Freitag, 16. Juni 2017

Die große Schlaflosigkeit

Das habe ich nun davon. Nach einem geruhsamen Leseabend. Einmal bin ich ausnahmsweise früh ins Bett gegangen und so um zwölf eingeschlafen. Tatsächlich einfach eingeschlafen, ganz natürlich, ohne irgendetwas wie Tees oder Baldriparan. Sonst lese ich meistens, bis mir das Buch von den Knien und die Brille von der Nase rutscht, oder ich sehe fern, bis ich vor Erschöpfung nur noch auf allen Vieren ins Schlafzimmer krabbeln kann.
Und dann das. Der fluoreszierende Wecker zeigt genau vier Uhr neunzehn. Was soll das? Wofür werde ich bestraft? Dass ich einmal nichts getrunken habe? Sieht so die Belohnung guter Vorsätze aus, dass ich hier lebendig begraben in der Dunkelheit liege. Im Sarg, das ist gar nicht nett, gar nicht berauschend.
Es war Jänner und noch stockdunkel, aber ich war hellwach wie der lichte Tag. Bei der ersten Körperregung sprang meine Katze mit Schwung aus zwei Metern Entfernung auf meinen Berg von Kopfpolstern und forderte laut schnurrend ihr Frühstück. Ich versuchte zuerst, nicht zu reagieren, aber man kann keine alt eingessene, vielleicht keine einzige Katze, überlisten, wenn sie meint, es sei ihr gutes Recht, hungrig zu sein. Nein, kann man nicht. Sie weiß, sieht oder riecht alles. Beobachtet sie die ganze Nacht die Falten meiner Bettdecke und die Bewegungen meiner Körperteile? Was macht eine Katze sonst in der Nacht, wenn sie ohnedies fast den ganzen Tag schläft? Ich hasste sie in diesem Moment und schleuderte sie mit den Beinen in hohem Bogen weg. Sie war unbeeindruckt von meiner Gefühlsaufwallung, war diese doch nur ein Beweis meiner Wachheit, und legte sich, das Köpfchen mit weit ausladenden weißen Schnurrbarthaaren und Pfötchen an Pfötchen geschmiegt, seelenruhig neben mich und schaute mich mit ihren wagengroßen, phosphorisierend bernsteingelben Augen so durchdringend an, dass ich ihren Blick noch unter geschlossenen Lider spürte.
Die Unschuld in Person. Ein schwarzes Loch mit Schwanz und weißen Pfoten. Sie konnte den Röntgenblick. Ich sollte sie Medizinern, Kriminalisten und Personalchefs als Personalizerin anbieten. Nichts passiert. Ich verweigerte das Füttern und das Lesen und knipste die Lampe nicht an. Hatte mich doch ausgerechnet das frühe Abbrechen der Lektüre in diese verdammte Lage gebracht, in die Büchergruft.

Lesen als Brauch tut das Bett nicht auf.
Vor zwölf im Bett macht meschugge und fett.
Wer mit den Hühnern ins Bett geht, sich besser gleich im Grab umdreht.

Ich hatte eindeutig keine Affinität mit Hühnern, musste ja auch nicht jeden Morgen ein Ei legen.
Ich war wie so oft mit einem Albtraum aufgewacht. Das Herz raste und hämmerte von der Kehle bis in die Ohren, der Pyjama war im Nacken feucht. Der ganze Körper zuckte noch von den vergeblichen Abwehrhaltungen, sich herausdrehen, nach oben wie ein Korken, ein Messer an der Kehle, eine Hand im Schritt. Mehrere an den Brüsten. Schlechte Zähne um mich oder gar keine, fauliger Atem aus Fratzen. Warum sind alle jung. Ich atme kaum mehr, ersticke, bin verloren, so klar wie kaum einmal. Diesmal wirklich. Es passiert.
Dann ist es vier Uhr fünfundzwanzig.

