, wie man sie liest, vorallem, wenn man sie immer und immer wieder liest. Sie vervielfachen sich, aber nicht in Wiederholungen, auch nicht in Serien oder in Variationen wie in einer Fuge, sondern am ehesten wie vielstufige Kaskaden eines Wasserfalles, über dem Regenbögen aufsteigen und in vielfältige Farben zerspringen.
Ich kann nichts interpretieren, sondern nur feststellen, dass die Bilder, die sich auftun, etwas anstellen, etwas bewirken, etwas tief in einem ergreifen und zum Klingen bringen. Lubomirskis Gedichte haben einen Hallraum, der den eigenen, vielleicht verschütteten, aufschließen wie einen vergessenen Goldaderstollen, eine Diamantenmine. Diese Gedichte tun einem gut, wie eine über den Kopf streichelnde Hand oder eine zärtlich ins Ohr geflüsterte Tröstung. Liebevolle Erschütterungen.

Man kann sagen: Wir kennen uns nicht persönlich, aber auf der Via Appia oder in Sardinien war ich auch schon. An vielen anderen Orten seiner Gedichte auch, aber an den meisten noch nie. Ob in den kaiserlichen Gärten von Kyoto oder in den Steppen Tibets, er macht einen zu Hause dort. Irgendein Gegenüber muss ihm vor Augen gestanden sein, ein Du, oft aber Selbstansprache, und im Wir und Ihr sollen, kann jeder gemeint sein, der die Einladung annimmt. Verdammt hinter all den längst schon besiedelten und beseelten ästhetischen Kulturorten, die schon lange vor uns bessiedelt waren. Diese Tiefe der Zeit, das Vorleben der Dinge, die Prähistorie der Beziehungen bis hin zum betroffenen Leser des heutigen Tages – das zieht einen in eine Karl Lubomirski eigene Ewigigkeit und Raum der Unendlichkeit. Was ist ein Magier? Ein Überwinder von Raum und Zeit, an dessen Tätigkeit ich teilnehmen darf.

Wenn man zu den Formen kommt, zu den angeblich klassischen und deren Definitionen,
stehe ich bei Lubomirski vollkommen an. Aber ich bin ja keine philologische Leserin, sondern habe mit jeder Lektüre ein Privatissmum mit Poesie. Soviel verstehe ich: Er beugt sich keiner einzigen Form oder besser, er beugt sie alle, sogar das minimalistische Haiku bricht er noch einmal herunter.

Soviel zu Gestalt und Inhalt. Es lohnt sich, einen Blick auf die gängigste Denkfigur zu werfen, für die L. eine besondere Vorliebe hat. (Gewagt, denn ich weiss nicht, ob man das „Technik“ nennen darf und ob er sie bewußt anwendet). Sie besteht in der Technik, dem Leser in einer einer scheinbar hoffnungslosen Situation doch noch dadurch eine positive Aussicht zu eröffnen, dass ihm durch einen plötzlichen Gedankensprung oder eine abrupte Volte die Möglichkeit geboten wird, die Situation aus einer anderen Perspektive zu überschauen oder sogar zu seinen Gunsten zu wenden.
GEDICHTE/ Die Eisblumen/der Erwartung. DER HIMMEL/wird dich töten/. Der Himmel,/ aber er stellt keine Fallen.
L. denkt aber auch in die umgekehrte Richtung. SCHULAUSFLUG/Beneide sie nicht,/ diese Jungen und Mädchen,/die die Gruben nicht kennen/und nicht die Löwen,/und nicht/die Schrift/an der Wand.
Für ihn gilt Novalis` ästhetischer Merksatz: Beim Kunstwerk soll das Chaos durch den Flor der Ordnung durchschimmern.

In dem Buchtitel gebenden Gedicht „Sieben Meere“ heisst es: Keine Zeit mehr/für Weiß, Schwarz, Sichel/Hammer/Grün und Rot, Streifen, Sterne/Kreuze, Moscheen, Tempel/keine Zeit mehr/…/Hinter der Zukunft/Sieben Meere der Hoffnung.
Wie düster auch immer die Welt aussehen mag, an ihrem Ende und am Ende des Verstandes steht immer eine Hoffnung, wenn man offen und bereit genug ist, diese wahrzunehmen. Dazu ruft er auf. Das ist die Botschaft, sollte es eine geben. Das ist die Verführungskunst des Dichters. So lasse ich mich gerne verführen.

Lubomirski ist ein Nomade zwischen Himmel und Erde, ein Nomade zwischen Zeiten, Menschen und Ländern. Sein lebenslanges Reisen findet seinen Niederschlag in Gedichten über seine Wahlheimat Italien, im Näheren Milano, aber sie führen einen in einem ganzen Zyklus nach Sardinien, nach Norwegen, China, Tibet, Japan, Krakau, Cernowitz, auf die Malediven und immer wieder nach Griechenland. Es tönt die Luft/vom Blühen der Linden;/aber/in der Tiefe des Baumes/schläft ein Boot/über den Styx.

Obwohl oder gerade weil L. fast sein ganzes Leben mit und in der Sprache verbracht hat – es ist sein 14. Gedichtsband – weiß er um ihre Grenzen und die Gefahren des Sprachgebrauchs. L. glaubt nicht an große Welterklärungen, sondern steht immer voller Staunen vor Rätseln, die oft eine schöne Gestalt haben, aber nicht zu lösen sind. DEZEMBERTAG/Ich weiß nicht,/was mir die Sonne/erzählen wollte./ Aber ich ahne,/ dass es etwas sehr/Schönes war.
Oft nimmt L. einen scheinbar kleinen Gegenstand ins Auge – eine Blume, einen Baum, Stein, Vogelflug, Ort, Traum und läßt daraus einen ganzen Kosmos entstehen.
ALB/Mir träumte/ich war eine Maus/Und du/eine lautlos Eule,/und als ich erwachte,/ staken im Herzen/geschliffene Krallen.
GEDICHTE/Die Eisblumen/ der Erwartung.
KEIN VULKAN/speit/ fremde Lava.
EWIG LEBEN?/Wem?
Man erlebt die die Wucht der Schlichtheit, das kleinstmögliche Chaos gebändigt in Form eines blitzenden Apercus.

Welche Welten und philosophische Gedankenräume können aus nur fünf, drei Worten sich auftun, wenn sie so aufgestellt sind, wie Karl Lubomirski es tut.
Ich stehe in Staunen und Dankbarkeit vor Wundern und muss immer wieder innehalten: Er kennt mich. Er meint mich. Er hat mich durchschaut, erkannt und will mir nichts Böses. Von wem läßt sich si etwas schon sagen. Er hat mich in unserer gemeinsamen, wie lange vergessenen Ursprache angesprochen. Von der Lyra eines Orpheus im Lorberhain angeschlagen, die Klangschale im Wind.

Lubomirski lesen heißt, eine Reise machen durch die Herzen der Menschen. Von diesem liebenden Dichter lasse ich mir freiwillig und freudig ins Herz greifen.



Veronika Seyr
Pfingsten 2016

Open House mit Kafka am 3. Juni 2016 in Kierling

Der Himmelbauerplatz unterhalb der Kierlinger Kirche ist eine Asphaltfläche mit sechs Parkplätzen für Anrainer, weitere vier sind dem Ärztezentrum vorbehalten. Zur Kierlinger Hauptstrasse hin, gegenüber der Volksschule, blühen gerade die Linden und setzen sich trotz ihrer Jugend mit ihrem Duft gegen die Autoabgase durch. An der Ostseite steht das Denkmal für den am 3. Juni 1924 im Sanatorium Hoffmann verstorbenen Schriftsteller Franz Kafka, gelegen zehn Hausnummern weiter stadtauswärts. Der grobe Steinblock sieht aus, als wäre ein Meteorit vom Himmel gefallen und hätte sich hier in den Asphalt eingerammt. Aus einer Einbuchtung an der Vorderseite ragt eine schwarz-metallene Büste heraus, es soll wohl Kafka sein. An der rechten Seite ist eine rotgesprenkelte Marmortafel mit vier groben Metallschrauben befestigt, und mit gold- gerahmten Lettern sind die Lebensdaten des Schriftstellers eingraviert: Dr. Franz Kafka, *1883 in Prag, +1924 in Kierling.

Zumindest seit Picasso verlangt niemand eine anatomische Ähnlichkeit, aber die Sehnsucht nach einem Schimmer von einer geistigen Nähe, Anhänglichkeit, sogar Liebe bleibt angesichts dieses Denkmals ungestillt. Es ist in seiner ganzen massiven Erscheinung abweisend und so aufgestellt, das man es unbedingt über- oder darüber hinwegsehen muss. Das tun die an- und abfahrenden Autofahrer auch. Von Rosen- und anderen im Juni blühenden Büschen eingerahmt, so wie sie überall auf jedem öffentlichen Platz und in Einfamilienhäusergärten wachsen.
Ich sitze auf einer Bank des Verschönerungsvereins Klbg. neben dem Klotz. Alles ist sehr nett und adrett, offensichtlich gepflegt, ich kann nicht feststellen, ob für den Parkplatz, das Ärztezentrum oder das Kafka-Denkmal; kein Müll, keine Papierln, keine Kippen, und alle Parker gliedern sich brav in die weißen Parkstreifen ein, die Radfahrer in einen raiffeisengelben Ständer. Es ein ewiges Geheimnis der Gemeinderatssitzung wird bleiben, warum man dem deutsch schreibenden, jüdischen Schriftsteller aus Prag, den ansehnlichen Platz vor der Jugendstilkirche, nur fünf Stufen aufwärts, nicht zugestanden hat.
Die letzten Spazeirgänge durch das Maibachtal, die letzten Blicke von seinem Balkon in die Hügel, die letzten Gerüche von Straße und Pfingstrosen.
Im Ort gibt es neben dem Sterbehaus noch einen Kafka-Steg und eine Kafkagasse.

Absicht, ja und nein, gedenken wollen und doch nicht oder nicht zu sehr, frage ich mich, als ich auf der Bank neben dem Denkmal sitze, an meinem Sandwich nage und aus meiner Thermoskanne lauwarmen Kaffee trinke. Es ist der 3. Juni 2016, ich mache Pause von meinem Raumdienst im Sterbesanatorium an seinem 92. Todestag. Ich bin die dienstjüngste der vier ehrenamtlichen Kafka-Witwen.
Über den Asphaltplatz schaue ich auf die Baustelle der Firma Bosnj. Dom (bosnisches Haus), die gerade einen Wohnkomplex hochzieht, an der Ecke, wo seit 1788 der Gasthof "Zum grünen Baum" stand, bis er vor einem Jahr abgerissen wurde. Die Arbeiter machen den Dachstuhl fertig und geben ein kakophonisches Konzert aus Hämmern und Elektrobohrern ab. Eine barbarische, aber sicherlich vernünftige Entscheidung der Gemeinde Klosterneuburg-Kierling, die sicher Wohnraumbedarf im Grünen hat. Der Gasthof war schon lange leergestanden. Die Hintergründe kenne ich nicht, aber für mich ist es eine Demolierung von kulturellem Erbgut. Ich erinnere mich gut an dieses Gasthaus, nicht nur das älteste weit und breit mit einem schattigen Garten aus alten Kastanien und Linden, ein hinterbrühliger Ort, an dem man sich Schubert in Gesellschaft seiner Freunde gut vorstellen konnte. Die ganze sich vier Kilometer lange im öden Autoverkehr windende Hauptstraße entlang gibt es kein einziges Einkehrlokal mehr. Das erinnert mich daran, dass diese Gemeinde schon früher auch die Überreste der Synagoge abgerissen und stattdessen eine Gedenktafel angebracht hat.
Ob diese verkehrsumbrauste Ecke ein attraktiver Wohnort sein würde, fragte ich mich zwischen dem Jausenbrot und den immer noch befremdeten Blicken auf den Kafka-Klotz neben mir, meines Wissens das einzige Monument in Österreich.
Gedankenloser ist nur noch der Wackelstein beim Sanatorium von Matliary in der Hohen Tatra.

Man muss Milde walten lassen und darüber nachdenken, warum bis auf diese zwei Denkmäler - schwankend zwischen Hilflosigkeit und Verhöhnung - keine Kafka-Skulpturen bekannt sind. Wie viele gibt es denn von Shakespeare, Mozart, Goethe, Schiller, Puschkin, Heine, Hugo, Rodin oder Chaplin, alle diese Victorias, Friedriche und Franz Josephe. Und viele andere. Vielleicht kommt das daher, dass bisher niemand Kafka mit einer Skulptur gerecht werden konnte, es gewagt hat, seine schmale, mit 182 Zentimertern hochgewachsene Körperlichkeit in den Raum zu stellen. Vielleicht haben sich viele bekannte und unbekannte Künstler schon an Kafka abgemüht, wer weiss, mit welchen Materialien: Stein, Metall, Holz, Gips, Gold, Silber, Porzellan, Glas, Alabaster, Perlmutt, Elfenbein, Bernstein, Sandelholz, Plastik, Papier, Pappe, Titan oder Tüll. Und alles wieder verworfen, in Scham und Demut alle Versuche zerstört und tief eingegraben haben. Einer, der das nicht getan hat, ist Jaroslav Roda, er hat einen Bronze-Koloss von 3,75 Metern Höhe und 700 Kilogramm Gewicht in Prag aufgestellt. Auf den Schultern eines riesigen leeren Mantels reitet ein Zwerg, der wahrscheinlich Kafka darstellen soll – er ist angeblich der „Beschreibung eines Kampfes“ nachempfunden. Ich persönlich vermisse Kafka-Monumente nicht, mir genügen seine Worte. Vielleicht liegt es auch daran, dass die relativ neue Kunst der Fotografie Kafka am ehesten entspricht. Es existieren viele dokumentierte Fotografien von Kafka, die meisten aus dem Familien- und Freundeskreis. Bis auf die erzwungenen Kinderbilder, allein oder mit den Schwestern, zeigt er keine Scheu vor der Kamera. Immer schaut er mild-freundlich in die Kamera, er läßt sich mit dem Apparat ein, fast kokettiert er mit ihr und bleibt doch leicht entfernt von der Szene. Man sieht einen überschlanken, gutaussehenden, ausgewählt elegant gekleideten Mann, leicht nach vorne geneigt, mit mild angedeutetem Lächeln, im scharf geschnittenen Gesicht auffallend große Augen, der Kopf oft gekrönt mit einem hohen, breitkrempigen Hut. Auch sein ausgeprägter Hinterkopf und schlanker Hals könnten einen Bildhauer entzücken. Soweit bekannt, ist Kafka nie anderen als Fotokünstlern Modell gestanden.
Die Gedenkstätte im Sterbehaus auf der Kierlinger Hauptstraße 187 – ein Stiegenhaus, zwei Zimmer und ein Balkon- kommt einer adäquaten Würdigung am nähesten. Nachdem sie seit 1982 in düsteren, grindigen Räumen mit einigen Schaukästen dahingedämmert hatte, nahm sich die Kafka-Gesellschaft einer umfassenden Umgestaltung an mit dem Architekten Michael Balgary und der Vizepräsidentin Charlotte Spitzer als von Kafka beseelter Designerin.
Seit der Wiedereröffnung vor zwei Jahren sprechen diese zwei Räume eine vorsichtige, ehrerbietige, weil nichts und niemanden vereinnahmende Einladung aus, sich dem Menschen Franz Kafka, seinem Werk und seinen letzten sechs Lebenswochen zu nähern. Voll und minimalistisch gleichzeitig, als sollten die letzten Atemzüge nicht gestört werden. Fotos, Gegenstände und Dokumente an Wänden und in Vitrinen, die Lebensdaten affichiert, eine nachgebaute Ecke mit einem damals üblichen Spitalsbett, gebrochenes Licht, weisse Laken mit Zitaten, Bücherborde, zeitgemäße Aufnahmen von Kierling und seiner Umgebung, so wie sie Kafka damals gesehen haben könnte. Etwa den Blick von seinem Sonnenbalkon in den Garten des Sanatoriums und auf den gegenüberliegenden Wienerwaldhang. Man kann ihn betreten und sich einlassen auf die inneren Bilder von den letzten Blicken, man kann seinen Augen nach links zur Kierlinger Kirche folgen, von der jetzt durch nachgewachsene Bäume und Neubauten nur noch das Turmkreuz wahrzunehmen ist; der Bergrücken im Blick geradeaus ist jetzt viel dichter bewachsen als vor 92 Jahren. Er reicht hinunter bis ins Maibachtal, ein großer Name für einen schmalen Weg entlang einem nicht einmal einem Meter breiten Bacherl, das aus Maria Gugging kommt. Biegt man am großen, neueröffneten Hofer-Markt links zum Maibach ein, kommt man an der Rückseite des Gartens an einer versteckten Pforte vorbei, auf der man, wenn man einen Tip bekommen hat, noch ein verwittertes und verwachsenes Schild „Sanatorium Hoffmann“ erkennen kann. Da könnte Kafka, gerahmt und gestützt von Dora Diamant und Robert Klopstock, durchgetreten sein auf ihrem Spaziergang zum „Grünen Baum“.
Wenn ich auf diesem Balkon stehe und zum Maibach hinunterschaue, mag ich die Vorstellung, dass Kafka einmal, vielleicht mehrmals, sicher nicht später als Ende April, Anfang Mai 1924, weil er danach schon zu schwach war, durch den Garten, durch die Pforte, durch das Maibachtal zum „Grünen Baum“ und zur Post spaziert ist, Briefe und Karten aufgegeben hat an die Eltern, die Geschwister, an Onkel Siegfried, an Max Brod, Manuskripte an den Verlag.

Das dreistöckige Haus Nummer 187 auf der Kierlinger Hauptstraße ist ein unscheinbarer, spätklassizistischer Bau, der an der Westseite seltsam abgerissen wirkt, wie ein verstümmelter Stockzahn. Immer wenn ich mich von der Station des 239A an der Lenaugasse dem ehemaligen Sanatorium nähere, bedauere ich, dass ich nicht über die Inbrunst einer Gläubigen verfüge, die sich einem Heiligtum nähert. Aber sobald ich das Haustor aufsperre, hinter dem eigenartigerweise links immer ein Besen steht, als würde ein Odradek auf mich warten, spüre ich ein hauchfeines Momentum. In einem kindlichen Orakelspiel bemühe ich mich, nicht auf die im Fussboden des Vorhauses eingelassenen Mosaiksteine mit der Jahreszahl 1906 zu treten, damit ich die unsichtbaren Fußstapfen nicht zer-störe. So wie wir als Kinder manche Ritzen zwischen den Steinen ausgelassen haben, damit etwas Bestimmtes eintritt oder ausbleibt. Da ist Kafka darübergegangen. Es gibt auf der ganzen Welt sonst keinen Ort, von dem man das mit Sicherheit sagen kann. Wenn man sich in diesem nüchternen Haus in frühere Zeiten hineinschwelgen möchte, muss man das innerlich tun, mit Hilfe der Vorstellungskraft.
Und dann wieder Kafka lesen.
Am 3. Juni 2016 stehen in prächtigster Rosafülle Pfingstrosenstöcke im Vor- und Hintergarten des ehemaligen Sanatoriums. Eine seiner letzten Sorgen hat er auf einem Sprechzettel festgehalten. Sie gilt der richtigen Behandlung des Pfingstrosenstrausses in seinem Zimmer. (Wer hat sie ihm gebracht? Woher stammen sie? Aus dem Sanatoriumsgarten, wo solche immer noch wachsen und blühen. ) Wie auch immer: Er hat sie wahrgenommen und genossen. In einer flachen Schale, damit die Stengel nicht am Boden anstehen, so halten sie lange, ewig.
Charlotte Spitzer schneidet die mitgebrachten Pfingstrosen, ihre sind voll und weiss mit gelben Blütenständen, genau nach dieser Anweisung zurecht, verteilt sie in Glasvasen an mehreren Stellen, zündet neben der Fischer-Gesamtausgabe eine dicke Kerze an und zieht sich zur Sterbestunde zum Meditieren auf den Balkon zurück. Im Blick die letzten Blicke.


Veronika Seyr
Wien, 4./5. Juni 16

Kafka tanzen

Der Kopf mißt anders als die Füße.“

Über Charlotte Spitzers Kafka-Rezitationen und Zigas Tanz



Kafkas Prag, Kafkas Wien, Kafkas Berlin, Kafka und das Judentum, Kafka und die Frauen, Kafka und die Psychoanalyse, die Musik, die Kunst, das Recht, Kafka und sein literarischen Blutsbrüder Dostojewski, Flaubert, Kleist und Grillparzer, Kafka liest, Kafka reist, Essen mit Kafka, Kafka am Strand, Kafka macht Urlaub – man versucht Kafka in Untersuchungen und Beobachtungen von möglichst vielen Teilaskpekten nahezukommen und ihn, den Ungreifbaren, „in den Griff“ zu bekommen. Verfilmungen, Vetonungen und Theater-Bearbeitungen, kaum ein Winkel der Welt und von Kafkas Seele, der noch nicht beleuchtet worden wäre. Am 26. August 1911 notiert Kafka in seinem Tagebuch: „Im Kino gesesen. Geweint.“ Für Hanns Zischler der Aufhänger für ein ganzes Buch „Kafka geht ins Kino“, eines der erhellendsten über Kafka überhaupt. Aber für mich unerhört war, was ich im Programm für den 3. Juni 2015, Kafkas 71. Todestag, im Sterbehaus Kierling las: „Kafka tanzt. Rezitation und Tanz von Charlotte Spitzer und Ziga Jereb.

Ich gebe zu, dass ich anfangs skeptisch war und innerlich stöhnte:
Oh Gott, nicht schon schon wieder eine von der unseligen Kafka-Verballhornungen, sicher ein Übergriff, dachte ich hochmütig und abschätzig. Kafka lesen, Kafka hören, über Kafka sitzen und brüten. Im Deutsch-Unterricht meines Altnazi-Lehrers kam Kafka nicht vor, aber im Elternhaus war er vorhanden und gegenwärtig. Im Germanistik-Studium schrieb ich die zweite Proseminararbeit unter dem jungen Assistenten Wendelin-Schmidt-Dengler über „In der Strafkolonie“, 1968 lag die Parallele zu den KZs und Gulags greifbar in der Luft. Das reine Kafka-Lesen war etwas, was ich betrieb wie einen Geheimkult, gleich nach der Rilke-Besessenheit der frühen Jugendjahre. Ich lese seit Schul- und Studententagen Kafka, erfreue mich immer wieder von Neuem an seinen Texten oder plagte mich um Verständnis, unterschiedlich je nach meinem Alter und meinem Geisteszustand. Viele Jahre habe ich als Deutschlehrerin in einem Wiener Gymnasium meine Schüler mit Kafka „traktiert“ und oft von den Jugendlichen interessante Auslegungen bei Aufsätzen und Maturaarbeiten zu lesen bekommen. Dabei bin ich zur Ansicht gelangt, dass Kafka ein idealer Ansprechpartner und Projektionsfäche für Heranwachsende ist, weil er ihnen alle Möglichkeiten gibt, die sie zu ihrer Enfaltung brauchen, ohne sie festzulegen. Warum nicht auch: Kafka geht zum Friseur, Kafka ißt, schwimmt, wandert, reitet, spielt Tennis, hustet, niest, fährt Motorrad, der Gärtner Kafka.

Zurück zum Open House am 3. Juni 2015 im neugestalteten Kafka-Gedenkraum im Sanatorium Hoffmann. Charlotte Spitzer, in der Einladung ausgewiesen als Vizepräsidentin der Österreichischen Kafka-Gesellschaft, trug einige kurze Texte auswendig vor, allein vor dem Publikum sitzend, ohne Kostümierung, ohne irgendwelche Umrahmungen oder Zutaten anderer Künste.
Der unprätenziöse, genaue Vortrag der Texte, bei dem ich mich fragte, ob sie eine professionelle Schauspielerin sei und wo genau sie herkam, schlug die ersten Breschen in die chinesische Mauer meines Kafka-Purismus. Es müsste dort eigentlich gerumpelt und gedröhnt haben vor so vielen einstürzenden Mauern. Unter diesem Eindruck merkte ich, dass ich zum erstenmal von meiner konservatorischen Einstellung abrücken musste, dass man mit Kafka nicht herumfummeln sollte, sondern immer nur lesen und wieder lesen. Wie jemand die Bibel oder sein Brevier. Ich errinnere mich, dass ich auf der harten Bank nach hinten an die Wand sank und gerade noch sehen konnte, dass vieler der Besucher die Augen geschlossen hatten. Sie gaben sich offensichtlich an den Klang der Worte hin genauso wie ich und schwelgten in den viel gelesenen Texten und auswendig gewußten Worten. Aber irgendetwas zwang mich, ich musste wieder aufschauen, wollte wissen, was
diesen neuen Kafka-Ton ausmachte. Neuer Kafka-Ton? Kafka , das waren Buchstaben, immer in Büchern, aus den Eindruck ausmachte. Das war mein Kafka, ich erkannte ihn in jedem Wort. Aber es war noch mehr, es kam etwas dazu. Aber was war dieses Mehr?
Zuerst kann ich nur einen Rezeptionsvorgang beobachten.
Die Worte dringen tiefer ein als beim einfachen Lesen. Sie greifen tiefer in das Herz hinein und wühlen darin mit blutigen Fingern herum. Ich spüre das und muss mir das eingestehen, wenn auch noch mit Widerstand. Aber der schmolz und schmolz und irgendetwas breitete sich aus auf dem Boden unter den Füßen, ich stand unten knöcheltief im Schmelzwasser der Eisberge, oben stürzten immer noch die Steine dröhnend aus der Mauer. Ich wünschte mir ein Pfingstwunder, alle haben die Flammen über dem Kopf und verstehen das gleiche. Aufgehen in einer Flamme.
Charlotte verschwindet kurz hinter der Zwischenwand und kommt wieder mit einem Mann, einem jungen Tänzer, zurück, sie rezitiert weiter, scheinbar unbeindruckt, als sei er nicht da. Er umwindet sie wie Efeu ein Gemäuer, stumm, in unhörbaren Schritten. Jetzt starrte ich nur noch mit offenem Mund auf die Kafka-Worte, die sich im Raum zu materialisieren schienen wie in die Luft oder an die Mauern geschriebenen Menetekel. Charlotte und Ziga machten aus ihrer Präsentation eine 3-D-Animation in meinem Kopf. Ich suche nach den Worten, um den Vorgang zu beschreiben, komme aber nicht weiter als bis zu einer oberflächlichen Feststellung, dass etwas mit mir passiert, dass etwas geschieht, dass sich hier etwas Dramatisches abspielt.

Das Erklingen und Erlebnis des Textes im Raum vergegenständlicht sich in den Bewegungen der Rezitatorin und des Tänzers. „Der Kopf mißt anders als die Füße“, schreibt Kafka an Minze Eisner. Indem die Rezitatorin die Worte in den Raum entläßt, ihn also in Schallwellen, ihn in Physik umsetzt, und der Tänzer mit seinen raumgreifenden Bewegungen die Worte, die Sätze, den Text in Skulpturen umsetzt, werden sie sichtbar und erfahrbar.
Sie entwickeln und erweitern aneinander ihr Bewegungsvokabular. Wenn das stille Lesen sozusagen eindimensional ist, wird Rezitation und Tanz mehrdimensional. Sie fügen also dem Text ein Mehr hinzu, indem sie im Raum ein Koordinatensystem aufbauen.

Charlotte nimmt das Wort beim Wort und bringt es zur Besinnung. „Die Sprache spricht“, sagt Martin Heidegger. Sie lotet einen altneuen Sinn der Wörter aus. So nah kann man einer Sprache nur kommen, wenn sie sich – auswendig gelernt und im Gedächtnis abgelegt - in der Ferne befindet. Ihr gelingt, was Ingeborg Bachmann formulierte: „Einen einzelnen Satz haltbar zu machen, auszuhalten in dem Bimbam von Worten.“ Sie legt aus dem Bergwerk der deutschen Sprache Zusammenhänge frei, die einem Leser vielleicht nicht (mehr) bewußt sind. Die Distanz schärft den Blick für das Verborgene, das sich ansonsten der Wahrnehmung entzieht. Kafkas Worte begleiten dann die Hörer wie Vorsätze und Merksätze durch das Leben. Eine unerschöpfliche Quelle des Mit- und Nachdenkens. Spät erst entdeckte Kafka in sich eine verborgene Verwandtschaft mit den alten Talmudisten. Diese sahen in der Bibel ein Buch voller verschlüsselter Bedeutungen, denen nachzuspüren der Zweck unseres Erdenwandels ist. Kafka selbst: „Man liest, um Fragen zu stellen“. Charlottes Rezitationen als Talmudistenübungen? Hat sie Kafka „gebibelt“?

Zu den als „kafkaesk“ beschriebenen Phänomenen gehört sicher die ständige Auflösung von Nähe und Ferne, etwas oder jemand scheint nahe, driftet aber im nächsten Augenblick davon und verkehrt sich in sein traumartiges Gegenteil. Ein Detail gerät in den Blick, verhindert den Überblick und entschwindet gleich wieder. Als Beispiel dafür möchte ich die Szene im Atelier des Malers Titorelli im „Prozess“ anführen. Titorelli ist nicht einfach ein Bildermaler, sondern gehört ebenso zum „Gericht“, wie die zudringlichen Mädchen in dem Wohnhaus, das gleichzeitig auch Teil des labyrinthischen Gerichts ist, seine Rückseite oder ein Nebenflügel mit einem Gewirr von Treppen und Korridoren, in denen überall die frechen Mädchen lauern oder unvermittelt auftauchen und wieder verschwinden. Auch sind die Gegenstände nicht das, was sie vorzugeben scheinen. Eine Tür, zum Beispiel, die Schutz bieten soll, wird selbst schutzbedürftig. Obwohl der Eisenofen nicht geheizt ist, verbreitet er eine Hitze und Schwüle im Zimmer. Raumbegrenzungen wie Wände, Türen und Fenster sind durchlässig und verstärken die Ohnmachtserfahrungen des Angeklagten. Alles scheint offen zu sein, und doch gibt es kein Entkommen aus dem Alptraum des Nicht-von-der-Stelle-Kommens.
Beide bauen mit Text und Tanz an der Raumskulptur und entwickeln einen Erlebnisraum, in dem der Sprecher, sei es nun K., der Kübelreiter oder der Hungerkünstler mehr über die innere Verfassung der Figuren aussagen können. Das efeuartige, verschlungene An-nähern und Ent-fernen zeigt die Symbiose, die Kongruenz der beiden Bewegungen. Das Annähern ist ja doch nur das Verschwindenmachen der Entfernung. Sie richten sich nach einander aus
Der nimmermüder Versuch von K., sich aus der Ferne dem Schloss zu nähern. Der Versuch, sich dem angeblich nahen Schloss zu nähern, scheitert. Es bleibt nur der ent-fernte Blick auf das Erhoffte und Verwüschschte. Ein Vis-a-Vis von unverschränkbaren Welten. In ihren Auftritten fühlt man sich in Augenblicken, als seien sie vereinbar, keine Wahrheit, nur Trost.