Mir war schlecht, ich kotzte und bekam Durchfall. Aufschreiben, den Film, diesmal waren es gleich mehrere. Ich trippelte ein paar Runden mit kleinen Schritten durch die Zimmer, die Hände am Solarplexus, bis das Herz an seinem angestammten Platz war und ich wieder schlucken konnte. Ein Glas Wasser, nocheinsundnocheins, über das Becken gebeugt, kaltes Wasser in den Nacken und auf die Brust. Schweres Atmen zuerst, dann leichterundleichter, die Hände auf dem Bauch ausgebreitet wie Sonnenblumen, Sternschnuppen, Sternspritzer.
Der Alb-Inhalt tut in diesem Falle nichts zur Sache, hat nichts mit meiner vor-mitternächtlichen Lektüre zu tun, sie ist unschuldig, Dorothy Parker mit den New Yorker Geschichten. Mein Traum spielte in Moskau, in der Gegenwart. Als ich mich in meine Potatoe-Couch stürzte und den Fernseher einschaltete, zeigte er vier Uhr siebenunddreißig. Ein uralter Kitzbühl-Krimi aus dem kriminellsten Dorf Österreichs, wahrscheinlich schon dreimal gesehen. Alternativen waren eine noch ältere Folge von Rex, der Ur-Rex mit dem Ur-Moretti, beide auf deutschen Kanälen mit Untertiteln. Als ich anfing, in Moskau mit meiner jugoslawischen Schäferhündin Laika spazieren zu gehen, hörte ich von allen Seiten ein Gemurmel, das ich nicht verstand. Rxrxrx, mal freundlich fragend, mal knurrend. Ich lebte damals schon durchgehend 15 Jahre im Ausland und kannte die österreichische Fernsehlandschaft so wenig wie die von Ulan-Bator. Und dann das Wetter-Alpenpanorama von gestern mit der tödlichen Dumm-Dumm-Musik, dem Dauerlandler. Leider gibt es diese wunderbaren Serien der schönsten Eisenbahnstrecken nicht mehr, mit denen ich schon, im Führerstand und kommentarlos, durch die phantastischsten indischen Schluchten gefahren bin, durch die trockensten Wüsten der Welt und die höchsten Berge der Alpen. Ich fand das eine viel bessere Einschlafhilfe als das künstliche Kaminfeuer oder die Autofahrten durch öde deutsche Vorstädte.
Die Eisenbahnfahrten sparten viele Einschlaf- Pillen, Schlaftees und andere unwirksame Hausmittel. Bei warmer Milch mit Honig habe ich mich schon als Kind übergeben müssen. Mein russischer Freund empfahl immer das alte Hausmittel Wodka mit Knoblauch und Pfeffer, ich konnte mich aber damit nicht anfreunden. Ich schlief zwar wirklich schnell ein, bekam aber davon nichts mit und fühlte mich am nächsten Tag wie ein im Winterschlaf aufgeweckter Bär.
Nach einem kurzen Gastspiel bei Rex und Soko-Kitzbühel kroch ich reumütig in meine dunkle Schlafhöhle zurück und musterte im Geiste die Stapel der Bücher auf meinem Nachtkästchen. Auf mehr Dorothy Parker hatte ich keine Lust, auf die russischen und polnischen Phantasten noch weniger, war mir doch mein eigener Kopffilm noch viel zu nahe, der stand der bösen Wirklichkeit sehr viel näher als alle Strugatzkis, Sorokins und Lems zusammen. Ich war am Wühlen und Wälzen zwischen meinen Polstern, Daunen- und Kaschmirdecken. Feine Bettwäsche wurde mir immer wichtiger, sofern die Außenwelt immer unwichtiger wurde. Das schöne Insel-Bändchen mit jüdischen Weisheiten - in jiddisch und deutsch- konnte mich um vier Uhr dreiunddreißig nicht befeuern. Jeden Tag fünf Worte, nicht einmal das ging sich aus. Alle hundertmal gelesen, über und über angestrichen, Bemerkungen, Spuren der Versuche, das Jiddische zu erlernen. Ich habe einfach kein Talent dafür, vielleicht auch nicht genügend Respekt, um es wie jede andere Sprache zu erlernen. Ich werde noch einmal an meiner Wachheit eingehen. Das wird einmal die originellste Todesursache sein, wenn sie denn festgestellt werden kann. Noch eine Kanne Gute-Nacht-Sleep-Well-Einschlaf-Tee. Als ich das blass-blaue Baldrian-Salbei-Gemisch schlürfte, spürte ich einen hasserfüllten Neid aufkommen auf den Rest Welt, der im Tiefschlaf lag. Und auf die Freunde, die sich jetzt gerade nach einer lustigen Nacht nach Hause begaben, sich schlaf-trunken auf die Taxis verteilten, in ihre Wohnungen torkelten und sich bis Mittag in sanftem Schlummer von der Welt absonderten. Die Leute dürfen nicht das Gefühl haben, sie müssten ihre zerstörerischen Angewohnheiten ändern und sich nach mir richten. Überhaupt nicht, neinneinnein. Ich bin out.