Veronika Seyr
11.7. 16

Mein See – Sommersymphonien am Mondsee

Ein Ort des Trubels und der Stille, der Mythen und Legenden, persönlicher und kollektiver Erinnerungen


Den Vater meiner Mutter habe ich nie kennengelernt und weiss auch bis heute nur wenig über ihn. Er ist acht Jahre vor meiner Geburt gestorben. Die Tochter, auf die Namen Sieglinde Mathilde Hermine getauft, hat nie viel von ihrer Familie preisgegeben. Keinen ihrer Namen mochte sie und fand auch für keinen einen passenden Kosenamen. Unsere Vorschläge wie Siegi, Matti oder Hella lehnte sie ab. Papa nannte sie Mama. Einige wenige Gegenstände aus dem Besitz ihrer Vorfahren sind auf uns gekommen. Alle bewunderte ich: den gravierten Handspiegel aus Silber mit Kamm und Bürste, eine Rosenthaldose für Schmuck, eine Amethystkette, die ich als Sechsjährige beim Prinzessinnenspiel verloren habe - alle schienen mir von außerordentlicher Schönheit und mit Geheimnissen umgeben zu sein. Sogar von Mamas Stiefmutter, die sie als Fünfjährige bekommen hat, habe ich spät und nur aus zweiter Hand erfahren. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals nach ihrer Kindheit gefragt zu haben. Aus ihrer Salzburger Schulzeit hat sie Erinnerungen an die Trapp-Familie, mit deren einer Tochter die das Gymnasium besucht hatte. Vielleicht sind wir auch deswegen sieben Kinder geworden? Gesichtert ist: Großvater Karl Bruche war Ingenieur und Lehrer an einer technischen Schule in Salzburg und Wien. Die Vorfahren stammen aus Norddeutschland und aus der Zips in der Slowakei. In den Sommerferien bereiste er als Hobbymaler die Adria-Küsten. Einige Malbücher und einzelne Blätter sind erhalten geblieben und ruhen im Familienfundus. Als Kind habe ich gerne darin so gerne geblättert wie in Velazquez- oder Dürerbänden. Später schenkte mir meine Mutter ein Aquarell ihres Vaters, das eine Küste darstellt, wahrscheinlich in Istrien. Gerahmt von Pinien, treffen Meer und Himmel in einer Linie zusammen, an der linken Seite eingeschnitten von einem Felsenstrand. Wenn ich von meinem Schreibtisch aufschaue, zurückgelehnt wie an einen Pinienstamm, kann ich das warme Harz riechen und und die liebestollen Zikaden unter dem beständigen Meeresrauschen hören.
Ein Sehnsuchtsbild. Das Land der Griechen mit der Seele suchen. Beide Eltern waren Altphilologen und Germanisten. Was kann schon anderes dabei herauskommen? Dieses Bild hat wahrscheinlich, obwohl keine große Kunst, die Grundlage für meine Überzeugung gelegt, dass Kunstwerke in erster Linie Nutz- und Gebrauchsgegenstände sind. Lebensmittel, Überlebensmittel. Ich habe ihm vor Jahren einen schlichten Holzrahmen verpaßt, er könnte von einem Baum von dort sein.
Um dem ungekannten Großvater näherzukommen, habe ich mir immer gern vorgestellt, dass dies sein Lieblingsplatz war, dieser Blick aufs Meer unter den Bäumen, vom letzten Erdstreifen hinaus ins Unendliche. Wie er auf seinem einbeinigen Malerstockerl sitzt, ganz allein vor Sonnenaufgang im Nebel, wie in der Stille der Mittagshitze das Meer glitzert und sich im Sonnenuntergang gold-purpurn färbt. Die Farbe von reifem Weizen, hatte Homer festgestellt. Später auf meinen vielen Istrienreisen, habe ich einmal in einem Moment des Schauens gemeint, bei Bale, nördlich von Pula, genau diese Stelle gefunden zu haben. Julia hat dort ein Bild gemalt und dabei unwissentlich denselben Winkel gewählt. Vererbung des Blicks, gibt es so etwas?
Immer lebendig und präsent war der Salzburger Großvater aber mit seinem Vermächtnis, dem Sommerhaus am Mondsee. Welche Weitsicht hat er bewiesen, als er zu Beginn der 20-er Jahre ein Seegrundstück kaufte und darauf ein Holzhäuschen im Stil der Mondseer Bootshütten errichten ließ. Im Rücken die Drachenwand und der dreigipfelige Schober, vorne eine ein Meter hohe Steinmauer gegen den See hin, leicht rechts die stumpfe, gutmütige Nase des Schafbergs, gegenüber die sanften Wellen des Mondseer Hochmoors, später auch das Ungetüm der Autobahnraststation. Wieder ist er da, dieser Blick vom Ufer auf das Wasser, auf die Berge und in die Wolken. Morgenrot – Gutwetterbot, Abendrot bringt Regn und Kot – oder ging`s umgekehrt? Hat der Berg an Huat, wird das Wetter guat, hat der Berg an Sabl, wird das Wetter miserabel. Diese Bauernregel bewahrheitete sich immer, wie Papa leicht trimphierend feststellte, als hätte er etwas dazu getan. Er war der von Mama etwas respektlos genannte „Wolkenzutzler“, weil er ununterbrochen nach Westen, hinter unserer Hütte, in den Wetterwinkel Richtung Salzburg, schaute oder auf der Bank an der Hauswand sitzend, den Schafberg studierte, weil der angeblich alles verriet, was für die Wetterprognose wichtig war. Soviel ist sicher, dass wir uns nie an den im Abendrot rauschgolden angemalten und von Zuckerlrosa überhauchten Kalkwänden im Morgenrot sattsehen konnten.
Von diesem kleinen Uferfleck aus ließ wahrscheinlich schon der Großvater seine Blicke vom Almkogel über Scharfling bis zu den Felsstürzen und Geröllhalden auf der Brust des Schafbergs schweifen und runter, wo hinter dem Bergzwickel von Unterach der Attersee lag. Es ist leicht auszudenken, dass der Bruche-Großvater auch hier gemalt und gezeichnet hat, obwohl davon keine Spuren auf die nächste Generation gekommen sind. Oder vielleicht doch? Das Zeichentalent meiner Brüder und das meiner Tochter – stammt es von ihm? Der große Unbekannte hat uns viele schöne Sommer an diesem See geschenkt. Er hat für sich und uns mehr als eine Sommerfrische begründet, sondern nach der Geburtsheimat Mühlviertel uns in eine mindestens ebenbürtige zweite Heimat eingepflanzt, uns im Salzkammergut eingewurzelt, bis heute, in der vierten Generation nach ihm.
Die Seligkeit ist nicht zu überbieten, wenn man unter dem Glucksen, Gurgeln und zärtlichem Schmatzen des Sees gegen die Steinmauer aufwachte und sofort wußte – Ostwind- das Versprechen auf einen schönen Badetag. Über die Innenseiten des Daches zittern Kringel, die Wellen spiegeln sich in tanzenden Lichtflecken. Noch bevor man aufstand, meldeten sich die Schwaneneltern Hänsel und Gretel und ihre Jungen mit einem leisen Fiepsen, die Enten mit ihrem Geschnatter und verlangten ihr Frühstück. Wir pflückten Löwenzahn und Gras von der Wiese und bröckelten altes Brot in den See. Dass Schwäne schön aussehen, aber böse sind, erfuhren wir, als einmal der Hansl meinen Vater unter scharfem Zischen in den großen Zeh biss, so fest, dass der Nagel blau anlief und er lang nicht in die Schuhe kam.
Sogar die heftigsten Gewitter habe ich in guter Erinnerung, auch wenn Donner und Regengüsse tobten, die Blitze mit hohen Fontänen in den See einschlugen und der Sturm das Wasser aufpeitschte. Dann verwandelte sich das stille, sanfte Gewässer in Meeresungeheuer, vor denen sogar Odysseus Respekt gehabt hätte. Wir wußten uns aber in Sicherheit, weil es ja rundherum viele höhere Gebäude gab oder Bäume, dass die Blitze unsere kleine Hütte mit Sicherheit nicht treffen würden. Wir zählten immer von 21 aufwärts die Sekunden zwischen Blitz und Donner, soviele Kilometer war das Gewitter noch entfernt. Schaurig-schön war es, als einmal auf dem gegenüberliegenden Ufer ein Blitz in ein Bauerngehöft einschlug und wir stundenlang dem Niederbrennen zusahen. Unser privates Feuerwerk. Wie alle Kinder waren wir ein wenig grausam, dem Spektakel mehr zugeneigt als dem Mitleid. Wie wir unter dem Donnergrollen das Tatü-Tata der Feuerwehren hörten und im Licht der Blitze und des Feuers die Männlein mit Leitern und Schläuchen hinundher wieseln sahen, das Vieh, das aus den Ställen getrieben wurde und die Menschen händeringend durcheinander liefen. Aber was wollte man gegen das Schicksal machen, wenn man Brandlgschwandtner hieß? Seither weiss ich, dass es die Angst-Lust wirklich gibt.

Wir können uns alle noch an die Zeit erinnern, als die Schafbergbahn über dem langgezogenen Rücken ihre Rauchwölkchen ausstieß, zweimal in der Stunde.
Den Schafberg haben wir oft bestiegen, von jeder Seite, jeden Steig kannten wir, auf und ab, nur nicht die Schafbergbahn, die kannten wir nur aus der Ferne und kannten sie nicht, sahen immer nur ihre Rauchwölkchen über dem Schafsrücken aufsteigen oder flach liegen, je nach Luftdruck. In der Senke, knapp bevor es zum Hals aufstieg, hielt es still – das war die Mittelstation. Eine Fahrt mit diesem Wunderding der Technik konnte sich eine Familie mit sieben Kindern leisten. Nie. Auch in das Schafberg-Hotel waren wir nie eingekehrt. Diese steinerne Trutzburg mit den rot-weiss-roten Fensterläden blieb für uns verschlossen, wir bogen darum herum zum Adlerhorst und schauten dafür in die steilen Gräben des Nebengipfels hinunter auf die kühn segelnden Bergdohlen, die im Auftriebswind stehenden Bussarde und bei Glück auf Gämsen in Felsgraten und Latschen.
Als ich nach meinem Amerika-Jahr meine Gastfamilie durch Österreich, auch durch das Salzkammergut führte, lud sie mich zu einer Fahrt mit der Schafbergzahnradbahn und in das Hotel ein. Ich war nicht weniger gerührt als meine New Yorker Gäste, wenn auch aus anderen Gründen. Eine späte Enttäuchschung, als ich feststellte, dass die dieselgetriebene Zahnradbahn die Rauchfahnen schon lange künstlich herstellte.

In der Realzeit sind die Sinneseindrücke nicht getrennt, sondern eine Symphonie aller Sinne von Sehen, Hören, Schmecken, Tasten und Riechen. Am Mondsee wurde dazu noch der Gleichzeitigkeitssinn geschärft, die Verdichtung des Lebens. Alles war farbiger, klarer, schmackhafter, geruchsintensiver und mit Wundern gesättigt. Mit acht Jahren war ich mit der Mondsee-Initiation dran; das wurde erst möglich, nachdem die drei älteren Geschwister für erwachsen genug eingestuft wurden, im Sommer allein ihrer Wege zu ziehen. Da erst durften wir Jüngeren nachrücken, weil ja nie genug Platz für alle in der Hütte war. Wir hatten damals noch kein Auto, fuhren also umständlich von Tulln mit Bahn und Autobus nach Bad Schallerbach zu Onkel Karl, der in Bachmaning eine Gemischtwarenhandlung betrieb und einen kleinen militär-grauen Renault hatte. So einen, bei dem die Türen in der Mitte zu einander aufgehen und die Winker mit einem lauten Klicken auf den Seiten herausschnellen wie kleine Streckenwärter. Der brachte uns, ich weiss nicht wie, zusammengepreßt, zu fünft nach Plomberg am Mondsee, mit allem Gepäck. Papa fuhr mit dem Rad nach. Everything goes. Die eigentliche Sensation, an die ich mich erinnere, ist eine Flasche Schartner Bombe, die in dieser Gegend hergestellt wurde, gespendet von dem unermesslich reich scheinenden Onkel Karl und von der Tante Hermi ein Seidenzuckerl geschenkt bekamen. Die Kirschen von Bachmaning, ich weiss nicht mehr, ob bei Onkel Karl oder in einem Nachbargarten, sie sind bis jetzt noch immer die besten auf der Welt. Die Spannung in der Hand beim Griff in den Glasbehälter mit dem schrägen Hals, ich kann sie jetzt noch spüren. Die Seidenzuckerl der Tante Hermi. Das Göttergetränk in der dunkelgrünen, rundlichen Flasche mit einer gelben Zitron drauf, spritzig explodierte es im Gaumen und kitzelte auf der Zunge, bald schon war es warm und schlabbrig wie Kinder-Lulu. Es roch im Zustand der Zersetzung nach Kaugummi, wenn wir so etwas schon gekannt hätten. Aber in diesem Geschmack aus Scharten winkte die große, neue Welt!

Bei uns geriet fast jede Situation zum Wettbewerb. Wer sah in dem Bergzwickel hinter Regau als erstes den Attersee und rief als erster: „Ah, der See!“ Wer sah nach dem Hochmoor als erstes die Spitze des Schafbergs, das erste Segelboot am Mondsee? Wenn wir an einer Burg vorbeikamen, nie vergaß Mama das „Riesenspielzeug“ von Chamisso zu anzustimmen, in das wir wie trainierte Papageien im Chor einfielen: “Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt/Die Höhe, wo vor Zeiten, die Burg der Riesen stand… /
Bis zu den letzten Zeilen schmetterten wir durch den VW-Käfer: „Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer./Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.“ Gerade da tauchten die Ruinen von Burg Wartenfels auf halbem Weg zum Schobergipfel auf, und die heisse und beengte Autofahrt hatte ihr Ende. Ob die bildungsbürgerlichen Eltern uns damit die größere Realität von Dichtung praktisch vorführen wollten oder selbst nur ihren Spaß hatten? Wer kann das heute noch wissen. Auf jeden Fall trainierte Mama bis ins hohe Alter mit dem Gedicht- und Balladenschatz ihr ausgezeichnetes Gedächtnis. Sie hatte ein eigenes Wikipaedia im Kopf. Ein riesiger Silberschöpfer, einziges Überbleibsel eines Bestecks, hieß bei uns immer der „Suppenlöffel von der Burg Nideck“.

Am Mondsee erkannte ich, dass das Salzkammergut ganz anders roch als meine Donau-Mühlviertler-Umgebung. Das frisch gemähte Gras hinter unserer Hütte bis zum Hanslbauer, das Heu, der klare, nicht modrig-algige Geruch des Wassers, wie ich es von der Donau kannte, hier viel frischer, weil aufgemischt vom durchsichtigen Seewasser, vom zitronigen Schilf und angereichert mit den Wald- und Beerengerüchen.
Die ganze Schönheit des Lebens konnte einem in einem Sommersonntag aufgehen: Draussen in der Seemitte flattern weiße Segel im Wind, Reihe um Reihe ist aufgezogen. Wir haben Glück und sitzen in der ersten Reihe, denn unserem Ufer gegenüber liegen die Wendebojen der Mondseer Segelregatta. Postkarten- und Landschaftsmalermotive mit glitzernden, türkisblauen Wellen und Schäfchenwölkchen darüber. Das Licht funkelt und flimmert, als habe ein freigiebiger Zauberer Edelsteine ins Wasser geschüttet. Nachdem wir alle schwimmen gelernt hatten, durften wir das Holzboot des Tischler-Ebner-Nachbarn ausleihen, nach links bis zur Mündung der Fuschler Ache ins Schilf fahren oder nach rechts bis zum Hotel Plomberg. Später bekamen wir ein eigenes Ruderboot aus Plastik, das man leicht auf den Steg ziehen konnte. Franzi war der geborene Fischer und verbrachte viel Zeit im Boot, wobei er nicht einmal den Regen scheute, weil da angeblich die Fische noch besser anbissen. Mehr als einen ungenießbaren Weissfisch oder eine lebensmüde Aalrutte brachte er meiner Erinnerung aber nie nach Hause. Das Fischen ist das Ziel, nicht der Fisch, lautete einer von Papas Sprüchen. Ähnlich wie beim Wandern. Mir persönlich imponierte am meisten, dass der ganze See in Privatbesitz war und einer Frau gehörte (laut Wikipaedia heute 16 Millionen € wert). Die Gänge in das Allmeiersche Schloss in Mondsee, wo man die Fischarten lösen musste, hatten immer etwas von der Andacht einer Wallfahrt.

Wenn ich in die Tiefe der Erinnerungs-Bilder schaue, gefällt mir aber ein anderes noch besser. Wenn man vor Sonnenaufgang aufstand, und ich tat das, weil ich immer nur kurz schlief, konnte man den Fischer in seiner flachen, langgezogenen Zille hinausfahren sehen- hieß sie nicht Plätte? - eine einsame, aufrechtstehende Gestalt, im Morgennebel Netze auswerfend. Ein Bild wie von einer tausendjährigen Steinabreibung vom südchinesischen Meer hat sich eingeprägt. Wenn wir beim Frühstück saßen, bei Milch und Eiern vom Hanslbauer, Yoghurt und Käse aus der Mondseer Molkerei und Brot aus der Teufelsmühle, selbst eingekochte Him- oder Heidelbeermarmelade darauf schmierten, dann fuhr er die Saiblinge und Reinanken, Forellen und Hechte ein, die er aus den augelegten Netzen und Reusen einsammelte.
Ich kann nicht entscheiden, zu welcher Zeit der See am besten roch. In aller Früh, wenn Fische, Algen und Schilf zusammen ihre Gerüche an Land schickten oder in der prallen Sonne, wenn das Heu dufteten, die imprägnierten Holzbalken der Hütte in der Hitze siedeten oder nach dem Regen, wenn die Luft getränkt war mit Erd- und Waldgerüchen.
Obwohl wir oft genug Anlass hatten, über das Salzkammergutwetter, den Schnürlregen, zu jammern, der uns an den Badefreuden hinderte, habe ich auch die Regentage in schöner Erinnerung. Wenn die Tropfen anscheinend endlos an den Fensterscheiben herunterrannen und draußen die putzigen Duckanterl (Duckenten) und Haubentaucher ihr Köpfchen- unter- Wasser-Spiel aufführten, wir die Sekunden zählten und die Meter schätzten, wie lange sie unter Wasser bleiben konnten und wo sie wieder auftauchen würden. In der Geborgenheit des Dachgiebels, auf den staubigen Strohsäcken liegend, ein Buch auf den Knien, hörten wir dem vielstimmigen Trommeln und Prasseln des Regens zu. Wir hatten immer viele Bücher dabei und lasen um die Wette, spielten viele Gesellschaftspiele, Quartette oder Stadt-Land. Das Hüttenbuch lag immer bereit. Alles wurde aufgeschrieben, dieses Buchführen war vor allem Mamas Leidenschaft. Aber wie bei allem, hatten unsere Eltern auch für die Ferien ein Programm, niemand durfte einfach nur so in den Tag hineinleben. Oft wurden wir unter Murren, ausgerechnet bei schönstem Wetter, vom See in die Berge zum Wandern gestampert. In den ersten Jahren noch mit der Bad-Ischlerbahn, später mit dem Postautobus, in den letzten Jahren mit Papas VW-Käfer, klapperten wir Orte und Berge im ganzen Salzkammergut ab. Wir bevölkerten die Almen, Bergseen, Hütten, Schluchten und Latschenhänge, Adlerhorste und Gipfelkreuze mit ihren Gipfelbüchern und Stempeln. Ich glaube, wenn wir anderen Wanderern begegneten, fragten die sich, ob wir ein Kinderheimausflug waren. Wir hatten genagelte Goiserer an den Füßen, die mit knarrendem Eigensinn Blasen produzierten, Hubertuswetterflecke, die bei Regen schwer wurden als Ziegeldecken, nach Schaf rochen und auch in Tagen nicht trockneten; der Familienrucksack mit den Aluminiumproviantdosen ging zum Tragen reihum. In der am Gürtel baumelnden Feldflasche war nie Kracherl oder Sirupsaft, sondern immer nur reinstes Quellwasser. Auf mancher Almhütte waren wir dem Genusshimmel nahe, wenn wir einen Becher Buttermilch bekamen.
Wenn andere Kinder nach den Ferien von ihren Sommerfrischen am Atter-, Traun-, Hallstätter-, Altausseer oder Wolfgangsee schwärmten, mit ihren viel größeren Flächen, größeren Schiffen, berühmteren Orten, Hotels, Villen und namhaften Gästen, hielten wir dagegen, dass der bescheidene Mondsee das bessere Wasser habe und mehr Fische. Manche verstiegen sich sogar dazu, den Mondsee abschätzig als „Tor zum Salzkammergut“ zu bezeichnen. Was, wir sollten nur Türlsteher sein? Wie waren die Perle! Einmal geriet ich mit einer Freundin in Streit, deren Familie eine Villa a la Habsburg in Steinbach bewohnte, weil sie behauptete, nur die Salzburger und Steirer Gebiete gehörten zum Salzkammergut, nicht aber das ordinäre Oberösterreich. In gekränktem Lokalstolz hielt ich heftig dagegen: Unser Seewasser ist dafür in Sonnenperioden viel wärmer und weicher. Bis zu 28 Grad, eine Kinderbadewanne, in der man sich stundenlang suhlen kann, ohne blaue Zitterlippen zu bekommen und ohne die Eiseskälte wie in Hallstatt oder Gmunden mit dem unheimlichen, fast schwarzen Wasser oder gefährlichen Strömungen wie im tiefen Grund des Attersees. Ja, vor allem das weiche Wasser priesen wir, in dem man keine Seife zum Waschen brauchte und keine Geschirrspülmittel. Wir bewiesen immer wieder seine Trinkwasserqualität, indem wir bei unseren Luftmatratzenschlachten literweise Seewasser schluckten. Wenn wir vom Steg oder Boot ins türkise, kristallklare Wasser schauten, konnten wir metertief auch noch die kleinsten Spennadler erkennen und den weißen Kies am Grund. Während der Blaualgenpest verwandelte sich das türkise Kristallwasser in eine blaue Brühe, unappetitlich anzusehen, aber für die Schwimmer harmlos. Und von gutem Wasser verstehen alle Teile der Familie etwas. Waren doch die Männer der väterlichen Hälfte Bierbrauer und Wirte, die mütterlichen mütterlicherseit Weinbauern bei Baden. Aber es gibt auch wissenschaftliche Beweise für das gute Wasser des Mondsees. Es wird schon kein Zufall oder persönliche Vorliebe von Biologen gewesen sein, dass die Fischzuchtanstalt der Hochschule für Bodenkultur vor vielen Jahrzehnten in unserem Nachbardorf Scharfling eingerichtet wurde. Noch früher hinterlegte Kaiser Maximilian beim Fürsterzbischof seinen Wunsch, lieber in Mondsee begraben zu werden als in Innsbruck, was ihm aber verwehrt wurde.
Abgesehen von messbarer Wasser- und Luftqualität erschien mir alles um den Mondsee sauber, echt, unschuldig und unverdorben. Vielleicht weil noch eingehüllt in das „Jenseits von Gut und Böse“? (Religion: gut ist gleich schön) Vielleicht weil dort die Wurzeln der Eltern zusammenkamen? (Blut&Boden) Vielleicht weil es eine Urlandschaft war, der Prototyp einer Landschaft, in der die Menschen alles fanden, was sie zum Leben brauchten? (Blaueblumenromantik). Eine Mischung von allem, von allem etwas, was sich zu einem heilen Ganzen fügte. Weil diese Gegend in den überschaubaren Jahrhunderten keinen größeren Schicksalsschlägen ausgesetzt und daher von positiver Energie besetzt war? (Äsotherik) Weil sein Name auf die rührende Volkssage vom bayrischen Herzog Odilo zurückging? (Historismus). Mama wußte natürlich, weil sie alles wußte, dass der Name nicht vom Mond herkam, sondern dem alten Adelsgeschlecht der Mann.
Es gab sicher nicht so viele spektakuläre Berge, Gebäude und Menschen wie woanders, alles war lieblich und sanft bis zur Unscheinbarkeit. Zugegeben, unsere Schiffe „Mondsee“, „Helene“ und „Wartenfels“ waren viel bescheidener als die der anderen Seen. Aber wir hatten oft das bessere Wetter, weil der Mondsee nicht von so hohen Bergen umgeben war, an denen die Salzkammergut-Regenwolken leicht hängen blieben. Und schwere Gewitter, die oft Muren und Bergstürze brachten. Wir waren auch besser gefeit gegen die badehungrigen deutschen Touristenhorden, die die anderen Seen regelmäßig überfielen, sodaß kein Parkplatz und kein Bett freiblieb, man sich vor zudringlichen Blicken kaum retten konnte, die Grundbesitzer die Buchenhecken übermannshoch wachsen ließen, überall Tafeln mit „Privat – Zutritt verboten“ aufstellten, Ketten spannen oder Felsbrocken in die Einfahrt rollen mußten, die Preise in die Höhe schnellten und auf den Speisekarten so unselige Wörter wie Quark- und Blaubeeerkuchen, Brötchen, Frikadellen, Eisbein und Klöße auftauchten, auf den Badeplätzen es nur so von Schippen und Eimern schepperte, von Heinz- Jürgens und Annegrets und, nöö, kuckmal! dröhnte. Und wer hat – Hallstatt ausgenommen- etwas Ähnliches aufzuweisen wie die Mondseekultur mit Pfahlbauten und Einbäumen aus der Jungsteinzeit? Trotz all der illustren Orte konnte sich keiner mit so einem rätselhaften Namen wie „Schwarzindien“ schmücken. Das brachte einen doch gleich zu Kolumbus und Darwin. In der Kirche von St. Lorenz, mit den uralten Linden vor der barocken Pracht der zwiebeligen Doppeltürme, betete der dienstuende ugandische Priester für gutes Wetter. Weil er einen direkten Draht nach oben und zu den afrikanischen Wettermachern hatte, waren seine Gebete von größerer Wirkung als die Bayerische Wetterumschau.
Das Wort kannten wir wahrscheinlich noch nicht, aber wir fanden unseren See viel romantischer als die großen Nachbarn- wahrscheinlich sagten wir gemütlicher- weil viel mehr „unser eigener“ als die berühmten Touristenattraktionen. Meine altphilologische Mutter wird sicher so etwas wie „Locus amoenus“ von sich gegeben haben, nicht ohne auf die besondere Geschlechtssituation von Locus und Domus zu verweisen. Der Mondsee ist zweifelsfrei lieblich. Außerdem gehörten wir zu den den ältesten, stolzen Seegrundbesitzern, wenn auch nur von der Größe eines Tischtuches mit einer Einzimmer-Holzhütte aus groben Balken darauf, mit von Papa selbstgebauten, himmelblau lackierten Möbeln, einem Gaskocher mit erst einer, dann- welch Fortschritt-zwei Flammen und einer Gasflasche, mit vier Strohsäcken im Dachgiebel, einer Hühnerleiter, einem Plumpsklo, das alles ohne Strom und Fließwasser. An den Abenden saßen wir über Büchern und Schreibheften, wir spielten Städte- oder Blumenquartett, Kennst du Österreich, Mikado ohne Ende, in der Mitte Kerzen, später eine Gaslampe, heftig umflogen von allerhand Insektengetier. Ich kann mich an keine einzige Krankheit oder Krise erinnern, die uns am Mondsee erreicht hätte. Oder doch eine: Der jüngste Bruder Franz produzierte einmal einen Wutanfall, als ihn Papa zwang, den verhältnismäßig großen Weißfisch wieder freizulassen, weil er eh nur aus Gräten bestand. Aber gab es ein besseres Stroh und Heu aus dem Stadel oder Wasser aus dem Brunnen vom Hanslbauer? Kein Hotel konnte bessere Betten haben, kein Restaurant frischere Fische haben. Die wirklich großen Katastrophen kannten wir nur aus Erzählungen und kleinen vergilbten Fotos, als etwa beim Jahrhunderthochwasser 1954 der See einen Meter hoch im Hütterl stand, es einzustürzen drohte und die Familie zum Hanslbauern flüchten mußte. Oder als einmal ein Sturm die große Linde fast aufs Hütterldach geworfen hätte; sie wurde gefällt, und nur der abgeschnittene Stumpf vor der Türe erinnerte noch daran.
Wegen seiner schriftstellerischen Tätigkeit bekam Papa oft Gäste aus aller Welt, auch in Plomberg. Die Amerikaner sagten immer lovely, how lovely, und so many childrend, so sweet and cute und dachten wahrscheinlich, dass unsere Familienhütte für ihren Hund in Kentucky zu klein gewesen wäre.
Ich habe immer viel gelesen, beobachtet, nachgedacht und in den Nachthimmel hinaufgeschaut. Die Sternbilder lernte ich dort kennen und entwickelte eine typisch jugendliche Begeisterung, wenn sich zum erstenmal die Welt ins Unendliche ausdehnt. Als ich einmal im beginnenden Teenageralter dem Vater vom Kosmos vorzuschwärmen begann, sagte er so etwas Rätselhaftes wie: Verwechsle nie Quantität mit Qualität, Masse und Mensch. Und gab mir Elias Canetti und Ortega y Gasset zu lesen.

Die Luft war sauber und vollkommen dunkel bis hinauf zu ihrem Geblinke. Wenn es unter dem Dach auch in der Nacht noch zu heiß war, durften wir in der Wiese schlafen und wachten taubeschlagen auf. Der Klausbach rauschte damals noch vom Almkogel herunter in einigen Stufen von Wasserfällen, gleich neben uns schüttete er sich in einem kleinen Delta in den Mondsee, ein Sandstrand, wo wir spielten und von dem wir in Kübeln Kies für die Wege um die Hütte holten. Ein tägliches, morgendlich ungeliebtes Ritual für uns Kinder, die langen Fleckerlteppiche auszuschütteln und die Hütte auszukehren. Ordnung muss sein.
Ich hatte damals keine Vergleiche, aber Jesolo (sie sagten Dschesolo), Caorle oder Lignano Sie sagten Liknano), von denen damals schon manche Mitschülerinnen schwärmten, können nicht schöner gewesen sein. Da war ich sicher.
Sie redeten von Gelati und Tutti frutti, ich dagegen selig, wenn ich in der Mondseer Milchtrinkhalle ein Erdbeer-Frufru bekam. Das Viertelglas war braun, hatte eine Metallkappe und darunter eine zweifingerdicke Schicht von Marmelade. Der Löffel war überlang, damit man sich die Finger nicht ankleckertn sollte. So einen Löffel hatten wir bei uns nicht. Aber genau das liebte ich, das Abschlecken der Finger, des Löffels, des Randes und das ewige Auskratzen bis zum letzten Restchen. Auch das ist eine Mondseesymphonie, das helle Klingeln, unser Klingeln mit den Löffeln in den Glasfläschchen.
Einer unserer schönsten Spielplätze war der Klausbach, solange er nicht bei Gewittern wild wurde. Von der Mündung durchs wilde Bachbett sprangen wir rauf oder runter, von Stein zu Stein, in den natürlichen Badewannen dazwischen plantschten wir im eiskalten Wasser und kletterten an der Thekla-Kapelle den Wildsteig an das Steilufer hinauf. Ich müßte jetzt nachschlagen, d.h. googeln, wofür die Heilige Thekla zuständig war, dort und damals. Das Innere der Kapelle war übersät mit Bildchen, Briefen und Devotionalien: Beine, Arme, Herzen und andere unbestimmbare Körperteile, dazu Kerzen, Münzen und Blumen. Die Sträuße in den Vasen, das Tannenreisig und die Farne waren immer frisch, auch die Gaben von Beeren, Äpfeln und Nüssen, also mußten Menschen, Frauen, diesen Ort häufig besuchen. Ich erinnere mich an die Abbildung der Hl. Thekla mit einem Löwen und anderen wilden Tieren, die in dieser Gegend nicht vorkamen. Der altarähnliche Aufbau über einem weissen Leinentuch mit eingesticktem Kranz von IHS war einem Scheiterhaufen nachgebildet, auf dem die Figur der Märtyrerin stand. Sie war der erste Mensch, den Paulus taufte. Eigentlich war die in Syrien als römische Offizierstochter geborene Thekla nur eine Protomätyrerin. Denn nach den Paulusakten hatte sich das Feuer geweigert, die als bekennende Christin angeklagte Jungfrau zu verbrennen; die wilden Tiere, die sie im Zirkus eigentlich zerreißen sollten, retteten und versteckten sie in einer Höhle im syrischen Dorf Maalula, wo sie bis ins hohe Alter ein Eremitendasein geführt haben soll.
Ein orientreisender Dichterfreund hat mir erzählt, dass er im dortigen Thekla-Kloster das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache der Bibel, in tiefer Bewegung gehört hat. Die Menschen sprachen den altsemitischen Dialekt, dessen sich auch Christus bedient hat. Das waren die Laute, mit denen Wasser in Wein verwandelt, Fisch und Brot vermehrt, die Bergpredigt gehalten und Lahme gehend gemacht wurden. In ihrer Höhle hat er aus derselben Quelle getrunken wie die Römerin. Thekla war schon im frühen Christentum so populär, dass man ihr schon im 4. Jahrhundert in Mailand eine Kirche widmete, an der Stelle, wo heute der Dom steht und wo man sie noch heute in der Krypta besuchen kann.
Übrigens: Was hat es zu bedeuten, wenn überhaupt, dass ich nun schon seit 42 Jahren in einer Wohnung lebe, die sich genau zwischen Paulaner-Kirche und St. Thekla befindet? Darauf bin ich gerade erst gestossen, als ich diesen Text verfasst habe.