Der Sturm und Anouilhs Antigone liegen da so wie ein gelbes Reclam-Heftchen mit der von Sophokles – nicht gerade eine klassische Gute-Nacht-Lektüre. Aber wegen Grete Weills Buch Schwester Antigone bin ich an Antigone dran. Schon länger, ohne gutes Ergebnis. Kombination mit Penelope Livelys Moon Tiger. Klauklauklau. Aber Shakespeare war auch nur eine große Wurstfabrik. Auf die Mischung kommt es an.
Wie klein und dünn und abgegriffen diese Theater-Bändchen immer sind. Ich könnte sie im Finstern sicher ertasten. Das waren sie auch schon in der Schultasche, ob Räuber oder Faust.
A - Anouilh, Antigone – das Alphabet, das wäre ein Ordnungsprinzip. Baudelairs Les Fleures du Mal sind auch kein freundliches Ordnungsprinzip für schlaflose vier Uhr zweiundvierzig, die liegen immer da und verstauben.
Schon gar nicht Rimbaud und Verlaine, weit hinten im Alphabet. Mir wäre es angenehm, wenn sie mit ihrem ewigen einander Hinterhersein mich nicht belästigen würden. Ich kann ihnen da auch nicht helfen. Überhaupt Männer, überhaupt in meinem Alter. Obwohl angesichts der Schönheit ihrer Verse beides keine Rolle spielt. Ob sie in französischen Schulen noch gelesen werden? Ich bin nicht die Buchhalterin des französischen Schulsystems. Sollen sie doch selbst sehen, ob sie nur noch verrückt sind nach Mathe-Informatik.
Camus, Delacroix, Dostojewski, EEE? keiner, ah, Ebner-Eschenbach, kenne ich zu gut und zu lang, wenn sie auch, endlich, andere entdecken, Bozena, das Gemeindekind, Krambabuli, Er lässt die Hand küssen, darüber habe ich schon in meiner Kindheit geweint und die Autorin geliebt. Flaubert, Hugo, La Rochefoucauld, was geht mich dieser alte Zyniker an, ich weiß nicht einmal seinen Vornamen und kann kein einziges Wort zitieren. Das einzige, was ich von ihm kenne, ist der Spruch von der kleinen Freude, die wir immer verspüren angesichts der Missgeschicke auch unserer liebsten Freunde.
Mein Freund Carlo M., 1,95 groß, schlug sich einmal auf der Fähre von Lipari nach Messina den Kopf an, als er eine Leiter hinunter stieg. Die Treppen des italienischen Schiffes waren nicht bemessen nach Menschen von dieser Länge. Carlo taumelte auf eine so komische Art, knickte in all seinen langen Körperteilen langsam ein wie ein Kartenhaus aus Zahnstochern, dass ich, die Kurzgewachsene, unten einen unwiderstehlichen Lachanfall bekam, von dem sich unsere Liebe nicht mehr erholte. Er hatte nur eine kleine Schramme auf der Stirn, ließ sich aber das nächste Monat auf Sizilien pflegen wie ein schwerkrankes Kind. In Trapani ergriff ich letztendlich die Flucht. Ich konnte ihm das La Rochefoucauld-Prinzip nicht erklären, weil ich es damals selbst noch nicht kannte.
A propos, liebste Freunde, jaja, die liegen jetzt irgendwo im Vollrausch herum, während ich bei aller Nüchternheit in der Dunkelheit eingehe. La Fontaine. Ich erinnere mich an eine Buchhändler-Gehilfin in meiner Jugend, die ich nach Fontane fragte. Wir sollten ein Reclam-Bändchen kaufen, um Effie Briest zu lesen, vom Deutsch-Lehrer aufgetragen. Meine Eltern hatten natürlich, wie alles an Klassik, eine Theodor-Fontane-Gesamtausgabe in der Bibliothek, aber in einer grindigen Gesamtausgabe der Gilde Gutenberg aus dem Jahre 1937. Aus einer Zeit, als sie unter dem schrecklichen Professor Nadler deutsche Volksstämme-Literatur vorgesetzt bekamen. Die Verkäuferin verschwand nach hinten ins Lager und kam nach langer Zeit achselzuckend zurück: „Tut ma leid, Tane hamma kaan.“