Unsere Thekla-Kapelle im Plomberger Wald stand auf keiner Lichtung, sondern auf einem mit Baumstümpfen und einigen grob gezimmerten Holzbänken umsäumten Platz zwischen Tannenstämmen, so hoch, dass kaum je ein Sonnenstrahl auf den Boden traf und niemand den Himmel oben sehen konnte. Etwa in einer erwachsenen Kopfhöhe, wir waren viel zu klein, um näher daran zu kommen, hingen von den Baumstämmen dunkle, verhutzelte Fetzen herunter. Es hätten Flechten sein können. Hedi und Franzi waren gewiss dabei, weil ich sie immer hüten musste. Ich weiss nicht, ob sie sich daran erinnern. Das waren die an den Baumstämmen angenagelten Plazentas, als Fruchtbarkeitskult und zur Abschreckung? Ich habe nie danach gefragt. Eindeutiger waren da schon die Totenbretter, die ebenfalls an die Tannen genagelt waren mit eingeritzten Jahreszahlen. Was sollte die erste christliche Jungfrau aus Kleinasien ausgerechnet mit einem Plazenta-Kult zu tun haben? Heute vermute ich, dass dieser Brauch wahrscheinlich älter als das Christentum ist, wahrscheinlich ein keltischer Kultplatz, der später in die Thekla-Verehrung hineinkulturiert wurde. Die Rundtänze der Feen und wilden Weiber auf diesem Platz malte ich mir besonders gern aus.
Aber unser selbst geschaffenes Zauberreich lag im Wald zwischen den moosüberwachsenen Felsmugeln rechts von der Thekla-Kapelle, oberhalb des Weges, im Geröll des Drachenwandfußes, wo die Farne größer waren als wir. Die Geschwister werden immer dabei gewesen sein, aber ob sie die gleiche Beziehung zur unsichtbaren Welt hatten, kann ich nicht sagen. Ebensowenig, ob sich die ältere Lisl für unsere Zauberwelt interessiert hat. Ich sehe sie in diesen Zwergenwaldbildern nicht, viel deutlicher den Kopf mit den schönen, dicken Zöpfen über ein Buch auf den Knien gebeugt und dabei strickend. Oder stickend. Kreuzerlstiche in grobes Naturleinen hinein, rot und schwarz. Immer mehr Tischdecken und Polster begannen das Hütterl und das Tullner Haus zu beleben. Sie war in dieser Hinischt genial, sie konnte beides gleichzeitig. Wir bauten den Zwergen, Trollen, Feen, Waldschratten und Geistern, von denen wir den Wald so sicher bewohnt glaubten, wie wir an den lieben Gott glaubten. Kleine Häuschen, ja ganze Dörfer bauten wir, damit sie nicht immer unter der Erde bleiben müßten. Aus Zweigen, Ästen, Steinen, Tannenzapfen, Bockerln, Gras und Moos legten wir die Anlagen zwischen den Felblöcken an, bestreuten die Wege mit weißem Kies aus dem Klausbach, pflanzten Bumen, Beeren und Bäume aus Farnen und Fichtenzweigerln, bauten Bankerl und Vordächer, damit auch sie vor Regen geschützt waren. Die Erdgeister erschienen als Feuersalamander, die Feen als Schmtterlinge und die Nymphen als Libellen. Der Wald war reich an duftenden Zyklamen; dass sie nach unserem Blumenquartett unter Naturschutz standen ebenso wie der Enzian, kümmerte uns nicht, der Zweck heiligt die Mittel. Aus Farnen und Tannenreisig bastelten wir Palmen. Die Fenster legten wir sogar mit von St. Nikola mitgebrachtem Katzensilber aus. Meine Bewunderung für Moose und Flechten geht auf diese Zwergerlarchitektur zurück. Es gab viele Arten mit verschiedenen Farben und Formen Wir hinterließen auch milde Gaben: Beeren, Nüsse und Brotbrösel. Schließlich könnte es ja auch im Wald noch Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen, Schneewittchen, Schneeweisschen und Rosenrot geben, vielleicht auch Dornröschen und Rapunzel. Meine Lieblingsfigur war die Schlangenkönigin mit ihrem Krönchen am Kopf, der man, das wußte ich von der Großmutter in St. Nikola, immer ein Schüllechen mit Milch hinstellen mußte. Wenn wir unsere Bauwerke manchmal zerstört vorfanden, wahrscheinlich von Dorfbuben oder achtlosen Spaziergängern, bauten wir die Dörfer unermüdlich wieder auf, noch reicher und prachtvoller, und sagten uns, die Bewohner seien unzufrieden mit ihren Häusern gewesen. Ich war überzeugt, dass sie, wie im Märchen die sieben Zwerge, im Erdinneren lebten und zur Arbeit ins Bergwerk gingen, während Schneewittchen den Haushalt besorgte. Ich durfte aber nie, um die Existenz von Schneewittchen und den Zwergen zu überprüfen, um Mitternacht in den Wald. Bis heute eine große Erkenntnislücke. Ich fühlte mich als Expertin, schließlich war meine erste Bühnenrolle bei der Katholischen Jungschar der 7. Zwerg, der zwar keinen einzigen Satz allein sagen, aber immerhin im Chor, mit einem angeklebten Bart aus Werg am Kinn, über die Bühne stapfen durfte, wenn wir im Gänsemarsch, mit roter Zwergerlmütze und einer Laterne über die Schulter in den Stollen marschierten. Das Schneewittchen war Hedwig, die Hübscheste, so sicher wie ein Naturgesetz.


Die Hitze liegt noch immer auf dem See und brütet still in den Wiesen, wenn die Sonne langsam hinter der Drachenwand verschwindet und mit den letzten Strahlen die Schafsnase rosa-golden färbt. Zwischen uns und den Bergen macht sich ein Gemisch aus kurz und klein gehackten Schatten breit. Obwohl der Maler den großen Nachbarsee für seine Sommerfrische bevorzugte, ließ er uns bescheidenen Nachbarn doch genügend klimtsches Wiesengrün mit Safrangelb, silbriges Grün mit den dunklen Flecken des Hochwalds übrig. Er hat am Attersee nicht alles weggemalt, er hat dort nur akribisch die Natur als Theorie der Optik untersucht und sich dabei vom zuvielen Wiener Gold erholt. Mit Mohn, Margeriten, Glockenblumen, Wiesenschaumkraut, Zittergras, Arnika, Skabiosen, Thymian, Wermut, Hahnenfuß und Johanniskraut. Einiges davon sammelten und trockneten wir für Tees. In einer Seitengeschichte gibt es die Erinnerung, dass Mama einmal die ganze Familie fast vergiftet hat. Mit Waldmeistersekt, der in die falsche Richtung aufgegangen war. Auf ein „Komponierhäusel“ wie das des Gustav Mahler, kann der Mondsee nicht verweisen, in dem er 1893 in nur wenigen Wochen die 2. Symphonie aufs Papier warf, auch nicht auf illustre Gäste aus Salzburg, Staatsoper, Burgtheater und Musikverein. Ich jedenfalls habe nichts vermißt. Für uns waren die Familien der Hanslbauer und Tischler-Ebner mit ihren vielen Kindern, der Fischer, die Kramerin und die Drachenwandwirtin, die geheiminsvolle Seebesitzerin und der Müller in der Teufelsmühle die wahren Hüter meines Kindheitsparadieses. Wenn wir den heißen 10-Kilo-Brotlaib im Rucksack nach Hause trugen, brannte die Haut nicht nur vor lauter Erwartung, wenn wir von der Verkäuferin in der Mondeseer Milchtrinkhalle eine Scheibe Mondeseer Käes geschenkt bekamen und die Eltern jedem eine frische Kaisersemmel und ein Flascherl Erdbeer-Frufru kauften und das auf einem Bankerl der Uferpromenade verzehrten, waren wir reich und glücklich. Vor Mamas Heimatstadt Salzburg hatten wir Respekt, sie machte immer wieder Anstalten, uns ihre Schönheiten näher zu bringen, wir aber flüchteten jedesmal in Entsetzen vor den Menschenmassen zurück an unseren See.

Aus der sorgsam gefrästen Seesichel kriecht langsam die abendliche Kühle hervor.
Auf dem Wasser tanzen die letzten Lichtsprenkel von orange bis türkis. Das Rosa zieht sich von der Schafsnase zurück. Nacht, gute Nacht.
In so einem Augen-Blick war es wahrscheinlich, dass Mama mit ihrer Zitierfreude an ihrem geliebten Mörike nicht vorbeigehen konnte. Was Papa meinte, wenn er sie seine „wandelnde blaue Blume“ nannte, wußten wir damals nicht, spürten aber, dass es liebevoll gemeint war:
Gelassen stieg die Nacht ans Land/Lehnt träumend an der Berge Wand;/Ihr Auge sieht die goldne Waage nun/Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;/Und kecker rauschen die Quellen hervor,/Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr/Vom Tage/vom heute gewesenen Tage.“ (selber weiter googeln unter Mörike Um Mitternacht, 1828).
Als ob das nicht schon Musik genug wäre, klingt in meinen Ohren dazu im Überschwang der Empfindungen der Frühling der Vier Jahreszeiten von Vivaldi nach.
Kurz danach verführte ich einen viel jüngeren Toursidenbuben vor seinem englischen
Zelt, danach sprangen wir nackt in den Mondsee, schön wie nie wieder.

Mittwoch, 13. April 2016

Liebe und Glamour


Als Ditta das Haus betrat, wusste sie sofort, dass ihr Mann aus der Firma zurück war. Im Vorhaus standen seine Schuhe exakt paralell auf der Matte, der beige Staubmantel und der grüne Schirm hingen in der Garderobe, die dünne schweinslederne Aktentasche und der Schlüsselbund lagen auf dem Board unterhalb des Spiegels. Alles sah aus wie immer, wenn sie aus dem Golfclub, der Sauna oder von der Bridge-Runde zurückkam. Nur sie war eine andere geworden, ganz plötzlich, heute Nachmittag.
Schon an der offenen Türe rief sie ins Haus hinein:
"Ich bin wieder da, Darling! Was machst du, Heinzi?“
Dieselbe Frage wie jeden Tag, obwohl sie wusste, dass er im Wohnzimmer, das er „Office“ nannte, in seinem Ohrensessel saß, in der New York Times Börsenberichte studierte und Kreuzwort- und Sudoku-Rätsel löste. Dazu gönnte er sich die einzige Zigarre des Tages, die sie ihm erlaubte, während er darauf wartete, dass sie das Abendessen servierte.
Ditta war aufgeregt, sie atmete schwer, spürte auf den Wangen rote Flecken aufziehen und zitterte so, dass sie gegen ihre Gewohnheit mit Schuhen, Jacke und Tasche ins Zimmer stürzte. Ihr Mann schaute kurz auf, zuckte mit den Schultern und brummte:
„Nanana, wo brennt`s denn? Was gibt es zu essen?“
Auch diese Frage kam jeden Tag und war so überflüssig wie ihre, weil er sich jeden Abend einen Wurst- und Käseaufschnitt mit Beilagen und ein reichhaltiges Brot- und Gebäckskörbchen wünschte. Obwohl er Knäckebrot verachtete und es noch nie angefasst hatte, musste es immer dabei liegen. Er könnte ja jemand vorbeikommen, der Knäckebrot schätzte. Es war aber noch nie ein Schwede bei ihnen vorbeigekommen. Bei ihnen kam schon lange niemand mehr einfach so vorbei.
"Gleich, ich komme!
Stell dir vor, was mir heute passiert ist."
"Kann das nicht später sein? Ich habe Hunger und bin müde."
Dass Heinz Hofferer hungrig war, konnte sie nicht ausschließen, denn er machte sich nie selbst etwas zu essen. Dass er heute müde war von einem langen Arbeitstag, war übertrieben, denn er hatte schon vor drei Jahren einen tüchtigen Geschäftsführer in seiner Firma eingestellt. Kulmann ging nur noch ins Büro, weil ihm zu Hause langweilig war. Er hatte als Geschäftsmann über viele Jahre äußerst erfolgreich eine Firma aufgebaut, die Glückskarten und Rubbellose herstellte, also eine Grafikanstalt und eine Spezial-Druckerei betrieb. Zum Verkauf konnte er sich noch immer nicht entschließen, die Firma war ihm ans Herz gewachsen wie ein Kind, sie war sein Kind, das verkauft man doch nicht einfach.
Ihre Tochter Miriam wohnte mit Mann und Enkelkindern in der westlichsten Hauptstadt B., und der Garten interessierte ihn nur so weit, als er jeden Abend Runden durch das weitläufige Gelände unternahm, vom Naturteich im Obstgarten ganz hinten zum künstlich angelegten japanischen vor der Terrasse, immer hin und her. Beim Naturteich stand er auf dem Badesteg und starrte auf die Frösche im Wasser und die Libellen im Schilf, beim Japaner fixierte er von der geschwungenen Brücke aus die Goldfische, so gedankenlos und träge wie sie selbst. Kürzlich hatte er einen Roboter angeschafft, der das Gras mäht, ihr neues Familienmitglied, den sie Butler James nannten. Wenn Heinz sich in der Hollywood-Schaukel niederließ, die an einem zentralen Ort aufgestellt war, von dem man fast den ganzen Garten überblicken konnte, sah er James dabei zu, wie er Runde um Runde drehte, an ein Hindernis stieß und danach seine Richtung änderte. Je nachdem, wie die Uhr gestellt war, steuerte James sich selbst zu einem kleinen Schuppen mit einem runden Tor ähnlich wie bei einer Hundehütte, parkte sich ein und schaltete sich ab. Heinz`s Blicke waren dabei gespannt aufmerksam, leicht belustigt und fast liebevoll. Er betrachtete ihn wie ein Tierliebhaber einen spielenden Hund oder ein weidendes Schaf. Oder Kinder.
Ditta war ihr ganzes Leben eine passionierte Gärtnerin gewesen, das sah man ihrem Garten auch an – sie hatte als Auszeichnung eine ovale Plakette bekommen „Traditioneller Naturgarten“, die vorne an der Straße über dem Gartenzaun prangte und auf die sie stolz war wie andere auf den Nobelpreis. Allerdings hatte sie sich seit einiger Zeit einen Helfer genommen, den kräftigen, jungen Asylwerber aus Afghanistan Mahmoud, einen sogeannten umF (unbegleiteten minderjährigen Flüchtling), weil ihre Bandscheiben die meisten Arbeiten nicht mehr zuließen. Nicht schlimm, nur „altersgemäß abgenutzt“, hatte der Orthopäde gesagt. An Alis Seite verbrachte sie mehr Zeit als mit ihrem Mann. Ali lernte gerade die ersten deutschen Worte im Kurs der Kirchengemeinde, aber beim Gärtnern war die gesprochene Sprache ohnehin nicht das Wichtigste. Wegen des Rückens hatte sie auch ihr geliebtes Tennis ganz aufgegeben und beim Golf reduziert, sie machte nicht mehr alle Löcher und saß immer häufiger mit Freunden beim Bridge in der Club-Lounge.

Ditta holte aus der Küche Heinz´s „Vorspeise“, wie sie sein abendliches Glas Bourbon mit Eiswürfeln nannte, zog einen einfachen Stuhl an den Ohrensessel ihres Mann heran und sprudelte nur so über.
"Heinzi -Schatzi, hör zu, heute im Golfclub, wir waren gerade mit dem letzten Rubber fertig, sagt Henriette, die Neue in der Runde, dass sie die berühmte Schriftstellerin Arabel Inenda kennt. Du weißt ja, wie sehr ich sie liebe und verehre. Stell dir vor, das neueste Buch ist gerade heraussen und schon wieder ein Bestseller, ein world best seller. Das könnte dich auch interessieren, es soll ein Politkrimi sein. Jetzt kommt sie zu einer Lesung nach Wien, und Henriette würde sie zu sich einladen, ein kleine, private Runde, und ich dabei! Ein internationaler Star kommt zu ihr ins Haus, sie hat mich persönlich eingeladen: `Ditta, mein Kleines, komm doch nächsten Donnerstag zum Tee, Arabel wird vorbeischauen. Vorbeischauen, stell dir vor, ein Star schaut vorbei, einfach so! Henriette ist so cool. Kleines, sagte sie, ich weiß, wie du sie liebst, ihre Bücher, und du kennst sie am besten von uns allen. Da kannst neben ihr sitzen und sie selbst befragen, alles, was du willst, sie ist ein Superstar, aber auch nur ein Mensch.`
Bei diesem Gedanken erstarrte Ditta, es war für sie unvorstellbar, ihren Körper neben dem ihren zu spüren oder gar Fragen an sie zu stellen und ihr dabei in das Gesicht zu sehen. Was sollte sie sagen, wie sie ansprechen, sehr geehrte Frau Inenda… liebe Arabella... ich, … sie sagt zu mir, liebe Ditta, mein Liebes, … ich sage, höre Henriette, sei nicht so schüchtern, mein Kleines….“

„Arabel - wer?“
„Heinz, also wirklich, das ist nicht fair, du bist gemein, sie ist doch ein Star!“
Ditta wollte so streng klingen, wie sie nur sein konnte, kein Darling, kein Heinzi oder Schatzi.
Sie hatte das neue Buch über Liebe und Schatten natürlich schon bestellt. Seit dem ersten Roman vom Geisterhaus hat sie jede Zeile von ihr gelesen, Artikel und Bilder gesammelt, in Alben eingeklebt wie Teenager das mit Fussball- oder Popstars machen. Ditta genierte sich nicht dafür, auch wenn Heinz sie dafür verspottete. Sie verteigte ihr Reich. Sie schreibt so schön, einfach und romantisch, sie trifft alle meine Gefühle und Gedanken, als würde sie mich perönlich kennen, man kann alles sofort verstehen, sich die Menschen und Situationen vorstellen, ohne lang nachdenken zu müssen.
Heinz brummt und sagt, ohne von seinem Sudoku aufzuschauen:
"Diese Kitschziege, die kann doch gar nicht schreiben, sie hat ihren Ruhm nur durch den Namen ihres Vaters."
"Nein, Heinz, das ist ungerecht, sie hat sich ihren Ruhm selbst erschrieben. Jedes Buch wird ein Bestseller, in der ganzen Welt."
"Ja, die stecken doch alle unter einer Decke, alle schreiben von einander ab, ich kenne diese Geschäftemacher."
"Das siehst du nicht richtig, wie bist du denn drauf! Sie ist eine wunderbare Frau, ich war einmal bei einer Lesung von ihr in Wien, weißt du noch, bei der Thalia, so herzlich, so charmant, ganz ohne Arroganz, sie schaut nicht auf ihre Leser herab und erhebt sich nicht über sie. Ich nehme ihr jedes Wort ab und ….“
"Ach, du Armutschkerl, dir kann man jeden Schmus andrehen. Dabei sieht sie aus wie ein aufgetakeltes Hutschpferd mit einem Kilo Schminke und tausend Narben im Gesicht, eine alte Schabracke wie das Biest aus Dynasty, wie hieß die noch?“
„Joan Collins, als würde dir Sophia Loren nicht einfallen.
„Du bist zu nah ans Wasser gebaut." Das sagte er immer, wenn sie sich für etwas begeisterte. Er konnte mit ihrem Gefühlsüberschwang nichts anfangen, und sie hatte sich schon oft darüber gekränkt. Heinz war ein guter Mensch, aber ins Herz konnte er ihr nicht schauen. Aber so ist er halt, der Heinz, sie entschuldigte ihn immer, ein Geschäftsmann mit einem kühlen Kopf, sonst wäre er nicht so erfolgreich gewesen.
„Also gut, Heinz, wenn du so bist. Das ist nicht sehr nett, jemandem die Freude zu verderben.
Aber lassen wir das, ich will nicht streiten.“
Im Stillen dachte sie: Er ist hundsgemein, mein Heinz.

Nach solch einer Szene flüchtete sie meistens zu ihrer Tochter und den Enkeln nach B. Dort war es auch nicht das reinste Honiglecken, weil ihre Tochter sich genervt fühlte, wenn sie ihr mit den alten, grindigen Eheproblemen die Ohren voll jammerte.
„Hi Mom, der Oberjammergau ist wieder da“, sagte Miriam mit einem Lächeln, aber etwas despektierlich, deutete eine Umarmung an und hauchte Küsse auf die welken Mutter-Wangen. Sie ließ sie ein zusammen mit ihrer rot-gelben Hermes - Reisetasche ins bio-ökologische Holzhaus in der typischen Vorarlberger Bauweise. Ihr Mann hatte einen europäischen Preis, viel gute Presse und neue Aufträge bekommen. Immer nahm Ditta Heinz vor der Tochter in Schutz, er ist dein Vater, er ist, wie er ist, du musst ihn halt so akzeptieren, er kann nicht aus seiner Haut heraus. Er hat uns erhalten, uns ein gutes Leben garantiert und dir viele Möglichkeiten geschaffen...“
„Und wie viele hat er mir verbaut?“ unterbrach sie die Mutter scharf. Ein Wort ergab das andere, sie wurden wütend, steigerten das Gefecht bis zu den Tränen, fielen einander dann unter Liebesschwüren in die Arme und rüsteten wieder ab. Aber in den Seelen erreichen konnten sie einander nicht mehr, auch wenn ihre Hände noch lange verflochten auf dem Küchentisch lagen.
Mit einem Knall ging die Haustür auf, Lacher zerplatzten und herein polterten die neunjährigen Zwillinge Viktoria -Vicky und Valentin – Voiti - mit ihrem Vater Vitus-Veit. Schultaschen, Jacken, Schuhe, Kulturbeutel und Skateboards flogen mit großem Getöse durch das geräumige Vorhaus und durch das hölzerne Treppenhaus nach unten. Manches blieb an dem geschwungenen Geländer hängen.
Omama, du bist da, great, Grandma is here, sie gingen schließlich schon in eine Englisch-Klasse und Miriam übte ihr New Yorker Englisch ständig mit ihrem alemanischen Ehemann. Vicky und Voiti flogen ihr in die Arme, Küsse auf die Wangen und in die Haare, aber boshaft, wie Kinder in diesem Alter nun einmal sind, schalteten sie sofort auf ihren Reim um: Oberjammergau, Obermammagau, Jammergauoma, Grauejammeroma. Dabei tanzten sie um sie und die hohe Küchentheke mit den hohen Tresen herum. Wer hatte ihnen das beigebracht? Sollte sie jetzt die Geschenke herausholen? Vielleicht später, sie musste Miriam fragen.
Veit trudelte herein, küsste sie flüchtig auf die Wangen, hi, Schwiemu, wie geht’s? Dann holte er eine Packung Orangensaft aus dem dreiteiligen, verchromten Kühlschrank, trank sie halb leer und verdrückte sich wie immer, wenn sie da war, schnell in sein Arbeitszimmer, der preisgekrönte Architekt, oder er hatte plötzlich noch einen Termin auswärts. Er schlug das Sakko über die Schulter und Tschüss, Schatz, tschüss Ditta, wir sehen uns, Bussels, Büsseli, Kinder! Die Zwillinge verschwanden in ihren Zimmern, später aßen sie zu Abend eine Pizza, und Miriam verscheuchte die Kinder bald ins Badezimmer und in die Betten. Mutter und Tochter machten gemeinsam die Küche sauber. Sie ist eine gute Mutter, meine Miriam. Aber warum kamen keine eigenen Kinder? Sie verstand es nicht, wagte aber nicht zu fragen. Vitus hatte ganz in der Nähe seine Eltern, hingebungsvolle Großeltern, die die Enkel vergötterten und umgekehrt, eine Traum- Oma und einen Bilderbuch-Großvater, mit denen sie und Heinz nicht konkurrieren konnten, es erst gar nicht versuchten, Miriam und ihr Mann hatten auch nie etwas Derartiges eingefordert. Das war`s, die Familie.

Ditta übernachtete im Gästezimmer, schlief wenig und unruhig und fuhr nach einem flüchtigen Frühstück wieder nach Hause. Während ihr BMW mit ruhigen 160 km summte, gelang es ihr, die Familie in eine abgelegene Gedächtnisecke zu verschieben und zu ihrer Lieblingsbeschäftigung zu kommen: in visionären Bildern über den kommenden Donnerstag zu schwelgen. Würde Arabel sie mit ihrem Vornamen anreden oder Frau Kulmann sagen, Kleines oder Herzchen, so wie Henriette? Heinz hatte sie in ihren jungen Jahren immer das Dittale genannt, mein Dittale, weil sie ihm einmal verraten hatte, dass ihr Vater eigentlich einen Dieter haben wollte, so wurde sie zu Ditta. Dem Vater hat sie noch knapp vor seinem Tod vergeben.
Sie wusste es, auch Heinz hatte sie mit der Geburt einer Tochter enttäuscht. Sein Plan, wenn schon ein Kind, das er eigentlich nicht wollte, oder nicht so wollte wie sie, dann sollte es ein Sohn sein, und wenn der sechs oder sieben war, würde er Interesse an ihm gewinnen und mit ihm zum football gehen, sie würden einen Lieblingsclub haben, alle Spieler aufzählen können, alle Tore und ihre Vorbereitung kennen, ihre Bilder sammeln, die Kappen und Schals tragen, eine gemeinsame Leidenschaft haben, die nur ihnen gehörte und wo niemand eindringen konnte. Dass Miriam nach ihrem Kunststudium einen jungen Witwer mit zwei Kindern geheiratet hatte und in die entferntestes Stadt des Landes gezogen war, nahm er ihr persönlich übel und entwickelte kein Interesse und Talent als Großvater.


Ditta hatte ihren Fehler zu spät erkannt, sie durfte vor ihrem Mann den Namen Henriette Schrodt nicht aussprechen, er konnte sie nicht ausstehen, Edelschrott nannte er sie, eine Schreckschraube, eine überkandiedelte Alte, die sich immer noch wie ein Hippie-Mädchen anzog, echte Blumen ins Haar steckte, an den Ohren Plastikgehänge in grellen Zuckerlfarben baumeln hatte, ständig rauchte und Gipsmodelle von nackten Frauen produzierte, alle waren sie Lilith. Sie wusste alles und kannte alle Leute. Genau diese Henriette war auch der Grund, warum er kaum mehr in den Golf-Club ging. Dabei war er vor vielen Jahren einer seiner Gründer und Förderer gewesen.
Ditta bedauerte das sehr und lag ihm damit in den Ohren. Es war ein ständiges gereiztes Thema zwischen ihnen. Dabei zeigte sie sich gerne mit ihm, sie liebte es, seine Begleiterin zu sein. Am Anfang war er sogar stolz, wenn andere Männer sie anschauten und bewunderten. Er war nicht eifersüchtig, im Gegenteil, es geilte ihn auf, wenn sie von anderen begehrt wurde. Sie hatten nie darüber geredet, es war nur eine andere Form, in der er sagte:
Ich bin deins, du bist meins. Sie hatten sich in einem Flugzeug nach New York kennengelernt, klassisch, er Geschäftsmann, sie Flugbegleiterin. Er hatte sie gezwungen, ihren Job aufzugeben, soll ich dich etwa nur im Flugzeug sehen, eine Frau gehört ins Haus und an die Seite ihres Mannes. Der Mann macht Karriere und die Frau das Heim. Und als das Kind kam, war ihre Arbeit nicht einmal mehr ein Gedanke. Die ersten zehn Jahre ihrer Ehe hatten sie am Nordrand von New York gelebt, Heinz hatte seine Firma in Downtown, und sie war eine richtige amerikanische Vorstadtfrau. Dann, mit dem Ende des Ostblocks, zogen sie nach P., und Heinz baute seine Firma in den neuen Ländern aus. Alle wollten ihren Anteil am Glück, das ihnen der Sozialismus versagt hatte. Rubbellose und alle Arten von Glückskarten boomten, und Heinz wurde reich.
„Komm mit in den Club, ignoriere sie einfach, sie tut dir doch nichts, sie ist ganz harmlos und will nur ihren Spaß haben wie alle anderen auch. Außerdem sind noch viele andere Leute da, der Max, die Roswitha, die Karoline erzählt so interessante Sachen aus Afrika, den Stefan, ihren Sohn, den magst du doch. Der ist so ein lieber, kluger Mensch und dazu noch ein guter Arzt….“
„Es gibt keinen guten Arzt, es gibt nur mehr oder weniger große Zyniker, sie erfreuen sich daran, dass es ihnen Opfern noch schlechter geht als ihnen selbst.“ Ja, Opfer, sagte er. Alle Patienten sind Opfer der Ärzte. Sie hatte ihm durch ihre Unachtsamkeit die Gelegenheit gegeben, dazusitzen und so pikiert und eitel, so verächtlich und triumphierend dreinzu- schauen wie ein Porträtfoto von Sigmund Freud persönlich.
„Heinz, früher warst du nicht so. Wir wollen uns nicht über Worte streiten.“
„Früher ist früher. Basta, aus, vorbei. Und merk dir endlich, ich streite nie.“
Das stimmte, er äußerte immer nur fest und frei heraus seine Meinung.
„Heinz, wirklich, das ist nicht fair von dir, einfach nicht fair, dass du mir so die Freude verdirbst, nicht das kleinste Glück willst du mir gönnen."
"Ich gönn` dir alles, aber lass mich in Ruhe damit. Und überhaupt, die Welt ist nicht fair.“

Ditta schmollte und zog sich in die Küche zurück. Sie konnte sich kaum auf das Beladen des Servierwagens mit dem Abendessen konzentrieren, weil sie in Gedanken schon beim Tee mit Henriette und dem Star war. Sie stützte sich auf den Abwaschtisch und schaute durch das große Küchenfenster in den Garten hinaus. Hinten an der Ligusterhecke hüpfte eine Amsel, ein Männchen, dachte Ditta, mit dem dunkelgelben Schnabel, und das Weibchen stöberte im Komposthaufen. So ein Einklang, dachte sie, die haben etwas gemeinsam. Sie würde morgen mit Mahmoud nachschauen, ob sie das Nest im Liguster oder im Flieder gebaut hatten.
Im Speisezimmer deckte Ditta den viel zu großen, ovalen Tisch: Aufschnitt auf Holzbrettern, verschiedene Wurstsorten, Schinken, Speck, Kalbsleberpastete, ein reiches Käsesortiment, Gurkerl, Pfefferoni mild und scharf, Braten - und Grammelschmalz, Weintrauben, Nüsse, Oliven, Radieschen, frische und getrocknete Tomaten - eine Auswahl wie in einem Heurigenbuffet, darauf bestand Heinz, er hielt das für Heimatverbundenheit, sogar in New York hatte er auf dieser Rustikalität bestanden. Sie saßen einander schweigend gegenüber, Ditta brachte kaum einen Bissen hinunter und gab nur vor, etwas zu essen. Dafür nahm sie umso öfter ihr Wasserglas zur Hand und knetete mit den Fingern die Schmolle der Semmel zu Kugeln. Das Gebäckskörbchen wurde auf dem Tisch hin- und her geschoben, manchmal auch die Senftuben und das Mayonnaiseglas, das Knäckebrot blieb unberührt, Blicke huschten knapp unter den Augen vorbei, Heinz räusperte sich mehrmals und rückte seinen Körper im Sessel zurecht, fand aber kein Wort mehr. Heinz aß wie immer viel und mit provokantem Appetit. Ob er ihr das zu Fleiß tat? Zum richtigen Zeitpunkt holte Ditta aus der Küche eine zweite Flasche Bier für ihn, öffnete sie und stellte sie neben das Glas, eingießen wollte er immer selbst, denn das können Frauen nicht.
Eigentlich war auch beim Abendessen alles so wie immer, den Wortwechsel mit ihrem Mann hatte sie schon vergessen und gab sich ihren süßen Träumereien hin. Henriette hatte ihr die Eröffnungsszene eines Films geliefert, den sie in Gedanken ablaufen lassen oder stoppen konnte, sooft sie Lust dazu hatte. Sie würde neben Arabella sitzen, mit ihr reden, ihr sagen, was sie noch nie jemandem sagen konnte und sonst auch noch alles Mögliche fragen, so vieles hatte sich angesammelt in den Jahren der Anbetung…. Das Canapee nehmen, das Törtchen, die Serviette, die Teetasse dazwischen balancieren und etwas fragen, etwas Persönliches, nein, das würde nicht gut gehen, sie würde an der Frage ersticken oder an dem Brötchen oder den Tee über Arabells Knie gießen, oder alle Damen würden Sie schon beim ersten Wort auslachen, sie würde erröten, die Fassung verlieren und zu weinen beginnen …. Sie war nicht mehr ganz da, vielleicht war es besser so, oh Gott, was soll ich anziehen? Komm zu dir, beruhige dich, der Tee ist erst nächste Woche. Ich muss Henriette noch einmal sagen, wie dankbar ich ihr bin, dass sie mich zu sich einlädt, wenn Arabella vorbeikommt. Hoffentlich überlebe ich bis zum Donnerstag, Todesursache Glück. Heinz verzog sich auf die Fernseh-Couch, während Ditta den Tisch abräumte und die Küche sauber machte.
„So, ich geh jetzt schlafen, ist schon spät, gute Nacht, Schatz.“
Sie ging hinter ihm vorbei, beugte sich in seine Richtung und deutete einen Kuss auf seine Glatze an.
Sie wollte sich ihre Donnerstags-Phantasien für später aufbewahren, wenn sie allein war.
Heinz faltete die Zeitung lose zusammen und warf sie auf den Beistelltisch.
„Dir auch gute Nacht, ich schaue noch die Nachrichten an.“