Die Buchstaben, Bücher und Titel ziehen vorüber bis zu Tolstoi und Zola, ohne mich anzumachen. Allerdings, die Neuübersetzung seiner „Auferstehung“ soll gut sein, wenn auch leider nicht mehr von Swetlana Geier.
Auf Dorothy Parker, die ich sehr mag, hatte ich keine Lust, auch nicht auf ihre ebenso geniale Freundin Carson McCullers, nicht in dieser Nacht. Ich litt auch schon ohne sie an galoppierender Melancholie. Vielleicht ist das ja auch meine Stunde Null. Drehen und Wenden in den Decken und Kissen.
Was schickt mich zurück in den Schlaf?
Das Aufzählen der offenen Rechnungen, alle meine manischen Tagebücher, drei Spalten der to-do-Listen, to call, to buy, to write, das Wirtschaftsjournal, der Kalender, die Steuererklärung – jetzt gerade alles keine gute Idee. Allein die Überschriften erhöhen den Blutdruck und rauben die letzte Chance auf Schlaf. Die guten und schlechten Freundschaften – das meistens ist nicht leicht zu unterscheiden, jetzt schon gar nicht. Freund-Feind, eine sehr flüssige Frage.
Was ich wirklich mag, allerdings ohne eine Wirkung zu spüren, weil ich kein Lotto spiele, ist das Ausdenken von Lottozahlen. Das birgt gar kein Risiko, weil ja nichts von mir abhängt. Es führt mich zwar in keinen Schlaf, ist aber eine angenehme Hirntätigkeit, positiv, beflügelnd, vorwärts gerichtet: Was werde ich mit dem Millionengewinn machen?
Immer an erster Stelle, meiner Tochter eine große Wohnung kaufen oder ein Haus, wenn sie das will. Wen beschenke ich, wie viel behalte ich für mich? Werde ich verrückt oder bleibe ich normal?
Ein zweites Hirnspiel mag ich auch sehr gerne: An die schönsten oder lustigsten Ortsnamen zu denken. Die Traumdestinationen nach Klang. Schon als Kind habe ich das gespielt. Astrachan, Aschchabad, Aralsee, Ararat, Archangelsk, Alma-Ata, Taganrog, Trapezunt, Samsun, Samarkand, Popokatepettl, Taklamakan, Samara, Agrigent, Feodosija, Orenburg, Tschernobyl, Fukushima, Kilimandscharo, Fujiyama, Kysil-Kum, Amu-Darja, Hokkaido, Isfahan, Taj Mahal, Sewastopol, Murmansk, Wladiwostok, Sachalin, Kamtschatka, Marrakesch – alles nach Städten, Flüssen, Seen, Bergen, Wüsten und Vulkanen ordnen oder einfach nur alphabetisch. Wenn ich das hinter mir habe, kommen die Kategorien, wo ich schon war und wohin ich noch fahren möchte. Lustige Ortsnamen wie Damüls, Nest, Fucking, Mösing, Ameising, Gugging, Obergraus, Unterstinkenbrunn, Alt- und Neuschmecks. Noch eine andere Kategorie eignet sich: Komische Familiennamen: Buxtehude, Humperdink, Aiwasowski, Schoiswohl, Powischer, die rechte Partei PIS in Polen und die faschistische Schas-Partei in Israel. Das ist neutral oder macht zumindest lächeln, bringt keine schlechten Gedanken, keine Angst oder Traurigkeit hervor, wenn man in der Dunkelheit liegt und in den Ecken die Dämonen lauern. Wenn ich gut drauf bin, spüre ich die Synapsen flappsen.