Heinz war depressiv, dessen war sich Ditta sicher, zumindest deprimiert, nein keine richtige Depression, das nicht. Aber sie wagte es nicht, das Gespräch darauf zu bringen, Heinz würde sie fressen, sollte sie das aussprechen und eine Methode dagegen vorschlagen. Alles, was mit Psych- begann, war ihm zuwider, er hielt das für dummen Hokuspokus und ein Ausredespiel für Loser. Ich warne dich, leg mich nicht auf die Couch. Er wollte keinen heimtückischen, psychiatrischen Kauderwelsch in seinem Haus, obwohl ihm verschiedene Leute gedrängt hatten, sich „professionelle Hilfe“ zu holen.
Wenn er schon nicht mehr zum Golf gehen wollte, dann doch zum Tennis, seine Bandscheiben gaben ihm noch Ruhe, obwohl er fünf Jahre älter war als sie. Oder angeln. Früher war er ein leidenschaftlicher Fliegenfischer gewesen, er hatte sogar seine Geschäftsfreunde aus aller Welt zum Fischen eingeladen. Welche schönen Erlebnisse haben sie gehabt, herrliche Forellen aus der Schwarza, Salza, Triesting, Piesting, Krems und Traisen. Die Lagerfeuer am Ufer oder auf einer Flussinsel, diese wunderbaren Abende, die Sonnenuntergänge und dann die Sterne, manchmal sah man bei klarem Himmel den ganzen Bogen der Milchstraße. Wie weggewischt, als hätte es das alles nie gegeben. Er sitzt in einem tiefen, dunklen Loch und lässt sich nicht rauslocken. Stefan, Karolines Sohn, meint, das könne nur er selbst, also Selbsteinsicht und Selbstheilung. Der Arbeitsalltag eines Firmenchefs fand unter ständiger Hochspannung statt, auf der Überholspur, die Jagd von einem Termin zum anderen, immer im Bewusstsein seiner eigenen Bedeutung - und dann plötzlich eine Vollbremsung, Stillstand und Sturz ins Bodenlose. Als Chef war die Fallhöhe besonders groß. Und Geld über eine bestimmte Menge hinaus machte auch nicht glücklicher und zufriedener.
Allein das Wort Hobby machte ihn wütend. Das ist etwas was für Kinder und Schwachköpfe. Deswegen traute sie sich nicht, ihm den Kulturclub von P. anzuraten, wo die Leute Karten spielten oder Schach, Mikado oder Puzzle legten, manche hatten sich fürs Stricken, Sticken, Aquarellieren oder Porzellanmalen entschieden, wieder andere für die japanischen Künste des Ikebana und Origami. Flugzeugmodellbau, Laubsägearbeiten, eine Schreib- und eine Filmgruppe wurden noch angeboten, sogar Lesungen und Konzerte wurden angeboten. Das Bridge vermiesten ihm die alten Weiber, Dittas Freundinnen. Ditta hatte noch an Bienenzucht und Honigproduktion gedacht, an Goldfische oder Koi, an Bingo, Bowling oder Poker. Sogar einen Hund würde sie akzeptieren, was er aber empört zurückwies; ein Hund ist keine Lebensaufgabe für einen Mann, sagte Heinz. Ja, das war die Antwort auf sein Leiden, die Lebensaufgabe. Die Seele ist ein Schloss mit vielen Räumen, die von Heinz waren leer. Ditta hatte tiefes Mitleid, kam aber nicht mehr an ihn heran.
„Dann musst du dir ein Laster suchen, Fressen, Saufen, Koksen, Huren“, das war ihre Schlussfolgerung. Da musste sogar Heinz grinsen:
„Na wart nur, wenn ich einmal Blut geleckt habe...“

Als endlich der nächste Donnerstag kam, spürte sie beim Aufwachen, dass Heinz schon das Haus verlassen hatte. Ihr war nicht ganz wohl dabei, weil das praktisch nie vorkam, aber sie hatte jetzt andere Sorgen und vergaß ihren Mann. Sie widmete ihre ganze Aufmerksamkeit der Auswahl ihrer Garderobe. Wie sollte sie ihr gegenübertreten. Sicher, ein Tee bei Henriette war kein Staatsbesuch, wie Präsidenten und ihre Gattinnen aus dem Flugzeug heraustreten, den Hut halten, winken, lächeln, Küsschen werfen, die Gangway herunter schreiten, Hände schütteln, küssen, umarmen und Blumensträuße entgegennehmen. Aber das war sie ja nicht, sie sollte nur ein wenig neben Arabella Inenda sitzen und mit ihr plaudern. Nein, sie würde nichts sagen und nichts fragen, nur zuhören und anbeten. Denn wer war sie schon, ein Niemand.

Recht schnell stand für sie fest, dass sie ihr Kleid aus gelbem Chine de Crepe mit den schwarzen Krausen an Hals und Ärmeln anziehen würde. Dafür bekam sie immer Komplimente, es macht sie so jugendlich, vielleicht sogar mädchenhaft. Aber sowohl Arabella als auch Henriette waren älter als sie, da durfte sie auch aussehen wie ihr Kleines. Dazu ihre schwarzen Lackpumps mit den kleinen Absätzen und eine zierliche Clutch von Dior. Ditta drehte sich vor ihrem Spiegel hin und her und war zufrieden mit ihrem Bild. Fast hatte sie schon vergessen, dass sie sich in ihren Träumen so blamiert hat.

Kurz vor fünf Uhr machte sich Ditta in fast trunkener Verwirrung auf den Weg zu Henriettes Haus. Sie und Heinz wohnten etwas abseits zwischen dem Fluss und der Lindenallee mit den gepflegten Villen der Wiener Sommerfrischler. Sie kannte den Weg so gut, dass sie ihn blind hätte gehen können. Ein Stück den Fluss entlang über die Brücke, durch die Lindenalle mit dem plätschernden Springbrunnen, vorbei am Gemeindeamt, dem Supermarkt zum Hauptplatz von P., der eigentlich nur eine mit Rosen bepflanzte Verkehrsinsel auf einer Kreuzung von drei Straßen war, an der einen Seite der Traditions-Gasthof Markwart mit einem schönen Garten, auf der gegenüberliegenden ein geschlossener Drogeriemarkt und an der kurzen dritten ein verstaubtes Haushaltswarengeschäft. Henriettes Haus war ein unscheinbarer Mehrparteienbau, darin war untergebracht der Versicherungsmakler Travner, der früher Travnicek hieß, der Rauchfangkehrermeister Brandeis, im Ort Brandeins genannt, zwei Arztpraxen, gegen deren Kunden Henriette einen Kleinkrieg führte, weil sie ihren Privatparkplatz benützten. Alles war gleichzeitig da und glitt wie in einer 3-D-Animation an ihr vorbei. Oder war es umgekehrt? Die ständig wachsende Erwartung drückten ihr auf Herz und Atmung. Der Eingang, eine Glastüre, daneben in einem trostlosen Holzkübel eine fast verdorrte Kaktuspflanze, drinnen ein viel zu enges Treppenhaus mit braun gesprenkeltem Kunststein. Aber dann, wenn sich bei ihr oben im zweiten Stock die Türe öffnete, da zeigten sich Henriettes Klasse, ihr Stil und ihre Persönlichkeit. Weiß in Weiß der Boden mit kühlen Kacheln und die Wände, beige die Seidenvorhänge, weisse Orchideen und kleine Vogelskulpturen auf den Fensterbrettern. Auf einem Treppenabsatz in einer Nische stand eine spätbarocke Schnitzfigur, mein Paulchen, sagte Henriette und streichelte ihm immer zärtlich über den Kopf, obwohl er für Ditta eher wir ein Florian aussah. Aber bei den Heiligen war sie nicht firm. „In Kärnten, wo ich herkomme, da gibt es 44 Kirchen mit dem Paul“. So überzeugend, man vergaß sofort ihre klimpernden Plastikohrgehänge, ihre schillernden Wallekleider im Hippie-Look, die lächerliche Blume über der linken Schläfe im ausgebleichten Löckchenhaar, die qualmende, an der Unterlippe klebende Zigarette, vielleicht sogar die untalentierten Liliths. Aber darüber wollte sich Ditta kein Urteil erlauben, von darstellender Kunst verstand sie nichts. Sie läutete, und das philippinische Hausmädchen, meine kleine Maid Lily, nannte sie Henriette, öffnete die Tür so schnell, als wäre sie direkt an der Klingel gestanden. Henriette liebte das Bunte und Grelle an sich selbst, aber die Wohnung hielt sie in Weiß, mit einigen geschickt angebrachten Farbtupfern wie Bilder, Blumen und Kissen. Ansonsten weiße Bodenfliesen, durchgehend einheitlich durch den ganzen Raum, eine riesige weiße Ledergarnitur mit weißen Korbstühlen, lange, fließende cremefarbene Seidenvorhänge in verchromten Haltern vor den Fenstern und im Hallendurchgang, gegenüber eine Glaswand zu einer Terrasse, die auch weiß ausgelegt und mit einer stattlichen Anzahl von Blumentöpfen bestückt war, weiße Rosen, weißer Oleander und weiße Kletterpflanzen. Henriettes Wohnzimmer war weit und groß weit ein Fußballfeld, oben allerdings von einigen Spitzwinkeln und Schrägen des Daches in der Höhe eingeschränkt. Dafür waren in der Decke viereckige Bullaugen eingelassen, die einem das Gefühl gaben, auf einem Schiff zu sein Ditta atmete auf, sie war zum Glück nicht die Erste, so weit sie sah, war da schon Karoline, ihr Fels in der Brandung, Stefan, ihr Sohn, und seine schwedische Model-Frau Linda. Die halbwüchsigen, wohlerzogenen, der Literatur aufgeschlossenen Kinder Jan-Philip und Bridget-Marie hatten mitkommen dürfen, um den Star zu treffen, da war auch Roswitha, ihre Partnerin aus dem Bridge-Club, und Marion, eine pensionierte Diplomatin aus der OSZE, ihr lauter Mann Tim, ein riesenhafter, rotgesichtiger, immer besoffener Finne, der in der ganzen ehemaligen Sowjetunion mit Medizin-Geräten handelte und später als österreichischer Ehrenkonsul in St. Petersburg seine dunklen Geschäfte machte, dann noch der mächtige Max, Heinz`s früherer engster Freund, der Papierfabriksbesitzer. Heinz, er fehlte er ihr jetzt so sehr, als sei sie einseitig nackt. Aber ihr Kleid kam an, alle lobten es als jugendlich, na, eben wie du bist, schaut sie an, wie dreissig und kein Jahr mehr! Henriette küsste sie auf beide Wangen und war offensichtlich schon in Fahrt. Ditta, mein Kleines, hello, sagte sie bedeutungsvoll mit tiefer Stimme. Ditta nahm sich ein Glas Orangensaft vom Tablett der Maid, weil sie absolut nichts vertrug und daher nie Alkohol trank. Immer noch die Flugbegleiterin mit ihrer Disziplin.

Henriette beherrschte die Szene wie eine Königin, sie unterhielt die Gäste mit amüsanten Geschichten aus alten Zeiten und mit neuen Plänen. Sie wollte eine Ausstellung in der Schlosskirche machen, ausschließlich mit ihren nackten Liliths. Noch war der Stadtpfarrer dagegen, zu wenig religiöse Konnotation, fanden er und der Kirchenrat, aber die Unterstützung des Kulturvereins hatte sie schon, zumindest der Obmann Thomas war für sie, selbst ein Künstler und Kunsterzieher im Gymnasium. Neuerdings betätigte er sich auch als Truthahnzüchter. Sein Hobby war aber umstritten, weil seine Truthähne inzwischen lauter waren als die berühmten Glocken, die zu jeder vollen Stunde vom Berg auf den Ort herunter schallten.
Thomas saß an Henriettes Seite auf der weißen Lederbank, auf die andere wies sie jetzt Ditta mit einer bestimmten Geste.
„Hierher, komm zu mir, mein Liebes“, und klopfte bestimmt mit auf den Sitz, dass Ringe und Armreifen klimperten.
„Oh Gott, Henriette, bin ich aufgeregt“, und wischte sich heimlich hinter dem Glas mit der Serviette die Schweißperlchen von der Oberlippe.
„Mach dir nichts draus, ich bin auch völlig fertig, habe fast nichts geschlafen, eine Figur wollte und wollte einfach nicht kommen, es war wie verhext.“
„Probierst du etwas Neues?“
Thomas neigte sein junges, hübsches Gesicht vertraulich Henriette zu.
„Wissen Sie, die Skulpturen, die haben etwas von….“ Er suchte nach einem möglichst originellen Wort. Sie brauchten einander, mussten zusammenhalten, die Künstler in so einem kleinen Ort.

Wo war SIE denn nur? Wer würde als erstes die Nerven verlieren und fragen, warum Arabell noch immer nicht da war. Henriette, die Gastgeberin, oder Max, der ungeduldige Unternehmer, Thomas, der Künstler, ein Kind oder die immer vorlaute Roswitha? Karoline sicher nicht, und Ditta selbst noch weniger als die Maid.
Sie glättete ihren Rock und sah von den auf der Clutch gefalteten Händen auf ihre Lackschuhe hinunter. In den leise rauschenden Small-Talk platzte Henriette.

„Mein Gott, die Arme, was sie alles erlebt hat. Und jetzt die Scheidung, nach 27 Jahren, alles hat er ihr genommen, dieses Schwein..“
Henriette sog an der Zigarette und wedelte mit ihrem chinesischen Fächer den Rauch durch den Raum.
„Ich verstehe es nicht, wo sie bleibt, sie wollte als erste kommen, hat sie am Telefon gesagt. Vielleicht gibt es Probleme im Verlag oder mit ihrem Agenten. Ihr habt ja keine Vorstellung, welche Sorgen so ein Star hat. Da geht nicht alles glatt, immer muss sie kämpfen, noch immer, obwohl sie schon lange weltberühmt ist. Alle wollen etwas von ihr, alle wollen sich in ihrem Licht sonnen und sie bestehlen. Sie verschenkt ihr Geld mit beiden Händen. Die Männer, die Ärmste, ihre Männer, nur Schweine um sie herum.
Sie nehmen sie aus und bringen das Geld dann durch mit ihren Hürchen. Und sie merkt es nicht. Nicht einmal ich kann ihr in dieser Sache Vernunft beibringen. Mein Gott, was muss die gute Bella alles aushalten. “
Henriette durfte sie so abkürzen, Bella oder Ara, meine Bella, Bellissima.
Niemand in der Runde verstand sie genau, und die Gäste schauten einander fragend an.
Henriette schüttelte ungefähr fünfmal ihren Lockenkopf, zog die Mundwinkel herunter und die Augenbrauen hoch, strich ihre weiten indischen Ärmel zurück und zündete sich eine neue Zigarette an. Alle Gäste richteten sich auf sie aus, in Erwartung der Lösung des Rätsels. Neinneinnein, das kann nicht sein. Ditta hielt sich mit einer Hand an der Clutch auf ihrem Schoß fest, mit der anderen an ihrem Saftglas. Sie war verwirrt, musste sich sammeln und grübelte: Die großartige Arabell Inenda soll Probleme, Sorgen haben wie wir, wie ich, eine gewöhnliche Sterbliche, ein Niemand. Haushypothek, Rechnungen, Ehemann, Schwiegereltern, Kinder, Enkel, Nachbarn mit Kampfhunden, Schnellstraßen vor dem Haus, Fluglinien über dem Kopf und Luftverschmutzung durch die Papierfabrik? Nein, das konnte nicht ihre Welt sein. Sie hatte Henriette wahrscheinlich nicht richtig verstanden. Ein großer Star, diese in aller Welt verehrte Schriftstellerin, die alle ihre Leser verzauberte, einfach nur dadurch, was sie schrieb, welch wunderbaren Helden sie schuf und welche Welten sie eröffnete. Selbst schreiben. Nein. Sie hatte nichts zu sagen. Was gab es da schon? Heinz, das Haus, der Garten, Golf, Bridge, Miriam, Butler James, Mahmoud, Frösche, Libellen und Goldfische. Ich und….…, das passte gar nicht. Schnell scheuchte sie den Gedanken weg.

Als es läutete, ging Lily ins Vorzimmer, und Henriette bewegte sich leichtfüßig durch den Salon. Im Vorbeigehen griff sie Ditta unter das Kinn und hauchte ihr ins Ohr:
„Kleines, bitte, sag`s nicht der Bella.“
Sie war verwirrt, was sollte sie Arabell nicht sagen? Wie konnte sie denken, sie würde die eben vernommenen Vertraulichkeiten weitererzählen? Aber es blieb keine Zeit mehr zum
Grübeln. Arabell Inenda stand im Bogen des Durchgangs, und zwischen den Seidenstores sah sie aus, als würde sie eine Bühne betreten und auf den Auftrittsapplaus warten. Sie knickte die Hüfte leicht ein und stellte gleichzeitig ein Bein vor das andere, dabei hob sie eine Hand zu einem leichten Winken, während die andere in die Hüfte gestützt war. Einfach göttlich, Ditta schmolz dahin. Genau das war es, wofür sie lebte.
Arabell trägt ein veilchenblaues Dior-Kostüm mit einem zu kurzen Rock, der die spitzen Kniescheiben etwas zu sehr betonten, fand Ditta, aber sie hatte wirklich schöne Beine, lang und schmal wie die einer Tänzerin, sie steckten in hochhakigen rosafarbenen Lackpumps, die von einer großen, gleichfarbigen Seidenrose am Jackettaufschlag gematcht wurden. Den über die linke Schulter baumelnden Silberzobel fand die größte Anbeterin tres chic, aber angesichts des heißen Wetters an einem hellen Nachmittag im Juni etwas unzeitgemäß. Obwohl, sie wollte den Star keineswegs kritisieren und ihn sich madig machen. Sie trug ihre dicken, kastanienbraunen Locken hoch aufgesteckt, die von einigen rosaroten Klipsen so unterstützt wurden, dass sie sich zu einem Krönchen türmtenwie zu einem zweiten Kopf. Das machte sie größer, jünger und streckte ihren Hals. Aber im Juni-Licht sieht sie doch etwas fülliger aus, als Ditta sie von ihren Fotos kannte. Als sie sich vom Torbogen und den Stores löste und sich auf die Sitzgruppe zubewegte, kam es Ditta vor, als würde sie nicht gehen, sondern schweben. Schweben, sicher, nicht schwanken. Henriette bot ihr den thronartigen indischen Schnitzstuhl an, auf dem sie sich einigermaßen graziös niederließ, Beine und Kostüm ordnete und mit der Zigarette fuchtelte.
Ihr schön geschnittenes Gesicht wurde belebt von den großen, dunklen Augen, die wie Kohlestückchen in einem Teig steckten. Aber darunter hingen faltige Hautsäcke wie kleine Hängematten, die sich auch am Hals fortsetzten. Diese waren natürlich auf den ihr bekannten Fotos nicht zu sehen und auch nicht, dass das Weiße um ihre Iris von kleinen, roten Äderchen durchzogen war.
`Wahrscheinlich strengt sie das Schreiben so an, sie muss Tag und Nacht an ihrem Schreibtisch sitzen. Und wenn nicht, dann ist sie in der ganzen Welt auf Lesereisen und Buchpräsentationen unterwegs, Autogramme und Interviews geben.` Sie macht alles für ihre Fans, ihre Leserinnen, ihre Anbeterinnen. Sie opfert sich auf. Auch für mich. Vor lauter Dankbarkeit und Mitgefühl spürte Ditta einen Stich im Herzen.

Arabell war wie Henriette eine starke Raucherin, nur zelebrierte sie diese Gewohnheit noch theatralischer, indem sie sie aus einer elfenbeinernen Spitze rauchte. Diese hielt sie ganz hinten mit in weißen Handschuhen steckenden Fingern. Aber wenn sie nicht irrte, meinte Ditta, in den Falten des brüchigen Satin unregelmäßige Flecken und abgelagerte Staubstreifen zu entdecken, vielleicht waren es auch Brösel oder Bröckchen von etwas vor langer Zeit Genossenem. Nein, sie sah sicher nicht richtig, böse Ditta, schäm dich, du bist eine Verräterin. Wie konnte sie nur so etwas denken. Sie krümmte ihren Rücken, damit niemand ihr Herz klopfen sah. Sie starrte in ihr Glas, wo sich die schmelzenden Eiswürfel im Orangensaft in trüben Schlieren kringelten.
Liebling, rief Henriette.
Engel, flötete Arabell, mein Süßes.
Mein Gott, diese Stimme, das war die Stimme, an der sie sie endgültig erkannte. Ja, das war sie, die echte, leibhaftige Arabell Inenda. Ditta spürte, dass sie in den Boden versank. Dieser tiefe Samt, dieses sanfte Glühen, in irgendeinem Artikel hatte jemand einmal „Purpur-Samt“ geschrieben.
Engelchen, was gibt es zu trinken, was trinken die Leute?
Alles gibt es, Tee, Kaffee, Saft, Wasser….
Pfft, Wasser, bist du mein Feind, willst du mich vernichten?
Henriette warf sich herum, fuchtelte mit ihrem Fächer wie mit einem Generalstab und deutete auf ihre Gesellschaft.
„Bella-Darling, du weißt, ich passe auf dich auf, immer, du hast heute Abend noch eine Lesung.“
„Musst nicht aufpassen, ich bin schon ein großes Mädchen.“
Der Purpur-Samt kicherte und rutschte leicht ab in ein spitzes, ungeputztes Blech.
Engelchen, du hast doch deinen köstlichen Wodka.
„Darling, ich sag nicht nein, zu dir nie, aber denk an die Lesung, an deinen neuen Bestseller.“
Trotzdem rief sie nach Lily und dem Wodka.
Lily-Schätzchen, keinen Fingerhut, die Flasche!
Ditta bemühte sich, an etwas anderes zu denken, als sie eben gehört und gesehen hatte.
Aber es nutzte nichts.
Engel, Henry, wer ist denn das? Was hast du denn da Niedliches bei dir?
Ist das mein Kleines, das du mir versprochen hast?
„Was für ein süßes, kluges Gesicht, und das gelbe Kleidchen, ein wunder-wunderschönes Stück, schaut mal, sehen alle, was ich sehe?“

Lily näherte sich mit einem fünfeckigen Tablett, auf dem ein tiefes Glas, eine Wasserkaraffe, eine kaum angebrochene Wodka-Flasche und ein Eiskübel mit Zange standen. Lily stellte alles am Beitisch ab und machte sich daran, ihr einzuschenken.
Schätzchen, lass das, das bleibt hier bei mir, gell.
Arabell schlug den Zobel um ihren Hals herum, befreite sich von ihrer Zigarette und schenkte sich selbst bis zum Rand ein.
Ditta war nicht mehr ganz sie selbst, als sie im Pelz einige Bewegungen zu sehen glaubte, die nicht von der Trägerin selbst ausgingen.

„Wollt ihr etwas hören aus meinem letzten Roman, schon wieder ein Bestseller, diese Idioten fressen doch alles, diese …. Aber was haben wir denn da? Henry, wen hast du mir denn da angeschleppt, so ein sweetheart, dieses süße Gesichterl, süß, süß, süß, ein Herzchen, ein Herzgesicht. Was machen Sie noch mal?“
Arabell klopfte ihr mit der Zigarettenspitze auf die Schulter, als sei sie ein Aschenbecher, den sie übrigens nie benutzte, sondern selbstverständlich auf Henriettes weiße Marmor-Kachel aschte. Die kleine Lily huschte unbemerkt um sie herum und wischte den Boden auf.
„Ach, Sie schreiben auch? Wie schön, eine Kollegin, eine Herzensfreundin, was schreiben Sie?“
„Ich, ähm, ich schreibe nie…. Nichts, ich lese…. Ich lese Ihre Bücher, manchmal auch andere, aber Ihre sind mir die liebsten, ich…. weil…. mein Mann….“
Ditta wusste nicht, was sie davon halten sollte, es hatte etwas Unbefriedigendes, das sie nicht so richtig in den Blick bekam.

„Wie süß, hallo Leute, Henriette hat mir heute…..“
Arabell griff wieder zur Flasche, goss das Glas randvoll und zündete sich die nächste Zigarette an, ein tiefer Zug von da und dort. Alle wurden Zeugen, wie der Wodka in ihrem Blut und ihrem Gehirn seine wunderbare Arbeit verrichtete.
„Henry, mein Engelchen, was wolltest du mir sagen, Jugend, ja Jugend, wir waren auch einmal….. Sie hat einen Mann, ist das nicht entzückend, und sie liebt ihn auch noch, sagt sie, einen einzigen Mann, ihren Mann. Synopsis oder ein Srikpt zuschicken, an meinen Verlag, ich bin wahnsinnig interessiert, ich nehme neue Ideen auf, Sie wissen, ich bin immer in Verbindung, Verbindung mit, mit….., ja, mit wem, Henry, sag mirs.“
Ihre Augen schienen aus den Hängematten herausspringen zu wollen, die Kohlestücke zerbröselten im Gesichtsteig, das Haarkrönchen neigte sich bedenklich zur Seite, die Seidenblume wurde welk und aus dem Zobel begannen kleine Tierchen über Hals und Gesicht zu krabbeln.

Ditta sah es mit ihren eigenen Augen, wollte das nicht sehen und errötete so stark, dass ihr ganzer Körper schmerzte.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, griff nach ihrer Clutch und stand mit steifen Beinen auf:
„Vielen Dank, ich muss jetzt wirklich…..Henriette, Frau Inenda, entschuldigen Sie mich, ich muss jetzt wirklich, mein Mann, die Katze, der Garten, ich habe noch... „
„Schschreibensie, Goethe hat auch, war …. Sie sind eine Heilige!“ rief Arabella ihr nach.
„Sie hat einen Mann, einen, und liebt ihn auch noch, sagt sie, so eine süße Idiotin, und mich auch, nochmal Idiotiiin….“
Dabei lachte sie schrill auf, ließ sich in ihrem Sessel zurückfallen und fing unmittelbar zu schnarchen an.
Henriette flüsterte Ditta ins Ohr:
„Du verstehst ja, Kleines, dass sie sich vor ihrem Abend noch ausruhen muss.“
Lily begleitete sie an die Tür. Obwohl die Maid von Henriette zur ultimativen Zurückhaltung erzogen worden war, meinte Ditta ein mitleidiges Lächeln zu entdecken, oder war es Schadenfreude?
Wie sie durch das steile Treppenhaus hinunter kam auf die Straße kam, erinnert sie nicht mehr. Draußen war es noch nicht ganz dunkel, eine schwüle, wattige Dämmerung. Ditta schleppte sich über den Hauptplatz vor Henriettes Haus, durch die alte Lindenallee, vorbei am Rosengarten des Klosters bis zur Schwarza. Es war die Jahreszeit, die sie sonst über alles liebte, wenn sich die Düfte der Linden mit Flieder und Rosen mischten. Jetzt war ihr die süße Luft unangenehm und sogar peinlich. Ihr wäre ein Geruch von Jauche lieber gewesen. Einige Zeit stand sie auf der Brücke ans Geländer gelehnt, aber das Wasser war zu seicht, als dass es sich ausgezahlt hätte. Menschen haben manchmal Gedanken, die sie besser nicht hätten. Manches, was man tat im Leben, war bereuenswert, anderes nicht.
Aus allen Gärten drangen die Amsel-Flöten, die Nacht war so klar, dass sich der Bogen der Milchstraße deutlich abzeichnete. Sie dachte an vieles, an die Sterne, an Heinz, James, Mahmoud, die Frösche, Libellen, Goldfische und an das Amsel-Pärchen und an alles andere, nur nicht an Arabell. Immer glaubt man, man könnte sich mit einer Art Schild dagegen schützen, aber die Erinnerung kommt nie von vorne auf dich zu, sondern seitlich um die Ecke. Mit einem Schwung warf sie die Clutch über die Brücke. Nur ein schwaches Klatschen kam vom Wasser. Sie zog sie ihre Lieblingsschuhe aus und schleuderte sie in die ausgetrochnete Schwarza, zweimal ein höhnisches Klacken auf den Kieseln ohne Echo, nur noch Schotter, Edelschrott.
„Wider-hall-ende Lee-re“, murmelte sie, sodass die Silben unbeholfen ineinandertorkelten.

Sie schloss die Türe auf und rief mit gebrochener Stimme, fast nicht mehr als ein Krächzen, ins Haus hinein:
„Bist du da, Darl, ich bins.“
Er saß wie immer im Office, aber nicht in seinem Ohrensessel und nicht von Börsenberichten und Sudokus umgeben, sondern am Schreibtisch. Den hatte er seit seiner Pensionierung vor drei Jahren nicht mehr aufgesucht. Jetzt war er überhäuft mit Bauanleitungen für Laubsägearbeiten, Plänen für Häuser, Kirchen, Pfarrhaus, Schulen, Geschäfte, Bäckerei, Fleischerei, Brauerei, Sportplatz, Brunnen, Feuerwehrhaus und allem, was ein Dorf ausmacht. Zu seinen Füßen sah sie ein Laubsägeset und einige Packungen mit Brettern. Sein Mund stand halboffen, die Zunge lag leicht vorgestreckt im linken Mundwinkel, die Lesebrille saß ihm auf der Nasenspitze, sein Gesicht glühte, die Zigarre qualmte ungeraucht neben ihm im Aschenbecher, am Beitisch ein Tablett mit dem Abendessen: Aufschnitt am Holzbrett, das Brotkörbchen, eine ungeöffnete Bierflasche und die Vorspeise, in der die Eiswürfel längst zerschmolzen waren.
Ditta blieb wie angewurzelt in der Türe stehen.
„Um Gottes Willen, Heinz, was soll das werden?“
„Siehst du`s nicht, ich baue dem James ein Dorf. Und bei dir, wie war`s?“
„Sehr interessant, wirklich, alle waren da, nur du hast gefehlt. Und sie hat auch vorbeigeschaut.“
„Wer hat vorbeigeschaut?“
„Na, wer schon, Heinz, wirklich, du bist unmöglich.“
Am liebsten hätte sie mit den Füßen aufgestampft und ihren Tränen freien Lauf gelassen.
„Ach, die alte Schabracke meinst du. Worüber habt ihr geredet?“
Mit letzter Beherrschung hauchte sie:
„Über…. Goethe.“
„Du – und - Goethe?“
Er hackte die Wörter scharf auseinander, zog das U und das Ö so in die Länge und in die Höhe, dass das dreifache Fragezeichen fast sichtbar in der Luft stand. Er nahm die Brille ab, leckte sich mit der Zunge über die Lippen und schaute sie mit so jungen, frisch- funkelnden Augen an, seit langem zum ersten Mal direkt in die Augen, ein Blinken und Blitzen, wie sie es schon lange nicht mehr bei ihm bemerkt und schon vergessen hatte, dass es das bei ihnen einmal gegeben hatte. Eine Mischung aus Mitleid, zärtlicher Neckerei und Liebesbereitschaft. Sogar sein schwerer Körper schien ihr für einen Augenblick leichter, hatte irgendeinen jungen Schwung, eine neue Streckung. Wenn James Dean nicht so früh gestorben wäre, hätte er vielleicht ausgesehen wie Heinz jetzt. Ditta hatte mit der Geduld der Liebenden gelernt, auf solche Augenblicke zu warten, und wenn sie kamen, sie auch zu genießen. Wenn er sie länger angesehen hätte, würde er festgestellt haben, dass ihr zittriges Lächeln jetzt aussah wie ein verlorenes Blatt. Es sollte vermutlich mädchenhaft und entwaffnend aussehen, doch es hätte die Aufmerksamkeit nur auf die schlaffe Leere ihres Gesichts gelenkt, ein erschauernder Clown.
„Ja, Goethe, sie hat mit mir über Goethe geredet.“
„Wirklich? Na, dann gute Nacht. Ich bleib, hab noch zu tun.“
„Das sehe ich, dir auch gute Nacht.“

Epilog:
Während sich Ditta in ihrem Zimmer auszog, im Finstern wohlweislich, damit sie nicht in Gefahr geriet, sich im Spiegel sehen zu müssen, hörte sie vom Garten herauf einen lauten Knall. Als sie den Vorhang vom Fenster wegzog, sah sie James`s rauchende Trümmer über den Rasen verstreut liegen. Wahrscheinlich hatte er sich heute nicht selbst abgeschaltet, und der Akku war viele Stunden lang heiß gelaufen, bis er explodierte. Die Gebrauchsanweisung hatte vor diesem, als unwahrscheinlich engestuften Fall gewarnt. Durch die Rauchwolken hindurch sah Ditta Heinz am Rande des japanischen Teiches stehen, gebeugt und den Kopf tief auf die Brust gesenkt- der Inbegriff eines gebrochenen Mannes.
Sie befürchtete das Schlimmste: Ob er sich wohl je an James II. gewöhnen würde?

Veronika Seyr
zwischen 15.11. und 31.12.15