Meine Eltern pflegten es selbst untereinander, vor uns und gaben es an uns weiter: Das Auswendiglernen und Aufsagen von Gedichten: Schläft ein Lied in allen Dingen… findest du das Zauberwort. Das Zauberwort. Die Sprachgläubigkeit meiner Bibel-Eltern. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Johannes 1. Oder? Nächsten Morgen nachschauen. Gelassen stieg die Nacht ans Land. Wie schaurig ists übers Moor zu gehen wenn. Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal. Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe und im Schwalle sich ergieße. Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden dass er nichts mehr hält. Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Zum Kampf der Wagen und Gesänge. Komm auf mein Schloss mein Leben. Dies Bildnis ist bezaubernd schön. Ach ich habe sie verloren. In Fried und Freud ich fahr dahin. Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ich sei gewährt mir die Bitte in eurem Bunde der Dritte.
Lässt sich übrigens auch vorzüglich anwenden, wenn man auf die Straßenbahn wartet, besser als die berühmte Zigarette, oder eine Nadel in den Arm gerammt bekommt. Meine Mutter legte noch mit 84 Jahren Schwüre darauf ab, wie wirksam es ist, dass sie sich Balladen und Rilke- und Mörike-Gedichte aufsagte, um ihr ohnedies gutes Gedächtnis zu schärfen. Sie las täglich fünf Tageszeitungen und rief ihre sieben Kinder mehrmals täglich an, um ihnen immer das Gleiche zu erzählen. Manchmal, wenn sie etwas sehr interessierte oder aufregte, lernte sie ganze Artikel auswendig, um sie am Telefon rundum wiederzugeben. Bei Fernsehsendungen schrieb sie mit, um sich am Telefon über tausende Kilometer darüber ärgern, was die Roten schon wieder alles verbrochen haben. Sie war eine leidenschaftliche Anti-Kommunistin, und schon noch so rosaroteste Sozialdemokraten konnten sie in Wallung bringen. Ihr Ärgern war ihr Lebenselixier, es hielt sie jung und hirnflüssig. Eine andere, von den Eltern eingeübte Methode waren die Liedanfänge, manche noch bis zur zweiten Strophe oder dem Refrain. Sah ein Knab ein Röslein stehn. Ei Veilchen liebes Veilchen. Es liegt ein Schloss in Österreich. Es saß ein klein Wildvögelein. Auf auf zum fröhlichen Jagen. Die Anfänge von Kinderbüchern.
Dann kamen die Kirchenlieder dran und vielleicht noch Zungenbrecher oder Limericks. Tochter Zion freue dich. Maria durch ein Dornwald ging. Oh Haupt voll Blut und Wunden. Großer Gott wir loben dich. Eine feste Burg ist unser Gott. Fischersfritze. Wir Wiener Wäschermädel und der Friseur vom Schottentor.
Es wird schon im Vor-Schlummer gewesen sein, als mir die uralte, aber unsinnige Methode des Schäfchenzählens in den Sinn kommt. Ich hab mein Lebtag Schafe gehasst, außer auf dem Teller. Was sollen, wollen sie bei mir, in meinem Zimmer? Das Dümmste, was uns je in der Kindheit eingeredet wurde. Eine Herde immer wieder von eins bis hundert. Das grenzt an eine Folter, wenn eines in meinem Zimmer steht, eins bis hundert und immer wieder von vorne. Sie stinken, blöken, schnüffeln und scharren auf dem Bettvorleger. Ich zähle sie ja nur im Kopf, aber wenn eines in meinem Zimmer steht, bin ich wieder hellwach und denke, dass ich bis zur nächsten Schur im Juli nicht mehr einschlafen kann. Wie sie riechen von ihren kleinen Köpfen und vom Fell her, erinnern sie mich an die feuchten, kratzigen Schafwollpullover unter dem nassen Wetterfleck, wenn wir im Salzburger Schnürlregen auf den Postbus von St. Gilgen nach Mondsee warten, sind sie sicher keine Schlafbringer. Aber eines muss ich zugeben, die Schafe, die mich besuchen, sind durch die britische Erziehung gegangen, sie treten mir nie zu nahe, sprechen nicht zu laut und verhalten sich untereinander so dezent wie englische Parlamentarier vor dem Brexit. Wenn ich je alle die ungezählten Schafe der Welt aufrufen würde, wäre ich die reichste Schafzüchterin von England, Schottland, Australien, Neuseeland zusammen. Die höchste Dichte haben allerdings die Färöer, dort kommen auf die 50 000 Einwohner 80 000 Schafe. Die Statistik von Patagonien kenne ich nicht.
Aber vielleicht habe ich noch nie die richtigen Nacht-Schafe aufgerufen und gezählt. Ich muss mein bisheriges Wissen über Schafe vergessen, sie neu verstehen lernen und von vorne zu zählen beginnen. Aber warum ist noch nie jemand draufgekommen, Schweinchen, Ziegen oder Murmeltiere zu zählen, in Australien vielleicht Kanguruhs, Tasmanische Teufel, Possums und Wombats, in Afrika Gazellen und Löwen, in Lateinamerika Lamas und Krokodile, in den USA Bären und Büffel?
Damit komme ich auf mein Lieblingstraumtal in den Colorado-Rockys, wo die Büffel dichter stehen als die Bäume. Der wilde Fluss rauscht, darüber segelt lautlos ein Seeadler, und in den Wäldern halten sich die Grizzleys für den Fischfang bereit. Dort kann ich verweilen und mich erholen.
Vielleicht wollen sie ja mit allen diesen Namen von A - Z gefüttert werden. Nur dann sind sie hilfreich und gut.
Gutgutgut. Ich werde jetzt das Licht anschalten und mich dumm und dämlich lesen, bis es zum nächsten Mal Punkt vier Uhr neunzehn schlägt. Vielleicht sogar den alten Zyniker La Rochefoucauld aufschlagen. Irgendwo muss es ein noch Reclam-Hefterl geben.


Veronika Seyr
10.1.17

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